Das neue Heft des Berliner Abwärts! ist erschienen, was soll ich sagen? Ich bin froh, dass Texte fremdsprachiger Lyriker drin sind – ich werde darauf zurückkommen. Und der immergrüne Clemens Schittko.
was sich aber sagen lässt… für Franz Jung es geht abwärts/ es geht bergab/ so viel ist sicher/ so viel steht definitiv fest/ oder möchte noch irgendjemand bestreiten/ dass es tatsächlich abwärts geht?/ denn es geht ja nun mal abwärts/ es geht bergab/ nehmt es so hin/ oder lasst es bleiben/ doch was auch immer ihr macht:/ ihr werdet das Unvermeidliche nicht abwenden/ denn es geht nun mal abwärts/ es geht bergab/ das sollte inzwischen allen klar sein/ also machen wir uns doch nicht länger etwas vor/ sondern sehen den Tatsachen endlich ins Auge/ zumal sich das ganze ja ohnehin nicht ändern lässt/ denn es geht nun mal abwärts/ es geht bergab/ aber ich sag’s ja nur/ ich wollte das Thema einfach mal angesprochen haben/ denn letztlich sollte es doch um die Sache gehen/ alles andere ist pure Ideologie/ zumal es ja tatsächlich abwärts geht/ um nicht zu sagen: bergab/ ja, so ist es/ so sieht es nun mal aus/ man muss es eigentlich nur zur Kenntnis nehmen/ auch wenn es an der Tatsache selber nichts ändert/ nämlich dass es nun mal abwärts geht/ um nicht zu sagen: bergab/ es geht letztlich hinab/ und das nicht nur metaphorisch gesprochen/ der Weg führt ein für alle Mal nach unten/ oder anders gesagt:/ es geht abwärts/ es geht bergab/ so muss man es leider feststellen/ aber irgendetwas ist ja bekanntlich immer
Aus: Abwärts! Nr. 52, August 2024, S. 36
Nachbemerkung: Ich frage ja fast täglich die Künstliche Intelligenz von WordPress, und ich wusste, dass sie mit diesem Text ein Problem haben wird. Sie machen Vorschläge zur Verbesserung des Posts (also in diesem Fall des Gedichts).
Der Inhalt scheint eine literarische Rezension oder ein Kommentar zu sein. Er ist etwas dicht und es kann hilfreich sein, den Text zur besseren Lesbarkeit in kleinere Absätze aufzuteilen. Darüber hinaus könnten einige einleitende und abschließende Sätze helfen, Kontext zu schaffen und das Thema des Textes zusammenzufassen. Erwägen Sie das Hinzufügen einiger Überschriften oder Unterüberschriften, um den Leser durch die verschiedenen Teile der Rezension zu führen. Schließlich würde eine kurze Zusammenfassung oder Analyse des rezensierten Werks das Engagement des Lesers erhöhen.
Sch…tt, ich pfeif drauf, den Teufel werd ich.
Heute ein Crashkurs durch die deutsche Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts in französischer Optik.
Jean Cocteau
(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)
Ein zwei drei
Voyez le vieux Goethe il sautille
comme une chèvre, sur le Vésuve ;
il porte un livre grec, un herbier,
un filet à papillons.
Il casse des gros morceaux de Vésuve
et en remplit ses poches.
Car la fin des vacances d'Eckermann
approche.
Henri Heine aimait bien Paris,
le beau juif mort d'amourettes.
Nietzsche achetait ce qu'on trouve
à la gare de Sils Maria,
des livres de Gyp, de Paul Bourget.
Zarathoustra est un vieux guide suisse,
mais son diamant raye tout.
Brûlé aux lampes, le fauteuil
de Weimar, sa sœur ouvre.
On ne peut plus le voir, c'est fini.
Qui trop devine et qui trop parle
sera cruellement puni.
Eins, zwei, drei
Seht den alten Goethe: er hüpft
wie eine Ziege über den Vesuv;
er trägt ein griechisches Buch, ein Herbarium,
ein Schmetterlingsnetz.
Er zerschlägt große Stücke vom Vesuv
und füllt damit seine Taschen.
Denn das Ende von Eckermanns Ferien
naht.
Heinrich Heine liebte gar sehr Paris,
der schöne Jude, der an Liebeleien starb.
Nietzsche kaufte, was man so findet
am Bahnhof von Sils Maria:
Bücher von Gyp und von Paul Bourget.
Zarathustra ist ein alter Schweizer Bergführer,
aber sein Diamant schneidet alles.
Von den Lampen versengt, der Sessel
zu Weimar. Seine Schwester macht auf.
Er ist nicht mehr zu sprechen. Vorbei.
Wer zuviel ahnt und zuviel spricht
wird grausam bestraft.
Aus: Poèmes Français. Französische Gedichte. Nach dem Ergebnis einer Umfrage bei den Mitgliedern der Académie française herausgegeben und übersetzt von Ulrich Friedrich Müller unter Mitarbeit von Henri Perrin. Ebenhausen bei München: LANGEWIESCHE-BRANDT, 1963 (2. Auf., 1. 1960), S. 150f
Zur Übersetzungsmethode heißt es in dem Buch:
Die deutschen Übersetzungen in diesem Buch sollen allein dazu dienen, dem Leser das Verstehen der französischen Gedichte zu ermöglichen. Sie folgen deshalb Zeile für Zeile dem Originaltext und sind – unter Verzicht auf den Reim und die gleiche Zahl der Hebungen im Vers – so präzise gehalten, wie es der deutsche Satzbau und die deutsche Idiomatik irgend erlaubten. Eine ungezwungene rhythmische Annäherung an die Vorlage ist dazu bestimmt, diese Interlinearversion zu beleben und als Lyrik-Übersetzung auszuweisen.
Volha Hapeyeva
(belarussisch Вольга Гапеева, deutsch ‚Wolha Hapejewa‘, englisch Volha Hapeyeva; * 1982 in Minsk)
monolog eines buchs
du steckst mich hinten in den schrank
zwischen andere gut genutzte bücher
damit ich meinen wahren platz erkenn
mich nicht aufführe wie
eine prinzessin
ich öffne die augen und seh
es wird eng für mich
im schrank hinterste ecke
zwischen anderen dickleibigen büchern
ich warte auf die berührung deiner finger
weil der leser eine art gott ist
er entscheidet mit wem er die nacht verbringt
wenn du von geburt her das glück hast schön zu sein
könntest du ein liebling werden
oder sogar das hausbuch
wenn nicht – stehst du nur da und staubst ein
wenig beneidenswert das schicksal eines buchs
du wirst gewählt gekauft dann ausgetauscht
teil einer sammlung
schon in ordnung du bist nur ein ding
wie jedes gute ding hast du zu dienen
zur unterhaltung bildung erziehung
oder dazu köstliche mahlzeiten zuzubereiten
andernfalls
kommst du ins altpapier
oder gott bewahre wird der ofen mit dir geheizt
oder man wird dich in bibliotheken geben
und du wirst ein öffentliches buch
ohne zuhaus
das man für einige zeit für geld entleiht
dann zurückgibt oder verliert
auf öffentlichen plätzen
so gefährlich ist das schicksal eines buchs
schon in ordnung weil du nur ein ding bist
weil du bloß wort bist
mit dem falschen grammatischen geschlecht
Aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf Mit einem Nachwort von Matthias Göritz. Mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 31f
Beim Suchen nach einem Gedicht für heute stieß ich auf ein altes Heft der legendären Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“, Untertitel „Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler“. 2004 erschien Nummer 23, gewidmet diversen Spielarten experimentellen Übersetzens, im Inhaltsverzeichnis liest man Begriffe wie Unübersetzbarkeit der Metapher (Frey), Gedicht für Übersetzer-Studentn (Kling), schlampige Schätzungen (Hammerschmid), Nachbild (Ledebur), Gegen-Gestirne (Rinck), Ikten (Schestag), Paume (Jackson), Inner- und Zwischensprachliches Übersetzen (Ingold), Umdichten (Prammer). Deutschsprachige Autoren widmen sich auf diversen Wegen italienischen und französischen Dichtern. Monika Rinck befasst sich mit dem französischen Dichter Jules Laforgue (1860 in Montevideo als Sohn französischer Eltern geboren, genau heute vor 164 Jahren). Genauer mit einem Gedicht Laforgues, dem sie in sehr jungen Jahren bei Julio Cortázar begegnet war, ein Sternbild des Nichtwissens entstand daraus, und eine zwischen die Zeilen geschriebene Übersetzung „in sehr junger Schrift“. Rinck teilt nicht ihren damaligen Versuch mit, sondern sie reagiert / paraphrasiert / reflektiert / hält dagegen aus der Differenz von 20 Jahren. Ich gebe den Originaltext von Laforgue und eins von Rincks Echos. Wer mehr will, frage in der Bibliothek seines Vertrauens: Was, ihr habt diese wichtige Zeitschrift nicht?!
Jules Laforgue
Encore à cet astre
Espèce de soleil ! tu songes : – Voyez-les,
Ces pantins morphinés, buveurs de lait d'anêsse
Et de café ; sans trêve, en vain, je leur caresse
L'échine de mes feux, ils vont étiolés ! –
– Eh! c'est toi, qui n'as plus que des rayons gelés !
Nous, nous mais nous crevons de santé, de jeunesse !
C'est vrai, la Terre n'est qu'une vaste kermesse,
Nos hourrahs de gaîté courbent au loin les blés.
Toi seul, claques des dents, car tes taches accrues
Te mangent, ô Soleil, ainsi que des verrues
Un vaste citron d'or, et bientôt, blond moqueur,
Après tant de couchants dans la pourpre et la gloire,
Tu seras en risée aux étoiles sans cœur,
Astre jaune et grêlé, flamboyante écumoire !
Monika Rinck
denk dir, espèce de soleil
etwas nicht können, ganz vorsichtig gleiten die kuppen
darüber, listen, linien, wie wispernd: es nicht können,
wispert ihr echo noch: wieder nicht, denk dir, lentement,
denk dir, das erste als erstes, denke, du ließest mich denn,
stille driftend, ungesegnet, dahin, wo die sichel sich senkt,
la lune grêle, unmerklich bewegt, in der geste zur erde
wispert struktur: es wieder nicht können. linde, sedierte,
linierte köpfchen, die gerundeten spitzen, diese, deine.
netze denke, leichthin gewebtes, lockere versehrliche fäden.
und löst sich die zum triftigen knäuel gewickelte gegend,
entrollen sich schnüre, der lauf des verbliebenen garns,
weist hinab, entlang dieses weges, im märchen, ins tälchen.
Aus: Zwischen den Zeilen #23. Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer. Oktober 2004, S. 237 / 239
Kay Hoff
(* 15. August 1924, heute vor 100 Jahren, in Neustadt in Holstein als Adolf Max Hoff; † 26. März 2018 in Berlin)
Eisenbahnausfahrt
Lavafarbene Fenster,
gelassen, erstarrte
Höfe, aufgeschnitten,
vorbei: du wußtest
es nicht. Gelassen:
die Drähte foltern
den Himmel, Gitter
wie gestern, vorüber,
Baumpinsel, Abschied,
vorbei. Du wußtest
es nicht. Die Zeitung
schweigt. Du wußtest
es nicht. Abschied,
das Tuch weht zurück,
die Taube Erinnerung,
Ruß in den Augen,
die kleine Taube,
zurück. Du wußtest
es nicht.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Mohn, o.J. (1965), S. 420f
Marianna Kijanowska ist die erste Gegenwartsautorin in der Ukraine, die sich des Themas Babyn Jar umfassend angenommen hat. Fast siebzig Jahre danach hat sie den Opfern ein Denkmal in Stimmen errichtet, das ihnen ihren Namen, ihre Identität und ihre Würde zurückgibt.
Nachwort der Übersetzerin Claudia Dathe, aus: Marianna Kijanowska: Babyn Jar. Stimmen. Gedichte ukrainisch / deutsch. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 153
Das Massaker von Babyn Jar geschah im gleichnamigen tief eingeschnittenen Tal Babyn Jar (ukrainisch Бабин Яр) oder Babi Jar (russisch Бабий Яр) auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew, als Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordeten. Dies war das größte einzelne Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg, an dem das Heer der Wehrmacht nicht nur mitverantwortlich war, sondern die Aktion direkt forcierte. (…)
Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof, der während des Massakers als Sammelpunkt gedient hatte, eingeebnet, um dort einen Fernsehturm zu errichten. Ab 1966 begannen aber auch geduldete Gedenkmärsche mit tausenden Teilnehmern. Schließlich wurde 1976 ein Denkmal eingeweiht, das aber nicht darauf einging, dass die Getöteten vor allem Juden waren. https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Babyn_Jar
Marianna Kijanowska
Aus: Babyn Jar. Stimmen
***
keiner sei ewig lehrte der rabbi und schweigt jetzt
die kugel hat ihn getroffen und alles ist vorbei
doch der talmud klingt mir noch nach im ohr
mischna bibel gemara mitten im gelärm der
motoren am rand ein paar kleinlaster
die menschen befördern und leichen wie vieh
keiner sei ewig lehrte der rabbi und ist jetzt verstummt
damit wir beten in der stille nehme ich an
Deutsch von Claudia Dathe, aus: Marianna Kijanowska: Babyn Jar. Stimmen. Gedichte ukrainisch / deutsch. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 79
***
ребе вчив що ніхто не вічний тепер мовчить
кулеметна куля його впіймала і все минуло
а у вухах мені усе ще талмуд звучить
мішна біблія гмара помежи гулом
двигунів на узбіччі кілька фургонів з тих
що людей перевозять й трупи на кшталт худоби
ребе вчив що ніхто не вічний тепер затих
щоби ми помолились в тиші напевно щоби
Ebd. S. 78
Wassily Kandinsky
(Василий Васильевич Кандинский, * 4. Dezemberjul. / 16. Dezember 1866greg. in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)
Lied
Es sitzt ein Mann
Im engen Kreis,
Im engen Kreis
Der Schmäle.
Er ist vergnügt.
Er hat kein Ohr.
Und fehlen ihm die Augen.
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Er findet keine Spuren.
Was ist gestürzt,
Das steht doch auf.
Und was nicht sprach,
Das singt ein Lied.
Es wird der Mann,
Der hat kein Ohr,
Dem fehlen auch die Augen
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Empfinden feine Spuren.
Aus: Versensporn 57. Wassily Kandinsky. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2024, S. 23
Tom Schulz
Tantiemen, Jemen
wir waren zwei reizende Nierentischchen
denen die Fische und ihre Frau gern mal den Heil
Butt hervortanzten, aus dem Stehgreif den Steg
mit den Elektroanglern, adé
ihr honoren Gassenhauer, ihr Hasen
Schartenorchester, ihr empfindlichen
Tendenzen in ernstgemütlicher Lage
"Wie gehts sich denn so in Trom,-"
böser Onkel, Papa Schlumpf
mein Flachbett, mein Lachszug
mein Fingerzeig, mein Kieselstein
Zertrümmerer auf dem Verdichter
Plattenlabel, zeichnen sie hart
wir schließen erholt
herzlich, mit Herz und Hund
(führend in der Holzbockbekämpfung
seit fünf Generationen)
als Stubenküken musste ich immer
die Federn lesen, die Küchenschaben
Jungen stimmten das Deutsche Eck an
(eine blühende Darmflora und Fauna
mit Karzern, Kasernen und Kaffeekantaten)
wir wollen in gut getönten Gucchi
Brillen die Sonnenuntergänge schwarz einrahmen, Günter
und mit der guten Rama allen den Unfug
aufs Brot schmieren (schreiben), adé
ihr aspirintrunkenen Aspiranten des non liqueten
wir wollen fortfahren mit dem Schieß
Budengeld, mit dem Satz vom Schund
Aus: Tom Schulz: Hundert Jahre Rütli. Berlin: SuKuLTuR, 2007, S. 17f (Schöner Lesen 67)
Drei Gedichte des deutsch-iranischen Schriftstellers SAID, der 2021 in München starb.
Eingefrorene Lügen
Ich rufe deinen Namen.
Du rufst zurück.
Und wir mißverstehen uns.
Das Telephon ruft.
Ich renne hin
schiebe mich zur Seite
und nehme den Hörer
und
wir spielen Räuber und Gendarm.
Du legst auf.
Ich verliere Dich.
Empfang
Paßkontrolle.
Ein Zeigefinger
sucht in einem Buch mit vielen Namen.
Ein Zeigefinger erinnert mich an andere Orte.
Das Dröhnen eines Stempels behauptet:
Ich bin kein Fremder mehr.
Aus: Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Hrsg. Gerrit Wustmann. Bremen: Sujet Verlag, 2001, S. 178, 179, 181
SAID (persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München; bürgerlich Said Mirhadi, Künstlername in Großbuchstaben) war ein iranisch-deutscher Schriftsteller.
1965 kam SAID als Siebzehnjähriger zum Studieren in die Bundesrepublik Deutschland. In München studierte er Politikwissenschaft. 1979, nachdem die Monarchie im Iran gestürzt wurde und die Islamische Republik sich allmählich etablierte, kehrte SAID kurzzeitig in den Iran zurück. Die dort durch die Mullahs neu begründete Theokratie aber veranlasste ihn, in der Bundesrepublik Exil zu suchen. Im Jahre 2004 erhielt SAID die deutsche Staatsangehörigkeit. https://de.wikipedia.org/wiki/Said_(Schriftsteller)
Washington Cucurto
(alias Santiago Vega, * 1973 in Quilmes)
Höflichkeitsvisite
Die Allerschönste der Prinzessinnen
geht jede Nacht durch mein Fenster
ein und aus.
Niemand schafft es jemals sie zu sehen.
Nicht einmal meine Frau, die neben
mir schläft.
Die Allerschönste der Prinzessinnen
setzt sich aufs Bett
und lehnt ihre Wange an meine.
Niemand schafft es jemals sie zu sehen.
Nicht einmal ich, der ich neben
ihr schlafe.
Aus: Washington Cucurto, Die Maschine, die kleine Paraguayerinnen macht. Herausgegeben, aus dem argentinischen Spanisch übertragen und mit einem Glossar versehen von Timo Berger. SuKuLTuR 2004, S. 13
Klavki
(geboren als Oliver Eufinger am 4. Oktober 1972, gestorben ebenda am 4. April 2009)
„Kunst ist ein Irrtum!“
Heiner Müller
Scherben
Herzstück. Glücksgott. Froschkönig ...
JEDER STEIN hat Atem zu schreien.
Also grab deinen Speichel zurück in deine faulenden Zähne.
Eiter dringt schon aus deiner Wunde, deinem Maul, stinkend,
gesalbt mit Galle, kotmäulig.
Schluck deinen Hass, kaue ihn lange in den Winkeln deines Körpers.
Spuck aus dein Mitgefühl.
Mäste dich mit deinem Grab Auflehnung.
Reiß die Brüste von deiner Mutter – Klumpen, mit schwarzem
Blut, das du einst gierig gesoffen hast.
Oder willst du geduldig warten auf unser vergehendes Fleisch,
auf unseren vieljährigen Tod? Unser Vorsprung in den Staub ist
nur knapp.
Nur drei Wörter länger ist dein Leben.
Setz deinen Fuß auf unseren Nacken.
Wonne des zu Recht Getretenen.
Noch ein Fußtritt – und jeder Faustschlag ist Berührung.
Fühllos auf Fühllosem.
Lass sie wachsen: deine Gleichgültigkeit – gegen uns.
Gegen Das da.
Fühllos ...
Aus: Klavki, Delirium. Lyrik. 2. Auflage, 2012
Passend zum Gedicht auf die irische Sprache von Ciara Ní É (hier vorgestern) heute eins auf die katalanische.
Màrius Sampere
(Màrius Sampere i Passarell, * 28. Dezember 1928 in Barcelona, † 26. Mai 2018 ebd.)
Wie gut es mir gefällt
Wie gut es mir gefällt, in einer Sprache zu schreiben,
von der es heißt, sie sterbe aus.
Welch Gefühl von Frieden und Erleichterung,
sie abwärts zu den Quellen zu tragen,
zur Schattenseite, zwischen die Beine, zur heiligen Frau
des ersten Lichtscheins.
Das Geschlecht öffnete sich, und ich öffnete die Augen
und las an den blutenden Wänden
dies: Ich werde sprechen!
Und nun sage ich, da ich alles weiß
über die Liebe und die Räuber:
Je tiefer der Tod, desto verwurzelter in der Erde!
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé.
Com m’agrada
Com m’agrada escriure en una llengua
que diuen que es mor.
Quina sensació de pau i alleujament
portar-la de baixada cap als aiguaneixos,
l’obaga, l’entrecuix, la santa dona
de les primeres clarors.
S’obria el sexe i jo obria els ulls
i vaig llegir, per les parets sagnants,
això: parlaré!
I ara dic, ara que ho sé tot
de l’amor i dels lladres,
com més fonda la mort, més endins de la terra!
Bei Lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gesprochen hören und weitere Übersetzungen (ins Englische und Spanische) sowie weitere Gedichte lesen.
Joan Salvat-Papasseit
(* 16. Mai 1894 in Barcelona, Spanien; † 7. August 1924, heute vor 100 Jahren, ebenda)


Aus dem Katalanischen von Thomas Fritz, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 54f
Ciara Ní É
Da ich Irisch tagtäglich spreche, geht mir immer ziemlich gegen den Strich, wenn jemand es als tote Sprache bezeichnet. Meine gelebte Erfahrung könnte nicht weiter entfernt davon sein, denn ich hatte das Vergnügen, mich in eine ebenfalls Irisch sprechende Person zu verlieben. Minorisierte Sprachen werden seltener für Werbung, Filme, Pornografie usw. verwendet, dabei haben wir as Gaeilge, auf Irisch, mehr Freiheit, unsere eigenen Welten mit unseren eigenen Worten zu erschaffen.
Diese tote Sprache
Ich höre sie behaupten, meine Sprache sei tot
Doch das ist mir egal
Die begreifen den eigenen Mangel nicht mal,
sind blind für solche quicklebendigen Momente
Da ist sie
während ich in meinem Wortschatz wühle
aus tiefstem Herzen einer
passenden Definition nachspüre
für unsere ... Verbindung? Verwringung? Verschlingung?
Da ist sie
in weiter Ferne unter Sternen
während du Bezauberndes ins Handy raunst
das wundersam die Luft durchquert
und mir ins Ohr geflüstert wird
Da ist sie
als vorgebrachte Bitte
während ich auf Knien vor dir sitze
in einem schicken Hotel in der Stadt
Da ist sie
diese tote Sprache
strömt aus deinem Mund, solange du in meinem bist
Da ist sie
diese Sprache, die streichelt
diese Sprache, die schmeichelt und lustvoll berührt
Da ist sie, da
und da schon wieder –
Im Vokativ
Ich rufe deinen Namen
Deinen Namen
Deinen Namen
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Aus: Sprache im technischen Zeitalter 250, Juni 2024, S. 195f.
Dieses Gedicht hat die zweisprachige irische Autorin und Performancekünstlerin ursprünglich auf Irisch geschrieben und für die Übersetzung ins Englische übersetzt.
Rudolf Hagelstange
(* 14. Januar 1912 in Nordhausen; † 5. August 1984, heute vor 40 Jahren, in Hanau)
DENN Furcht beherrscht seit langem eure Tage,
Furcht vor der Wahrheit. Eure Züge
sind fahl von Heuchelei und Lüge.
So wie das Zünglein an der Waage
den Gleichstand liebt, so sucht ihr zu verbergen,
was euch bewegt. Ihr braucht die Nächte,
um wieder ihr zu sein: Verächter, Knechte,
Liebhaber, Günstlinge, Verschwörer, Schergen.
Ihr habt die Scham verraten, um in ihrem Kleide
das Licht zu täuschen, das die Wahrheit liebt,
auf daß es gleichfalls eure Wege meide.
Ihr habt verwirkt, einander Recht zu sprechen.
Ihr ludet schreckliches Verbrechen
auf euch. Ihr habt den Quell getrübt.
Aus: Rudolf Hagelstange: Venezianisches Credo. Leipzig: Insel, 1946 (11.-20. Tsd.), S. 15
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