Die 24. Internationale Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt findet in diesem Jahr vom 16. bis 18. März statt. Unter den Teilnehmern ist Markus Heiniger:
Markus Heiniger hat 1968 in Basel das Licht der Welt erblickt. Berndeutsch mit der Muttermilch, Baseldeutsch im Sandkasten. Er hält seine Schweizer Dialekte fein säuberlich auseinander. Seine dritte Sprache ist Hochdeutsch; da gibt es keine Berührungsängste, nur Lyrik, Humor und überraschende Brückenschläge. / Badische Zeitung
Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, der 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, kuratiert den auf drei Jahre angelegten Schwerpunkt „Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ auf der Leipziger Buchmesse. Die Presse (Wien) berichtet:
2005 hat Pollack eine Anthologie namens „Sarmatische Landschaften: Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“ herausgegeben. „Die Polen erinnern sich gern an das einstige Sarmatien“, erklärt Pollack: „Für sie ist das so eine Art innerkontinentales Atlantis.“ In der Spätantike verstand man unter Sarmatien die große Region zwischen Weichsel, Wolga, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Die polnisch-litauische Adelsrepublik der frühen Neuzeit übernahm diesen Namen, in ihr lebten Polen, Weißrussen und Westukrainer in einem Staatenverband, in dem die Polen die Führung innehatten: „Für sie war das ein Goldenes Zeitalter.“
Eines könne sich der Westen aber von den Osteuropäern abschauen, meint Pollack: die Begeisterungsfähigkeit für Literatur. „Ich habe Lyrik-Lesungen erlebt, bei denen die Säle gerammelt voll mit jungen Leute waren, die gejubelt haben.“ So etwas wünsche er sich auch für Leipzig…
/ Die Presse 14.3.
Die Leipziger Buchmesse dauert von 15. bis 18. März. Insgesamt präsentieren 2071 Verlage über 100.000 Bücher aus 44 Ländern.
Das Autoren-Camp ist die wichtigste Neuerung. Es dient der Vernetzung von Autoren.
es kann nur eine glückliche fügung gewesen sein, die den lyriker nicolai kobus aus dem westmünsterländischen und den saxophonisten jochen baldes aus zürich zusammengeführt haben, die unter dem künstlerduo «KOBAL» eine sehr gelungene symbiose aus lyrik und musik präsentieren. dabei lässt sich der schweizer saxophonist allerdings von einem ensemble begleiten, in dem jedes mitglied ein virtuose auf seinem instrument ist: das gilt für michael gassmann auf der trompete ebenso wie für michael bucher an der gitarre, thomas bauser an der hammond-orgel und dominic egli am schlagzeug.
die musiker um den charismatischen tenor-saxophonisten baldes verstanden es, das «seufzer-kalendarium» des inzwischen in hamburg ansässigen poeten so einfühlsam zu begleiten, dass das publikum in eine art trancezustand geriet. /
westfälische nachrichten hier (mit Hörproben)
Hier der schöne Gedichtzyklus „ach anna. seufzerkalendarium“ deutsch und polnisch.
Seit der Preisvergabe an Eyvind Johnson und Harry Martinson 1974, die auf viel Kritik gestoßen war, sind die Schweden traumatisiert, wenn es um Preisträger aus ihrem Land geht.
Nun ist es ausgerechnet einem Dichter gelungen, diese Wunde zu schließen. Doch verwunderlich ist das nicht, denn Tranströmer widerlegt alle Vorurteile, die mit Lyrik häufig in Verbindung gebracht werden. Seine Gedichte sind nicht abgehoben oder weltfremd. Seine Sprache ist nicht selbstverliebt. Tranströmer hat jedes Wort in jedem Gedicht mit Bedacht gewählt. Sein ganzes Leben lang hat er gerungen mit der Sprache. („Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen.“) Es erscheint wie ein böser Scherz, den ihm das Leben gespielt hat, dass seine Erkrankung ihn, den Dichter des Schweigens, zwingt, nun auch körperlich um jedes Wort zu ringen. / Anne Burgmer, FR 14.3.
ist ein Buchprojekt von Sabine Scho und der Titel eines Blogs, in dem man etwa liest:
Fallen sind meist temporäre Architekturen für Tiere. Der Graf von Foix tat sich im 14. Jhdt mit seinem schön bebilderten Livre de Chasse hervor. Er soll 1500 Hunde besessen und das Buch für Philipp den Kühnen von Burgund verfasst haben. Jagd war in seinem Gebiet nicht allein Vorrecht das Adels, jeder Freie, heißt es, durfte ebenfalls jagen. Ich kaufte das Buch im Jagdmuseum in Paris, es zeigt auch, wie die Fallen verfertigt werden, unterschiedliche Netzformen werden geflochten, die man etwa vor Kaninchenlöchern anbringt. Oder man lockt den Wolf mit einer Blutspur eines toten Schafes in ein Rondell mit Tür im äußeren und Schaf im inneren Weidenrutenkreis. Trittfallen, Gruben und Hatzparcours aus Weidenrutenzäunen. Im Jagdmuseum Born erzählte man uns, dass auf dem Darß für Göring immer Wild zusammengetrieben wurde, an einer Stelle, die sie Hirschhinrichtungsstätte nannten, dann spielte man uns noch Der Wald erschallt vor und rekapitulierte das dritte Raesfeldsche Hegegesetz, bis man uns zum Ganzkörperpräperat Verkämpfte Hirsche führte. Das Gesetz erinnere ich ungefähr so: schieße nie mehr, als notwendig und hege nie mehr, als du schießen kannst.
Zur Jagdsaison hieß es immer, Mädchen, nimm Deinen Hund an die Leine, sonst schießen wir ihn tot. Als Kind hatte ich panische Angst, sie machen damit ernst, schon wenn er nur einem Kaninchen hinterherjagte, nahm ich an, es sitzen ganzjährig Jäger auf den Hochsitzen, die auf nichts anderes warten, als den freilaufenden Haushund einer unbedarften Jugendlichen zu exekutieren. Katzen, die nicht mehr Heim kamen, musste man ihnen ganz sicher zurechnen. Aufgrund unserer verschwundenen Katzen fürchtete ich die Willkür der Jäger, die mir gar keiner Regel zu unterliegen schien, außer der, dass sie einfach Tiere totschießen durften, wenn Saison war, Hund, Katze, Kaninchen, Rotwild, war da scheinbar egal, so kam es mir vor. Und auch, dass noch beinahe jeder eine Waffe auf dem Dorf hatte, wo man noch Schützenfest feierte, war da nicht verwunderlich. Unser Nachbar schoß mal Kaninchen in unserem Garten und verstand es als Nachbarschaftshilfe.
(so stehts drüber, wie auch immer: die Lesung ist diesjahr)
Stifter: Jörn Sack
lesung und preisvergabe
18. März 2012 von 15:00 – 16:30 Uhr
im rahmen von LEIPZIG liest:
Leipziger Messe GmbH, Messegelände
Congress Center Leipzig – Mehrzweckfläche 4
es lesen (und singen) die preisträger
Philipp Günzel, Brigitte Lange (mit Gesang), Thomas Rackwitz;
moderation:
Jörn Sack
veranstalter:
lauter niemand und Buchwerk Bodoni e.V./ edition bodoni
Weil das Ganze das Offene ist, gibt es kein vollkommenes Genügen. Good enough, that will do. Das Überqueren von Türschwellen verursacht Vergesslichkeit. Staffelstab und Bleiche: 30 x 10 Minuten Poesie. Eine Installation zum Ein- und Ausgehen. In…klusive Open Stage. (Anmeldung für Beiträge an urs@engeler.de)
Mit: Bernhard Böschenstein, Elke Erb, Chris Fasch, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Bo Wiget, Sandra Gugic, Normen Gangnus, David Frühauf, Tim Holland u.v.a.
Freitag 16.03.2012 21:00 – 02:00 Uhr
Schaubühne Lindenfels
SAPPHO FRAGMENTS +++ BAUMASSNAHME WALD +++ ZÄRTLICHKEIT DER SCHWELLEN +++ HEISSENBÜTTEL-STARSCHNITT +++ TOPFSCHLÄGER +++ BZYANTINISCHES FRAGMENT +++ WIE SCHMECKT DER HERING? +++ DEM ZAUDERN ENTRUNGENES TIER +++ DIE HYPERKULTUR THEOKRITS +++ FREUNDE SCHÖNER GÖTZEN +++ DA HILFT KEIN RITALIN +++ KURIERTE IGNORANZ +++ ETWAS BLEIBT, DAS GEHT +++ HANDAPPARAT HESLACH +++ DEINS +++ SLUITEL VOOR DE HOOGDUITSE SPRAAKKUNST +++ HADYNDISCO +++ HIER KÖNNTE IHR BEITRAG STEHEN +++ O MY LOVER (LITTLE, BUT ALL ROSES) +++ DIE EXISTENZ IN KEULEN +++ NACH DER UNDEUTLICHKEIT +++ WAS WAR MIT DEM YPSILON LOS?
http://www.schaubuehne.com/index.php?id=eventdetails&no_cache=1&eventID=820&day=1331896650
„Um ein Haar wäre eine der schockierendsten Gedichtsammlungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht veröffentlicht worden.“ / Friederike Reents, FAZ.net 8.3.
„Was solle man denn zu einem Geschehenen sagen? Geschähe es nicht so, geschähe es ein wenig anders. Leer würde die Stelle nicht bleiben.“ / Gottfried Benn, Gehirne. In: Ders., Prosa und Autobiographie in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer 1984, S. 22.
Ulf Stolterfoht ist einer der ideenreichsten Dichter und Subversionsagenten der Gegenwart. Er wurde einem breiteren Publikum durch sein Fachsprachenprojekt bekannt und ist Gründungsknappe der Lyrikknappschaft Schöneberg. Neben zahlreichen anderen Projekten als Lyriker, Herausgeber und Essayist betreibt er im Netz BRUETERICH LD – Lyrikdienst für experimentelle Poesie:
http://ulfstolterfoht.wordpress.com/lyrik-dienst/.
Bei Reinecke & Voß erschien:
Ulf Stolterfoht
Das deutsche Dichterabzeichen
Auszug:
Sprecher 3 Der Dichterberuf ist ein Mangelberuf, da niedriges Gewicht und tiefes Denken nur selten zusammentreffen. Ein ausgelernter, leistungsfähiger Dichter erhält in der Regel ein monatliches Fixum von € 120 und darüber – je nach Ruf und Können.
Sprecher 1 Pflichten des Lehrherrn
Sprecher 2 … insbesondere hat der Lehrherr folgende Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln: 1) Pflege von Schreibzeug und Text; grundlegende Layout-Kenntnis („stabile Seitenlage bis zum Eintreffen des Setzers“); Einführung in die Lyrischen Typen; Bewerbungsstrategie; Urheberrecht; Vertreterkonferenz usw.
Sprecher 3 Es ist dem Lehrherrn untersagt, die Schreibkraft des Lehrlings für persönliche Zwecke zu nutzen. Wird vom Lehrherrn Arbeitskleidung gestellt, kann diese angemessen in Ansatz gebracht werden.
Sprecher 2 2) VG Wort; Künstlersozialkasse, Uschtrin. Bekanntschaft mit dem „Großen Conrady“ (GC), dem „Ewigen Brunnen“ (EB) und dem „Dürftigen Vorrat – Lyrik zum Anfassen“ (DV).
Sprecher 3 3) Den Lehrling, vom zweiten oder dritten Lyrikjahr an, entsprechend seinen Fähigkeiten und dem Fortschreiten seiner Bemühungen, bei Lesungen oder kleineren Slams einzusetzen.
(…)
Sprecher 1 Für die Ausbildung des jungen Dichters gebrauchte man lange den Ausdruck „einbrechen“. Das klingt nicht nur ziemlich brutal – das war es auch! Der Bereiter, also in der Regel der Lehrherr, „brach den Dichter ein“, das heißt, er machte ihn im Schnellverfahren „fertig“, einzig und allein mit den Mitteln physischer Gewalt.
Sprecher 2 Mittlerweile wird dieses Verfahren nur noch in der Schweiz benutzt – wir hier in Schöneberg verwenden lieber den Begriff „Schulung“.
Sprecher 1 Das wichtigste Lehrprinzip ist nun das von Belohnung und Korrektur. Hat der junge Dichter etwas richtig gemacht, wird er unmittelbar darauf belohnt, indem wir ihm den Kopf klopfen oder ein paar freundliche Worte zu ihm sagen.
Wenn er aber korrigiert werden muß, lassen wir ihn entweder die Lektion wiederholen oder sprechen streng und bestimmt auf ihn ein. Am Schluß jeder Stunde sollte stets der gelungene Vers, die gelungene Strophe stehen.
Ulf Stolterfoht
„Das Deutsche Dichterabzeichen“
19×12 cm
56 Seiten
8 Euro (D)
1. Auflage 2012
ISBN 978-3-942901-05-5
Bestellen unter info(at)reinecke-voss.de
Das Nichtwissen, sagt Peter Gizzi in einem Interview, spiele für ihn eine ganz entscheidende Rolle beim Schreiben. Erst aus dem Nichtwissen entsteht, was er „die Wirklichkeit des Gedichts“ nennt. So knüpft jedes seiner Bücher gewissermaßen an das vorhergehende an, denn Gizzi betrachtet seine Gedichte immer auch als Denkbewegungen im Sinne von: Sieh einmal an, so hast du das damals gesehen! Ein wiederkehrendes Thema ist beispielsweise die eigene Kindheit, die er im folgenden Gedicht lakonisch resümiert: „Ein Kind wurde ich, eine Frage / sitzend im Gras. / Gesagt bekommen: ich habe Glück. / Ein offenes Feld.“ / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 13.3.
Morgen 20 Uhr, Stadtmuseum/Städtische Galerie: Peter Gizzi (Holyoke, Massachusetts, USA) liest aus seinem Buch „Totsein ist gut in Amerika“, Lesung Englisch/Deutsch – Literaturforum Dresden in Kooperation mit den Städtischen Museen Dresden
Dies alles sei voran geschickt, um klar zu machen, dass Zieger nichts mit den (zu) späten Debütanten gemein hat; er hat bisher ein nicht unerhebliches Werk verfasst, das einer größeren Öffentlichkeit freilich überwiegend verschlossen geblieben ist.
Ein Blick auf seine lyrischen Texte zeigt sofort, dass hier ein ästhetisch geschulter Autor am Werke ist, der weniger im Referenzraum gegenwärtiger Postmoderne zuhause ist, als in den Stimmen, Stimmungen und Strömungen der Moderne, die aus dem zwanzigsten Jahrhundert weisen. Im Gegensatz zu vielen anderen heutig Schreibenden reklamiert Zieger nichts artistisch Neues für sich und seine Gedichte. Sie stehen in einem variablen Sprechmodus und können in ihren besten Momenten Klarheit für sich beanspruchen, und die sich daraus ergebende Schönheit des Augenblicks: „in den monaten oktober, november,/zuweilen im januar machten wir den spaziergang/entlang der sümpfe vor séte,//wir überließen uns dem wind,/die wasseroberfläche spiegelte den himmel,/wie es ihn sonst im jahr nicht geben kann,//minuten saßen wir irgendwo drinnen, tranken etwas, blickten hinaus auf das meer/oder lehnten aneinander.“ In einer Reihe von Texten tritt eine Entrücktheit vom Alltäglichen hervor, die die Dinge jenseits des Profanen aufzeigt. Den Dingen werden Fähigkeiten und Eigenschaften zugesprochen in einem dichterischen Akt, und jene brüchigen Beziehungen, die Menschen eingehen um diese Dinge herum, in ihnen, mit ihnen und aus ihnen, vermag Zieger einen „poetischen Sinn“ einzuhauchen. / Tom Schulz, fixpoetry
Ulrich Zieger: Aufwartungen im Gehäus. Edition Rugerup. Berlin / Hörby, Schweden. 2011.
Nicht weniger gewichtig, aber deutlich weniger elfenbeinturmhaft geht es in der von Simone Kornappel und Philipp Günzel herausgegebenen Zeitschrift „randnummer“ zu. Bunt, verstörend, verlinkt und engagiert, hat sich die Zeitschrift mit ihrer vierten Ausgabe als Literaturorgan schon ziemlich etabliert. Bei der Lektüre befindet man sich von Beginn an in einer latenten Unruhezone, ein „Empört Euch!“ pulsiert durch die hundertsiebenundzwanzig Seiten, deren konzeptionelle Grundidee für diese Ausgabe in einer lockeren Synthese aus Märchenmotiven und Gesellschaftskritik zu liegen scheint. Das beginnt schon mit der geschickten Covergestaltung mithilfe eines sensationell realsatirischen Fotos, das Sabine Scho beigesteuert hat, die auch mit einer dadaistischen Konsumkritik („wohnschmaschinen – auf diese wünsche können sie bauen“) textlich vertreten ist. …
Eine befremdende, hintersinnige Parodie auf das zur formelhaften Verramschung verkommene Staatsgebaren präsentiert Monika Rinck im märchenhaft-beschwörenden „Glücksspielstaatsgedicht“: // Mein frittierter Hase, ich kenne die Verfinsterung. Ein gutes Leben, / Eine gute Regierung, Glück und Zivilwesen, zukunftsweisendes Idyll. / Es mengte sich mein Staat nicht in dein Glück. Immerzu tue Du, was Du, / nicht, was ich will. Doch muss ich, leider, den natürlichen Spieltrieb / meiner Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen lenken. Eine Stimmung, die von den surrealen Illustrationen (aus Blütenkelchen schwebende Fuchswelpen, laubsaugende Gestalten mit Hirschköpfen) von Marie Mustache kontinuierlich durchs Heft getragen wird. Dazwischen gibt es Ruhepole wie den Zyklus „bildgebende verfahren“ von Nicolai Kobus. Auf die interessanten Texte zum Beispiel von Kristoffer Patrick Cornils („Haikuzerstückelung“), Konstantin Ames („Verbleichen immer, verblichen nimmer!“) oder René Hamann („TENGO QUE ACER AGUNAS COMPRAS“) ist schon in anderen Rezensionen eingegangen worden, deshalb sei unbedingt noch auf die effektvollen Gedichte von Michael Zoch hingewiesen: schrankwandmenschen / ichmaschinen / vergötterte weiber (erschreckend real) / der frühling erschossen vorm altglascontainer / (dahinter platzt spaltbreit der augenblick auf) / ein baum holt wasser aus der tiefe // („Adlertage“). Von diesem, jedenfalls bislang, leider an etwas merkwürdige Verlage sich verschenkenden Autor (warum?) lese ich immer wieder sprachlich schöne, ideenreiche Lyrik, man hat da immer das Gefühl, noch ein Stück Fleisch am blankgeleckten Knochen der kontemporären Lyrik ergattert zu haben: da ist dieser geschmack in mir nach parteipolitik und entrahmten gewittern oder eine mondkranke taube streichelt das pflaster („In Andere Sphären“). / Dominik Dombrowski, fixpoetry
Konzepte Nr. 31, Zeitschrift für Literatur, herausgegeben vom Bundesverband junger Autoren, Neu-Ulm 2011, 180 Seiten, 12,00 Euro
randnummer – literaturhefte, Ausgabe 04, herausgegeben von Simone Kornappel und Philipp Günzel, Berlin 2011, 127 Seiten, 5,00 Euro
Focus wußte es schon am 5.3., zugleich mit schwedischen Quellen. Heute zieht die Süddeutsche nach. Durs Grünbein wird mit dem Tranströmerpreis der schwedischen Stadt Västerås ausgezeichnet, die Preissumme beträgt 200.000 Kronen, rund 18.000 Euro. Der seit 1998 vergebene Preis würdigt „hochstehende Werke im Geist Tomas Tranströmers“ aus Ostseeanrainerstaaten. Vor Grünbein traf das u.a. auf Inger Christensen und Adam Zagajeweski zu.
Einem Stoß übereinander gestapelter Manuskripte vergleichbar, bieten Reineckes Montagen Textausschnitte, die von andern Textausschnitten überlappt werden. Auf diese Weise entsteht, in gesuchtem Kontrast zum klassischen Cento, kein kontinuierlicher Fließtext, sondern ein Text mit dauernden Abbrüchen und Neueinsätzen. Die Bruchstellen sind allerdings kaum zu bemerken; allenfalls markieren minimale syntaktische Verwerfungen den fragmentarischen Charakter des Textes.
Trotz ihrer Sprünge wirken Reineckes Montagen niemals willkürlich oder beliebig; sie folgen einer assoziativen Logik, die suggestiv mit ihrem déjà vu spielt. Dem Leser begegnen die Figuren einer prächtigen barocken Rhetorik, poetische Bilder, die wie Wolken Gestalt annehmen und sich wieder auflösen, aber auch abgebrochene Reden, verstört und stammelnd wie die Zeilen des späten Hölderlin. Einmal wird mit stärkstem Effekt die Schlusszeile eines Gedichts aufgenommen und mit einer winzigen Variante als eigenständiger Text wiederholt. Das wirkt wie ein Einspruch gegen das Vergessen, eine Beschwörung dessen, was sich in den Texten unaufhörlich zeigt, um ebenso unaufhörlich zu verschwinden. Reineckes poetisches Verfahren scheint mir auf der Höhe der Zeit; seine fragmentarischen Rekonstruktionen wirken wie ein Abgesang auf das Versinken einer literarischen Überlieferung, der Epilog eines Poeten, dem der ganze Reichtum dieser Tradition noch einmal zu Gebote steht und der sie zugleich beschwört und deutlich macht, dass ihre Sprache unwiederholbar ist. / Jürgen Buchmann, poetenladen
Bertram Reinecke
Sleutel voor de hoogduitse Spraakkunst
roughbook 019
Herausgegeben von Ulf Stolterfoht
Editon Urs Engeler 2012
scheiß kunst. scheiß sozialer frieden. scheiß bedürfnisstruktur,
noch einmal scheiß kunst. was ist aus uns geworden? […]
Wenn man Stefan Schmitzers Gedichte liest, kann einem zwischendurch das Geimpfte aufgehen: Der Ärger über die Verhältnisse kommt hoch und der Ärger über die eigene Bequemlichkeit. Schmitzers systemkritische Lyrik ist denkbar weit entfernt von jeglicher Einlullungsbehaglichkeit, wie sie landläufig unter dem Begriff „Gedicht“ firmiert. Schmitzer hat den Beat, er ist ein subtiler Beobachter des Politischen wie des Privaten, und er hat auch die Pose, das stille Gewisper der Lyrik in einen Rocksong zu verwandeln. Und: Schmitzer ist Poet genug, um in seinen groovenden Texten Platz für die Leerstelle zu lassen, die man als Leser mit seiner – ja sagen wir einfach – Seele füllen kann.
scheiß voraussetzungen für die scheiß voraussetzungslosigkeit.
sag neuer mensch, sag es anders, sag am besten gar nichts
mehr.
Das wäre natürlich ein schönes Schlusszitat, aber der Vollständigkeit halber sei erwähnt: scheiß sozialer frieden ist noch einmal vielschichtiger als Schmitzers viel gelobter Erstling moonlight on clichy. der Grazer Dichter, Jahrgang 1979, erweitert in seinem neuen Lyrikband sein Formenrepertoire, spielt öfter ins Assoziativ-Prosaische, lässt auch Privates anklingen. Das Ergebnis: Post-Punk-Beat-Lyrik, bei der die Post abgeht. Brinkmann, Ginsberg und Ferlenghetti würden das sicher auch cool finden.
/ Werner Schandor, schreibkraft
Stefan Schmitzer: scheiß sozialer frieden. gedichte.
Droschl Verlag: Graz 2011
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