52. Bilingual

Bilingual/Bilingüe

BY RHINA P. ESPAILLAT

My father liked them separate, one there,
one here (allá y aquí), as if aware

that words might cut in two his daughter’s heart
(el corazón) and lock the alien part

to what he was—his memory, his name
(su nombre)—with a key he could not claim.

“English outside this door, Spanish inside,”
he said, “y basta.” But who can divide

the world, the word (mundo y palabra) from
any child? I knew how to be dumb

and stubborn (testaruda); late, in bed,
I hoarded secret syllables I read

until my tongue (mi lengua) learned to run
where his stumbled. And still the heart was one.

I like to think he knew that, even when,
proud (orgulloso) of his daughter’s pen,

he stood outside mis versos, half in fear
of words he loved but wanted not to hear.

Rhina P. Espaillat, “Bilingual/Bilingüe” from Where Horizons Go (Kirksville, MO: New Odyssey Books, 1998).

Rhina P. Espaillat wurde 1932 während der Trujillodiktatur in der Dominikanischen Republik geboren und kam mit ihrer Familie in die USA ins Exil.

51. Leser

1 Nicht staunen

Lettor, tu vedi ben com‘ io innalzo 
la mia matera, e però con più arte 
non ti maravigliar s’io la rincalzo. 72 PUR 9]

Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöh’n,
Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemäß, sich aussucht, hoch und schön.

Karl Streckfuß – Die Göttliche Komödie – Fegefeuer – Gesang 09

070 Wie ich den Stoff, – mein Leser, achte drauf! –
071 Erhabner forme; drum erstaune nicht,
072 Steigr‘ ich mit größrer Kunst ihn im Verlauf.

Karl Bartsch – Die Göttliche Komödie – Fegefeuer – Gesang 09

Reader, thou seest well how I exalt
My theme, and therefore if with greater art
I fortify it, marvel not thereat.

Henry W. Longfellow – The Divine Comedy – Purgatory 

Reader! thou markest how my theme doth rise,
Nor wonder therefore, if more artfully
I prop the structure!

Henry Francis Cary – La Divina Commedia – Purgatory – 09

2 Gesunder Geist

O voi ch’avete li ’ntelletti sani, 
mirate la dottrina che s’asconde 
sotto ‚l velame de li versi strani. 63 INF 9]

You readers, who are of sound mind and memory,
Pay attention to the lessons woven into the fabric
Of these strange poetic lines.

061 O ihr, die ein gesunder Geist erfüllet,
062 Betrachtet diese Lehre, wenn sie schon
063 Der räthselhaften Dichtung Schleier hüllet.

Karl Bartsch – Die Göttliche Komödie – Hölle – Gesang 09

Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht, 
Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei’r umgeben, 
In dich verbirgt dies seltsame Gedicht.

Karl Streckfuß – Die Göttliche Komödie – Inferno – Gesang 09

O ye who have undistempered intellects,
Observe the doctrine that conceals itself
Beneath the veil of the mysterious verses!

Henry W. Longfellow – The Divine Comedy – Hell – Canto 09

 

50. Entschuldigung

Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;

Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt,
Wie, was auch Türk und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.

Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben.

Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,

Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Skorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwärts tragend.

Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns dreh’n
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn.

Dante, Inferno 17, deutsch von Karl Streckfuß

Anmerkung des Übersetzers:

tedeschi

49. Zugang

„Licht überall“ vereint Gedichte der letzten zehn Jahre von Cees Nooteboom zwischen zwei Buchdeckeln. Sein Arsenal der Worte lässt sich kaum mit wenigen Worten würdigen. Welcher Zugang zu den Versen auch gewählt wird, es eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven. Der „Zugang zu jener anderen/ bestehenden Welt,/ der Poesie“, schreibt Nooteboom, sei der Zugang zu einer Welt der Gedanken, Worte und „Paragraphen des Windes“. (…)

Für Romantik ist zugleich wenig Platz. Percy Bysshe Shelleys „wohlkingendes, strömendes, reimendes, erlaubtes Klagen“ aus dem frühen 19. Jahrhundert kann Nooteboom nicht nachempfinden, auch wenn er die Augen schließt und an das aquarellartige Gedicht „Stanzas written in Dejection, near Naples“ denkt, denn „unten/ rast der Verkehr, suizidal, eine gemeine Welt aus Jagd/ und Schwerkraft, dein niemals gesehener Alptraum“. Nooteboom ehrt den Romantiker durch ironische Imitation. Die Ewigkeit habe dieser sich verdient. Ein Schelm, wer den Autor lächeln sieht.  / Thorsten Schulte, literaturkritik.de

Cees Nooteboom: Licht überall. Gedichte. 
Übersetzt aus dem Niederländischen von Ard Posthuma. 
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 
106 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423912

48. Theodor Kramer

Am gestrigen Sonnabend, 12. Oktober, gab es im Cultimo Lieder nach Texten von dem heute fast Vergessenen Theodor Kramer. In den Zeitungen der 30er Jahre konnte man Woche für Woche Gedichte von ihm finden: von Hamburg bis Zürich und Königsberg, von Köln bis Prag und Wien. Sie verbreiteten seinen Ruf als Dichter über den ganzen deutschen Sprachraum. Der Sohn eines jüdischen Gemeindearztes aus einem kleinen Dorf in der Nähe Wiens musste 1939 das Land verlassen, um sein Leben zu retten. In England verstummte er nicht, doch er wurde nicht mehr gehört. / Weserkurier

47. Poetopie

lies langsam, Wort für Wort – das Buch in deinen Händen überträgt dir seine Zeit

Hansjürgen Bulkowski

46. Sprachkünstler

Mit schönster Stetigkeit baut der 1963 im südtirolischen Lana geborene Dichter Oswald Egger sein literarisches Universum aus: als Sprachkünstler, der ein unverwechselbares Idiom entwickelt hat, als raffinierter Buchgestalter, der seine Texte mit Zeichnungen und Formeln verknüpft, so dass der Eindruck einer in mathematische und naturwissenschaftliche Gefilde ausschweifenden «holistischen» Poesie entsteht.

In seinem jüngsten Werk, «Euer Lenz», greift Egger Motive aus Leben und Werk des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) auf, um sie seinem eigenen imaginären Kosmos einzuverleiben. An Lenz fasziniert ihn – wovon auch ein neues Hörstück zeugt –, dass dieser in Livland, östlich von Riga, geboren wurde und von klein auf mit mehreren Sprachen konfrontiert war. (…)

Oswald Egger interessiert sich für den unsteten Reisenden, für den psychisch Zerrissenen und für den Erfinder der «Luftgeistersprache», der – vor dem Hintergrund des deutsch-baltisch-slawischen «Brodelbodens» – Wörter wie «Lullidalfahabarabbers Brobdingnag» erschuf. Es ist Lenz in seinen Briefen und nachgelassenen Schriften, den Egger zitiert, wenn vom «Wurmloch zu den Wolken» die Rede ist oder von «Linz und Lunz», den Teilfiguren des psychisch gespaltenen Lenz. Mit diesem Duo oder gar Trio, das mitunter komisch-groteske Züge annimmt, ist der Autor unterwegs «durchs Gebirg», durch wildromantische Landschaften, die den dramatischen Seelenzustand des Ich-Erzählers zu spiegeln scheinen. Alles ist Weg und zugleich Weggabelung, die Spalten und Risse in Fels und Eis verweisen weniger auf sich selbst als auf den gesplitteten Mann und seine «zerscherbelte» Sprache, die freilich – darin ist Egger ein Meister – neu gefügt und «zusammengekoppelt» wird zu ungewöhnlichsten «Wortaggregaten». Das liest sich dann beispielsweise so: «Unter all dem Spuk entdeckte Wolken. Diese ballten und verschnabeln sich mit Böen und Fallwindtaschen, die ineinander beuteln über die feuchten Senken, baumlos, und Unmulden, als Fogwrasen und Marsch, so ineinandergeschachteltere Trichter, Sud-trächtig, und blumenlos moosern wie die in Gletschertöpfe getunkten Zungen.» (…)

Diese Sprache repräsentiert ein Privatuniversum, und es ist keine Frage, dass «Euer Lenz» – darin verschiedentlich auf frühere Werke des Autors verwiesen wird – dieses Privatuniversum um einige neue Elemente bereichert. Vor allem «Linz und Lunz» geistern so komisch durchs Buch, dass einem mitunter zum Lachen zumute ist. Auch wird reichlich Sprachschabernack der abgründigen Art getrieben.

Man darf sich durch Oswald Egger nicht einschüchtern lassen: Hier spricht nicht nur ein Vielwisser (und vielfach ausgezeichneter Könner), sondern eine Naturbegabung mit dem Staunen und der Spielfreude eines Kinds. / Ilma Rakusa, NZZ

Oswald Egger: Euer Lenz. Suhrkamp, Berlin 2013. 238 S., Fr. 69.90.

45. Essaypreis

Matthias Hagedorn schreibt:

Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist zumal, zumal es sich bei den ausgezeichneten Autoren um Lyrikerinnen und Lyriker handelt. Die Jury hat sich nach intensiver Beratung als Preisträger für den KUNO-Essaypreis 2013 für Sophie Reyer, Christine Kappe und Jan Kuhlbrodt entschieden.

Sophie Reyer geht im Essay Referenzuniversum der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Sie gestaltet sich einen Allegorienaufmarsch mit Texteinheiten voller Schalk und Weisheit. (…) Die Generation um Reyer setzt auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbunden haben. Es geht ihnen nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem grossen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Diese Generation kann viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit und mit ihrem individuellen Eigensinn dazu beitragen, die Idee einer Poesie immer wieder neu entstehen zu lassen. Reyer bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik.

Christine Kappe stellt die Frage: „Findet das Heute überhaupt statt?“ Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour. Diese Autorin wartet in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obzwar sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. (…)

Ganz im Sinne Montaignes wagt sich Jan Kuhlbrodt an einenVersuch über Ingold. Das Tastende dieses Vermittlers läßt sich durchweg in seinem Schreiben finden, etwa in seinem Langgedicht Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Sein Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit. Und es sind überwiegend Lyriker, denen sich Kuhlbrodt essayistisch widmet. Stoische Geringschätzung von Äußerlichkeiten, Kritik des Wissenschaftsaberglaubens und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen sowie Skepsis gegenüber jeglichen Dogmen kennzeichnen seine essayistischen Porträts. Seine trefflichsten Essays sind auch verkappte Selbstporträts. Dieser Außenseiter versteht problematischen Naturen. In den Details erkennt er die Eigenwilligkeiten. Für einen Autor, der vorgibt, die Literatur sei sein Lebensgefühl, ist das ein Triumph der Kritik über ihren Gegenstand.

44. Anthologie

In wenigen Versen lässt Bertolt Brecht ein Mädchen über die Liebe sprechen. Was sie im Gedicht scheu verschweigt, tritt für Marcel Reich-Ranicki dennoch offen zutage. In den kommenden Wochen veröffentlicht die FAZ ausgewählte Beiträge zur „Frankfurter Anthologie“ aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki.

43. Sophie Reyer

Sie spricht mittels fragiler lyrischer Partituren das „Gewicht der Welt“ in all seinen Erscheinungsformen (Gesellschaftskritik, Alltag, Geschichte, Innerseelisches, Körperhaftigkeit, Schreiben, Reisen) an, um sich nachdrücklich (eine Nachdrücklichkeit, die aus einer Zartheit im Umgang mit den Dingen heraus entsteht) zu positionieren.

Petra Ganglbauer

Und wenn man es so liest, ist Sophie Reyer eine Vorschreiberin der Kunstform der Twitteratur. In binnen reichen ihre poetische Gedankenfragmente meist nicht über mehr als zwei Zeilen hinaus. Andere Wortfelder sind dagegen länger, sie erstrecken sich über sieben, acht, oder neun Zeilen und werden im Querformat über die ganze Seitenbreite gezogen. Was diese lyrischen Miniaturen gemein haben, ist eine extreme Verknappung, Dichtung im eigentlichen Sinn. Damit schafft Reyer Bilder, klare, scharfe Eindrücke. binnen ist gegliedert in die Zyklen, Reise (außen), Trip (innen) und Netz (spinnen) drei zeitgenössischen österreichischen Autorinnen widmet: Margret Kreidl, Olga Flor, Petra Ganglbauer. Die drei Kapitel arbeiten mit einer Reduktion auf die Themenfelder Schreiben, Schauen, Stadt, Armut, Schmerz, Kindheit und den Wortserien Blick, Schlaf, Schreiben, Sommer, Erinnern, Fahrtwind. Das Bildnerische und das Musikalische kann man zu Reyers Haupt-Motivquellen zählen.

(…)

Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“.

Sophie Reyer

/ Matthias Hagedorn, KuNo

  • Baby Blue Eyes von Sophie Reyer, Ritter Literatur, 2008
  • binnen von Sophie Reyer, Leykam Verlag, 2010.
  • flug (spuren) von Sophie Reyer, edition keiper, 2012
  • MARIAS von Sophie Reyer, Ritter Literatur, 2013
  • die gezirpte Zeit, von Sophie Reyer. Neue Lyrik aus Österreich Band 2., 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013

42. Uma

Roberta Dapunt, Lyrikerin aus dem ladinischen Gadertal, bringt mit ihrer Dichtung eine Stimme in die Gegenwartsliteratur, die in ihrer Evokation und Haltung schier überrascht und ein Verhältnis von Kunst und Mysterium ungetrübt erprobt. Auf großes Echo stieß sie mit dem Lyrikband „La terra più del paradiso“ (Einaudi, 2008) und die ladinischen Gedichte aus „Nauz“ (übersetzt von Alma Vallazza, Folio Verlag, 2012) erweckten auch im deutschen Sprachraum die Aufmerksamkeit der Kritik und Leserschaft.

Nun erscheint ein neuer Gedichtband von Roberta Dapunt, der sich in intensiven und ergreifenden literarischen Bekundungen der Krankheit der Demenz widmet und in zyklischer Form dem Prozess des menschlichen Verfalls antwortet.
Zum neuen Gedichtband schreibt Mauro Bersani, Verlagsleiter von Einaudi: „Die Gedichte von Roberta Dapunt, die in einfacher und kluger Weise Sprechen und Stille abwägen, sind stets ein Dialog mit dem Spirituellen, das sich im Austausch mit den kleinen und großen Geheimnissen des Alltags ereignet. Das vordergründige Geheimnis, von dem dieses Buch handelt, ist die Demenz und der an Alzheimer Erkrankte, der zum unbekannt/fremd bleibenden Anderen schlechthin wird: schwebend in einem Zwischenraum eines metaphysisch Fernen und gleichzeitig des Persönlichen, Körperlichen und emotional Konkreten.

Hier also ist der fortdauernde poetische Dialog mit der „Uma“ verankert, und was auf Ladinisch Mutter bedeutet, wird von der Dichterin als universeller Name, als Anrede, als eine Art Du verwendet, das unterschiedliche, eigene und fremde Erfahrungen vereint. (…)“ / Neue Südtiroler Tageszeitung

41. Heute

Heute vor 50 Jahren starb Jean Cocteau im Alter von 74 Jahren in Milly-la-Forêt bei Paris. Cocteau arbeitete u.a. als Journalist, Zeichner, Maler, Buchillustrator, Lyriker, Dramatiker, Romancier, Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler.

Mit Deutschland und der deutschen Sprache verband ihn eine besondere Beziehung. Schon durch sein deutsches Kindermädchen Josephine Ebel, die aus Essen stammte, lernte er die deutsche Sprache kennen und lieben. Durch sie wurde er auch mit Goethe und Kleist bekannt. Um die Übertragung seiner Schriften ins Deutsche bemühten sich so bekannte Dichter wie Rilke oder Celan. So soll Rilke kurz vor seinem Tod mit der Übersetzung des »Orphée« begonnen haben und Celan übertrug den Essay Der Goldene Vorhang ins Deutsche. Cocteau selbst schrieb auch einige Gedichte in deutscher Sprache, beispielsweise dieses

Blut

Wir haben mehr Blut als wir denken.
So schnell macht die Liebe nicht tot!
Viel Schmerzen kann uns die Liebe schenken,
Unser Blut aber bleibt noch sehr lange rot.
Und wenn wir gar kein Blut mehr haben,
Wenn man uns in die Grüfte tut;
Und sind wir noch so lang vergraben,
Für Schmerzen bleibt noch etwas Blut.

Seine deutschen Gedichte wurden erstmals von Klaus Mann 1934 in der Exilzeitschrift „Die Sammlung“ veröffentlicht.

Über seinen letzten Film Le testament d’Orphée sagte er kurz vor Abschluss der Aufnahmen: „…die außerordentliche Bedeutung dieses Films. Nach vierzig Jahren der Suche handelt es sich um das erste Experiment einer Transmutation der Worte in Handlungen. Um eine Ordnung von Handlungen wie die Ordnung der Worte in einem Gedicht. Der Film ist ein getätigtes Gedicht ohne eine Spur von poetischem Verb.“ In Statistenrollen tauchten einige seiner prominenten Freunde wie Pablo Picasso, Lucia Bosé und Luis-Miguel Dominguín auf (ca. 1:10:00). Die Hibiskusblüte, der „wahre Star des Films“ (Cocteau), ist ab 0:19:44 zu sehen.

Fernsehtip
Sonntag, 13. Oktober 2013:
20.15-21.45 arte
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Fantasyfilm, Frankreich, 1946
21.45 arte
Cocteau Marais – Ein mythisches Paar

*****

An diesem Tag im Jahr 1958, vor 55 Jahren, starb der Dichter Johannes R. Becher. In seiner Jugend war der Sohn eines Münchner Richters einer der wildesten expressionistischen Dichter, er wurde nacheinander Mitglied der USPD, dann des Spartakusbundes, aus dem die KPD wurde, aus der er dann austrat und Christ wurde und nach 3 Jahren wieder in die Partei eintrat. Er wurde Multifunktionär, überlebte Hitlers und Stalins Terror, nach dem Sieg über Nazideutschland flog er nach Ostberlin, gründete den Kulturbund, holte viele Emigranten in das östliche Deutschland, in der DDR wurde er Kulturminister, nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn, nach welcher Ulbricht die Reformkommunisten ins Zuchthaus steckte, übte er Selbstkritik, versteckte seine kritischsten Gedichte so gut, daß manche erst 1990 wahrgenommen wurden, und trat von seinem Amt zurück.

Im Jahr 1950 führte er ein öffentliches Tagebuch, das er im Jahr darauf veröffentlichte. Neben viel Parteichinesisch stehen dort erstaunliche Sätze, die kein anderer damals in der DDR veröffentlichen konnte. Zum Beispiel über Generationen:

Jede Zeit muß sich auch ihre Vergangenheit neu schaffen.

***

… In Zeiten mit rasch sich veränderndem Positionswechsel muß beinahe jede Generation einen neuen, eigenen Standpunkt sich erobern gegenüber dem Gesamtkomplex der menschlichen Vergangenheit. Natürlich ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen, und so schleppt jede Generation ihren Aberglauben mit sich herum, das heißt unüberarbeitetes, mechanisch übernommenes Erbe, meist aus Namens- und Begriffsballast bestehend, der niederzieht und in ein Abgelebtes zurückholen möchte, ein oft unwiderstehlicher Sog ins Veraltete zurück, eine stumpfe, träge Altertumsmasse.

40. Im Messegedränge

… vorm Stand von S. Fischer diesen Kommentar zum Lyrikprogramm des großen Verlages aufgeschnappt:

2012 liao yiwu und uwe kolbe, wulf kirsten, ganze drei lyribände, sieht man mal von aufgewärmten und exhumierten ab, alle männer, davon ein friedenspreisträger und alle seit jahrzehnten bekannt. hut ab, enorme innovationleistung, da traut man sich was. auf solche verlage kann ich tatsächlich verzichten, da könnte mich ehrlich gesagt auch ein auspuffhändler verlegen, da wäre ich dann wohl ähnlich gut aufgehoben, ja. ich kenne fischerautoren, die könnten ja auch mal den mund aufmachen und sagen, wie peinlich: euer lyrikprogramm.

Ja, wo es recht hat, das Gedränge.

39. Buch der Körper

Nach dem „Buch der Dinge“ (2006) hat Aleš Šteger nun ein „Buch der Körper“ geschrieben. Überaschenderweise spielt er die Wahrnehmung darin nur indirekt aus. Den Körper als das vermeintlich Andere des Denkens fasst er als ein Gebilde, das zum Ausdruck drängt: Die Äußerungen des Körpers lassen sich als Zeichen verstehen und deuten. Umgekehrt können gerade die Wörter wie Körper erscheinen, sie können schnüffeln und streunen oder an eine transparente Membran erinnern: „Der Übergang / pulsiert“.

Zu drei Kapiteln hat ŠŠteger seine Körperverse angeordnet. Fast asketisch muten die ersten Gedichte an, abstrakte Variationen einer Schöpfungsgeschichte, die um Begriffe wie „Einer“, „Etwas“ oder „Nichts“ kreist. „In keiner Richtung. / Auf verwischter Spur“ macht ŠŠteger die vermeintlich festen Bestimmungen wieder flüssig. So reduziert das erste Kapitel erscheint, so vielschichtig und schillernd ist das zweite mit seinen weit ausgreifenden Prosagedichten. Erzählerisch und bildlich fächert ŠŠteger die Fragen noch einmal neu auf. Und schafft eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung, Wortspiel und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen gar nicht trennen lässt. Eben noch skizziert er einen Traum, schon wechselt er zu einer philosophischen Betrachtung, macht Spaziergänge durch die englische Landschaft oder erinnert sich an jene slowenische Gegend rund um das Städtchen Ptuj, wo er 1973 geboren wurde.

Nico Bleutge, Potsdamer Neuste Nachrichten

Aleš Šteger: Buch der Körper. Gedichte. Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Matthias Göritz, Schöffling, Frankfurt/Main 2013. 149 Seiten, 19,95 €.

38. Brasiliens Lyrik

Autor Uhly über brasilianische Dichtung als Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse

Steven Uhly im Gespräch mit Liane von Billerbeck, Deutschlandradio

Brasilien präsentiert sich als Gastland der weltweit größten Buchmesse mit seiner facettenreichen Literatur. Sehr prägend für die brasilianische Lyrik war die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1984, wie der Schriftsteller Steven Uhly erklärt.

von Billerbeck: Brasilien, das ist ja ein sehr buntes Land. Brasilianer können Wurzeln auf drei Kontinenten haben: in Europa, in Afrika und in der indigenen Kultur Südamerikas. Was bitte ist denn dann brasilianische Literatur?

Uhly: Da darf man nicht die Brasilianer japanischer Herkunft vergessen. Es gibt in São Paulo allein, ich glaube, inzwischen 700.000 oder 800.000 brasilianische Japaner oder japanische Brasilianer. Historisch gesehen haben Sie natürlich recht: Die Portugiesen haben das Land erobert, haben erst mal die Indios unterjocht oder eben auch massakriert, und dann brauchten sie für die vielen schönen Rohstoffe robuste Arbeiter, die haben sie sich aus Afrika geholt. Um dieses Dreieck dreht sich natürlich sehr vieles, es ist klar.

Was die Lyrik ist in dem Zusammenhang: Die Lyrik ist meines Erachtens, na ja, so ein Laboratorium, in dem die Dichter versuchen, das zu integrieren, was sie, wenn sie vorurteilslos hinschauen, was sie vorfinden in der brasilianischen Wirklichkeit.

von Billerbeck: Wie machen sie das?

Uhly: Das war eigentlich Oswald de Andrade, ein Dichter des Modernismus, also einer Kulturbewegung, die aus Europa kam, der 1930 gesagt hat: Wir müssen einfach zum Kannibalismus zurückkehren – und damit meinte er natürlich nicht den historischen Kannibalismus, sondern er meinte so eine Art kulturellen Kannibalismus -, nämlich einfach alles in uns reinstopfen, worüber wir stolpern, und halt gucken, was dabei rauskommt. Das war in gewisser Weise eine Gegenbewegung zur offiziellen Literatur und auch Haltung der Regierung, die wesentlich von Gilberto Freyre vorgegeben wurde. (…)

Uhly: Die Literatur war eigentlich – und das ist halt das ganz Tolle für mich als Dichter und Schriftsteller selber -, die Lyrik hat eine Qualität erreicht, die mich, als ich damals nach Brasilien kam, vollkommen überrascht hat. Was mich auch vor allem sehr überrascht hat, war, dass die Qualität der Liedtexte der Qualität der rein geschriebenen Dichtung in nichts nachstand. Also, es befand sich beides auf einem sehr, sehr hohen Niveau, wie ich das von Europa gar nicht kannte.

Das kam tatsächlich durch ein Paar, ein Komponisten-Musiker-Paar, das sehr berühmt geworden ist, durch Lieder wie „Girl from Ipanema“, nämlich (…), ein Dichter des zweiten brasilianischen Modernismus, und Tom Jobim, der halt als Komponist und als Musiker sich damals einen Namen gemacht hat, und die haben sich dann zusammengetan in den 50er-Jahren, Anfang der 50er-Jahre, und haben gemeinsam die Bossa Nova erfunden. (…)

Am Anfang der 60er-Jahre gab es eigentlich vor allem die damals bereits schon als bürgerlich verschriene Bossa Nova, dann gab es die linke, die engagierte Literatur, und dann gab es … Anfang der 60er-Jahre entstand die konkrete Poesie in São Paulo, und es regte sich in Bahia halt zum ersten Mal die afrobrasilianische Kultur. Und während die Linke sich eigentlich an der Rechten aufrieb, haben sich diese beiden anderen Strömungen erst mal relativ ungehemmt entwickeln können, weil sie eben nicht in diesen Antagonismus verfielen.

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