121. Midtown Correspondence 4

Die Beilage „The Arts“ der New York Times vom 30.7. enthält 8 Seiten, davon 1 TV-Programm, 1 Wetter + Werbung, 2 für Dinosaurer + TV, 4 Seiten für Musik, not a word of or on poetry.

Das Boulevardblatt New York Post dagegen nennt auf der dritten Seite eine klassische Autorin, nämlich Jane Austen, und druckt daneben das ganzseitige Foto einer anderen  Autorin. Und zwar so. In London wurde ein Mann verhaftet, der einer Feministin Drohungen getwittert hatte.  Caroline Criado-Perez hatte eine – erfolgreiche – Kampagne gestartet, um eine Frau auf britischen Banknoten abzubilden. Vergangene Woche teilte die Bank of England mit, daß Jane Austen auf neuen 10-Pfund-Noten abgebildet wird. Seitdem habe sie Twitter-Drohungen bekommen, darunter Androhungen von Vergewaltigung und Mord.

Das Autorinnenfoto daneben zeigt eine Sängerin und Songwriterin. Taylor Swift ist im Bikini beim Surfen oder Paddleboarding abgebildet. Vor ihrem Haus auf Rhode Island, das sie im April für schlappe 17 Millionen erworben hatte. Soweit die Poesienachricht im Zeitungsmachern und -käufern verkraftbaren Maß.

Eine Platte im Batterypark mit dem Sonett von Emma Lazarus, das auch den Sockel der Freiheitsstatue ziert. Nur wegen des Gedichts also brauchte man nicht rüberzufahren, was mit langen Schlangen, überfüllten Booten und flugzeugähnlichen Kontrollen verbunden ist. Jeder darf seine halbautomatischen Knarren haben, aber mein Schweizer Messer bedroht die Würde und Sicherheit der Vereinigten Staaten und muß draußenbleiben.

lazarus

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120. Mara Genschel im Radio

Deutschlandradio mit einem Beitrag über Mara Genschel. Oliver Kranz schreibt:  “Willkommen im lyrischen Sprachlabor. Die Künstlerin Mara Genschel schreibt und sammelt Geräusche.”

Weiter entdecken kann man dann auch auf Genschels Blog Höhere Vasen.

Der Perlentaucher hat seine Meldung dazu mit einem Video versehen.

(gefunden bei Patrick Hutsch, open mike)

119. Eigenbrötler

Gute Gedichte provozieren immer erneut die Frage: Was also ist Lyrik, hier und jetzt, im Augenblick des Gedichts? Gedichte, wenn sie gut sind, entwickeln ein Eigensein, das Zuordnungsgewohnheiten sprengt, ästhetische Gewissheiten entwertet.

Die 100 Gedichte in E. A. Richters neuem Band Schreibzimmer sind solche Eigenbrötler: Sie sind ziemlich immun gegen das traditionelle Schmeichelidiom der Lyrik; kommen mit einem prosanahen Duktus zu ihrer lyrischen Qualität; beweisen, dass es auch eine poetische Schönheit des Begrifflichen gibt; Richters Gedichte sind meist nominal geballte, verbarme Intensiväußerungen.

„Mr. Indecision [in dem gleichnamigen Gedicht] liebt es, auf Parkbäumen / solipsistische Ironieschleifen / aufzuzeichnen, mit dem Argument / der Gefahrlosigkeit“, ein begrifflich dominierter Prosasatz, der seine Lyrizität erst als Teil des Gedichtganzen zeigt; auch strenge Fremdwörter können eine spezifische Melodie entwickeln und taugen mitunter fast zu Märchensprache: Immer wieder taucht (in Besuch) eine kleine Frau auf, direkt aus dem Boden, eine kleine Märchenfee, macht aus Wasser Wein oder Tee, „dreht sich im Kreis, drückt sich aus“, versprüht Tee oder Farbe oder Nebel und am Schluss „klärt [sie] ihre fluide Emergenz“, Fremdwörter als Klangkörper; „ihr Kleid ist patschnass“, alle Sprachebenen beweisen ihre Lyrikeignung. / Helmut Gollner, Literaturhaus.at

Zweitabdruck. (Die Rezension erschien erstmals in KOLIK Nr. 59

E. A. Richter: Schreibzimmer
Gedichte.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2012.
160 S., Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen
€ 20,00
ISBN: 978-3-902113-94-8

Leseprobe
Autor
Werke

118. American Life in Poetry: Column 432

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

One of the most distinctive sounds in small-town America is the chiming of horseshoe pitching. A friend always carries a pair in the trunk of his car. He’ll stop at a park in some little town and start pitching, and soon, he says, others will hear that ringing and suddenly appear as if out of thin air. In this poem, X.J. Kennedy captures the fellowship of horseshoe pitchers.

Old Men Pitching Horseshoes

Back in a yard where ringers groove a ditch,
These four in shirtsleeves congregate to pitch
Dirt-burnished iron. With appraising eye,
One sizes up a peg, hoists and lets fly—
A clang resounds as though a smith had struck
Fire from a forge. His first blow, out of luck,
Rattles in circles. Hitching up his face,
He swings, and weight once more inhabits space,
Tumbles as gently as a new-laid egg.
Extended iron arms surround their peg
Like one come home to greet a long-lost brother.
Shouts from one outpost. Mutters from the other.

Now changing sides, each withered pitcher moves
As his considered dignity behooves
Down the worn path of earth where August flies
And sheaves of air in warm distortions rise,
To stand ground, fling, kick dust with all the force
Of shoes still hammered to a living horse.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2007 by X.J. Kennedy. Poem reprinted from In a Prominent Bar in Secaucus: New and Selected Poems, Johns Hopkins University Press, 2007, by permission of X.J. Kennedy and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

117. He doesn’t like it

Tonight, Will Oldham, aka Bonnie ‘Prince’ Billy, is performing at Town Hall. Among other things, he is an enemy of poetry.

His sharpest and most prominent attack came in an essay in Poetry, in the June 2012 issue, in one of my favorite sections of the magazine—a feature each month in which non-poets write about poetry. I suppose it was generous of the editors of Poetry to allow what could be called a dissenting voice. Faith, after all, necessitates doubt. But it was not so much a dissenting voice as a voice that said we should shut down the proceedings. It made me ponder canceling my subscription but that would be giving in to an anti-poet and, further, might seem harsh to Poetry.

What did he say? He said poetry is stupid. In most cases condensing an argument would mean simplifying that argument and analyzing but in this case it will mean that I must expand on it somewhat, because there isn’t much to it to begin with. Poetry, he argued, makes him feel dumb because poetry doesn’t make sense. Poetry is just words on paper, and when read aloud it is worse:

Even recited, words expressively coded and adjacented are like a miracle of phonetics but do not mean what they should. It’s about the structure, but a poem holds nothing up and nothing in. It sits there. And in a public space, a read poem fills the air with signs that I cannot use to direct myself anywhere except the restroom or the sidewalk, or inside of myself.

Poetry, he „argues,“ fails in the face of, for example, a song. (By the way, Oldham uses „quotes“ in his „essay“ so when I use them, I’m merely taking it to his level, that’s all.) The songwriter is—guess what?—OK with songs:

Give me a melody—give me, better, a harmonized melody—and those words will become a part of me. This is what I, a child of the age, need.

Poetry, he continues, is intentionally obscure and thus worthless. He quotes a Shakespeare sonnet then dismisses it:

Unfortunately, the full sonnet made no sense to me, and even that quoted couplet became scrambled and indecipherable without the guidance of a critic to give it meaning—because it is poetry, and poetry is something that points to something else.

/ The awl

116. Haufs’sches Paradox

Seine Gedichte werden zunehmend durchsichtig und transzendent gemacht für existentielle Vergeblichkeitserfahrungen. „Du kannst … in deinem Leben so viele Erfahrungen machen wie du willst“, lässt sein Freund Christoph Buchwald ihn in einem fiktiven Interview sagen, „letzten Endes weißt du gar nichts, nothing, null, nada, du strampelst wie ein Käfer im Marmeladeneimer und versuchst irgendwie nochmal hochzukommen, … , aber je mehr du strampelst, desto tiefer kommst du in die Marmelade.“

Dieses ironische sogenannte „Haufs’sche Paradox“ zwischen der lebenslangen und lebensnotwendigen Bemühung und der unendlichen Vergeblichkeit dieser Bemühung trifft genau sein dichterisches Verfahren und die Grundstimmung seines Werkes: „In Stücken finden wir zur Poesie / Und heben alles auf was stürzt im freien Fall“, heißt es auf dem Rückumschlag des Gedichtbandes „Allerweltsfieber“ (1990).

Daraus ergeben sich allenfalls präzise Einzelbeobachtungen, aber keine kühnen Weltentwürfe, keine großen Gefühle, festen Überzeugungen und weitgesteckten Hoffnungen und Pläne, auch keine Botschaften. Reduzierung, Desillusionierung ist das Programm. „Wir hören Musik / Schon sind wir taub. Wir lieben / Schon töten wir“. Die pointierte, unerbittliche Genauigkeit der Beobachtung verbindet sich mit einer unaufdringlichen, aber meisterhaft praktizierten Kunstfertigkeit.

Die Themen von Haufs’ Gedichten werden (frei nach Walter Höllerer) immer gleichgültiger, die ganze Aufmerksamkeit des Autors gilt der Spracharbeit; die Texte verwenden verstärkt eine melancholisch grundierte, sehr variationsreiche Sprache. Ironische, spöttische, sarkastische, zynische Töne nehmen zu. Gedichte aus Krankenhäusern häufen sich in den letzten Jahren. Das erinnert an Robert Gernhardts „K-Gedichte“. Wie diese werden Haufs Verse brutaler, rücksichtsloser, böser, finsterer, zugleich aber auch witziger und komischer. / Wulf Segebrecht, FAZ

Hier ein Gedicht von Haufs

115. Midtown Correspondence 3

Ansagen in der U-Bahn, die besagen, wegen Bauarbeiten halte der Zug nicht an bestimmten Bahnhöfen im Finanzdistrikt. Ein Insasse gegenüber erklärt seiner Nachbarin, das sei wegen dem Hurrikan Sandy.

Überhaupt, er weiß bescheid. Im nächsten Atemzug: „The truth about 9/11?“ (Uptone). Die Wahrheit über 9/11 ist, man belügt uns nach Strich und Faden. Sagt er sehr laut und dramatisch.

Am nächsten Tag lese ich bei CBS local, daß das berühmte Nuyorican Poets Café in East Village von der Stadt Zuschüsse bekommt, um die Schäden durch Superstorm Sandy auszugleichen. $3,5 Millionen sollen dem gemeinnützigen Verein gegeben werden, damit sie den Keller und die zur Zeit unbenutzten Obergeschosse reparieren und ihre Räume dem Gesetz über Amerikaner mit Behinderungen (Americans with Disabilities Act) angepaßt werden können.

Das Nuyorican Poets Café begann um 1973 als Wohnzimmersalon für Dichter in der Wohnung des Autors Miguel Alagrin. 1975 mietete man eine Irish bar in East 6th Street und 1980 bezog man den jetzigen Standort. Es veranstaltet wöchentliche Poetry Slams sowie Theater-, Jazz-, Hiphopprogramme und mehr.

Zu dem jungen Mann zurück. Verschwörungstheorien sind lächerlich und unausrottbar, okay. Aber vielleicht hängen sie mit einer amerikanischen Tugend zusammen?

Den Staaten

Den Staaten oder einem beliebigen von ihnen oder einer beliebigen Stadt der Staaten: „Widersetzt euch viel, gehorcht wenig!“

Einmal unbesehens gehorcht heißt einmal völlig versklavt,

Einmal völlig versklavt aber wird weder eine Nation, noch ein Staat, noch eine Stadt der Erde nachher jemals ihre Freiheit wiedergewinnen.

Walt Whitman: Grashalme. In Auswahl übertragen von Johannes Schlaf. Leipzig: Reclam (1907), S. 21.

Noch ein Fensterblick:

zimmerblick

TO THE STATES.

To the States or any one of them, or any city of the States, Resist

much, obey little,

Once unquestioning obedience, once fully enslaved,

Once fully enslaved, no nation, state, city of this earth, ever afterward

resumes its liberty.

 

114. Autorendarsteller

Aber hat es nicht auch was, wenn ein Dichter wirkt wie ein Dichter? Redet wie ein Dichter? Womöglich sogar aussieht wie ein Dichter? Selbst wenn niemand sagen könnte, wie ein Dichter denn bitte auszusehen hat. Die Physiognomie von Handke brauchte keinen Warhol, um eine Ikone zu werden. Der Blick von Frisch, der Schnauz von Grass, die Pfeife von Lenz, die Brauen von Walser, die ältere Generation wusste immerhin, dass sie uns Köpfe schuldig war, die vier sahen eben nicht von ungefähr nicht so aus wie Böll. / Jochen Jung, NZZ

113. American Life in Poetry: Column 431

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a splendid poem by James Doyle, who lives in Colorado, about the way children make up mythic selves that will in some way serve them in life. To create one’s self as a palm reader is only one of many possibilities.

In the Planetarium

I read the palms of the other
kids on the field trip to see
which ones would grow up

to be astronauts. The lifeline
on Betty Lou’s beautiful hand
ended the day after tomorrow,

so I told her how the rest
of our lives is vastly over-rated,
even in neighboring galaxies.

When she asked me how I knew
so much, I said I watched
War of the Worlds six times

and, if she went with me to
the double-feature tomorrow,
I’d finish explaining the universe.

I smiled winningly. The Halley’s Comet
lecture by our teacher whooshed in
my one ear and out the other.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2012 by James Doyle, from his most recent book of poems, The Long View Just Keeps Treading Water, Accents Publishing, 2012. Poem reprinted by permission of James Doyle and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

112. Midtown Correspondence 2

Gedichte gibt es hier (Midtown Manhattan) so wenig in den Zeitungen wie in Deutschland – also noch weniger. Von Europa aus kann man es übersehen, weil auf den Webseiten der Zeitungen Blogbeiträge deponiert sind. In den ersten beiden von mir gesichteten Ausgaben der New York Times: komplette Fehlanzeige. Keine abgedruckt, keine gelistet oder besprochen. Es gibt Listen von Fiction, Nonfiction, Ratgeber und Verschiedene, Kinderbücher in 4 Kategorien und eine Editor’s Choice (Neue Bücher von besonderem Interesse), insgesamt 5 Seiten, aber kein einziges Gedichtbuch dabei. Das ist nicht einmal mehr Special interest, es ist gar nicht da.

An allen Baustellen in New York steht ein Schild in Englisch und Spanisch, manchmal auch nur in Spanisch: Ruf 311, um gefährliche Arbeitsbedingungen zu melden. Auf Englisch steht: anonym, auf Spanisch: Du mußt deinen Namen nicht nennen.

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Noch ein Bild aus der U-Bahn. Anhand solcher Tafeln wird man später unsere Sprachen entschlüsseln:

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111. 6.5 practices of moderately successful poets

So what are the 6.5 practices of moderately successful poets? No need to include spoiler alerts here. In spite of its tongue-in-cheek title, Skinner’s book mostly hurries past its how-to elements in favor of a conversation in print, an inviting coterie of one that’s sure to grow in number with its readers. Unlike many poet-­teachers, Skinner believes in native ability, and the protection of talent is the first of the 6.5 practices he extols — though he also, like all good poet-­teachers, warns students off the path. “Nothing in life is certain,” he observes. “It’s less certain as a poet. You have to commit to the uncertainty. You have to commit to unreasonable devotion, and to an art that, though practiced by many, is appreciated by very few.” Aside from a couple of unremarkable pages of advice that could be found in almost any writing manual (“carve out specific, reliable times in your week for writing”; “keep that notebook handy”), the book’s opening consists primarily — and engagingly — of two brief memoirs: the first an essay describing Skinner’s childhood in Levittown; and the second culminating in a set piece that takes place in a New Haven luncheonette. This is where Skinner, fresh from a scary encounter with a goon he’s been sent to investigate, first “finds the liminal place” — the “neither here nor there, the in-­between” that leads to poetry: “Everything I would need for eternity was suddenly present,” he recalls. “Sunlight fell through the lunch­eonette window to the black and white octagonal floor tiles and blazed up, a clean light, and dust motes turned in that shaft like slow galaxies.” / Katy Lederer, New York Times 27.7. 2012

THE 6.5. PRACTICES OF MODERATELY SUCCESSFUL POETS
A Self-Help Memoir
By Jeffrey Skinner
184 pp. Sarabande Books. Paper, $15.95.

110. Ägyptischer Dichter

Tarek Eltayeb wurde als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo geboren und ist 1984 nach Wien übersiedelt. Er unterrichtet an den Universitäten Graz, Wien und Krems und wenn man der Topographie der Kaffeehäuser im Gedichtband folgt, drängt sich der Gedanke auf, dass ein Dichter aus Kairo die Tradition der Kaffeehausdichter Wiens fortsetzt.

Diese angelernte Erinnerung birgt Klischees und die reflexive Auseinandersetzung des Autors mit persönlichen und politischen Ereignissen macht jegliche Vergleiche obsolet. Seine Landkarte der Erinnerung lässt das Alltägliche und Unscheinbare zu bedeutsamen Ereignissen werden.

Ein Glas zerbricht, die Unterbrechung währt einen Augenblick, dazwischen fügt sich der Gedanke einer Unendlichkeit von Bewegungen im Zerbrechen eines Glases ein. Niemals wieder wird ein Glas im Klang dieser Poesie zerschellen.

Kein Wort zu viel und keines zu wenig. / Lisa Ndokwu, afrikanet

Tarek Eltayeb, Er in Erinnerung, Gedichte. Aus dem Arabischen von Ursula Eltayeb, Verlag Hans Schiler 2012, ISBN: 978-3-89930-338-4

109. Wozu noch Gedichte?

DLR fragt:

„Wozu noch Gedichte lesen und schreiben?“

„Lyrik ist das punktuelle Zünden der Welt“,

sagt der Lyriker Jan Wagner.

„Lyrik ist punktuelles Zünden der Welt im Subjekte“,

sagt der Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer hundertundx Jahre vorher. Wagner läßt das Subjektwort weg, aber die Vorstellung vom „punktuellen Zünden“ bleibt im Subjektraum. – Oder anders gesagt: Wagner zitiert Vischer, bißchen out of date zugegeben, und die Interviewer merkens nicht. Sei’s drum.

Interessanter die Antworten von Cornelia Jentzsch:

Wie erklärt er sich, dass die Poesie dennoch ein solches Nischendasein fristet?

„Ich glaube, dass die Schule den Menschen die Gedichte vermiest hat. Es ist ein Grundproblem, dass die Leute denken, ein Gedicht ist etwas, das man interpretieren muss, dem man etwas abpressen muss.“

Dabei sei die Lyrik etwas, mit dem die Leute spielen könnten, das ihnen helfen könne, die Welt zu entdecken.

„Mich hat die Literatur gerettet“, sagt Cornelia Jentzsch. Die Literaturkritikerin versucht, ihre eigene Begeisterung für die Lyrik an ihre Leser weiterzugeben.

„Ich bin im Osten groß geworden, mit einer offiziellen, genormten und armen Sprache. Als ich angefangen habe, über das Leben nachzudenken, haben mir die Worte gefehlt.“

Die Literatur, besonders aber die Lyrik, halfen ihr, eine eigene freie Sprache zu finden. Daher beobachtet sie derzeit auch den osteuropäischen und arabischen Raum mit großem Interesse:

„Dort ist der Zugang zur Literatur wesentlich existentieller, über Kunst findet Gemeinschaft statt.“

Die meisten Menschen würden meist nur die Klassiker kennen, nicht aber die neue Lyrik, ganz zu schweigen von der Poesie anderer Länder.

108. American Life in Poetry: Column 430

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

There are many fine poems in which the poet looks deeply into a photograph and tries to touch the lives caught there. Here’s one by Tami Haaland, who lives in Montana.

Little Girl

She’s with Grandma in front
of Grandma’s house, backed
by a willow tree, gladiola and roses.

Who did she ever want
to please? But Grandma
seems half-pleased and annoyed.

No doubt Mother frowns
behind the lens, wants
to straighten this sassy face.

Maybe laughs, too.
Little girl with her mouth wide,
tongue out, yelling

at the camera. See her little
white purse full of treasure,
her white sandals?

She has things to do,
you can tell. Places to explore
beyond the frame,

and these women picking flowers
and taking pictures.
Why won’t they let her go?

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. “Little Girl” from When We Wake in the Night, by Tami Haaland, ©2012 WordTech Editions, Cincinnati, Ohio. Poem reprinted by permission of Tami Haaland and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

107. Midtown News

Von diversen Standorten in und um Midtown Manhattan – momentan sehe ich den East River unter der Queensborobridge, ab und zu fährt der Schatten einer Seilbahn durchs Bild – werde ich die nächsten Tage bei Gelegenheit Gesehenes, Gehörtes und Gelesenes vermelden.

Die SAC Capital Advisers, der Spitzen-Hedge-Fond, der jetzt „systematischer Verbrechen“ beschuldigt wird (was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?), erklärt, er habe eine „starke Kultur“ der Gesetzestreue, um Insiderhandel zu verhindern und verfüge auch über über eins der rigorosesten Programme zum Schutz von Hedge Fonds im ganzen Land. Die Firma erklärte, sie gebe Dutzende Millionen Dollar dafür aus und unterhalte eine aggressive Kontrolle von Kommunikationen und Transaktionen. Sie beschäftige Spitzenanwälte, die die Einhaltung der Gesetze überwachen, insgesamt arbeiten 38 Vollzeitanwälte daran. Woraus sich die Frage ergibt, was haben die getan? Fragt die New York Times auf Seite 1.

In einer Wahlsaison voll von „misbehaving men“ wirbt eine Kandidatin um die Gunst der New Yorker Wähler mit einer klaren Botschaft: I’m not one of them, ich gehöre nicht dazu.

Ein halbes Jahrtausend nach Gutenberg erlebt die Bibel ihren i-Moment. Eine von der evangelikanischen Kirche produzierte kostenlose Bibelapp namens YouVersion ist dabei, den Umgang mit der Heiligen Schrift umzukrempeln. Die App umfaßt 600 Übersetzungen in mehr als 400 Sprachen, und sie sei nicht konfessionell gebunden und auch für Katholiken, Russisch-Orthodoxe oder „Messianische Juden“ geeignet. In diesem Monat habe sie bereits 100 Millionen Downloads erreicht. Jen Sears aus Oklahoma City sagt, ihre Bibel liege zu Hause auf dem Nachttisch, wurde aber in den letzten vier Jahren, seit sie die YouVersion heruntergeladen habe, nicht mehr benutzt. Wenn sie beten wolle, greife sie zum Telefon und nicht zur Bibel.

Stay tuned.