21. Lesung in Aachen

Die beiden Poeten aus Aachen und Vaals sind im vergangenen Jahr mit bedeutenden Lyrikpreisen ausgezeichnet worden.

Mittwochabend ab 20 Uhr lesen sie im Couven-Museum, Hühnermarkt 17, aus ihren aktuellen Gedichtbänden. Es werden Texte aus Wenzels „weg vom fenster“ sowie aus Mauritz‘ „rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik“ präsentiert. Wenzel erhielt 2012 den GWK-Literaturpreis, die Jury bezeichnete ihn als „einen poetischen Archäologen der westfälischen Landschaft“. Wenzel wuchs im Ruhrgebiet auf. Für seinen Zyklus „das schwarzbuch die farbfotos“ wurde Wenzel beim Lyrikpreis Meran prämiert. Er bekam dafür den Alfred-Gruber-Preis.

Hartwig Mauritz setzt sich in neuen Gedichten mit Naturwissenschaftlern und Erfindern auseinander, deren seltsame Gewohnheiten und wunderliche Neigungen er in seinen Texten thematisiert. Auch er war 2012 zum Finale des Lyrikpreises Meran eingeladen – das zweite Mal seit 2006. Im November 2012 nahm Mauritz zudem am Finale um den wichtigen Dresdner Lyrikpreis teil.

Christoph Wenzel und Hartwig Mauriz sind nur zwei Poeten aus dem Aachener Raum, die sich in den vergangenen Jahren einen Namen machten. Spätestens als der inzwischen vielfach übersetzte und ausgezeichnete Lyriker Jürgen Nendza 1998 den renommierten Lyrikpreis Meran erhielt, wurde der Literaturbetrieb auf die hiesigen Autoren aufmerksam. Inzwischen gibt es – unter anderem mit Reinhard Kiefer, Klára Hurková, Julia Weiteder-Varga, Heike Smets und Suleman Taufiq – eine ganze Reihe erfolgreicher Dichter unterschiedlichster Provenienzen und Stilformen.

2012 dürfte aber das bislang erfolgreichste Lyrikjahr in der Region gewesen sein. / Aachener Nacrichten

20. Magus-Preisfrage

Wenn der Leser nicht zaubern kann…“ –

Magus-Preisfrage 2013 ausgeschrieben

2013 schreibt die GWK-Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit im Kontext der Magus Tage Münster einen literarisch-akademischen Wettbewerb aus. Die Preisfrage lautet:

„Wenn der Leser nicht zaubern kann… Worin besteht der Reiz und worin liegt der Sinn, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen?“

„Der Buchstabe mag immerhin gedruckt sein, der Verstand und Sinn lässt sich nicht drucken“, hat Johann Georg Hamann (1730 Königsberg – 1788 Münster) einmal angemerkt und damit das Verstehen eines Textes als grundsätzlich problematisch erkannt. Zudem beklagt der „Magus in Norden“, dessen Texte lange als dunkel und unverständlich galten, die mangelnde Bereitschaft seiner Zeitgenossen, sich auf einen schwierigen Text einzulassen: „Blindheit und Trägheit des Herzens ist die Seuche, an welcher die meisten Leser schmachten.“

Bis zum 12. Juli 2013 werden literarische oder wissenschaftliche Texte von maximal 30.000 Zeichen gesucht, die auf Deutsch geschrieben und noch nicht publiziert sind. Am Wettbewerb teilnehmen können SchriftstellerInnen, WissenschaftlerInnen, PublizistInnen oder Studierende, die schon veröffentlicht haben. Eine Fachjury wählt die beste Antwort auf die Magus-Preisfrage aus. Der Preis ist mit 4.000 Euro dotiert und wird bei den Magus Tagen Münster 2013 (18.-20.10.2013) überreicht.

Ausführliche Informationen zur Preisfrage, den Bewerbungsmodalitäten und zu den Magus Tagen 2013 finden Sie unter www.magus-tage.de

19. Befleckt von Schwerkraft

Lyrik hoch 3

zu Streifzügen durch die zeitgenössische Poesie. In der zweiten Ausgabe von Lyrik³ geben wir Einblicke in die US-amerikanische Lyrikszene und stellen drei sehr unterschiedliche amerikanische Autoren vor: einen unverzichtbaren modernen Klassiker, einen der erstaunlichsten Debütanten und die verdiente Pulitzerpreisträgerin von 2012. Außerdem sprechen wir über George Oppens und Jeffrey Yangs lyrischen Objektivismus, folgen Tracy K. Smith und David Bowie ins Weltall und fragen uns, was Kosmonauten und Seepferdchen in Sachen Lyrik gemeinsam haben.

12. 3. 2013 / 20 Uhr
„Befleckt von Schwerkraft“
Amerikanisches Terzett. Mit neuen Übersetzungen von George Oppen („Die Rohstoffe“, luxbooks), Tracy K. Smith („Leben auf dem Mars“, Pulitzerpreis 2012, Wunderhorn) und Jeffrey Yang („Ein Aquarium“, Berenberg). Mit den Übersetzern Beatrice Faßbender, Astrid Kaminski und Norbert Lange.
→ Eintritt: 4 €,

Moderation: Shane Anderson

DAS BESONDERE BUCH, der Buchladen im Dittrich Verlag,
Göhrener Straße 2, 10437 Berlin

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr, Samstag von 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr

18. Lampingsche Variable

Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney island of the mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’apres-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen. (…)

Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.

Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.

/ Dieter Lamping, literaturkritik.de

Lampings Literaturhinweise

  • Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.
  • Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M.  1997, S. 182-199. Zitate S. 184.
  • Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg  1993, S. 280-282.
  • Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.

17. Kannibalen

Joachim Ringelnatz

Silvester bei den Kannibalen

Am Silvesterabend setzen
Sich die nackten Menschenfresser
Um ein Feuer, und sie wetzen
Zähneklappernd lange Messer.

Trinken dabei – das schmeckt sehr gut –
Bambus-Soda mit Menschenblut.

Dann werden aus einem tiefen Schacht
Die eingefangenen Kinder gebracht
Und kaltgemacht.
Das Rückgrat geknickt,
Die Knochen zerknackt,
Die Schenkel gespickt,
Die Lebern zerhackt,
Die Bäuchlein gewalzt,
Die Bäckchen paniert,
Die Zehen gefalzt
Und die Äuglein garniert.

Man trinkt eine Runde und noch eine Runde.
Und allen läuft das Wasser im Munde
Zusammen, ausnander und wieder zusammen.
Bis über den feierlichen Flammen
Die kleinen Kinder mit Zutaten
Kochen, rösten, schmoren und braten.

Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau
Zubereitet als Karpfen blau.
Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin,
Nur mehr nach Kokosfett und Palmin.

Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist
Auf Zwölf. Es entschwindet das alte Jahr.
Die Kinder und der Karpfen sind gar.
Es wird gespeist.

Und wenn die Kannibalen dann satt sind,
Besoffen und überfressen, ganz matt sind,
Dann denken sie der geschlachteten Kleinen
Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen.

Aus: Kinder-Verwirr-Buch (1931)

16. Ein Aufbruch

Wohl kaum ein lyrischer Aufbruch wurde so stiefmütterlich behandelt wie der von Arno Holz und seinen Mitstreitern. Einzig er selbst fristet, verkürzt als Naturalist etikettiert, im germanistischen Kanon eine Randexistenz. Der Stil der Dichtergruppe wurde damals sofort von konservativen Geistern als Verirrung abgelehnt. Der Vorwurf wird bis heute ungeprüft tradiert, während sich andererseits ihre Verfahren langsam durchsetzten: Unpathetische Rede ohne metrischen Leierkasten ist heute fast Standard. Die durch Einfügung von Dingen aus entlegenen Kontexten und überraschende Metaphern erzielte Verfremdung zählt heute als surrealistischer Effekt ebenso zum Grundbestand dichterischer Verfahren wie der Umgang mit hyperbolischen und metonymischen Figuren, Bewusstseinsstrom, pointierte Raffung und profanisierter Symbolismus. Die Entstehungsweise der Texte im Gruppengespräch, in scharfem Gegensatz zur damaligen Verklärung des einsamen Dichtergenies, mutet uns seltsam vertraut an. Auch die weniger bekannten Vertreter sprechen teils mit einer Eigensinnigkeit und gediegenen Sorgfalt, die ihre Texte frischer aussehen lässt, als nach der Entstehung im piefigen Wilhelminismus zu vermuten. Diese Dichter sind aber mehr als nur Vorläufer der Heutigen. Insbesondere auch der Radikalität wegen, mit der sie den Wert eines Gedichts von der Gewichtigkeit seines Sujets schieden und einzig an die Prägnanz der sprachlichen Umsetzung banden. Selbst heute eine durchaus nicht immer eingelöste Utopie.
Es ist Zeit, diese auch politisch wachen Geister endlich zu lesen.

Rolf Wolfgang Martens

Aus: Befreite Flügel

Die freien Flügel
wollen sie mir absägen.

Glauben soll ich an ihre Wunder und Dogmen.

Was mein Herz schlägt, ist eitel. Was mein Gewissen schreit, ist Blendwerk.

Nur ihr Knecht sein!

Mit dem Kreuz
segnen sie Mordwaffen.

Der Staat concessioniert sie.

Du Gott von Golgatha!
Liebe war Deine Lehre, Liebe Dein Leben — wo bist Du?

––––––––

Wenn wir über die Spielplätze gehn,
und Du die Kinder siehst,
verstummst Du.

Blickst vor Dich hin und lächelst — innig!

Ich verstehe.

Nein!

Raub ihm nicht seine Fühllosigkeit! Laß es ungeboren sein!

Ich sehe nur ein Folterbett
und auf ihm,
mit zerrissenen Gliedern,
unser Kind!

Gedichte von Paul Victor
Pan, 4. Jg., 1. H., 1898, S. 7 f.

I
Vor meinen Augen wächst ein Baum,
ein schwarzer Baum,
ein Totenbaum.

In meinen Ohren gellt ein Schrei —

Sternschnuppen sinken,

in meinen Nächten fliegt
der Totenvogel

dreimal um mein Haupt,
dreimal um meinen First,
dreimal um meinen Himmel.

II
Ich lag im Sarg,
ich war gestorben.

Ein Lügenprediger
hielt eine Leichenrede
und lobte mich.

Da sprang ich auf
und trat im weißen Leilach
vor ihn
zwischen Lorbeer und Blumen.

Ich sprach:

Mich sehrte Sehnsucht nach dem Höchsten
Mich quälte Qual des Nie-Vollbringens
Mich kreuzigte mein Selbstgericht.

Die Lyrikkonzeption von Arno Holz und seiner »Schule« bedeutet einen frühen Ansatz zur literarischen Methode des »stream of consciousness«. 1888 hatte in Frankreich Édouard Dujardin in seinem Roman Les lauriers sont coupés erstmals mit Bewußtseinsstrom als Algorithmus zur Texterzeugung experimentiert. 1901 erschien Arthur Schnitzlers Bewußtseinsstrom-Novelle Leutnant Gustl. Ein wichtiger Strang der Literatur des 20. Jahrhunderts – vertreten z. B. durch Alfred Döblin, James Joyce, Marcel Proust, Virginia Woolf, Arno Schmidt – kündigt sich auch in diesen frühen Versuchen der »Holz-Schule« an. Die Lyrik der »Arno-Holz-Schule« ist in labormäßiger Werkstattarbeit entstanden. Das war modellhafter Versuch, Produktionsweisen des Industriezeitalters in die literarische Produktion einzuführen. An der Schwelle zur literarischen Moderne krempelte die Gruppe einfach um, was es an gefestigten Vorverständnissen gab von subjektgebundener Inspiration und vom »stillen Kämmerlein« als Ort des Schöpfungsaktes.

Robert Wohlleben

Antreten zum Dichten!
Lyriker um Arno Holz
Rolf Wolfgang Martens | Reinhard Piper | Robert Ress | Georg Stolzenberg | Paul Victor
Mit Nachwort herausgegeben von Robert Wohlleben
Arno Holz zum 150. Geburtstag
Leipzig: Reinecke & Voß 2013
151 S.

15. The Third Wave

Wie anderswo haben es auch in Nigeria neue Stimmen schwer. Obu Udeozo, Dichter, Maler und Klinischer Psychologe an der Universität Jos (Nigeria) veröffentlichte ein Buch über die „Dritte Welle der nigerianischen Lyrik“ unter dem Titel  „Gardeners of Dream“ (Traumgärtner). In einem Interview mit McPhilips Nwachukwu in der Zeitschrift Vanguard sprach er darüber, wie erschrocken er über die Widerstände war und wie sehr die jungen Poeten unter den Maßstäben von Klassikern wie  Christopher Okigbo (1932-1967), Wole Soyinka (* 1934) und John Pepper Clark (* 1935) untergebuttert wurden:

I was worried at first – then later alarmed by what I witnessed. There was a reluctance by the Establishment to validate the new voices in our literary firmament.

In Nigeria poetry lots of new works were being published but did not seem to fetch the respect or recognition that will turn them into cultural products in the long term. Simply put; I wondered who was going to save the worlds of Uche Nduka, Ogaga Ifowodo, Esiaba Irobi, Amatoristero Ede, Remi Raji, Izzia Ahmad and say Promise Ogochukwu Okekwe … who were releasing works that accurately portrayed their own seasons: but with a near tragic backdrop!

Constantly, I noticed that the authorities in the field kept evaluating these young persons with other critical parameters and values totally different from their world view and experience. The monotonous comparison with Okigbo, Soyinka and Clark – kept being invoked against the performance of these youth- regardless of what they were saying and against the source of their inspirations.

Great scholars lent stature and prestige to such conversations. And because of my own preparation and familiarity across other forms of the creative process; I easily saw the shortcomings of that kind of mindset- and where it was dragging Nigeria literature.

I decided to do something about this by volunteering to document the emergent poetry by the usual métier of critical appraisal across time. I think it was Monet who said that he wanted to turn Impressionism into the art of the Museums. He was aware the new art form was different from the establishment taste of 19thCentury French official art. I desired for the kind of Nigeria poetry which has the stamp of our national experience – as a biological community of men – with advancing and varied experiences over time!

(…)

The Nobel Laureate Professor Wole Soyinka had described theirs as a ‚wasted generation‘. For the Third Wave of Nigeria Writers, the malaise had deteriorated more grossly and perhaps more hopelessly. It was as if, Life itself had stopped: only to continue in DREAMS. Thus: Gardeners of Dreams.

14. American Life in Poetry: Column 410

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

If you’ve followed this column through a good part of the seven years we’ve been publishing it, you know how hooked I am on poems that take a close look at the ordinary world. Here’s a fine poem by Eamon Grennan, who lives in New York state, about bees caught up against a closed window.

Up Against It

It’s the way they cannot understand the window
they buzz and buzz against, the bees that take
a wrong turn at my door and end up thus
in a drift at first of almost idle curiosity,
cruising the room until they find themselves
smack up against it and they cannot fathom how
the air has hardened and the world they know
with their eyes keeps out of reach as, stuck there
with all they want just in front of them, they must
fling their bodies against the one unalterable law
of things—this fact of glass—and can only go on
making the sound that tethers their electric
fury to what’s impossible, feeling the sting in it.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Eamon Grennan from his most recent book of poems, Out of Sight: New & Selected Poems, Graywolf Press, 2010. Poem reprinted by permission of Eamon Grennan and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

13. Veilchenschoß

Sappho, Frg. 30 Voigt

Mädchen …
die ganze Nacht …
deine Liebe besingen und die der
jungen Frau mit dem Veilchenschoß.
Doch aufgestanden …
geh zu deinen Freunden …
Soviel wie die hellstimmige …
Schlaf wollen wir sehen.

________

Da waren die jungen Frauen,
die haben die ganze Nacht ge
sungen von deiner Liebsten
Veilchenschoß. Aber du stehst
auf; wie Lerchen wollen wir sein, wir
wollen nicht schlafen.

Erstaunliches geschieht. Wenn Übersetzung und Nachdichtung scheinbar Gegenteiliges sagen, beginnen sich die Bedeutungen der Sapphotexte zu erschließen. „Schlaf wollen wir sehen“, heißt es bei Sappho und wie zur Antwort: „wir / wollen nicht schlafen“.

Die Texte korrespondieren. Sie sprechen, leuchten ins Gegenüber. Auch das Titelbild, gestaltet von Udo Degener, dem Verleger des Lyrikbandes, vermittelt dieses Sprechen. Darauf zu sehen: zwei spiegelbildhaft gegenübergestellte Fabelwesen mit menschlichem Gesicht, je einer gestikulierenden Hand. Man könnte beide auch als die Hände eines Einzelnen lesen, eines Mannes vor einem Spiegel, mit sich selbst im Gespräch. / Jenny Feuerstein, silbende kunst

Sappho
Scherben – Skizzen
Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen
ISBN 978-3-940531-74-0
Broschur
64 Seiten
6,90 Euro (inkl. 7% MwSt.)
Udo Degener Verlag

12. „bruder morpheus“

Wenn nun ein Sterblicher den Traumgott Morpheus zu seinem „Bruder“ er­klärt, dann bewegt er sich selbst in den fluiden Zonen des Traums und des ewigen Schlafs. Der Lyriker und Übersetzer Wolf­gang Schlen­ker, der sich im August 2011 im Alter von 47 Jahren das Leben nahm, hat Gedichte hinter­lassen, die den Arbeits­titel „bruder morpheus“ tragen. Diese Ge­dichte scheinen feine Ver­bin­dungs­linien zu jenen Dä­monen zu ziehen, die aus dem Reich der Schatten fata­listische Bot­schaften in unsere Le­bens­welt senden. Die lako­nischen Re­fle­xionen, die Schlen­ker zu des­il­lusio­nierenden Existenz-Bulle­tins gebün­delt hat, lesen sich wie nüch­terne Wider­legungen eines wie auch immer ge­arteten „Prin­zips Hoffnung“. Er­öffnet wird das Nachlass-Kon­volut mit einem Text, der aus einem fiktiven „tage­buch der zukunft“ zitiert und dort einen wenig er­muti­genden Satz findet: „ab einer bestimm­ten schwelle / kann heilung nachteilig sein“. Und weiter heißt es: „wolken ziehen über unserem gebiet / auch das wetter ist nur zu besuch / mit überleben zufrieden / ein falke fliegt / knapp über das feld / ohne zu jagen.“ Doch selbst das Überleben wird als er­stre­bens­wertes Ziel in Frage ge­stellt. Die Welt wird aus der Per­spektive einer fort­dauern­den Schrump­fung des Lebens-Horizonts und der Mini­mierung von Daseins­mög­lich­keiten wahr­ge­nom­men. / Michael Braun in der Serie „Der gelbe Akrobat – Neue Folge“ über Wolfgang Schlenker, Poetenladen

2012 erschien ein erstes Nach­lass-Konvolut mit Gedichten unter dem Titel „doktor zeit“ (roughbooks 020, Solothurn 2012). Der komentierte Text ist Heft 2 der von Urs Engeler heraus­gege­benen Zeits­chrift „Mütze“ ent­nommen, die weitere 20 Gedichte aus Schlenkers Nach­lass versammelt.

11. Dialogue With Elite Friend

Friend: Chidi, why do you waste your time and energy to write poems only to post them on blogs, listservs, websites and social networking sites for people to read free?

Me: I aim to reach the highest number of people possible from diverse backgrounds with my poetry. For me, mass media like blogs, listservs, websites and social networking sites are best for my purpose.

Friend: nonsense, poetry is for those with elevated intellect, not for everybody.

Me: wrong notion. Opaque poetry written mainly for students to read and pass exams, which they usually forget about immediately after graduation, may fall into this category. Poetry is supposed to be one of the tools of socio-political and cultural mobilization.

/ Chidi Anthony Opara, Nigerian Pidgin English Poems

10. Wahres Wort

Jede Lyrikbibliothek ohne Kookbooks ist eine traurige Sache.

(literaturwerkstatt berlin)

9. Übersetzt

Ein Band mit Liebesgedichten von Erich Fried, übersetzt von Ali Abdollahi, ist in Iran erschienen, meldet die Agentur IBNA (eine Einrichtung des iranischen Kulturministeriums). Der Artikel informiert über Frieds Übersetzungen aus dem Englischen (Shakespeare, Eliot, Dylan Thomas). Daß er zum Übersetzen kam, weil er als Jude vor Hitler nach England floh, verschweigt der Artikel wie überhaupt die Tatsache, daß er Jude war. Nicht verschwiegen wird aber, daß er umstritten war, weil er den Zionismus angegriffen habe. Ein antizionistischer Jude, das geht in der islamischen Republik (auf seinem Judesein muß man ja nicht herumreiten).

Der Artikel berichtet ferner, daß Frieds Werk hauptsächlich im Westen erschien, aber 1969 sei eine Auswahl seiner Gedichte in der DDR in der Reihe Poesiealbum erschienen, ebenso wie später seine Dylan-Thomas-Übersetzungen in der gleichen Reihe. Das stimmt, obwohl es ergänzungsbedürftig wäre. (In der DDR erschienen mehrere weitere Bände von Fried / bei dem Poesiealbum Dylan Thomas war Fried nicht der einzige Übersetzer / Fried übersetzte auch den israelischen Autor David Rokeah, der vor Hitler aus Lemberg geflohen war, aus dem Hebräischen. Zur gefälligen Benutzung durch das Kulturministerium.)

Ali Abdollahi wurde 1968 in Birjand geboren und hat u.a. Nietzsche, Rilke, Heidegger und Michael Ende ins Persische übersetzt. Seine eigenen Gedichte verfaßt er auf Persisch und Deutsch, einige finden sich in der von Gerrit Wustmann herausgegebenen Anthologie „Hier ist Iran!“

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Ausgewählt und eingeleitet von Gerrit Wustmann.

Mit Gedichten von:
Ali Abdollahi, Pegah Ahmadi, Farhad Ahmadkhan, Mirza Agha Asgari (Mani), Houshang Ebtehaj (Sayeh), Sara Ehsan, Mahmood Falaki, Ali Ghazanfari, Salem Khalfani, Mina Khani, Abdolreza Madjderey, Hossein Mansouri, Abbas Maroufi, Madjid Mohit, Leila Nouri Naini, Schirin Nowrousian, Nassrin Ranjbar Irani, Shahrouz Rashid, Negar L. Roubani, Ali Akbar Safaian, Dorna Safaian, SAID, Mohammad Ali Shakibaei, Mitra Shahmoradi-Strohmaier, Mikal Numa Shayegi, Javad Talee, Sanaz Zaresani, Kathy Zarnegi.

Bremen: Sujet Verlag 2011

8. Poetopie

warum sich nach den Nachrichten richten? Es ist doch alles bekannt

Hansjürgen Bulkowski

7. Unzuverlässiges Ich

Gerhard Falkners Gedicht beginnt mit dem Vorsatz, über das Nicht-Erinnern zu sprechen: „Es gibt hier nichts/was an dich erinnert“. Das ist ganz offensichtlich ein Widerspruch in sich selbst. Denn schon mit dieser Aussage zeigt das in einem sommerlichen Straßencafé sitzende Ich, wie intensiv es an den angesprochenen Menschen denkt. Wir dürfen seinen Aussagen also nicht trauen. Denn Wort und Bedeutung können sich weit voneinander entfernen. Der Sprecher des Gedichts steigert die behauptete Erinnerungslosigkeit ins Allgemeine und Absurde: „Es gibt hier auch niemanden sonst/der sich an irgendetwas erinnert“. Egal, ob hier einzelne Personen gemeint sind oder die Erinnerungskultur, die Überspitzung lässt das Gesagte als Autosuggestion erscheinen, als Abwehrhaltung, die im Laufe des Gedichts durch lyrische Raffinesse zerfällt und Raum für ein elegisches und trotzdem leichtes Erinnerungsgedicht schafft.

Viele der jüngeren Gedichte Gerhard Falkners erkunden nach Phasen der Sprach- und Kulturkritik nun den Innenraum des Ichs. Auch dieser Text gehört dazu. Es geht um einen Verlust, der sich anders als in Elegien der römischen Antike und des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr in Distichen, sondern in freien, aber doch höchst melodischen Versen artikuliert: ein fließender Gedankengang durch Jamben und Daktylen rhythmisiert und durch Enjambements in eine nachdenkliche Form gebracht. / Sandra Kerschbaumer, FAZ 2.3. (Frankfurter Anthologie)