Tom Schulz
Tantiemen, Jemen
wir waren zwei reizende Nierentischchen
denen die Fische und ihre Frau gern mal den Heil
Butt hervortanzten, aus dem Stehgreif den Steg
mit den Elektroanglern, adé
ihr honoren Gassenhauer, ihr Hasen
Schartenorchester, ihr empfindlichen
Tendenzen in ernstgemütlicher Lage
"Wie gehts sich denn so in Trom,-"
böser Onkel, Papa Schlumpf
mein Flachbett, mein Lachszug
mein Fingerzeig, mein Kieselstein
Zertrümmerer auf dem Verdichter
Plattenlabel, zeichnen sie hart
wir schließen erholt
herzlich, mit Herz und Hund
(führend in der Holzbockbekämpfung
seit fünf Generationen)
als Stubenküken musste ich immer
die Federn lesen, die Küchenschaben
Jungen stimmten das Deutsche Eck an
(eine blühende Darmflora und Fauna
mit Karzern, Kasernen und Kaffeekantaten)
wir wollen in gut getönten Gucchi
Brillen die Sonnenuntergänge schwarz einrahmen, Günter
und mit der guten Rama allen den Unfug
aufs Brot schmieren (schreiben), adé
ihr aspirintrunkenen Aspiranten des non liqueten
wir wollen fortfahren mit dem Schieß
Budengeld, mit dem Satz vom Schund
Aus: Tom Schulz: Hundert Jahre Rütli. Berlin: SuKuLTuR, 2007, S. 17f (Schöner Lesen 67)
Drei Gedichte des deutsch-iranischen Schriftstellers SAID, der 2021 in München starb.
Eingefrorene Lügen
Ich rufe deinen Namen.
Du rufst zurück.
Und wir mißverstehen uns.
Das Telephon ruft.
Ich renne hin
schiebe mich zur Seite
und nehme den Hörer
und
wir spielen Räuber und Gendarm.
Du legst auf.
Ich verliere Dich.
Empfang
Paßkontrolle.
Ein Zeigefinger
sucht in einem Buch mit vielen Namen.
Ein Zeigefinger erinnert mich an andere Orte.
Das Dröhnen eines Stempels behauptet:
Ich bin kein Fremder mehr.
Aus: Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Hrsg. Gerrit Wustmann. Bremen: Sujet Verlag, 2001, S. 178, 179, 181
SAID (persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München; bürgerlich Said Mirhadi, Künstlername in Großbuchstaben) war ein iranisch-deutscher Schriftsteller.
1965 kam SAID als Siebzehnjähriger zum Studieren in die Bundesrepublik Deutschland. In München studierte er Politikwissenschaft. 1979, nachdem die Monarchie im Iran gestürzt wurde und die Islamische Republik sich allmählich etablierte, kehrte SAID kurzzeitig in den Iran zurück. Die dort durch die Mullahs neu begründete Theokratie aber veranlasste ihn, in der Bundesrepublik Exil zu suchen. Im Jahre 2004 erhielt SAID die deutsche Staatsangehörigkeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Said_(Schriftsteller)
Washington Cucurto
(alias Santiago Vega, * 1973 in Quilmes)
Höflichkeitsvisite
Die Allerschönste der Prinzessinnen
geht jede Nacht durch mein Fenster
ein und aus.
Niemand schafft es jemals sie zu sehen.
Nicht einmal meine Frau, die neben
mir schläft.
Die Allerschönste der Prinzessinnen
setzt sich aufs Bett
und lehnt ihre Wange an meine.
Niemand schafft es jemals sie zu sehen.
Nicht einmal ich, der ich neben
ihr schlafe.
Aus: Washington Cucurto, Die Maschine, die kleine Paraguayerinnen macht. Herausgegeben, aus dem argentinischen Spanisch übertragen und mit einem Glossar versehen von Timo Berger. SuKuLTuR 2004, S. 13
Klavki
(geboren als Oliver Eufinger am 4. Oktober 1972, gestorben ebenda am 4. April 2009)
„Kunst ist ein Irrtum!“
Heiner Müller
Scherben
Herzstück. Glücksgott. Froschkönig ...
JEDER STEIN hat Atem zu schreien.
Also grab deinen Speichel zurück in deine faulenden Zähne.
Eiter dringt schon aus deiner Wunde, deinem Maul, stinkend,
gesalbt mit Galle, kotmäulig.
Schluck deinen Hass, kaue ihn lange in den Winkeln deines Körpers.
Spuck aus dein Mitgefühl.
Mäste dich mit deinem Grab Auflehnung.
Reiß die Brüste von deiner Mutter – Klumpen, mit schwarzem
Blut, das du einst gierig gesoffen hast.
Oder willst du geduldig warten auf unser vergehendes Fleisch,
auf unseren vieljährigen Tod? Unser Vorsprung in den Staub ist
nur knapp.
Nur drei Wörter länger ist dein Leben.
Setz deinen Fuß auf unseren Nacken.
Wonne des zu Recht Getretenen.
Noch ein Fußtritt – und jeder Faustschlag ist Berührung.
Fühllos auf Fühllosem.
Lass sie wachsen: deine Gleichgültigkeit – gegen uns.
Gegen Das da.
Fühllos ...
Aus: Klavki, Delirium. Lyrik. 2. Auflage, 2012
Passend zum Gedicht auf die irische Sprache von Ciara Ní É (hier vorgestern) heute eins auf die katalanische.
Màrius Sampere
(Màrius Sampere i Passarell, * 28. Dezember 1928 in Barcelona, † 26. Mai 2018 ebd.)
Wie gut es mir gefällt
Wie gut es mir gefällt, in einer Sprache zu schreiben,
von der es heißt, sie sterbe aus.
Welch Gefühl von Frieden und Erleichterung,
sie abwärts zu den Quellen zu tragen,
zur Schattenseite, zwischen die Beine, zur heiligen Frau
des ersten Lichtscheins.
Das Geschlecht öffnete sich, und ich öffnete die Augen
und las an den blutenden Wänden
dies: Ich werde sprechen!
Und nun sage ich, da ich alles weiß
über die Liebe und die Räuber:
Je tiefer der Tod, desto verwurzelter in der Erde!
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé.
Com m’agrada
Com m’agrada escriure en una llengua
que diuen que es mor.
Quina sensació de pau i alleujament
portar-la de baixada cap als aiguaneixos,
l’obaga, l’entrecuix, la santa dona
de les primeres clarors.
S’obria el sexe i jo obria els ulls
i vaig llegir, per les parets sagnants,
això: parlaré!
I ara dic, ara que ho sé tot
de l’amor i dels lladres,
com més fonda la mort, més endins de la terra!
Bei Lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gesprochen hören und weitere Übersetzungen (ins Englische und Spanische) sowie weitere Gedichte lesen.
Joan Salvat-Papasseit
(* 16. Mai 1894 in Barcelona, Spanien; † 7. August 1924, heute vor 100 Jahren, ebenda)


Aus dem Katalanischen von Thomas Fritz, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 54f
Ciara Ní É
Da ich Irisch tagtäglich spreche, geht mir immer ziemlich gegen den Strich, wenn jemand es als tote Sprache bezeichnet. Meine gelebte Erfahrung könnte nicht weiter entfernt davon sein, denn ich hatte das Vergnügen, mich in eine ebenfalls Irisch sprechende Person zu verlieben. Minorisierte Sprachen werden seltener für Werbung, Filme, Pornografie usw. verwendet, dabei haben wir as Gaeilge, auf Irisch, mehr Freiheit, unsere eigenen Welten mit unseren eigenen Worten zu erschaffen.
Diese tote Sprache
Ich höre sie behaupten, meine Sprache sei tot
Doch das ist mir egal
Die begreifen den eigenen Mangel nicht mal,
sind blind für solche quicklebendigen Momente
Da ist sie
während ich in meinem Wortschatz wühle
aus tiefstem Herzen einer
passenden Definition nachspüre
für unsere ... Verbindung? Verwringung? Verschlingung?
Da ist sie
in weiter Ferne unter Sternen
während du Bezauberndes ins Handy raunst
das wundersam die Luft durchquert
und mir ins Ohr geflüstert wird
Da ist sie
als vorgebrachte Bitte
während ich auf Knien vor dir sitze
in einem schicken Hotel in der Stadt
Da ist sie
diese tote Sprache
strömt aus deinem Mund, solange du in meinem bist
Da ist sie
diese Sprache, die streichelt
diese Sprache, die schmeichelt und lustvoll berührt
Da ist sie, da
und da schon wieder –
Im Vokativ
Ich rufe deinen Namen
Deinen Namen
Deinen Namen
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Aus: Sprache im technischen Zeitalter 250, Juni 2024, S. 195f.
Dieses Gedicht hat die zweisprachige irische Autorin und Performancekünstlerin ursprünglich auf Irisch geschrieben und für die Übersetzung ins Englische übersetzt.
Rudolf Hagelstange
(* 14. Januar 1912 in Nordhausen; † 5. August 1984, heute vor 40 Jahren, in Hanau)
DENN Furcht beherrscht seit langem eure Tage,
Furcht vor der Wahrheit. Eure Züge
sind fahl von Heuchelei und Lüge.
So wie das Zünglein an der Waage
den Gleichstand liebt, so sucht ihr zu verbergen,
was euch bewegt. Ihr braucht die Nächte,
um wieder ihr zu sein: Verächter, Knechte,
Liebhaber, Günstlinge, Verschwörer, Schergen.
Ihr habt die Scham verraten, um in ihrem Kleide
das Licht zu täuschen, das die Wahrheit liebt,
auf daß es gleichfalls eure Wege meide.
Ihr habt verwirkt, einander Recht zu sprechen.
Ihr ludet schreckliches Verbrechen
auf euch. Ihr habt den Quell getrübt.
Aus: Rudolf Hagelstange: Venezianisches Credo. Leipzig: Insel, 1946 (11.-20. Tsd.), S. 15
Krzysztof Kamil Baczyński
([ˈkʂɨʂtɔf ˈkamil baˈt͡ʂɨɲskʲi]; * 22. Januar 1921 in Warschau; † 4. August 1944, heute vor 80 Jahren – als Teilnehmer des Warschauer Aufstands von einem deutschen Soldaten erschossen, 23 Jahre alt)
Hans Magnus Enzensberger nahm drei seiner Gedichte in sein „Museum der modernen Poesie“ auf. Hier eins davon.
Elegie auf einen polnischen Jungen
Sie trennten dich, mein Sohn, von Träumen, die wie Falter zittern,
sie malten dir ein Landschaftsbild aus Bränden und Gewittern,
sie strickten feuchte Augen dir, mein Sohn, die rot verbluten,
und mit Gehängten säumten sie den Fluß der grünen Fluten.
Sie prägten dir die Heimat ein, mein Sohn, mit toten Schritten,
das Eisen deiner Tränen hat den Weg herausgeschnitten.
Sie zogen dich im Dunkel groß mit Angst, die alle aßen,
und du gingst blind die schamhafteste aller Menschenstraßen.
Du gingst, mein heller Sohn, die schwarze Waffe in den Händen,
erlebtest in dem Schrei der Zeit, das Böse sich vollenden.
Und deine Hand bekreuzte noch die Welt, bevor sie sank.
War es die Kugel, wars das Herz, mein Sohn, was da zersprang?
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 291. (Die Originalausgabe des Museums erschien 1960. In der zweibändigen Ausgabe sind alle Texte auf Deutsch und in der Originalsprache abgedruckt.)
Elegia o chłopcu polskim
Oddzielili cię, syneczku, od snów, co jak motyl drżą
haftowali ci, syneczku, smutne oczy rudą krwią,
malowali krajobrazy w żólte ściegi pożóg,
wyszywali wisielcami drzew płynące morze.
Wyuczyli cię, syneczku, ziemi twej na pamięć,
gdyś jej ścieżki powycinał żelaznymi łzami.
Odchowali cię w ciemności, odkarmili bochnem trwóg,
premierzyłeś po omacku najwstydliwsze z ludzkich dróg.
I wyszedłeś, jasny synku, z czarną bronią w noc,
i poczułeś, jak się jeży w dźwięku minut – zło.
Zanim padłeś, jeszcze ziemie przeżegnaleś ręką.
Czy to byla kula, synku, czy to serce pękło?
Ebd. S. 290
Zum 100. Todestag des polnisch-ukrainisch-englischen Schriftstellers Joseph Conrad (eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski, * 3. Dezember 1857 in Berdytschiw, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine; † 3. August 1924 in Bishopsbourne, Großbritannien) ein Gedicht des deutsch-polnisch-litauischen Schriftstellers Johannes Bobrowski.
Joseph Conrad
Linien,
über der Kimmung,
leicht, falbes Gebirg. Der Streifen
Weiß. Dort geht
zu Ende die Flut. Der Küste
Fiebergrün scheint herauf.
Und der Wind
fährt, ein Sprung in der Wölbung
aus Licht, bleiernem Licht. Das Schiff
aber ist da. Hier steh ich. Ich hab in den Lungen
die unaufhörliche Ferne.
Und sag deinen Namen,
mein Schiff.
Einmal, im hellen Abend,
wie der Habicht der Berge um Tschernigow,
blick ich hinaus, weißblühende
Städtchen, am Dnjestr gesungen,
hör ich, ich rufe den polnischen
Zimmermann. Dort,
sag ich, die Boote sind schwarz.
Das hab ich vergessen.
Himmel über uns, Ferne
bis unter die Segel, dunkelnd.
Und, inmitten, die brennende
Treue der Männer, gekommen
über die Meerflut.
Aus: Johannes Bobrowski, Die Gedichte (Gesammelte Werke Bd. 1). Berlin: Union, 1987, S. 42
Die erste Fassung dieses Gedichts ist vom 3.7.1956. Aus den Anmerkungen der Werkausgabe:
Joseph Conrad – Eigentlich Teodor Józef Konrad Korzeniowski (1857-1924), englischer Schriftsteller, der aus dem polnisch-ukrainischen Landadel stammte, geboren in Berditschew, Sohn eines Schriftstellers, der 1861 in Vorbereitung des polnischen Aufstandes von 1863 verhaftet und in das nordrussische Wologda verbannt wurde, wohin Frau und Kind ihm folgten. 1863 durfte die Familie nach Tschernigow übersiedeln. 1868 wurde die Verbannung aufgehoben. Nach dem frühen Tod der Eltern sorgte der Onkel Tadeusz Bobrowski, der Bruder der Mutter, für den Verwaisten. 1874 trat er in Marseille in die französische Marine ein. Ab 1878 im Dienst der englischen Marine, wurde er 1886 britischer Staatsangehöriger und Kapitän. 1894 schied er aus dem Seemannsdienst aus und lebte seitdem als Schriftsteller in der Nähe von London. Auf Conrads Onkel Tadeusz Bobrowski machte Ina Seidel in einem nicht erhaltenen Brief Johannes Bobrowski aufmerksam, der in der Antwort vom 15. August 1944 Conrad den Verfasser der geliebten Shadow-line nannte. Vgl. Bobrowskis frühe Bemerkung zu Conrad und die Interviewbemerkung von 1965 (IV 207 und 488). »Die Schattenlinie« (1916) erzählt in Ichform von Conrads erstem Schiffskommando, als er 1888 das englische Segelschiff »Otago«, dessen voriger Kapitän geisteskrank geworden und gestorben war, in Bangkok übernahm. Eine Flaute hielt das Schiff im Golf von Siam fest und brachte die Mannschaft an den Rand des Todes. Mit letzter Kraft wurde Singapore erreicht. Die Erzählung zeigt neben dem Glück und Stolz des Kapitäns die Tücke und Grausamkeit des Meeres, zum Ende immer mehr die Solidarität und den Heldenmut der todkranken Mannschaft. Von dieser Erzählung, die Bobrowski in einer deutschen Ausgabe von 1930 besaß, geht das Gedicht aus.
Der Küste / Fiebergrün – Die Ostküste des Golfs von Siam mit ihren Inseln, aus deren Nähe und fieberbegünstigender heißer Luft das Segelschiff infolge der Flaute wochenlang nicht wegkommt (»Die Schattenlinie«, Kapitel IV).
Einmal – Gemeint ist die Zukunft, erste Fassung: Einmal, im Alter.
Berge um Tschernigow – Erinnerung an Conrads fünf Kindheitsjahre in Tschernigow, das aber im Flachland liegt.
weißblühende / Städtchen, am Dnjestr gesungen – Nach der Aufhebung der Verbannung lebten Vater und Sohn Korzeniowski einige Zeit in Przemyšl und Topolnica. Der Dnjestr ist der Hauptstrom des östlichen Galizien. Die ukrainisch-ostgalizischen Landstädtchen bestanden aus kleinen weißgestrichenen Lehmhäusern, die besonders häufig von Kirschbäumen umgeben waren. Während Hitlers Polenfeldzug war Bobrowski im September 1939 vielleicht bis Przemyšl gekommen (Chronik 17).
ich rufe den polnischen / Zimmermann – In Conrads Leben und Werk kommt er nirgendwo vor. Vielleicht ist, in Anlehnung an Mickiewicz, an messianische Hoffnungen des polnischen Volkes zu denken (Jesus nach Mk 6, 3 »der Zimmermann«).
Aus: Johannes Bobrowski. Erläuterungen der Gedichte und Gedichte aus dem Nachlaß, von Eberhard Haufe. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1998 (Gesammelte Werke Bd. 5), S. 52f
Richard Dove
Übersetzung aus einer sterblichen Sprache
Alle Liebesgedichte sind geschrieben,
keine Übertreibung war übertrieben.
Alle Berge und Täler sind zerrieben,
auch das Weltall wird auseinanderstieben.
Hier im Nichts
zählt nur die Sonne deines Gesichts.
Aus: Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2020, S. 50

Uwe Hübner
(* 14. Februar 1951 in Gelenau/Erzgeb., † Juni 2024)
Heimat
Dann ist man angekommen. In jenem herrlichen Terrain. Das auch mit Gosse und Rinnstein benannt wird. Wunderbar niedergebettet. Den Körper unendlich gestreckt. Die Arme angelehnt. Das Gesicht; in dem großartigen Winkel aus Granit und Asphalt. Hingetan. Geschlossen die Augen. Ein zarter Regen. Darüberstäubend. Und sonst in Entfernung. Heilsame Leere. Ja. Dann ist man angekommen. Heimat. Ja. Mutter Erde. Du Gütige. Adieu!
Aus: Uwe Hübner, Pinscher und Promenade. Mit Zeichnungen von Siegfried Anzinger. Hrsg. Constanze Höhne. Berlin: Galrev, 1993, S. 5
Agi Mishol
(Hebräisch אגי משעול, geboren als Ágnes (Ági) Fried am * 20. Oktober 1946, einige Quellen nennen 1947, in Cehu Silvaniei / Szilágycseh, Siebenbürgen, Rumänien, lebt bei Tel Aviv)
Schutzraum
Jetzt wo rundherum Tod kriecht
und Pekannüsse sich in ihre Schalen drücken
verstecke ich mich im Hebräischen.
Nichts wird mir geschehen beim arglosen Schreiben
nichts wird mir geschehen
wenn ich mich von den Buchstaben aufnehmen lasse
wenn ich nicht über die Linie schreibe –
geschrumpft in einen kleinen Punkt
eingezwängt in ein o oder
den Bauch eines g
in einen tränenden Strichpunkt
eingegeiselt.
Geliebte heilige Sprache –
jetzt wo alles seine Zeit hat
alles Entsetzen ist
wo der Hain uns seine Früchte reicht
und die Erde gepflügt ist
tue ich nur was Rilke sagt:
lasse mir alles geschehen
Schönheit und Schrecken
ohne zu denken
dass sie endgültig sind.
Oktober 2023
Aus: Agi Mishol, Gedicht für den unvollkommenen Menschen. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Mit einem Nachwort von Ariel Hirschfeld. München: Hanser (Edition Lyrik Kabinett), 2024, , S. 14
Dass er, August Stramm, das deutsche Gedicht sehr verkürzt hat, wissen wir von Ernst Jandl. Aber diese Kürze will erarbeitet sein. Das kurze Gedicht „Untreu“ hat viele meist längere Vorstufen. Hier einige davon.
August Stramm
(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Belarus)
[1. Skizze]
Untreu
Dein Lachen weint in meiner Brust
Dein silberhelles Lachen goldet
kalt ist dein heißer Mund
Mich zerreißt Verlangen
zerrt Entsetzen
[2. Skizze]
Untreu
Dein (silbern) Lachen (goldet)
goldnes. silbert
Dein heißer Mund (zerfriert)
erfriert
Dein Auge (trüget)
(glühet)
(glänzet)
(fiebert)
schielet Lüge
stiehlt die Blicke aus alter toter Zeit und lügt
sie neu
Deine Hände (feuchten)
tropfen
schweigen (Trug)
(Lug)
Trug
Und aus dem Munde (quellen) Dein Herz versteckt sich
zittern
Der Haß und Angst und Scheu.
Die Atemdüfte fiebern Leichenduft
Und winden scheu vorbei.
Und mit den Worten spielet
Dein Herz scheu Versteck
*Und kosen mich die Worte vorbei
Und was du mir auch sagest
ich fühl
vorbei vorbei
[3. Skizze]
Untreu
Dein goldnes Lachen silbert
Die heiße Lippe friert
(Dein)
Das Auge stiehlt die Blicke herauf
aus (toter toter Zeit)
meinem Grab.
Und (Leichenduft der Atem)
meine Leiche wittert in deinem Atem um
In deinem Atem duftet meine Leiche
* Dein Wort erstickt *das Herz
* Und Wort auf Wort erschüttert.
(Ich leb und bin ein Toter)
ein Toter lebe ich
Ich war!
und jeder Blick stiehlt mir etwas
Und jedes Wort schüttelt eine neue Schaufel auf mein Grab
Das Herz wandert *verstellt *in *den
[22. Vorfassung)
UNTREU von AUGUST STRAMM
Dein Lächeln weint in meiner Brust
Die (feuerbrandgen) Im Kuß (friert)
(glutzerrissnen) klirrt Glatteis
glutverrissnen
gerissen
gebissen
glutverbissnen Lippen eisen
Im Atem wittert (Sterben!)
(Unrast!)
Todluft
Grüfte
Gruft auf!
Grufthauch
Frosthauch
Gleichmut
Brodem
(Truggift)
Trugtod
Streitgift
Härte
Mitleid
schwelt Verrat
Lughast
Leidhauch
Streithauch
Streitsucht
Gallhauch!
Galle!
wittert Wandel!
schwelet. Asche!
sticket. Falschheit!
Vergessen!
Verlangen
Verlachen
Verachtung!
Dein Blick (begräbt)
(begräbt mich)
versargt
(Und) Und
(Poltert hastig)
hastet (trügebröcklig)
lügebröcklig Worte (nach)
drauf
(Dein) (Leis)
Der Kleidsaum weiß
Buhlet keck
Schlenkrig frech
(Rüber drüber!) buhlt der Kleidsaum
Drüber rüber! schlenkrig
Die Hände Lügenweich Lügenweich
glätten die Hände die Hände
lügenweich glätten glätten mich
Vergessen mich Vergessen
Druckfassung
UNTREU
Dein Lächeln weint in meiner Brust
Die glutverbissnen Lippen eisen
Im Atem wittert Laubwelk!
Dein Blick versargt
Und
Hastet polternd Worte drauf.
Vergessen
Bröckeln nach die Hände!
Frei
Buhlt dein Kleidsaum
Schlenkrig
Drüber rüber!
Aus: August Stramm, Die Dichtungen. Sämtliche Gedichte, Dramen, Prosa. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jeremy Adler. München Zürich: Piper, 1990, S. 35 und 315-319
Zwei runde Jubiläen heischen heute Aufmerksamkeit: der 150. Geburtstag von August Stramm und der 50. Todestag von Erich Kästner. Weil heute Montag ist, entscheide ich mich für ein Montagsgedicht von Kästner und lasse Stramm bis morgen warten. Im übrigen sind mir die beiden sehr verschiedenen Autoren gerade recht, um wieder mal auf die Diversität dieser Anthologie zu verweisen. Wer in meinem Regal und meinem Kopf nebeneinander zu liegen & stehen kommt, muss es aushalten, auch hier gelegent- und nachbarschaftlich zu verkehren. Hier geht es nicht um meine (und um niemandes sonst) Lieblingsgedichte. Nicht repräsentativ soll es sein, nur divers. Oder wie die Norddeutschen sagen: Watt all jiwwt!
Erich Kästner veröffentlichte zwischen dem 11. Juni 1928 und dem 22. April 1930 fast in jeder Ausgabe der Berliner Zeitung „Montag Morgen“ ein Gedicht. Hier das erste dieser Zeitungsgedichte, das dem legendären Droschkenkutscher Gustav Hartmann gewidmet ist, der auf der Fahrt von Berlin am 4. Juni in Hamburg angekommen war. Aus gegebenem Anlass grüßen wir auch heute die Stadt an der Seine, die immer noch für Diversität steht.
Erich Kästner
(* 23. Februar 1899 in Dresden; † 29. Juli 1974 in München)
Die Gustavs
Im wunderschönen Monat Mai
Befuhr ein Mann mit seinem Pferde
Ein großes Stück der kleinen Erde.
Ein Redakteur war auch dabei.
Selbstverständlich.
Man fuhr von Wannsee nach Paris.
Zwei Völker winkten mit den Mützen.
Auch schien es der Idee zu nützen,
Daß unser Kutscher Gustav hieß.
Selbstverständlich.
Obwohl er nicht Französisch kann,
Hat er sich mit Paris verständigt.
Denn dort, wo das Verstehen endigt,
Fängt die Verständigung erst an:
Selbstverständlich.
Wer nach Paris will, braucht Geduld,
Raketenflug hat keinen Zweck.
Wer langsam fährt, kommt schnell vom Fleck.
Daran sind nicht die Kutscher schuld,
Selbstverständlich.
Was sollen Völker mit Genies?
Wir Völker wollen Gustavs haben,
Die langsam, aber sicher traben!
Und das gilt nicht nur für Paris
Selbstverständlich.
11. Juni 1928
Kommentar des Herausgebers der „Montagsgedichte“, Alexander Fiebig:
Am Montag, dem 4. Juni 1928, traf der Droschkenkutscher Gustav Hartmann (bekannt auch durch Falladas Roman „Der eiserne Gustav“) in Paris ein. In der deutschen Botschaft hielt er eine originelle und begeisternde Rede über die Verständigung zwischen Paris und Berlin. Kästner vergleicht ihn mit dem Außenminister Gustav Stresemann, dessen Außenpolitik eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland anstrebte.
Aus: Kästner, Erich, Montagsgedichte. Zusammengestellt und kommentiert von Alexander Fiebig. Berlin : Aufbau-Verl., 1989 (1. Aufl.), S. 5f – Das Taschenbuch in der bb-Reihe des Ostberliner Aufbau-Verlags gibt an: „Ausgabe für die Deutsche Demokratische Republik mit Genehmigung des Atrium-Verlages, Zürich“. Jedoch lässt sich bei der Deutschen Nationalbibliothek keine frühere Ausgabe des Titels ermitteln, die DNB listet vielmehr diese Aufbau-Ausgabe zuerst. Erst 2012 erschien eine Buchausgabe bei Atrium „Die MontagsGedichte / Erich Kästner. Mit einem Vorw. von Marcel Reich-Ranicki. Kommentiert von Jens Hacke“ und zugleich ein Hörbuch (CD) , die als Erstausgabe bezeichnet wird. Vielleicht weiß jemand aus der Leserschaft mehr darüber?

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