Ein guter Mensch

Bertram Reinecke

Die sechsunddreißigfältige Wahrheit Gottes
GOTT: ... Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.


Johann Wolfgang von Goethe


Ein rechter Mensch in seinem guten Drange
Ist sich des dunklen Weges wohl bewußt.
Ein dunkler Mensch in seinem rechten Drange
Ist sich des guten Weges wohl bewußt.
Ein guter Mensch in seinem rechten Drange
Ist sich des dunklen Weges wohl bewußt.
Ein rechter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des guten Weges wohl bewußt.
Ein dunkler Mensch in seinem guten Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Ein guter Weg in seinem dunklen Menschen
Ist sich des rechten Dranges wohl bewußt.
Ein guter Drang in seinem dunklen Wege
Ist sich des rechten Menschen wohl bewußt.
Ein guter Mensch in seinem dunklen Wege
Ist sich des rechten Dranges wohl bewußt.
Ein guter Weg in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Menschen wohl bewußt.
Ein guter Drang in seinem dunklen Menschen
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Ein rechter Mensch in seinem guten Wege
Ist sich des dunklen Dranges wohl bewußt.
Ein dunkler Mensch in seinem rechten Wege
Ist sich des guten Dranges wohl bewußt.
Ein guter Mensch in seinem rechten Wege
Ist sich des dunklen Dranges wohl bewußt.
Ein rechter Mensch in seinem dunklen Wege
Ist sich des guten Dranges wohl bewußt.
Ein dunkler Mensch in seinem guten Wege
Ist sich des rechten Dranges wohl bewußt.

Ein rechter Drang in seinem guten Wege
Ist sich des dunklen Menschen wohl bewußt.
Ein dunkler Drang in seinem rechten Wege
Ist sich des guten Menschen wohl bewußt.
Ein guter Drang in seinem rechten Wege
Ist sich des dunklen Menschen wohl bewußt.
Ein rechter Drang in seinem dunklen Wege
Ist sich des guten Menschen wohl bewußt.
Ein dunkler Drang in seinem guten Wege
Ist sich des rechten Menschen wohl bewußt.

Ein rechter Drang in seinem guten Menschen
Ist sich des dunklen Weges wohl bewußt.
Ein dunkler Drang in seinem rechten Menschen
Ist sich des guten Weges wohl bewußt.
Ein guter Drang in seinem rechten Menschen
Ist sich des dunklen Weges wohl bewußt.
Ein rechter Drang in seinem dunklen Menschen
Ist sich des guten Weges wohl bewußt.
Ein dunkler Drang in seinem guten Menschen
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.

Ein rechter Weg in seinem guten Menschen
Ist sich des dunklen Dranges wohl bewußt.
Ein dunkler Weg in seinem rechten Menschen
Ist sich des guten Dranges wohl bewußt.
Ein guter Weg in seinem rechten Menschen
Ist sich des dunklen Dranges wohl bewußt.
Ein rechter Weg in seinem dunklen Menschen
Ist sich des guten Dranges wohl bewußt.
Ein dunkler Weg in seinem guten Menschen
Ist sich des rechten Dranges wohl bewusst.

Ein rechter Weg in seinem guten Drange
Ist sich des dunklen Menschen wohl bewußt.
Ein dunkler Weg in seinem rechten Drange
Ist sich des guten Menschen wohl bewußt.
Ein guter Weg in seinem rechten Drange
Ist sich des dunklen Menschen wohl bewußt.
Ein rechter Weg in seinem dunklen Drange
Ist sich des guten Menschen wohl bewußt.
Ein dunkler Weg in seinem guten Drange
Ist sich des rechten Menschen wohl bewußt.

Aus: Bertram Reinecke, Daphne, ich bin wütend. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2024, S. 19-21

Weiterlesen

Rainer M. Gerhardt (1927-1954)

Gerhardt scheiterte an der fehlenden breiten Anerkennung, die ihn, finanziell ruiniert und literarisch isoliert, 1954 in den Selbstmord trieb.

https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Maria_Gerhardt

Rainer MGerhardt 

(* 9. Februar 1927 in Karlsruhe; † 27. Juli 1954 in Karlsruhe) 

lied

ich habe die wimper mit grün gefärbt
auch habe ich in den schmelztiegel rot getan
ich will einen pinsel nehmen
und mit diesem die monde auf meinen brüsten malen

es werden ganz große monde sein
die die kuppen meiner schneehügel umgeben
sie warten auf seinen mund daß er spiele mit ihnen
und seine zähne haben spuren in ihnen gelassen

sie sind gemalt mit einem besonderen rot
der meister der königin hat mir ein wenig gegeben
ein solches rot besitzt nur die königin
wenn festlich die könige ihre brüste entblößen

es hat mich sehr viel land gekostet
den ganzen palmenhügel unten am flusse
doch für die roten monde auf meinen brüsten
gebe ich alles brächten sie ihn mir nur wieder

Aus: Rainer Maria Gerhardt, UMKREISUNG. Das Gesamtwerk. Herausgegeben von Uwe Pörksen in Zusammenarbeit mit Franz Josef Knape und Yong-Mi Quester. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 31

Nachts um elf

Ein Gedicht, vier Versionen

Manuel Altolaguirre 

(* 29. Juni 1905 in Málaga; † 26. Juli 1959 in Burgos)

Manuel Altolaguirre zählt zu den Lyrikern der Generación del 27, die ab 1927 die spanische Lyrik erneuerte.

Noche a las once

Éstas son las rodillas de la noche.
Aún no sabemos de sus ojos.
La frente, el alba, el pelo rubio,
vendrán más tarde.
Su cuerpo recorrido lentamente
por las vidas sin sueño,
en las naranjas de la tarde,
hunde los vagos pies, mientras las manos
amanecen tempranas en el aire.
En el pecho la luna.
Con el sol en la mente.
Altiva. Negra. Sola.
Mujer o noche. Alta.
Soledades juntas, 1931

Aus: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Spanisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Gustav Siebenmann und José Manuel López. Stuttgart: Reclam, 1985, S. 200. Auch in dass., 5., überarb. u. erw. Aufl., 2003.

Karl Krolow 1962

NACHT, ELF UHR

Dies sind die Kniee der Nacht.
Noch wissen wir nichts von ihren Augen.
Die Stirn, die Frühe, die hellen Haare
folgen später.
Ihren Körper durchrinnt langsam
Leben ohne Traum,
in die Orangen des Abends
taucht sie die leichten Füße, während die Hände
erwachen, zeitig, in der Luft.
In der Brust: der Mond.
Die Sonne: im Geiste.
Erhaben. Schwarz. Einsam.
Frau oder Nacht. Hoch und stolz.

Aus: Spanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Ausgewählt und übertragen von Karl Krolow. Frankfurt/Main: Insel, 1962 (Sonderausgabe im Insel-Verlag), S. 49ff

Erna Brandenberger 1980

Nachts um elf

Das sind die Knie der Nacht.
Noch kennen wir ihre Augen nicht.
Die Stirn, der Morgen, das blonde Haar
kommen viel später.
Ihr Leib wird langsam durchlaufen
von den Leben ohne Schlaf,
in die Orangen des Abends
taucht sie die wandernden Füße, während die Hände
früh aufwachen an der Luft.
An der Brust der Mond.
Mit der Sonne am Kopf.
Erhaben. Schwarz. Allein.
Frau oder Nacht. Groß.

Aus: Poetas españoles. La generación del 27. Spanische Dichter. Die Generation von 1927. Einführung und Autorenporträts von José Luis Cano. Herausgegeben und übersetzt von Erna Brandenberger. München: dtv / Edition Langewiesche-Brandt, 1980, S. 121

Gustav Siebenmann 1985

Nacht, um elf Uhr

Dies sind die Knie der Nacht.
Von ihren Augen wissen wir noch nichts.
Die Stirn, das Taglicht, das blonde Haar,
sie kommen später.
Ihr Körper, träge durchströmt
von den Leben ohne Schlaf,
taucht in die Orangen des Abends
die schweifenden Fulse, wahrend die Hände
im Frühwind auferstehen.
An der Brust der Mond.
Mit der Sonne im Gedenken.
Hochmütig. Schwarz. Einzig.
Weib oder Nacht. Erhaben.

Aus: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Spanisch/Deutsch. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Gustav Siebenmann und José Manuel López. Stuttgart: Reclam, 1985, S. 201. Auch in dass., 5., überarb. u. erw. Aufl., 2003.

Heischesatz

Christian Filips

Heischesatz vom Schneien

Ach fiele doch ein Schnee, ein Schneien,
ein feines Schlichten über uns herein,

ach legte es sich zärtlich doch und flockend
aufs ganze überhitzte Raum-Ambiente,

auf unser Streiten, unsre nächsten Schritte,
und alles klänge sacht, bedacht, gedämpft.

Ach fiele doch ein Schnee, ein Schneien,
ein feines Schlichten über uns herein,

auf unser beider muntres Untenrum,
auf unser beider arges Mordsgebrummel,

ach fiele doch ein Schnee, ein Schneien,
ein feines Schlichten über uns herein,

uns meterhoch auch vor die eigne Tür,
in der wir uns geirrt, an der wir uns

fast irre aneinander stießen, Zeit
wie Schnee ...

Aus: Christian Filips, Heiße Fusionen, Beta-Album. Gedichte und Analysen zur poetischen Ökonomie, 2007-2018, herausgegeben von Urs Engeler, roughbook 005/045. Erste Auflage Mai 2010. Fusionierte und erweiterte zweite Auflage Juli 2018. Holderbank, Schupfart, Berlin-Moabit, Pera Melana. S. 112

Die Vierzeiler vom 24. Juli

Oswald Eggers Gedichtband „nihilum album“ (Suhrkamp 2007) trägt zwei scheinbar traditionelle Gattungsnamen im Untertitel: „Lieder & Gedichte“. In einer Nachbemerkung nennt er noch zwei: Stanzen und Quatrains. Das Buch enthält eine große Zahl kurzer, vierzeiliger Gedichte, genau sind es 3650 Stück (in der Nachbemerkung erklärt er, dass es jeweils 10 „Lieder und Gedichte“ pro Tag sind). Es sind also 3650 Quatrains oder Vierzeiler, aber was sind Lieder, was Gedichte? Alle Gedichte sind ohne Titel und ohne Gattungsbezeichnungen. Jeweils 10 solcher Gebilde werden durch eine kleine Zeichnung von der nächsten Zehnergruppe (dem nächsten Kalendertag) getrennt. Die 3650 Gedichte sind einzeln bestimmbar durch ein nüchternes mathematisches System: Monatszahl-Datum-Nummer der Tagesgedichte von 1-10. Das erste Gedicht ist 1.1.1, zu entziffern: Januar-erster-erstes Gedicht, und das letzte auf Seite 150: 12.31.10. also zehntes Gedicht vom 31.12. Dadurch lässt sich das Buch als Kalender lesen, jeden Tag zehn Gedichte (nur der 29. Februar hat keins).

Hier die zehn Gedichte für den 24. Juli, darüber die Strichzeichnung (eine Art exzentrisch tanzendes Strichmännchen).

(Hat jemand Lust zu entziffern oder zu erraten, welches dieser 10 kurzen Gedichte „Gedicht“ und welches „Lied“ ist?)

Das Getreide
steht in Puppen
und stellt
Ähren auf.

Die Nacht
am Abend,
Mond-hell
wie am Tag.

Ich tastete
ins Hand-Faß,
aß Honige
aus Waben.

Ins Totwasser
klunct ein Stein,
und mein Kahn schwankt
gegen Pfahl und alles.

Ich nahm ein Ruder-
Scheit und schmiß damit,
Fuchteln
Fugen vor den Bug.

Arven-Nuß
verharzte
Kirschfink
filp'te Flügel.

Um die Fluß-
Insel ging eine
Schilfstapf-Harfe
singend im Strom.

Das Boot
der Vetter
klappert
im Moorbruch.

An einen Nagel
kann ich Eier nicht hängen,
und Federn werfen
nicht übers Dach.

Auf einem
Vierbeintisch
wird mein Kopf
verhandelt.

Aus: Oswald Egger, nihilum album. Lieder & Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 87

Vor einigen Tagen wurde mitgeteilt, dass Egger in diesem Jahr mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet wird.

Da ich an mir müd geworden

Hermann Broch 

(* 1. November 1886 in Wien; † 30. Mai 1951 in New Haven, Connecticut)

LIEBESLIED

Da ich an mir müd geworden
– müd geworden,
bist du, Mädchen, mir geworden
– mir geworden
und im Dufte deiner Haare,
lichten Haare
bringst du Tage, bringst du Jahre
alter Gegend: Meeresküste,
deutsche Stadt in Sonnenrüste,
Erntefeld und Palmenhain,
Felsenstrand und Algenstein,
Bahnhofhalle, Kirchturmläuten –
und aus allen fernen Weiten
(da ich an mir müd geworden)
bringst du Tage, bringst du Jahre –

Lieb ich dieses Wunderbare?
oder deine lichten Haare?

(um 1919)

Aus: Hermann Broch, Gedichte. (Kommentierte Werkausgabe. Hrsg. Paul Michael Lützeler. Bd. 8). Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1986 (2. Aufl.; 1. 1980), S. 19

Gefrorene Gedichte

Karl Shapiro

(auch Carl Jay Shapiro, geboren 10. November 1913 in Baltimore; gestorben 14. Mai 2000 in New York City)

Das nennen Sie Gedichte?

In Haiderabad, Stadt gleißender Marmorpaläste,
Universität aus weißem Marmor,
Spielzeug der Nizam, las ich etwas Lyrik
Von William Carlos Williams, Amerikaner.
Und die gebildeten und weltmännischen Hindus
Und die gutgekleideten Muslime sagten,
«Das nennen Sie Gedichte?
Sind diese Dinger Lyrik?»

Viele Jahre schrieb ich selber Lyrik,
Die den kultivierten Muslimen und Hindus wohlgefiel,
Wirkungsvolle Gedichte, im jambischen Pentameter,
Mit maskuliner Inversion im zweiten Fuß,
Gefrorene Gedichte, Eispickel in ihrem Kern,
Und lauter Anspielungen aus anderer Leute Bücher.

Anm.: Nizam, Titel der früheren Herrscher in Haiderabad

Deutsch von Mitch Cohen, aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Eva Hesse und Heinz Ickstadt. München: C. H. Beck, 2000, S. 343

You Call These Poems?

In Hyderabad, city of blinding marble palaces,
White marble university,
A plaything of the Nizam, I read some poetry
By William Carlos Williams, American.
And the educated and the suave Hindus
And the well-dressed Moslems said,
«You call those things poems?
Are those things poems?»

For years I used to write poems myself
That pleased the Moslems and Hindus of culture,
Telling poems in iambic pentameter,
With a masculine inversion in the second foot,
Frozen poems with an ice-pick at the core,
And lots of allusions from other people's books.

Ebd. S. 342

Schwarzes Tamburin

Hart Crane

(* 21. Juli 1899, heute vor 125 Jahren, in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 im Golf von Mexiko)

Schwarzes Tamburin

Die Wünsche eines schwarzen Manns in einem Keller
Verkünden spätes Urteil an der Welt verschlossnem Tor.
Schnaken tanzen dort im Schatten einer Flasche,
Und eine Schabe grätscht über einen Spalt im Flur.

Æsop, ins Grübeln gebracht, fand
Himmel bei Schildkröt und bei Has;
Fuchsschwanz und Sauohr deckt sein Grab
Und flimmernder Luftgesang das Gras.

Der schwarze Mann, verloren in dem Keller,
Wandert durch Mittelwelten, dunkle, die da liegen
Zwischen seinem Tamburin, fest an der Wand,
Und, in Afrika, einer Leiche quick mit Fliegen.
Black Tambourine

The interests of a black man in a cellar
Mark tardy judgment on the world's closed door.
Gnats toss in the shadow of a bottle,
And a roach spans a crevice in the floor.

Æsop, driven to pondering, found
Heaven with the tortoise and the hare;
Fox brush and sow ear top his grave
And mingling incantations on the air.

The black man, forlorn in the cellar,
Wanders in some mid-kingdom, dark, that lies,
Between his tambourine, stuck on the wall,
And, in Africa, a carcass quick with flies.

Deutsch von Heinz Ickstadt. Aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Eva Hesse und Heinz Ickstadt. München: C. H. Beck, 2000, S. 194f

Lieder von der schönen Dame

Alexander Blok 

(russisch Александр Александрович Блок, wissenschaftliche Transliteration Aleksandr Aleksandrovič Blok (in deutschen Ausgaben manchmal Block); * 16. Novemberjul. / 28. November 1880greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)

Aus dem Zyklus "Lieder von der schönen Dame"

***

Es entzünden sich heimliche Male
An der blinden und schlafenden Wand.
Rot und goldene Augen erstrahlen
Und belasten den Schlaf, den ich fand.

Ich verkriech' mich in nächtliche Höhlen
Und vergesse, was streng und schön.
In der Früh – schauen blaue Chimären
Aus den Spiegeln der grellen Höhn.

Ich entflieh in gewesene Zeiten
Und bedecke die Augen, den Kopf —
Auf des Buches erkaltenden Seiten
Liegt ein goldener Mädchenzopf.

Tiefer lagert das Himmelsgewölbe,
Schwarzer Traum meine Seele umwand.
Nicht mehr weit ist mein schicksalhaft Ende,
Und die Zukunft bringt Kriege und Brand.

Oktober 1902

Aus dem Russischen von Wanda Berg-Papendick, aus: Der Mystiker Alexander Block im Spiegel seiner Lyrik. Ausgewählte Dichtungen. Frankfurt/Main: Possev, 1967, S. 50f

             ***

Разгораются тайные знаки
На глухой, непробудной стене.
Золотые и красные маки
Надо мной тяготеют во сне.

Укрываюсь в ночные пещеры
И не помню суровых чудес.
На заре — голубые химеры
Смотрят в зеркале ярких небес.

Убегаю в прошедшие миги,
Закрываю от страха глаза,
На листах холодеющей книги –
Золотая девичья коса.

Надо мной небосвод уже низок,
Черный сон тяготеет в груди.
Мой конец предначертанный близок,
И война и пожар — впереди.

Октябрь 1902

Jedem Vers seine Schwörungstheorie

Konstantin Ames

Illyrisch gedacht an Schnauzers braune Nacht

Wir sind trainiert, Dichtungen wie
Artefakte zu betuen. Die Klempner
schmunzeln. Dabei ist alles dran (im Schnitt)
an so einem Poem: Pimmel Kehle Kommata
Möse Zunge Zähne; es riecht. Oft stinkt's.
Theorie das Parfum. Kloppo, der echte, wusste reiner.
Messias daher als Lehms Thema. Dann guckt keiner
so genau nach unterm Gewandhaus.
Der auf Brücken singt das Faust-
recht: Jedem Vers seine Schwörungstheorie
(und Uta kamen schon löchrigere zu Ohren)
löst sich als Häufchen gern vom läufigen Hund.
Also Urnen betupfen; da geht das Mehl einem nie aus.

Für Michael Spyra

Aus: Konstantin Ames, Verständniserklärun/ g 2 Kapitel. Gedichte. Berlin: Noack & Block, 2023, S. 53

Letzte Stunde

Jakub Lorenc-Zalěski (deutsch Jacob Lorenz; * 18. Juli 1874 in Radibor; † 18. Februar 1939 in Berlin)

Der sorbische Schriftsteller und Publizist, Großvater des deutschen und sorbischen Dichters Kito Lorenc, wurde heute vor 150 Jahren geboren. Hier eins seiner Gedichte, ins Deutsche übersetzt von Kito Lorenc. Vorangestellt habe ich die Biografie aus der von Kito Lorenc herausgegebenen Anthologie „Das Meer. Die Insel. Das Schiff“.

Jakub Lorenc-Zalěski
Auch Jacob Lorenz. Geboren 1874 in Radibor bei Bautzen als Sohn eines Kleinbauern und Tagelöhners. 1887-89 Präparande des Katholischen Lehrerseminars in Bautzen. Ab 1889 Zögling des Wendischen Seminars und deutschen Gymnasiums in Prag, das er nach anderthalb Jahren verließ, um in Sachsen die Forstlaufbahn einzuschlagen. 1891-93 Forst-Lehre in Dornreichenbach. 1893-95 Militärdienst in Wurzen. 1895 Forstamtsvolontär in Schirgiswalde, später in Belzig. Nach literarischen Anfängen in der Studentenzeitschrift »Kwetki« veröffentlichte er 1896 erstmals unter dem Autorennamen Zalěski (der-hinter-dem-Wald). 1898-1905 Oberförster in Strempt/Eifel. Übernahm 1905 die Aufsicht über die Wälder und Sägewerke des Thyssen-Konzerns in Oberlohberg bei Dinslaken/Niederrhein. 1920 Rückkehr in die Lausitz und Versuch, sich in Weißwasser, später im nahen Schleife als Unternehmer eine unabhängige schriftstellerische Existenz zu sichern. Aktiv in der Minderheitenpolitik und langjähriger Vorsitzender der sorbischen Autorenorganisation »Koło serbskich spisowaćelow«. Nach Repressalien seitens der Nazibehörden 1938 im Ruhestand in Berlin. Gestorben 1939. In der sorbischen Literatur vor allem als Erzähler hervorgetreten, hat Zalěski ab und an auch Gedichte verfaßt und um 1935 begonnen, seine bekannte Prosadichtung »Kupa zabytych« (Die Insel der Vergessenen, als Buch erstmals 1931 erschienen) in Verse zu fassen.

Letzte Stunde

Wenn der Mensch seine letzte Stunde von fern schon
schlagen hört, wenn Einsamkeit um ihn schattend wächst
und Knochenhände greifen nach ihm aus dem Dunkel,
so strauchelt sein Fuß, und vor ihm versinkt der Weg.

Wohl ist er noch Herr seiner Gedanken, doch versagen sie
den Dienst jetzt, fliehen ohne Wiederkehr, je mehr er sie ruft.
Von weitem hört er das Rauschen des Flusses Kidron,
strengt den Blick an, doch sieht er weder Furt noch Ziel.

Flammen schlagen aus ihm, er entbrennt wie Zunder,
aus tiefster Finsternis gehn zwei Lichter ihm auf,
und mit andern Augen blickt er durch sie in die Welt:
Sich selbst erblickt er, sieht, daß er flieht aus ihr.

O halte ein, flüchte nicht – es tost das Meer.
Schau doch zur Linken, dort locken Frohsinn, Tänze und Lust!
Wirf ab den Mantel, streich aus den Augen das Tränengespinst,
schnell spring ins Boot, setz über zum jenseitigen Ufer.

Aus dem Obersorbischen von Kito Lorenc, aus: Kito Lorenc (Hrsg.), Das Meer Die Insel Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ins Deutsche übertragen von Kito Lorenc, Albert Wawrik, Róža Domašcyna u.a. Mit einem Geleitwort von Peter Handke und einem Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 183

Vonnöten

Rainer Kirsch 

(* 17. Juli 1934, heute vor 90 Jahren, in Döbeln/Sachsen; † 4. September 2015 in Berlin) 

Sterbelager preußisch

Merkbare Sätze, hör ich, sind vonnöten.
So daß, wenn du schon ahnst, daß du bald kippst,
Du immerhin vor Schluß die Zeichen übst,
Die andern ohne dich an Auskunft böten,
Was die, träg lallend, eignen Blicks nicht finden:
Der Stumpfsinn ihre Brunst. So aber bleibt
Was Stachelndes, das sie zum Blinzeln treibt:
Die Mücken, doch noch, tanzen um die Linden,
Mittage wehn, Handwerker kaufen Schnaps,
Systeme blühn und reifen zum Kollaps,
In ferner Landschaft schießt man sich um Reis,
Der Tod hebt an im Mund, sein Farb ist weiß;
Und schneller drehn sich in der Welt die Dinge,
Um die es, ginge es um noch was, ginge.

Oktober 1986

Aus: Rainer Kirsch, Kunst in Mark Brandenburg. Gedichte. Rostock: Hinstorff, 1988, S. 37

21 Gramm

Jörg Fauser 

(* 16. Juli 1944, heute vor 80 Jahren, in Bad Schwalbach, Taunus; † 17. Juli 1987 in München) 

Das Gewicht der Seele

Heute früh ein Brief aus Berlin.
Eine Freundin teilt mit, dass amerikanische
Wissenschaftler durch eine Wiegemethode
vor, während und nach dem Sterben
herausgefunden haben: beim
Überqueren des letzten Flusses
gehen dem Menschen 21 Gramm
Gewicht verloren,
das Gewicht,
nehme ich an,
der Seele.

Heute Abend ein Anruf, ein Freund
in London ist gestorben,
31 Jahre, Hirnschlag,
jetzt schon verwesender Leib
minus 21 Gramm Seele.
Die Stadt Wien wirst du nicht mehr
abbrennen sehen, Benny, und nicht
den Planeten Venus.
Wie hieß das letzte Mädchen?
War die Maschine gut geölt,
was war im letzten Glas?

Und wem galt dein letzter
Zorn?

Wog deine Seele diesen Leib
nicht mehr auf und zerschlug
dir das Hirn?

Ratlos sitzen deine Freunde vor den Frauen,
seltsam schmecken die Getränke, kälter
scheint die Erde.

Freudlos sitze ich diese Nacht über den Tasten
und verstehe doch nichts anderes
als mich an die 21 Gramm zu klammern,
die meine Finger schreiben machen
und meine Träume vorbereiten
auf den Tod.

Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 276f

Selbstporträt

Lucía Sánchez Saornil 

(* 13. September 1895 in Madrid; † 2. Juni 1970 in Valencia) war eine spanische Schriftstellerin und Anarchistin. Sie war eine der Gründerinnen der feministischen Organisation Mujeres Libres. https://de.wikipedia.org/wiki/Luc%C3%ADa_Sánchez_Saornil

Selbstporträt

Das Raffinierte am modernen Leben
raubt mir die Kraft, entflammt die Hysterie.
Und durch Verzweiflung, Tod, ewige Nebel
rollt mir mein Hirn hinab zum Ennui.

Die schwarzen Augen schweigen, suchen Ruh,
ein vages Lächeln um die welken Lippen ...,
in stiller Nacht erschrocken zitterst du,
sagst triste Verse auf, wie in solennen Riten.

In solcher Nacht, so still und kristallin,
erwarte ich den Tod, in weißen Betten,
– im Blut die Überdosis von Morphin –

die Perversionen, schlaue Raffinessen,
am Morgen findet mich die Morgenröte,
tot lieg ich da, im Maul die Opiumflöte.

Cádiz-San Fernando Nr. 99
30. Mai 1917

Aus dem Spanischen von Birgit Kirberg und Christian Filips, aus: Lucía Sánchez Saornil, Kopfüber Pyramiden. hochroth Berlin 2024, S. 4

AUTORRETRATO

Este refinamiento de la vida moderna,
arde mis energías en llamas de histerismo;
por la duda y la muerte en confusión eterna
rodará mi cerebro hasta el siniestro abismo...

Llevo quietos los ojos, negros y taciturnos,
una sonrisa vaga en los labios marchitos...,
en la calma medrosa de los negros nocturnos
recito versos tristes, solemnes como ritos.

Acaso en una noche, serena y cristalina,
en la albura del lecho esperaré a la Muerte
- la sangre envenenada de perlas de morfina -

en perversos placeres refinados y sabios,
y la nueva alborada sorprenderame inerte
con la pipa de opio en los rígidos labios.

Cádiz-San Fernando n.° 99
30 de mayo de 1917

Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!

Christine Lavant 

(eigentlich Christine Habernig, geborene Thonhauser; * 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)

Trau der Mannschaft deines Seglers zu, 
daß sie tüchtig aus der Trunkenheit
aufstehn könnte, jeder einzeln aufstehn,
jeder noch bis übers Kinn besoffen,
aber hingehn und das Seine tun!
Zwischen Sternen, die zum Teufel gingen,
ist es herrlich, selbst den Belzebuben
so im Leib zu haben wie die Kerle
deines gottverdammten Leichenkastens.
Glaubst du denn, der Wind trägt dich dorthin,
wo du hinwillst? – jeder Wind ist herrlich
und verwandt mit aller Teufelei!
Ach, für ihn bist du ein Taschenmesser,
das er einsteckt, ohne es zu merken,
wenn du durch und durch voll Vorsicht bist.
Deine Mannschaft, die du bündeln willst
und aus ihrem Rücken Riemen schneiden,
schnitzt für dich aus einer Erdnußschale
noch ein viel zu großes Rettungsboot.
Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!
Dieses Schiff wird nie verständig werden –
melde oben bei dem Bootsverleiher,
daß wir brüllend und das Maul voll Suff
seine Sterne aus der Hölle holen.

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Sigbert Mohn, o.J. (1965), S. 381