Der chilenische Dichter Raúl Zurita gehört zu den renommiertesten Vertretern der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur und ist dennoch in Deutschland bisher wenig bekannt. Nun ist ein neuer Gedichtband erschienen, für den Zurita rund 20 Texte ausgewählt hat, die von Studentinnen und Dozentinnen des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ins Deutsche übersetzt worden sind. / Jura-Forum
Im Mai 2012 wird der Dichter zu einer Lesung aus dem neuen Band „Die Wasserstädte“ in Germersheim erwartet.
Zurita, Raúl: „Las ciudades de agua. Die Wasserstädte“, 2012, (zweisprachige Ausgabe, dt. u. span.), hrsg. v. Liliana Bizama Muñoz, 132 S., ISBN 978-3-86465-008-6
Am Sonntag kamen hundert Freunde des Varschl-Schreibens im Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz zusammen:
Zum Mundartstammtisch des Erzgebirgsvereins. Auf den ersten Blick wirkt die Runde wie eine Geburtstagsgesellschaft für Oma. Es sind sechzehn Varschl-Schreiber die hier ihre Haamit-Lyrik vortragen wie Verwandte Glückwunschgedichte. Alle zwischen 60 und 80. Was heute junge Menschen in Szene-Läden mit Poetry Slam als Neuerfindung feiern, wird hier in aller Stille traditionell gepflegt. Ohne Kampf, ohne Sieger, sondern in Harmonie. / Sächsische Zeitung
Heute 19 Uhr beginnen die Rauriser Literaturtage mit der Verleihung des Rauriser Literaturpreises an Maja Haderlap. Bis Montag lesen u.a. Sibylle Lewitscharoff, Patrick Roth, Nicol Ljubić, Nora Gomringer, Christoph Ransmayr, Daniela Seel, Aleš Šteger und Juri Andruchówytsch. Auch eine Hommage an Gert Jonke steht auf dem Programm.
Das Stück „X mm din Y km“ von Gianina Cărbunariu und „Colectiv A“ handelt vom Leben des rumänischen Schriftstellers Dorin Tudoran, über den der Geheimdienst Securitate eine 10.000 Blatt umfassende Akte zusammentrug. Eine Auswahl veröffentlichte Tudoran 2010 unter dem Titel „Eu fiul lor. Dosar de securitate“ („Ich, ihr Sohn. Securitate-Akte“).
Hannelore Baier berichtet in der AdZ:
Das „Gespräch“, zu dem Tudoran „zur Partei“ zitiert worden war, umfasst die Bemühen der beiden Aktivisten, den Schriftsteller von seinem Vorhaben das Land zu verlassen, abzubringen. Der vormalige Redakteur der Kulturzeitschriften „Flacăra“ und „Luceafărul“ hatte die Ausreise aus Rumänien 1984 beantragt, woraufhin er seinen Arbeitsplatz verlor und auch andere Schikanen ertragen musste. Wegen der Weigerung der Behörden, auf den Ausreiseantrag zu antworten, richtete er sich in Denkschriften an Suzana Gâdea, die Vorsitzende des Rats für sozialistische Kultur und Erziehung, und an Nicolae Ceauşescu. Darin schilderte er unter anderem die tiefe Kluft zwischen dem, was die Propaganda vorgaukelt und der Wirklichkeit. Diese Schizophrenie könne er nicht mehr ertragen, schrieb er. Die beiden Funktionäre versuchten diese Kluft zu minimalisieren und zogen im „Dialog“ alle Register: sie appellierten an seinen Patriotismus, führten fadenscheinige Argumente ins Feld, bis zu unverhohlenen Drohungen mit einem Strafprozess und Ohrfeigen.
Auch t-online macht sich um Lyriknachrichten verdient. Eben wieder:
Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des „Jahrbuchs für das neue Gedicht“ zusammen – ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.
Die „Frankfurter Bibliothek“ bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, „Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft“, betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. „Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab.“
Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode. Krämer siehst du, aber keine Dichter (heute ist Hölderlins Geburtstag – auch einer, der aus Frankfurt verjagt wurde…) Goethe wußte, warum er da wegging, und Ulla Berkewicz… Aber der zweite Satz hat einen Beigeschmack von Wahrheit, wenn auch vielleicht unfreiwillig.
Aus dem „Wallungswert“ der einzelnen Wörter entsteht wie bei Benn jene vokabuläre Spannungszone, in der die „Zusammenhangsdurchstoßung“ vollzogen wird, „nach der die Selbstentzündung beginnt“.
Michael Fiedler beschreibt diesen Vorgang im Habitus eines experimentellen Dichters als Erforschung und Neu-Verfugung von Wortgruppen. In einem Gespräch mit Jan Kuhlbrodt, das zur Grundlage des Nachworts in „Geometrie und Fertigteile“ geworden ist, verweist der Autor auf seine spracharchäologischen Expeditionen im Internet: „Vielleicht sind das auch Ausflüge in unser kollektives Bewusstsein, das sich im Internet offenbaren kann . . . Einige Texte beziehen ihr Material vornehmlich aus Online-Quellen wie zum Beispiel Google-Suchergebnis-Anzeigen.“ Dieses Bekenntnis scheint typisch für eine neue Dichtergeneration, die ihre sprachhistorische Arbeit aus der „Bibliothek von Babel“ (J. L. Borges) ins Internet verlagert hat. Die konzentrierte Prüfung vorgefundener Sprachmaterialien, wie sie Fiedler aus Online-Quellen bezieht, unterscheidet sich aber nur graduell, nicht substantiell von jener Form der etymologischen Spurensicherung, wie sie sprachbesessene Dichter früherer Generationen im Hinblick auf Wörterbücher oder Enzyklopädien betrieben haben. Es geht also nicht um eine „gegoogelte Resterampe“ historischer Bruchstücke, wie auch wohlmeinende Rezensenten seines Debüts argwöhnen, sondern um eine artistische „Montagekunst“, technisch hergestellt durch ein Cut-Up-Verfahren und theoretisch fundiert auf einem sprachhistorischen Erkenntnisinteresse. / Michael Braun, Sprache im technischen Zeitalter Nr. 201, S. 4-5
Michael Fiedler ∙ Geometrie und Fertigteile, Nachwort von Jan Kuhlbrodt, 63 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, poetenladen Verlag, Leipzig 2011.
Mehr: Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung
Letztes Jahr ist Mathias Traxlers Buch You’re welcome bei Kookbooks erschienen und leider nahezu komplett besprechungslos abgesoffen. Da es sich aber um so ein ungewöhnliches, sich seltsam zwischen die Stühle setzendes Buch handelt, haben Jan Imgrund und Martin Lechner einen Lese-Blog ins Leben gerufen, um diesem Buch Aufmerksamkeit zu beschaffen und einen anderen als den üblichen kritischen Umgang damit zu erproben. Statt der einzelnen Kritikerstimme versuchen die Autoren sich dem Buch mit einem vielstimmigen, ebenso poetischen wie analytischen Stimmengewirr zu nähern. Traxler lesen und schreiben ist das Motto. Bisher dabei sind: Norbert Lange, Martina Hefter, Uljana Wolf, Jan Kuhlbrodt, Tom Bresemann, Achim Wagner, Rick Reuther, Stephan Turowski, Linus Westheuser, Jan Imgrund und Martin Lechner.
Also: You’re welcome
Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
Mit dem sechssprachig vorgetragenen Gedicht „Die Stadt“ endete am Sonnabend in Falkensee (Havelland) die internationale Tagung „Gertrud Kolmar übersetzen“. Auf englisch, französisch, ukrainisch, italienisch, polnisch und deutsch erklangen die Verse der deutsch-jüdischen Dichterin, die ihre Hauptwerke in den 1920er- und 1930er-Jahren in Falkensee geschrieben hatte. Übersetzer aus acht europäischen Ländern hatten sich vier Tage zu Fachgesprächen getroffen. / Marlies Schnaibel, Märkische Allgemeine
Die Ausrufezeichen machen den Appell sofort deutlich, auch wenn man das Gedicht von Francisco José Tenreiro nicht versteht. „Negro! Levanta os olhos pro sol rijo e ama tua mulher na terra húmida e quente!“, in deutscher Übersetzung: „Schwarzer Mann! Schaue empor zur kräftigen Sonne und liebe deine Frau auf der feuchten und warmen Erde!“
Auch wenn das auf den ersten Blick so klingt: Es handelt sich dabei nicht um eine romantisch-laszive Aufforderung. Vielmehr ist es eine Ermahnung an die unterdrückte schwarze Bevölkerung, ihre Fesseln abzustreifen und auf dem Boden des Vaterlandes Neues zu erschaffen. Der Dichter selbst erlebte es nicht mehr, dass seine Landsleute dieser Aufforderung nachkamen, die sie heute auf ihren Geldscheinen lesen können. Tenreiro starb 1963 im Alter von gerade mal 42 Jahren. Erst 1975 jedoch wurde sein Heimatland São Tomé und Príncipe unabhängig. / Frank Stocker, Die Welt
Nachfolgende Passage aus einem Interview der israelischen Autorin Zeruya Shalev ist zwar nicht Lyrik, aber hat es doch in sich:
Ich hielt einen Vortrag mit Lesung in einer Bibliothek in meiner Nachbarschaft. Im Publikum sah ich einen jungen Mann mit Kippa, der irgendwie nicht dazu passte. Am Ende der Veranstaltung sprach er mich an und sagte: „Ich muss Ihnen danken, Sie haben mein Leben verändert.“ Dann erzählte er mir seine Geschichte. Er war früher ein Ultraorthodoxer und studierte Theologie. Aber gleichzeitig kam er regelmäßig in die Bibliothek, um heimlich, versteckt unter dem Talmud, säkulare Bücher zu lesen. Was streng verboten war! Das erste Buch, das er so las, war mein Roman „Liebesleben“. Er meinte, es hätte seine Einstellung zu Frauen verändert; seither würde er sich ihnen viel näher fühlen. Er verließ die Welt der Ultraorthodoxen, lebt jetzt als orthodoxer Jude und ist glücklich verheiratet.
Als ich die Geschichte hörte, war ich sehr bewegt. Offenbar ist es aber nicht so ungewöhnlich. Es soll viele ultraorthodoxe Jungen geben, die in der Bibliothek heimlich normale Bücher lesen. / FR 14.3.
Nikola Madzirovs Gedichte enthalten so etwas wie die geträumte Geografie Südosteuropas. Innere und äußere Grenzen, die in der Realität des heutigen Balkans oft holzschnittartig Ethnien, Religionen und gemeinsame Vergangenheiten voneinander scheiden, werden durchlässig. Sie verschwimmen und vereinigen sich zu einer Welt, die dem alten Jugoslawien nur insofern entspricht, als nachträgliche Erinnerungen eine Art verschollene Polaroidfotografie beschreiben. Anstelle klarer Konturen tritt eine Melancholie, die ihres Gegenstands nur im Modus des Nachfühlens und Nachtastens habhaft werden kann. / Jan Volker Röhnert, Tagesspiegel
Nikola Madzirov: Versetzter Stein.
Gedichte. Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann.
Edition Lyrik Kabinett, Hanser Verlag 2011.
64 Seiten, 14,90 €.
Doktor Makarios und Doktor Pichelstein präsentieren am Freitag ab 21 Uhr im Wismarer Tikozigalpa, Dr.-Leber-Straße 38, Texte, Gedichte und Stories aus dem Nachlass des großen russischen Poeten S. W. Pratajev. Sänger Makarios von der legendären Band / Ostsee-Zeitung
Nicht jeder geht auf Lyriklesungen, und nicht jeder der hingeht kauft auch Gedichtbände. Trotzdem ist die Liebe zur Lyrik breit gestreut, und beim Lieben gibts auch Kummer, wie der schizophrene Dichter Alexander März wußte. Auch die Zeitungen an diesem Wochenende sind voll davon. „So ein Gedicht ist nicht leicht zu schreiben“, meint die Märkische Allgemeine, und daß mit ihr keine große Auflage zu machen ist, weiß die Rhein-Neckar Zeitung. Dennoch wird sie geschrieben was das Zeug hält. „Aber ach, wie anders“, seufzt ein polnischer Autor. Die „gedichtete Melancholie des Abschiednehmens senkt sich um vieles tiefer in die Seele“, liest man in der Thüringischen Allgemeinen, und überhaupt, „Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das Lyriker dazu treibt, Gedichte zu schreiben“, sagt die Ahlener Zeitung. Aber der Standard warnt: „Üblicherweise sind es die glücklich und oft frisch Verliebten, die Gedichte schreiben. Schlechte zumeist, weil sie versuchen, ihre Gefühlswallungen unmittelbar in lyrische Zeilen zu überführen, ohne dem kreativen Prozess genügend Zeit zu geben.“ Lyrik in aller Munde, von den Fingern zu schweigen.
Nachtrag 16:30:
Es liegt in der Luft („Das ist der Frühling, fiel mir ein“, Novalis). Weiter gehts. „Aber das ist im Gruenspan nur Lyrik“ (Hamburger Abendblatt). Auch nicht schlecht die Westdeutsche Zeitung: „Seit vielen Jahren führt der Kirchenmusiker und Lyriker aus Schiefbahn einen literarischen Dialog mit der 88-jährigen „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literaturszene.“ Und was ist mit Augsburg? „Aus den Verstärkern klingen Heines Verse“. Kein Entrinnen nirgends. Erfurt: „Klezmer-Musik und Lyrik von Else Lasker-Schüler vereinen sich im Erfurter Theater.“ Probleme mit der Liebeslyrik hat auch die Süddeutsche: „Bemerkenswert ist sein Umgang mit der heute unerträglich schwülstigen, um 1900 skandalösen Lyrik des selbsternannten ‚Panerotikers‘ Richard Dehmel. Alexander Zemlinskys fünf Dehmel-Lieder, die vor brünstiger Phantasie nur so strotzen, bietet Kupfer mit großem, wenn auch etwas starrem Ernst.“
Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik „Kleine Sprachen – Große Literaturen“ lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das „Café Europa“. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die „Störung“ dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt „Tranzyt“ und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ genießen, zu Beginn lasen unten im „Café“ Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im „Saal“ DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte „Industriebier“ ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
Ausgerechnet ein Gedicht beendet vorerst die Uni-Karriere eines Literaturstudenten.
Diesmal keine Nachricht aus China oder irgendeiner arabischen oder afrikanischen Diktatur, sondern aus England:
Denn damit störte der Doktorand Owen Holland eine Rede des englischen Wissenschaftsministers an der Cambridge Universität. Jetzt hat ihn ein universitäres Gericht deswegen suspendiert. In zweieinhalb Jahren darf er an die Elite-Uni zurückkehren. Wenn er dann noch will.
Im Unterschied zu diesen Ländern geht es hier aber nicht um die Unterdrückung der Meinungsfeiheit, sondern um das genaue Gegenteil. Wirklich:
Kurz [nach dem Vorfall] veröffentlichte die Uni ein Statement: Sie bedauere es sehr, dass eine kleine Gruppe Demonstranten den Minister von seiner Rede abgehalten habe. Die Uni schätze die Meinungsfreiheit. Die freie Rede sei ein fundamentales Prinzip der Uni. „Die Aktion der Demonstranten verletzte dieses Prinzip.“
Und wer die Prinzipien der Uni verletzt, dem droht Strafe, wie der Doktorand Owen nun erfahren musste.
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