70. «Schwäne, Drosseln und Kraniche»

Als der russische Lyriker Alexander Blok im ersten Kriegsmonat 1914 eingezogen wurde – es drohte die sofortige Verschickung an die Front –, empörte sich ein Dichterkollege: «Das ist doch, als ob man Nachtigallen brät.» Die Berufung auf die emblematischen Vögel der Poesie war unter Russlands Schriftstellern offenbar verbreitet. Der Futurist Wladimir Chlebnikow wandte sich in einem wunderbar selbstironischen Gedicht direkt an die ätherischen «Schwäne, Drosseln und Kraniche», um gegen seine Einberufung zu protestieren: «Wie das? Auch ich, Inbegriff der Zärtlichkeit, / Ich, beleidigt ob der Menschen, wie sie sind, / Ich, von den besten Morgenröten Russlands genährt, / Ich, in die Windeln der besten Vogelpfiffe gewickelt, / Ihr seid meine Zeugen: Schwäne, Drosseln und Kraniche! / Der ich meine Tage im Schlaf fristete, / Auch ich soll ein Gewehr nehmen (ein grosses, dummes, / Schwerer als eine Handschrift)»?

Blok und Chlebnikow waren keineswegs Pazifisten. Beide hatten vor 1914 eingestimmt in den grossen, misstönenden Chor europäischer Intellektueller, die dem Kontinent einen reinigenden Krieg wünschten: Blok mit apokalyptischen Brandreden, Chlebnikow mit Beschwörungen des panslawischen Zusammenhalts. Der wirkliche Krieg belehrte sie eines Besseren. «Das Herz, erhoben einst zu frohlocken, / Ist uns von Leere so verhangen», schrieb Blok nach der Schlacht von Grodek im September 1914. Seine Armee hatte gesiegt, nach Jubel war ihm angesichts der gewaltigen Verluste aber nicht zumute. Auf der Gegenseite erlitt der österreichische Sanitätssoldat Georg Trakl, konfrontiert mit der unmöglichen Aufgabe, annähernd hundert Schwerverletzte zu versorgen, einen Nervenzusammenbruch. / Manfred Koch, NZZ

Geert Buelens: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 458 S., Fr. 41.90.

69. „drei Farben RAL“

Ende Mai erschien das bislang längste Gedicht Reinhard Rakows unter dem Titel „drei Farben RAL“ in Buchform im Geest-Verlag .

Gemeinsam inszenierten Rakow und Berger die Lesung des Langgedichts in der Kulturmühle als lyrisch-musikalisches Happening: Ungeprobt begleitete Berger Rakows Rezitation mit frei assoziierten, häufig durch Dissonanzen geprägten musikalischen Einwürfen am Klavier. Durch Wort und Klang entstand ein Sinnenrausch, der in seiner Vieldeutigkeit entfernt an einen Film des Regisseurs David Lynch erinnerte: Rakow verfasste den Langgedichtzyklus ebenso wortgewaltig wie uneindeutig, füttert seine Zuhörerschaft mit Stichworten, Metaphern und Symbolen, deren präzisierende oder gar erklärende Ausformulierung er zumeist verweigert.

Rot wie Blut, rot wie Glut, rot wie Feuer – von diesen Zusammenhängen ausgehend webte Rakow seine Lyrik wie einen assoziativen, dramatischen Strom, der eine verbindliche Lesart verneint. Jedoch folgt dieser Strom formalen Vorgaben: „Die Grundidee besteht darin, Gedichte auf Basis der Farben zu schreiben, die in etwa ebenso viele Worte wie die Zahl des jeweils dazugehörigen RAL-Codes umfassen“, erklärt Rakow. Als weitere Inspiration dienten ihm die seriellen Gedichte der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. „Im Drucksatz wird zudem eine DNS-Spirale ersichtlich.“ Diese wird im mündlichen Vortrag zwar nicht deutlich, wohl aber die Intention, ein umfassendes lyrisches Pendant zum Leben und zur Menschheit zu erschaffen. / Weser-Kurier

68. Wulf Kirsten 80

Kirsten hat in der Tradition von Peter Huchel und Johannes Bobrowski früh erkannt, zur Natur kann man Beziehungen pflegen ohne Ambivalenz. Hier emanzipiert sich die existentielle Angst. Sie verliert an Destruktion und kommt zur Ruhe. Aber immer zeigt sich in seinen Gedichten etwas ohnegleichen, eine erstickte Wahrheit, ein verschüttetes Gefühl. Im Widerspruch von Anmutung und Gedanken bekommen selbst elementare Natur- und Landschaftsbilder einen polemischen Sinn. So fügen sich Gedichte, „als könnten sie bewältigen, was mir aufliegt“. Kirsten wird frei, wenn er schreibt. (…)

Wulf Kirsten wurde unter anderem ausgezeichnet mit dem Huchel-Preis, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Breitbach-Preis, er ist Mitglied der Akademien zu Darmstadt, Berlin, Mainz und Dresden. Dieser seltene Dichter, dem Leben zugewandt und zugleich umschlossen von der Unität seines Schaffens, feiert heute seinen 80. Geburtstag. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung

Mehr: Thüringer Allgemeine /

67. Gedichte, Spiele, Haarschnitte

Thailands Armee versucht es nach dem Putsch mit Charme: Gedichte, kostenlose Filme und Haarschnitte / Huffington Post

66. Wiener Mischung

Elfriede Gerstls knappe Gedichte sind wie ihre Kurzprosa und ihre scharfsinnigen Essays eine Schule der Wort-Askese und der Befreiung vom Phrasen-Ballast, der einen täglich hinunterzieht in die konventionelle, abgegriffene, verbrauchte Sprache.

Der zweite Band der Werkausgabe (gerade ist der dritte Band im Erscheinen begriffen) enthält Gerstls legendäre Wiener Mischung von 1982, die 2001 in erweiterter Form als Neue Wiener Mischung erschienen ist, deren Texte aber bis 1955 zurückreichen. Der geniale Titel Wiener Mischung erinnert nicht nur an Kaffee und eine Zuckerlmischung, sondern beschreibt das Kompositionsprinzip des Bandes: Gedichte, die aus reiner, unkontrollierter Sprachspielfreude entstanden zu sein scheinen, stehen neben präzisen Konstrukten oder Gedichten, die pointiert argumentieren.

In den besten Beispielen kommt das alles zusammen und ergibt auf kleinstem Raum eine Intensität, die ihresgleichen sucht, wie etwa im Gedicht Wiederholungszwang: „mutter und vater / futter und prater / watschen und golatschen / und das ein leben lang / mit jeder neuen frau / mit jedem neuen mann / weil man nicht anders kann / watschen und golatschen / prater / futter / vater mutter“.

(…)

Als hellsichtige Einzelgängerin misstraute Elfriede Gerstl allen Doktrinen – auch denen der Avantgarde – und wollte Spielräume eröffnen. Man schadet sich selbst, wenn man sie nicht liest. / Cornelius Hell, DER STANDARD, 21.6.2014

Elfriede Gerstl, „Behüte behütet. Werke Band 2“. Hrsg. und mit einem Nachwort von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer. 28,- Euro / 32 Seiten. Droschl, Graz 2014

Hinweis: Am 24. Juni, 19 Uhr, wird im Literaturhaus Wien (Seidengasse 13) der dritte Band der Elfriede-Gerstl-Werkausgabe präsentiert (mit Christa Gürtler, Martin Wedel, Batya Horn, Herbert J. Wimmer, Teresa Präauer und Raja Schwahn-Reichmann).

65. Hanns Cibulka

In Cibulkas Tagebüchern und Gedichten ist solches Wahrnehmen und Erkennen überall spürbar – entschiedene Konzentration auf Wesentliches, das zu verschwinden droht: Der „Langsamgeher“ als per se Oppositioneller, permanent Protestierender in einer Welt der scheinhaften Oberflächen und atemlosen Flüchtigkeiten. War es so – auch – gemeint, wenn Cibulka noch als nahezu Achtzigjähriger erklärte: „Der Künstler ist und bleibt ein Rebell, er leistet dort Widerstand, wo der Zeitgeist stagniert“?

Das Werk Hanns Cibulkas wird gegenwärtig verlegerisch unzureichend präsentiert – immerhin sind die „Thüringer Tagebücher“ komplett im Angebot, und nach Längerem gibt es auch wieder eine Auswahl der Gedichte („Wo deine Fragen offen sind“, Edition Muschelkalk, Band 40, Weimar 2013).

/ Heinz Puknus, Thüringer Allgemeine 20.06.

  • Anlässlich des Todestages und der Umbettung seiner Urne in ein Ehrengrab findet 25. Juni, 15.30 Uhr, eine Gedenkstunde für Hanns Cibulka auf dem Gothaer Hauptfriedhof statt.

94. Geburtstag am 20.6., 10. Todestag am 25.6.

64. Frankfurter Anthologie

Mit Marcel Reich-Ranickis Gedichtinterpretation von Johann Wolfgang von Goethes „An vollen Büschelzweigen“ aus dieser 1500. Folge endet nun die Veröffentlichung all seiner Gedichtinterpretationen und die Frankfurter Anthologie unter seiner Redaktion.

Gemäß seiner Losung „Der Dichtung eine Gasse“ wollen wir die Frankfurter Anthologie jedoch in Kürze fortsetzen, mit neuen Spielregeln. Die wichtigste Veränderung ist ein Wagnis, ein Experiment: Interpret und Interpretin können fortan auch ein eigenes Gedicht deuten. Eigene Gedichte zu interpretieren beziehungsweise ihnen eine autobiographische Grundierung zu geben heißt nicht, wie vermutet werden könnte, ihren ästhetischen Reiz zu schmälern, sondern, wie die Erfahrung zeigt: Er gewinnt durch Selbstdeutung. / FAZ

63. Nahbellpreis für Kai Pohl

Der 15. Nahbellpreisträger 2014 für Zeitgeistresistenz und Unbestechlichkeit im lebenslänglichen Gesamtwerkprozess seiner Lyrik lautet: KAI POHL – das große Interview: http://poemie.jimdo.com/nahbellpreis/preistr%C3%A4ger-portraits/15-nahbell-preis-2014-kai-pohl/ (eine Unterseite von www.NAHBELLPREIS.de)

62. Rekordpreis

A first edition of „Leaves of Grass,“ printed for the author, sold for $305,000.That was more than twice Christie’s estimate of $100,000 to $150,000, and it marked a world auction record for Whitman.

The previous record for a Walt Whitman book was $230,500, also for a copy of „Leaves of Grass.“ That one was sold by Sotheby’s in October 2011. / CNBC

61. Vor 125 Jahren wurde Anna Achmatowa geboren

In den schrecklichen Jahren des Justizterrors, so Anna Achmatowa zu Beginn ihres »Requiems«, wurden Freunde wie der Dichter Ossip Mandelstam umgebracht, ihr Sohn und ihr damaliger Lebensgefährte verhaftet und ins Lager deportiert. Es war die Zeit der Willkür und Entbehrung, die Zeit eines nicht enden wollenden Alptraums. Protokolliert hat sie diese düstere Phase ihres Lebens sowohl im »Requiem-Poem« als auch im »Totenkranz«-Zyklus: »Ich kannte viele früh gewelkte Frauen,/ Von Schrecken, Furcht, Entsetzen ausgeglüht./ Des Leidens Keilschrift sah ich eingehauen/ Auf Stirn und Wangen, die noch kaum geblüht.«

Während der faschistischen Blockade Leningrads wurde sie nach Taschkent evakuiert, wo sie, selbst gesundheitlich angeschlagen, verwundeten Soldaten Gedichte vorlas. In dieser Zeit der Bedrohung von außen verfaßte sie patriotische Gedichte, die in der Prawda, der Zeitung der Kommunistischen Partei, veröffentlicht wurden, und begann ihre aus Erinnerungs- und Traumfragmenten und vielen literarischen Reminiszenzen zusammengesetzte Versdichtung »Poem ohne Held«, die erst 1976, zehn Jahre nach ihrem Tod, vollständig erscheinen konnte. Im Mittelpunkt stehen der Mythos von St. Petersburg, die Epoche des »Silbernen Zeitalters« und die Künstlerbewegungen des Symbolismus und Akmeismus. Sie verstand ihre im Ton »beherrschten Entsetzens« verfaßte Lyrik als Antwort auf die repressive Politik der Stalin-Herrschaft, insbesondere auf das rigide Vorgehen von Andrej Shdanow, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs Kulturkommissar wurde und »bürgerlichen« Schriftstellern, Komponisten wie Alexander Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch, aber auch dem Regisseur Sergej Eisenstein das Leben schwer machte.

Achmatowas Werke wurden in der Sowjetunion erst nach Stalins Tod 1956 wieder publiziert. 1964 erhielt sie den Ätna-Taormina-Preis und 1965 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford. Zwei Jahre vor ihrem Tod wurde sie Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, aus dem sie 1946 ausgeschlossen worden war. / Christiana Puschak, junge Welt

60. Bonnefoy

Der mittlerweile über neunzigjährige Yves Bonnefoy legt noch einmal einen Textband vor, mit dem er seinen Rang als einer der wichtigsten französischen Lyriker der Gegenwart behauptet. Verschiedene Formen erprobt er in «Die lange Ankerkette»: Sonette, lyrische Notate, narrative Texte; ihm ist um die Aufhebung der Trennung zwischen Lyrik und Prosa zu tun. Er knüpft dabei an seine bekannten Themen an: die Kindheit, die Dichtung, Malerei und Architektur der Vergangenheit, Motive wie Bild und Traum. Auch hier führt er wieder ein Schreiben vor, das Poesie und Denken, Lyrik und Essay eng verflicht. / Eberhard Geisler, NZZ

Yves Bonnefoy: Die lange Ankerkette. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Hanser-Verlag, München 2014. 131 S., Fr. 27.90.

59. Fund

20 bisher unbekannte Gedichte des chilenischen Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda sind zufällig unter Manuskripten entdeckt worden. Sie sollen noch heuer veröffentlicht werden, teilte die Pablo Neruda Stiftung am Mittwoch (Ortszeit) mit. / Tiroler Tageszeitung

58. Sportgedicht

Every year we offer our listeners quasi-poetic takes on football. In fact, Super Bowl Haiku has become one of the most popular segments on Only A Game. Here’s Bill Littlefield’s all-time favorite:

Silly coach … screaming.
You change nothing. The call stands.
But your heart explodes.

But the connection between sports and poetry runs much deeper than our silly attempts at haiku. To discuss the ties, former United States Poet Laureate — and long-time friend of Only A Game — Robert Pinsky joined Bill Littlefield on stage at the Somerville Theatre in Somerville, Mass. for the OAG 20th Anniversary Live Show.

BL: Have you a sports-related poem to share with us?

RP: I have two super-short poems, and they do the two things we tend to do in writing about sports, which is laugh and cry. This first one is one of the oldest poems ever in the whole Western culture. It’s from the Greek anthologies. It’s an epitaph – ”On Apis the Prize Fighter.”

To Apis the boxer

His grateful opponents have erected
This statue
Honoring him
Who never by any chance hurt one of them.

/ Only a game

57. Māori Poets Celebrate Matariki

An exciting group of Māori poets – several of the country’s leading poets and some emerging writers – will come together to celebrate Matariki* with readings and korero** at a free event on Saturday June 28.

Māori Poets Celebrate Matariki features Ben Brown from Lyttelton, Apirana Taylor from Kapiti, with Auckland’s own Robert Sullivan, and social historian, novelist and poet, Kelly Ana Morey, from Mangawhai. It also features writer Te Awhina Arahanga, publisher and poet Kiri Piahana-Wong, and an emerging young poet Amber Esau.

This is a rare opportunity to hear some of the leading Māori poets in Aotearoa today, together with the next generation of talented young writers. It is a free event, part of the 2014 Matariki Festival, supported by Auckland Council and the Michael King Writers’ Centre.

Ben Brown (Ngāti Paoa, Ngāti Mahuta) writes short stories and non-fiction, as well as poetry, and has collaborated on many award-winning books for young readers. He held the Māori Writer’s Residency at the Michael King Writers’ Centre in 2011, when he worked on his recently published reflections on mana Between the Kindling and the Blaze.

Apirana Taylor (Te Whanau-a-Apanui, Ngāti Porou and Ngāti Ruanui) has published widely, including poetry, short stories, novels and works for children. He is active in theatre, sound and video recordings, acting and teaching drama.

Robert Sullivan (Ngā Puhi) is a poet and academic, with numerous volumes to his name and an international following. He runs the creative writing programme at MIT in Manukau.

Kelly Ana Morey (Ngāti Kuri), from Mangawhai, has written four novels, three social histories and a memoir about her childhood in Papua New Guinea, as well as poetry. She holds the current Māori Writer’s Residency at the Michael King Writers’ Centre.

Kiri Piahana-Wong (Ngāti Ranginui) is a poet, editor and publisher, whose first collection Night Swimming was published last year. She runs Anahera Press which aims to provide a publication platform for authors outside the mainstream, particularly work that fosters the telling of culturally diverse stories.

Te Awhina Arahanga (Ngāti Tuwharetoa, Te Ati Haunui A Paparangi, Ngāti Hauiti ki Rata Rapuwai, Waitaha, Ngāti Mamoe, Ngai Tahu) is originally from Christchurch, but currently lives in Devonport. She held the MKWC Māori Writer’s Residency in 2012. She writes poetry, short stories and social history, as well as doing curatorial and exhibition work.

Amber Esau (Ngā Puhi, Kai Tahu) is a rising star of Māori poetry. Her work has been published in the literary journals Ora Nui, Blackmail Press, Ika and Landfall. / scoop.nz

*) Matariki: Name der Plejaden und der Jahreszeit im Mai/ Juni, wenn die Plejaden erstmals am Sternenhimmel aufgehen

**) Korero: Begegnung, Diskussion (Maori)

56. «Ich schreibe, um nicht zu sterben»

In Argentinien unvergessen, in der Schweiz und Mitteleuropa weitgehend unbekannt: Die gebürtige Tessinerin Alfonsina Storni (1892-1938) wurde zum Mythos – als Poetin, Schriftstellerin und Frau, die sich als gesellschaftskritische Dichterin und als alleinerziehende Mutter durchkämpfte. Am Ende wurde sie eine Legende, die mit ihren Gedichten bis heute lebendig geblieben ist. Wir trafen den Filmemacher Christoph Kühn in Locarno, der über sie den prägnanten Dokumentarfilm «Alfonsina» realisierte.

Sie führte ein bewegtes Leben in einer Zeit und in der Macho-Gesellschaft Argentiniens, in der gesellschaftlicher Status und Männlichkeit zählte. Eine Frau, die ein uneheliches Kind hatte, eine Frau, die in ihren Gedichten männliches Gehabe, Überheblichkeit, aber auch weibliches Duckmäusertum angriff, wurde angefeindet. Wie konnte sie nur? Aber sie konnte, wollte und musste. Und so schrieb Alfonsina Storni, die Tessinerin aus Sala Capriasca, sich die Seele aus dem Leib – als Dichterin, Essayistin, Kolumnistin und Reporterin – und als Lebensnotwendigkeit: «Ich schreibe, um nicht zu sterben». / Rolf Breiner, Literatur & Kunst