BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Peter Everwine is a poet whose work I have admired for many years. Here is a poem about an experience many of us have shared. Everwine lives in California, but what happens in this poem happens every day in every corner of the world.
After the Funeral
We opened closets and bureau drawers
and packed away, in boxes, dresses and shoes,
the silk underthings still wrapped in tissue.
We sorted through cedar chests. We gathered
and set aside the keepsakes and the good silver
and brought up from the coal cellar
jars of tomato sauce, peppers, jellied fruit.
We dismantled, we took down from the walls,
we bundled and carted off and swept clean.
Goodbye, goodbye, we said, closing
the door behind us, going our separate ways
from the house we had emptied,
and which, in the coming days, we would fill
again and empty and try to fill again.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Peter Everwine, from Listening Long and Late (University of Pittsburgh Press, 2013). Poem reprinted by permission of Peter Everwine and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Rainer Wieczorek
Deutschland Deutschland für uns alle
Für uns alle in unsrem Land
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich und schwesterlich zusammenhält,
Von der Nahrung bis in die Bildung
Von der Medizin bis in das Geld
Deutschland Deutschland für uns alle
Für uns alle Paradies im Land
Paradiesisch für die ganze Welt
Lieben edel aufrecht treu
Es ist die Haltung die wir küssen
Frauen Männer Kinder,
Oh du schöner Mensch
Diese Menschen sollen in der Welt beweisen
Einen offenen schönen Klang
Bis in die Farben aller Künste, allem Sachverstand
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang
Uns der Menschlichkeit verpflichtend
Nie wieder Krieg und Massenmord aus deutschem Geiste,
der Verstand
Brüderlich und schwesterlich zur ganzen Welt
Einigkeit und Recht und Freiheit
Einigkeit im Geben und im Nehmen
Danach laßt uns alle streben
für das deutsche Geschwisterland
gastlich mit Herz und Hand
Einigkeit und Recht und Freiheit
sozial Gerecht und gut Gesonnen
Einigkeit in allem was Ihr habt und gebt
sind des Glückes Unterpfand
Blüh im Glanze dieses Glückes
blühe deutsches Geschwisterland
Europa Europa darin wollen wir leben
Blühe blühe geliebter Menschen
allen Sonderlingen stets gerecht
Blühe blühe geliebtes Europaland
blühet alle Regionen
Blühet jedes Bächlein aller Wald und jede Flur
lasset blühen alle Kreaturen
Blühe blühe geliebtes Europaland
freundschaftlich zu aller Welt
Kein Gott wird dabei helfen
Es ist der Mensch zum Menschen
seine eigenste Instanz.
Dem Hölderlin im Turme gewidmet und dem Musikant vom Hermannplatz (Rainer Wieczorek 2012/13)
Das fortwährende Ringen um Identität, Herkunft, Rasse und Gerechtigkeit ist das Kernthema ihrer Texte. In ihnen setzt die 48-Jährige sich mit ihrem persönlichen Trauma genauso auseinander wie mit dem Trauma ihres Heimatlandes. Sie schreibt über Weiblichkeit, Widerstand und über den satirischen Disput, den sie mit ihrer Muse ausficht.
Sag ich zu meiner Muse: Du hängst immer nur hier rum.
Sie liegt im Bett und liest Gedichte. Sag ich:
Andere Musen müssen meilenweit Wasser schleppen.
Sie bittet mich darum, ihr einen Tee zu kochen.
Von der Küche aus ruf ich ihr zu: Darf´s vielleicht noch ein Keks dazu sein?
Nicht nötig, sagt sie. Sie ist nicht gierig oder so und beteuert
mindestens zwei Mal am Tag, dass sie mich liebt. Aber irgendwie
denk ich trotzdem, dass sie mich ausnutzt (…)
(Übersetzt von Odile Kennel)
(…)
De Villiers will ihre persönliche lyrische Revolte in Johannesburg fortsetzen – und zeitgenössische südafrikanische Poesie an die Schulen bringen. „Wegen der Kolonialgeschichte ist unser poetischer Kanon bis heute von toten, weißen Männern bestimmt. Und vielleicht von zwei oder drei sehr, sehr, sehr alten schwarzen Männern. Dabei hatten wir in den letzten 50 Jahren eine überwältigende poetische Produktivität. Wir wollen auch Songwriter mit ins Boot holen. Es gibt tatsächlich einige indigene afrikanische Sprachen, die gar kein Unterschied zwischen singen und rezitieren machen.“ / Sarah Zimmermann, Die Zeit
„Lass mich am Leben, Leser“, bittet die 1975 in Madras geborene Poet-Performerin Tishani Doshi. „Dieser Hals hat sich in jahrelanger Arbeit / gestählt um dieser Axt zu widerstehen / Und dieser Körper, schmal wie er ist / hat so viele Glieder an Kriege verloren.“ Die Orte der Schlachten, die sie in „Kontrakt“ beschwört, sind der in Indien so oft geschundene weibliche Körper, aber auch das Gedicht selbst, in dem sich die Autorin mit jeder Zeile bereit erklärt, ihre „Haut umzustülpen“.
Wie ihre afrikanischen Karawane-Kollegen Wanjiku Mwaurah, Alain Serges oder Sbu Simelane kommt Tishani Doshi von den „Rändern der Komfortzone“.
Aus einer Welt, in der, wie sich am Freitagabend in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zeigte, poetische Wortkunst nicht, wie der Expressionist Kurt Hiller einst „Gegen Lyrik“ polemisierte, wie „gequetschter Speck“ aus den „seelenvollen Wurstfingern einer weiblichen Muse“ geschlagen wird, sondern aus einer politischen und körperbezogenen Bewegung. (…)
Dass einige Granaten des Ersten Weltkriegs nach wie vor nicht entschärft sind, zeigt das Beispiel Türkei, das sich bis heute seiner Schuld an den Armeniern nicht offenen Auges stellt und Nationalismus auch durch innere Kriege begünstigt. Gespenstisch mutet es an, wenn die im Ersten Weltkrieg erfundene Gasmaske wieder auftaucht in einem Gedicht von Gökçenur C. mit dem Titel „Gasmaske, Taucherbrille, Talkum und Milch“ als Gegenmittel gegen die Reizgasangriffe der türkischen Polizei auf die Gezi-Aktivisten. „Irgendwie schienen sich alle zum ersten Mal zu küssen und die Bäume zu achten“, lautet eine Gedichtzeile von Onur Behramoglu, die die Begeisterung, den anfänglichen „Zauber“ und die „Liebe“ besingt, die die türkische Zivilgesellschaft mit der neuen Hackergeneration auf dem Taksim zusammenschweißt.
Die dabei entstehende Street Art Poetry, die ausschnittweise vorgestellt wurde, erzählt von der Faszination des Aufbruchs, aber auch von der Ernüchterung und vom Schrecken. Geht nicht auf die Balkone, warnt etwa Kaan Koc, ihr könntet sterben. „Der Wind hat seine Geduld verloren, kommt auf mich zu / Panzerwagen, Gewehre, Kinder, Erste Nächte, jungfräuliche Tode / Das Sauberste. Die nach und nach erfahrene Ohnmacht des Wortes verdichtet die Lyrikerin Nesilhan Yalman: „Das Gedicht ist in die Stadt gekommen /– vergesst es – / es gibt keine Verständigung ab nun.“ Und Gökçenur C. konstatiert: „Einst nahm ich an / die Worte böten Schutz.“ /
Ulrike Baureithel, Tagesspiegel
Von einem solchen berichtet der Perlentaucher, einem hübschen Aufruhr unter den Dichtern – :
… in Großbritannien, wo der BBC-Moderator Jeremy Paxmann diesmal in die Jury des Forward Prize berufen wurde. Das hat sich laut [Adam] Kirsch echt bezahlt gemacht: „Paxmann wurde mit den Worten zitiert, er wünschte, dass Lyrik ‚ihre Einsätze ein bisschen erhöhen würde, ihre Sichtbarkeit‘ und ’sich bemühen würde, auch normale Menschen anzusprechen‘. Er liebe Poesie, betonte er, die Shortlist des Forwards sei gut, doch im Allgemeinen würde sich die Kunst mit ihrer eigenen Irrelevanz abgeben‘. Bis dahin hatte Paxmann noch nichts gesagt, was nicht viele Dichter auch selbst oft sagen – zumindest wenn Dana Gioia fragt ‚Spielt Dichtung eine Rolle?‘ Was die Lyriker aber wirklich ärgerte, war, dass Paxmann ‚eine Inquisition‘ forderte, vor der Dichter ‚für ihre Lyrik zur Rechenschaft gezogen würden‘.“
zur Debatte ist meiner:
Nor is it easy to make the case that poetry is more unpopular today than it has been in most of history. There have been periods when poetry was genuinely popular—a significant number of people in nineteenth-century England bought Tennyson’s books—but such ages are the exception. In absolute terms, far more people are professionally involved with poetry today—as writers or MFA students or English majors—than in the golden age of Wyatt and Surrey, when manuscripts were passed hand to hand among a small circle of courtiers. Indeed, the problem today might be that poetry has too many stakeholders—that it has lost the agility and ruthlessness that it possessed when it truly was a coterie art. A coterie at least has the advantage of definite taste and genuine intimacy. When Ezra Pound helped to make modernism, it was because he convinced 20 other poets to follow his lead.
Maybe the watchword of the future, then, should not be more accessibility and more popularity—the average book of poetry is, in fact, paralyzingly accessible, wearing its heart and its language on its sleeve—but rather, back to the coterie. Let the best poets find each other, read each other, and promote each other, as the best poets have always done. Let them ignore both the demands of the public and the demands of the poetry world, and write as they feel compelled to write. That is the only way to produce work that, in a hundred years, the Paxmans of the future will consider classic, and use to shame the poor poets of their time. / The new republic
So tobt die Schlacht.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
When a poem has a strong story to tell, the simplest and most direct language is often the best choice because the poet may not want literary effects to get in the way of the message. Here’s a good example of straightforward language used to maximum effectiveness by Jeanie Greensfelder, who lives in California.
Sixth Grade
We didn’t like each other,
but Lynn’s mother had died,
and my father had died.
Lynn’s father didn’t know how to talk to her,
my mother didn’t know how to talk to me,
and Lynn and I didn’t know how to talk either.
A secret game drew us close:
we took turns being the prisoner,
who stood, hands held behind her back,
while the captor, using an imaginary bow,
shot arrow after arrow after arrow
into the prisoner’s heart.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2012 by Jeanie Greensfelder from her most recent book of poems, Biting the Apple, published by Penciled In, 2012. Poem reprinted by permission of Jeanie Greensfelder and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Alan Kaufman ist einer eingeweihten Leserschaft bekannt als Mitherausgeber der »Outlaw Bible of American Poetry«, einer starken Anthologie, die von den Beats bis zur jüngeren Spoken-Word-Bewegung die geballte Kraft nordamerikanischer Renegaten- und Außenseiterdichtung präsentiert. In einem kleinen, aber feinen Tiroler Verlag, der Edition BAES, ist unlängst eine ebenso starke Sammlung eigener, ins Deutsche übertragener Gedichte des in den 50er Jahren in der Bronx aufgewachsenen und seit längerem in San Francisco lebenden Poeten jüdisch-französisch-amerikanischer Herkunft erschienen, der sich seinerzeit in der Szene des Nuyorican Poets Cafe und später in den Kreisen des Cafe Babar einen Namen gemacht hat.
Das Amerika der »Zwangsjackenelegien« ist eine seinen Bewohnern abhanden gekommene Whitmansche Verheißung, ein Niemandsland, über dessen stillgelegte Stahlwerke und verslumte Innenstädte, Crackhöhlen und Gefängnishöfe, über dessen gestohlene Farmen die Reichen, »die mit ihren Kreditkarten, Häusern und Jobs, Freunden und Telefonkarten«, wie Götter in Jets fliegen, während unter ihnen die freundlosen Armen, die traurigen Flüchtlinge und mutlosen Verlorenen als echte Reisende im Bauch von mattsilbernen Greyhound-Kisten lange, einsame Straßen hin zu unbekannten Zielen durchmessen.
Das Land ist am Arsch, aber der egalitäre Dichter ist sich nicht zu schade, selbst in den unglückseligen Bus zu steigen, um darin den Kontinent der Verzweiflung, »das private amerikanische Inferno« zu durchqueren und damit bis »zur Unschuld« zu fahren, denn
»die Zeit ist reif, die Verfassung/ zu schreiben/ mit unserer Dichtung und unserem Fleisch.
Die Zeit ist reif,/ sich für die Freiheit zu kostümieren/ und mit Wörtern, stahlbestückten Peitschen gleich,/ in die Seele Amerikas zu reisen/ und dort zu wüten und zu singen,/ bis jedes hungernde Kind/ genug zu essen hat.«
Kaufmans visionäre Stimme kommt nicht leise daher und pastoral, sondern brüllend und voller Zorn. Sie ist ein »Schrei von unten«; er soll »die Dämme und Deiche faschistischer Feigheit« übersteigen und niederreißen, womöglich aufgehen im kollektiven GEHEUL einer ganzen Batterie von Dichtern weltweit, das uns hoffentlich in ein neues, wahrhaft demokratisches Zeitalter begleiten und zu einer Gesellschaft führen wird, die den »schmutzigen Fleischhaufen«, die heute noch auf den Gehsteigen krepieren, die ausgestreckte Hand reicht und worin gesunde Ernährung, medizinische Versorgung, neu besohlte Schuhe und Wintermäntel »von kosmischem Nutzen« sind und vor allem: eine Selbstverständlichkeit. / Egon Günther, junge Welt
Alan Kaufman: Zwangsjackenelegien. Ins Deutsche übertragen von Jürgen Schneider. Edition BAES, Zirl 2013, 94 Seiten, 12 Euro
Einsendeschluss für die Bewerbungen: 15. September 2014
Ausschreibung
Wie in jedem zweiten Jahr, schreibt die Stadt Darmstadt für das Jahr 2015 den Leonce-und-Lena-Preis in Höhe von 8.000,00 EUR und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise in Höhe von insgesamt 8.000,00 EUR für deutschsprachige Lyrik aus. 2015 findet der Literarische März zum 19. Mal statt.
Teilnahmeberechtigung und Bewerbungsmodalitäten
Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1979 geboren sind.
Es können bis zu 12 Gedichte eingereicht werden.
Die eingereichten Gedichte dürfen zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht in Buchform in einem Verlag erschienen sein.
Die Rechte an den Texten liegen ausschließlich bei den Verfassern.
Es bleibt den Bewerbern überlassen, ob sie auf den einzelnen Gedichten ihren Namen vermerken.
Das Lektorat entscheidet unter Ausschluss des Rechtsweges darüber, welche Autorinnen und Autoren zum Wettbewerb eingeladen werden. Die ausgewählten Autorinnen und Autoren erhalten bis Ende 2014 eine Einladung. Absagen werden nicht verschickt.
Bewerbung hier
Lektorat
Fritz Deppert, Christian Döring, Hanne F. Juritz
Darmstadt hält auf Tradition. Zusammensetzung des Lektorats:
Durchschnittsalter des Lektorats: 71
Moderation
Insa Wilke
Jury
Sibylle Cramer, Kurt Drawert, Norbert Hummelt, Jan Koneffke, Marion Poschmann
Am 10. Juli 2014 ist Einsendeschluss für den 22. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik. Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen haben. Berücksichtigung finden kurze Prosa, ein in sich geschlossener Auszug aus einem längeren Text ODER Lyrik.
6 Lektoren aus renommierten Verlagen wählen die Teilnehmer aus, die am 8. und 9. November 2014 zum öffentlichen Finale nach Berlin eingeladen werden. Die Autoren-Jury vergibt einen Preis für Lyrik und zwei Preise für Prosa. Der open mike wird ausgeschrieben von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation und ist mit insgesamt 7500 EUR dotiert.
Die Teilnahmebedingungen für den 22. open mike finden Sie unter
Einsendeschluss: 10. Juli 2014 (Datum des Poststempels)
Einsendungen unter dem Kennwort „open mike“ an:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstraße 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
FRIEDERIKE MAYRÖCKER : FESTAKT DER BILDENDEN
Entwendet bei in|ad|ae|qu|at
Ein gutes halbes Jahr vor dem kalendarischen 90. Geburtstag Friederike Mayröckers wird selbiger mittels eines “Festaktes” nun bereits unter hochsommerlichen Umständen an und von der Akademie der bildenden Künste zelebriert . Schliesslich ist Mayröcker Ehrenmitglied der Bildenden und ist man offenbar darauf bedacht , dem anzunehmenden Andrang von Gratulanten und Garanten kultureller Information elegant zuvorzukommen . Ganz zu schweigen von den anlassbedingten Einladungen ( = Lesungs- und Auftrittspflichten ) , welche der Autorin , die ihre Zeit in rastloser poetischer Arbeit verbringt, mitunter Mühe bereiten .
Wobei es nicht nur um den Auftritt an sich geht , sondern um dessen Vorlauf und Nachhall. Die Freude an der Gelegenheit , Mayröcker in ihrer unverkennbaren und in den vergangenen Jahren ebenso brüchiger wie intensiver gewordenen Diktion live miterleben zu dürfen, bleibt trotz allem mit ambivalenten Momenten gemischt .
Freuen darf man sich gelegentlich auf die Laudatio der Vertrauten und Kennerin des Werks Elisabeth von Samsonow , auf den Vortrag des Mayröcker- Spezialisten Klaus Kastberger ( “zum Werk” ) , besonders aber auf die Aufführung von Beat Furrers Komposition “auf tönernen füssen für Stimme und Flöte nach einem Text von Friederike Mayröcker“ ( mit Gina Mattiello , Stimme und Elena Gabbrielli , Flöte).
Dass Lyrik im Kultur-Alltag bloß ein Schattendasein fristet, kann auch das Rilke-Projekt nicht ändern. Es bildet allerdings eine löbliche Ausnahme vom quoten- und mainstream-gesteuerten Literaturbetrieb. Das nach eigenen Angaben erfolgreichste Lyrikprojekt von Angelica Fleer und Richard Schönherz kombiniert Rilkes hochsensitive Sprache mit moderner Musikbegleitung. Populäre Rezitatoren lassen sich als Poesie-Missionare auf die Bühne bitten. (…)
Neben Ben Becker und Robert Stadlober sind es Nina Hoger und Anna Thalbach, die mit bekenntnishafter Eindringlichkeit Verse aus Rilkes Œuvre, aber auch Passagen aus Briefen von, über und an Rilke rezitieren. / Mannheimer Morgen
Hervorhebungen: Lyrikzeitung
(Nicht quoten- und mainstream-gesteuert? Tja, wenn sie prominentere Schauspieler genommen hätten…)
90 Prozent der Texte seien eigens für dieses Ereignis geschrieben worden, sagt Festivaldirektor Thomas Wohlfahrt. Das aber ist hoffentlich Unsinn, denn gute Lyrik wird nicht für Festivals geschrieben, sondern entsteht, weil sie entstehen muss.
schreibt Jörg Magenau in der Süddeutschen Zeitung über die Eröffnung des poesiefestivals berlin. Und wir vermuten, daß seine Meinung über „gute Lyrik“ ebenfalls Unsinn ist. Zwei Auszüge aus seinem Artikel:
Böhmer lässt in seinen an der amerikanischen Beat-Poetry orientierten Großgedichten eine ganze Welt entstehen, eine Welt, die im hessischen Örtchen Ofleiden ihren Anfang nimmt und von hier aus immer mächtigere Jahresringe ansetzt. Alles ist Sprache und nur als Sprache möglich: „Adam erinnerte sich an Evas Schultern, an die sanfte gespannte Haut / ihrer Schultern, alles vor der Verderbnis, als die Wörter / noch aus Erde waren, also alles“. Wer möchte da nicht zurück ins sprachgeschaffene Paradies?
Besser lässt sich ein Lyrikfestival nicht eröffnen als mit solch wortverschwenderischer Dichtung. Mit Böhmer ging das von der Berliner Literaturwerkstatt organisierte Poesiefestival in seine 15. Auflage. (…)
Ko Un schrie und sang und flüsterte, er winselte, bog sich und heulte tatsächlich wie ein Wolf, als fände da eine Dämonenbeschwörung statt. Die Elemente brausten unmittelbar durch ihn hindurch. Der Dichter als Medium, als Schamane, schien mit anderen, unsichtbaren Welten Kontakt aufzunehmen. Das Publikum nahm es staunend und ergriffen zur Kenntnis: „Unter dem Himmel mit seinen vereinzelten Wolken / hier und da und dort: Narren.“
Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint Rolf Dieter Brinkmann „als Benjamin einer Gruppe“, da lebt er in Köln und studiert Pädagogik. Brinkmann schreibt einfache Gedichte, lyrische Schnappschüsse sind das nach eigener Angabe. Er steht in keiner deutschen Tradition, der Dichter will kein Arbeiter im Weinberg der verkarsteten Geschichte sein. Er popularisiert die amerikanische Gangart, unterstützt und herausgefordert von Ralf-Rainer Rygulla, dem Freund aus Essener Bleizeiten. / Jamal Tuschik, Der Freitag
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