Auf sein verstorbnes Weib

John Milton 

(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674, heute vor 350 Jahren, in Bunhill bei London)

Auf seine abgeschiedene Gemahlin

Mir war, als säh mein seliges Gemahl
Ich heimkehrn, wie Alkestis aus dem Grab,
Die Jovis Sohn dem frohen Gatten gab,
Dem Tod mit Macht entrafft, doch schwach und fahl.
Wie eine, der des Kindbetts Fleckenmal
Alten Gesetzes Reinigung getilgt,
Und wie sie einstmals mein erstandener Blick
Gänzlich zu sehen hofft im Himmelssaal,
So kam sie, ganz in Weiß, rein wie ihr Sinn.
Verhüllt die Züge; doch der Traumsicht zeigte
Sie soviel Lieb und Güte – niemals schien
Ein Antlitz heller. Dann, als sie sich neigte,
Um mich zu küssen, ach! bin ich erwacht,
Sie schwand, und Tag schlug wieder mich in Nacht.

Deutsch von Hans Feist, bearbeitet von den Herausgebern der Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung 1. Von Chaucer bis Milton. Hrsg. Friedhelm Kemp und Werner von Koppenfels. München: C.H. Beck. 2000, S. 437

Sonnet XXIII. On His Deceased Wife

Methought I saw my late espousèd Saint
Brought to me like Alcestus from the grave,
Who Jove's great Son to her glad Husband gave,
Rescu'd from death by force though pale and faint.
Mine as whom washt from spot of child-bed taint
Purification in the old Law did save,
And such as yet once more I trust to have
Full sight of her in Heav'n without restraint,
Came vested all in white, pure as her mind:
Her face was veil'd, yet to my fancied sight
Love, sweetness, goodness in her person shin'd
So clear, as in no face with more delight.
But O as to embrace me she enclin'd
I wak'd, she fled, and day brought back my night.

Hannah Senesch

Heute vor 80 Jahren wurde die jüdische Widerstandskämpferin Hannah Senesch (חנה סנש) in Budapest hingerichtet. Sie wurde als Anikó Szenes am 17. Juli 1921 in Budapest geboren. Nach dem Schulabschluss wanderte sie nach dem britischen Mandatsgebiet Palästina aus. Sie ließ sich von den Briten zu einer Fallschirmmission in ihre Heimat schicken, um britische Gefangene zu befreien und Juden zur Flucht zu verhelfen. Sie wurde gefangen, gefoltert und hingerichtet. In ihrem Nachlass fand man hebräische und ungarische Gedichte. Der Nachlass liegt heute in der israelischen Nationalbibliothek. Sie gilt als Nationalheldin, ihre sterblichen Überreste wurden nach Israel gebracht und in Jerusalem bestattet. In dem Kibbuz, in dem sie eine Zeit lebte, gibt es eine Gedenkstätte. Ihr Lied „Zu Fuß nach Cäsarea“, bekannt nach den Anfangsworten „Eli, eli“ (Mein Gott, mein Gott) ist sehr populär. Hier der Originaltext und verschiedene Versionen.

Hannah Senesch (Senesh, Szenes)

eli, schelo jigamer leolam
hachol vehajam
rischrusch schel hamajim
berak haschamajim
tefilat ha-adam.
אלי, שלא יגמר לעולם
החול והים
רשרוש של המים
ברק השמים
תפילת האדם

Quelle siehe erstes Bild. Die Auswahl von Gedichten und Tagebuchnotizen hat den Anfang des Gedichts als Titel.

Meine Übersetzung (ohne den Reim des Originals: aabba):

Ich gehe nach Cäsarea

Mein Gott, dass niemals ende
der Sand und das Meer
das Rauschen des Wassers,
das Licht des Himmels,
das Gebet des Menschen.

24.11.1942, Cäsarea

Google-Übersetzung:

Eli*, 
das wird niemals enden
Der Sand und das Meer
Rauschen des Wassers
das Licht des Himmels
Das Gebet des Menschen

*) In der postumen Vertonung wird der Anruf Eli (mein Gott) wiederholt. – Andere Googleübersetzung:

Für mich wird die Welt 
des Sandes und des Meeres,
das Rauschen des Wassers,
die Blitze des Himmels,
das Gebet der Menschen
niemals enden.

Hanah Senesch: Eli, schelo jigamer leolam. Gedichte und Tagebuch. Tel Aviv: Verlag des Kibbuz Hameuchad (Vereinigten Kibbuz), 2005

Englische Version von der Seite der Hannah-Senesh-Stiftung:

Walk to Caesarea
(Caesarea 1942)

God – may there be no end
To sea, to sand,
Water's splash,
Lightning's flash,
The prayer of man

Zehn Verbote

Cia Rinne ist eine Autorin und Künstlerin, die in Göteborg geboren wurde, in Deutschland aufwuchs und lebt und finnlandschwedische Wurzeln hat, lese ich. Warum nicht zum heutigen „Tag des finnlandschwedischen Erbes“ ein Gedicht einer lebenden Dichterin? Bei Lyrikline kann man Gedichte von ihr auf Englisch und Französisch hören und lesen und dazu dies auf Deutsch.

Preis für Georg Leß

Georg Leß

gegen die Öffentlichkeit

auf Marktplätzen wurden ihre Gedichte
bearbeitet mit glühenden Gedichten, mit geschmolzenen Gedichten

gehängt in massiven Gedichten
an hoch aufragende Gedichte, schreckte einige von etwas ab

sind echte Gedichte da drin? fragt blinzelnd ein Kind sich am Markttag

Die Jury des Dresdner Lyrikpreises ließ sich nicht abschrecken. Gestern wurde bekannt, dass der Preis von € 15.000 zu gleichen Teilen an den deutschen Dichter Georg Leß und den tschechischen Dichter Petr Borkovec geht. Wir gratulieren!

Über Leß heißt es, er

… betreibt eine poetische Strategie der verblüffenden Zusammenhänge. Mit großer Kühnheit versetzt er die Wörter und Bedeutungen in das beinahe grausame Märchen der unzuverlässigen Wahrnehmung. Er ist großer Liebhaber von Horrorfilmen. Motive überlagern sich; nie ist es das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. In seinen Texten sorgen kalkulierte Bildbrüche immer wieder für produktive Unruhe und für einen ganz eigenen Humor. Mit jedem seiner Bücher – darunter die Gedichtbände Schlachtgewicht (2013), Hohlhandmusikalität (2019) und die Nacht der Hungerputten (2023) überrascht er in neuer Weise. „Mit jeder Silbe/ein anderer werden“ heißt es einmal und das gelingt ihm wie keinem zweiten. Georg Leß gilt als einer der eigenwilligsten Dichter seiner Generation. 

https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2024/11/pm_006.php

Unser Gedicht des Tages ist aus: Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2019, S. 43

ich gurre, ich schnurre

Ilse Kilic

(Geboren 1958 in Wien)

leben in der beschädigten welt 

jetzt versagt mir die sprache die hilfe,
die worte sind grau wie die tauben,
die ihr nest vergeblich behüten.

ich gurre, ich schnurre,
ich knurre und murre:
ich senke den blick.

hinter meinen ohren stehen ratschläge,
vermutlich selbst geschrieben.
ich kann sie nicht lesen.

ich tippe und wippe,
ich spitze die lippe:
das pfeifen will nicht gelingen.

was auf der hand liegt will nicht aufs papier.
was auf der zunge liegt, brennt.
kann ich den füßen vertrauen? ich gehe.

ich stehe, ich drehe,
ich flehe, verstehe:
leben in der beschädigten welt.

Aus: Versnetze_zwölf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2019, S. 321

Sauber bleiben

Stefan Brecht 

(* 3. November 1924, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 13. April 2009 in New York)

AN DIESEM 25. AUGUST
in meinem 30. Lebensjahr,
über die Göttlichkeit der Natur
im Sinne Hegels schreibend,
habe ich nicht ganz 2 Dollar.
Mein Essen stehle ich,
die Miete schulde ich,
und für unabwendbare Ausgaben
pumpe ich meine Freunde an.
Vor allem möchte ich sauber bleiben.
Ich habe noch ein Flugzeugbillett nach Europa.
Ich werde es vermutlich einkassieren.

Aus: Stefan Brecht, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 9

Wunderblock

Willi van Hengel

Der Autor wurde 1963 in Heinsberg-Oberbruch geboren und lebt in Berlin. Seine Gedichte nennt er Wunderblöcke (Lyrische Miniaturprosa mit Zeichnungen, ISBN: 978-3-940756-96-1,  Schweinfurt 2010). Dieses Gedicht ist zurzeit im „Wunderblock-Projekt“ Die schöne Abneigung in der Brotfabrik-Galerie zu Berlin-Weißensee zu sehen.

GEBET, DASS EIN KIND NICHT STERBE

Francis Jammes 

(* 2. Dezember 1868 in Tournay, Département Hautes-Pyrénées, Frankreich; † 1. November 1938 in Hasparren, Département Pyrénées-Atlantiques)

GEBET, DASS EIN KIND NICHT STERBE 

Mein Gott, erhalte seinen Eltern dieses zarte Kind,
Wie du wohl auch ein Kraut erhältst im bösen Wind.
Was macht es dir denn aus – da doch die Mutter weint und fleht —,
Wenn es sogleich noch nicht zu dir hinübergeht
Als wie nach einem Spruch, der nicht zu ändern war?
Schenkst du ihm jetzt das Leben, wird es nächstes Jahr
Dir Rosen streun am sonnigen Fronleichnamstag!
Doch bist du ja allgütig. Und du bist es nicht,
Der Todesbläue ausgießt auf ein rosiges Gesicht,
Es wäre denn, du wolltest Heimatlosen eine Wohnstatt geben,
Wo bei den Müttern immerfort die Söhne leben.
Doch warum hier? Ach, da die Stunde schlägt,
Gedenke, Herr, vor diesem Kind, das sich zum Sterben legt,
Daß um die Mutter immer dir zu weilen ward gegeben.

Aus dem Französischen von Ernst Stadler, aus: Francis Jammes: Die Gebete der Demut. Leipzig: Kurt Wolff, 1913, S. 11.

PRIÈRE POUR QU’UN ENFANT NE MEURE PAS

Mon Dieu, conservez-leur ce tout petit enfant,
comme vous conservez une herbe dans le vent.
Qu’est-ce que ça vous fait, puisque la mère pleure,
de ne pas le faire mourir là, tout à l’heure,
comme une chose que l’on ne peut éviter ?
Si vous le laissez vivre, il s’en ira jeter
des roses, l’an prochain, dans la Fête-Dieu claire ?
Mais vous êtes trop bon. Ce n’est pas vous, mon Dieu,
qui, sur les joues en roses, posez la mort bleue,
à moins que vous n’ayez de beaux endroits où mettre
auprès de leurs mamans leurs fils à la fenêtre ?
Mais pourquoi pas ici ? Ah ! Puisque l’heure sonne,
rappelez-vous, mon Dieu, devant l’enfant qui meurt,
que vous vivez toujours auprès de votre Mère.

Namenlose Gedichte

Sigune Schnabel

Es war der sechste Tag der Zerstörung

Am ersten Tag schuf Gott die Gräber,
hob sie aus und ließ sie trocknen
unter der Sonne.
Kinder spielten Weitsprung.
Sie flogen über Bergkämme und Flüsse.
Die Gräber lachten unter ihren Füßen.

Am zweiten Tag schufen die Menschen ein Mahnmal
für die Toten.
Gott schaute ihnen zu.
In der Nacht ist einer gestorben,
aber er ließ sich kaum
von den Lebenden unterscheiden.

Kurz nach Mitternacht kam er
als Speer.
Es war der sechste Tag,
und ein Vater zerteilte den Himmel.
Ein Junge rollte die Straße entlang.

Es wurde Abend und Morgen:
der siebte Tag.
Niemand wollte ruhn.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023/24. Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt am Main: Schöffling, 2024, S. 179.

In diesem Jahrbuch stehen die Texte ohne Verfasserinnennamen. Ich lese darin, obwohl ich manche Texte schon kenne, und wenn einer gefällt (oder, wer weiß, missfällt), sehe ich im Inhaltsverzeichnis nach, von wem es ist. – Das erste Buch dieser Art, das ich las, war die Anthologie Transit, die Walter Höllerer 1956 herausgab. Professor Hans Jürgen Geerdts schenkte sie mir in den 80er Jahren, als ich ein junger Assistent war. Ich freute mich sehr, aber damals hatte ich eine andere Lesehaltung. Ich kannte viele der Autoren gar nicht und wollte mir einen Überblick verschaffen. Also schrieb ich mir erst mal mit Bleistift alle Namen in den Text hinein. Die Namen halfen mir damals, Schneisen in unbekanntes Terrain zu schneiden. So manchen Namen habe ich damals überhaupt zum ersten Mal gelesen und konnte mir manche einprägen. Beim Jahrbuch der Lyrik werde ich das nicht tun. Ich habe auch im Moment nicht vor, es von Anfang bis Ende zu lesen. Vielmehr erhoffe ich mir immer mal wieder eine interessante Begegnung beim Darinlesen.

benenn sie jetzt dichter nenn sie beim namen

Monika Vasik

an niederlagen herrscht kein mangel 

wenn körper sich ihrer seele bis in die letzte pore
gewiss sind als treibgut leib und sinne eins
trotz allem die vielfarbigkeit von dreck aushalten
im ansprung der fremde wo sekunden wie stunden
vergehen die lärmende enge der muße

benenn sie jetzt dichter nenn sie beim namen
sag zwang zur untätigkeit lausch dem poetischen
klang sag verdammnis zum stobenden wogen
dimme nicht den gestank mit deinen 26 buchstaben
die urgewalt eines lebendigen menschenmeers

sieh das geht lautlos des nachts eine frau unerkannt
aus dem gedächtnis der dinge flieht versehrt bis hoch
unters dunkle haupthaar aus dem offenen bild
vielleicht hebt nun endlich dein vers an schickt
morgens in alle richtungen sein kleinstes licht

Aus: Versnetze_12. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2019, S. 318

Zbigniew Herbert 100

Zbigniew Herbert 

(* 29. Oktober 1924, heute vor 100 Jahren, in Lwów, damals Polen; † 28. Juli 1998 in Warschau) 

Brevier

Herr,
ich weiß meine tage sind gezählt
es bleiben nicht mehr viele
gerade so viele daß ich es schaffe
den sand zu raffen
mit dem bedeckt wird mein gesicht

ich schaffe es nicht
denen genugtuung zu geben
denen ich unrecht getan
noch mich bei denen zu entschuldigen
die ich gekränkt habe
darum traurig ist meine seele

mein leben
hätte einen kreis bilden sollen
sich schließen wie eine wohlkomponierte sonate
doch jetzt sehe ich deutlich
kurz vor dem schlußteil
abgerissene akkorde
falsch gewählte farben und worte
schrille dissonanzen
sprache des chaos

warum
war mein leben nicht
wie die kreise im wasser
der in unergründlichen tiefen
erwachende anfang der wächst
sich fügt zu trichtern stufen falten
um sanft zu sterben
an deinen unerforschlichen gestaden

Deutsch von Henryk Bereska, aus: Zbigniew Herbert, Gewitter Epilog. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000, S. 12f.

Brewiarz

Panie,
wiem że dni moje są policzone
zostało ich niewiele
tyle żebym jeszcze zdążył zebrać piasek
którym przykryją mi twarz

nie zdążę już
zadośćuczynić skrzywdzonym
ani przeprosić tych wszystkich
którym wyrządziłem zło
dlatego smutna jest moja dusza

życie moje
powinno zatoczyć koło
zamknąć się jak dobrze skomponowana sonata
a teraz widzę dokładnie
na moment przed kodą
porwane akordy
źle zestawione kolory i słowa
jazgot dysonanse
języki chaosu

dlaczego
życie moje
nie było jak kręgi na wodzie
obudzonym w nieskończonych głębiach
początkiem który rośnie
uktada sie w stoje stopnie fatdy
by skonac spokojnie
u twoich nieodgadnionych kolan

Aus: Zbigniew Herbert, Wiersze Wybrane. Wydanie nowe, zmienione. Wybór i opracowanie Ryszard Krynicki. Wydawnictwo a5, S. 327f. Ursprünglich in dem Band Epilog burzy (1998)

Foto aus: Zbigniew Herbert. WIERSZE ZEBRANE. Warszawa: Czytelnik, 1971

Eines und alles, all und eins

Alfred Henschke, genannt Klabund 

(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos) 

Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,
Dein Lächeln, das mich streifte,
Dein Blick, der mich umarmte,
Dein Schoß, der mich erwarmte,
Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,
Dein Herz, das wilde Fohlen,
Die Seele unverhohlen,
Die Füße, welche liefen,
Als meine Lippen riefen –:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
Wüßt' nicht, was mir das liebste wär',
Und gäb nicht Höll' noch Himmel her:
Eines und alles, all und eins.

Aus: Klabund, Das Leben lebt. Gedichte. Ausgewählt und herausgegeben von Joseph Kiermeier-Debre. München: dtv, 2003, S. 26

Von unten

František Halas 

(* 3. Oktober 1901 in Brünn, Österreich-Ungarn; † 27. Oktober 1949, heute vor 75 Jahren, in Prag)

Ein Gedicht in 3 Versionen, deutsch von Franz Fühmann und Peter Demetz und dann im tschechischen Original. (Sowie als Plus eine 4. von Künstlicher Intelligenz)

Vom Grund 
Für Styrský

Mit brennender Falschheit liebe ich diese Welt
entzündet von Gott vom Teufel besudelt
mit zorniger Inbrunst liebe ich diese Welt

Von Ungeziefer wimmelt des Hungerturms Grund
und was du im Traum zu schauen schauderst
tut dir von hier aus der Tag noch kund

Im Luftzug der Finsternis zwischen Geburt und Tod
erkaltend unterm Mondkalk des Friedhofs zerreißt du
das würgende Goldband des Morgenrots

Die Reue hier haftet an nichts mehr an nichts
es rührt dich nur noch das letzte Plejadenkücken
das seienlos* unter den Seinen piepst

Was zürnst du mein Herz und beschwichtigst dich nicht
Der Sand der Sterne trocknet dereinst alle Tränen
In kühlen Rosen fallen wir aufs Gesicht

1930

Aus: František Halas: Der Hahn verscheucht die Finsternis. Nachgedichtet von Franz Fühmann. (Weiße Lyrikreihe). Berlin: Volk und Welt, 1970, S. 15.

*) Original nejsouc, „nicht seiend“ = wenn es nicht ist (wenn das Kücken nicht bei den Seinen ist). Fühmann greift hier offenbar zu einer kühnen Neubildung, um die grammatisch-semantische Struktur des Tschechischen nachzuahmen, während Demetz das Detail weglässt. Ich muss bei der Stelle an Roman Jakobson denken, der in seiner Prager Zeit darüber nachdenkt, warum tschechische Nachdichtungen Puschkins nicht so stark klingen wie die Originale, und die Ursache in den Unterschieden zwischen russischer und tschechischer Grammatik sieht, und an eine Formulierung, die Walter Benjamin zitiert: es gehe beim Übersetzen nicht darum, das Chinesische zu verdeutschen, sondern das Deutsche zu verchinesischen.

Aus der Tiefe
[Dem Maler] Styrsky gewidmet

In Lügen brennend lieb ich diese Welt
von Gott erleuchtet Höllendreck
in Liebe zornig lieb ich diese Welt

Wimmelnd der Abschaum in den Kellerräumen
von ihrem Grunde siehst du selbst bei Tag
was du zu sehen fürchtetest in Träumen

Im schwarzen Luftzug zwischen Schoß und Tod
erkaltet unterm Friedhofskalk lunar
da pflückst du goldene Tressen das würgende Frührot

Dann Wehmut hier die ohne Ziele schweift
dich rührt nur mehr das fernste Kücken der Plejaden
das piepst wie es das Leere greift

Mein Herz warum dein Hahnenstolz
der Sternensand der trocknet alle Tränen
in kühle Rosen stürzen wir aufs Angesicht

Aus: František Halas: Poesie, tschechisch deutsch. Übertragung und Nachwort Peter Demetz. (Reihe Poesie. Texte in zwei Sprachen, hrsg. Hans Magnus Enzensberger). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1965, S. 25.

Ze dna
Štyrskému

S horoucí falší miluji tento svět
bohem rozsvícený dáblem znečištený
s hněvivou láskou miluji tento svět

Dno hladomorny plné havěti
z jejíhož dna i ve dne vidíš
vše co v snách se bojíš viděti

V průvanu tmy mezi narozením a smrtí
stydna pod hřbitovním vápnem měsíčním
trháš zlaté tkanice rozbřesků co škrtí

Pak lítost jež k ničemu zde se již neupíná
jen nad posledním Kuřátkem v Plejadách je ti do pláče
co pípá nejsouc mezi svýma

Proč kohoutíš se srdce mé
písek hvězd slzy všech vysuší
do chladných růží na tvář padneme

Ebd. S. 24

Automatische Übersetzung von DEEPL:

Von unten
An Styrsky

Ich liebe diese Welt mit einer brennenden Falschheit
angezündet von Gott und verunreinigt vom Teufel
Mit wütender Liebe liebe ich diese Welt

Am Boden der Hungerkammer voller Ungeziefer
Von dessen Boden du bei Tag sehen kannst
Alles, was du in deinen Träumen zu sehen fürchtest

Im Luftzug der Dunkelheit zwischen Geburt und Tod
Scham unter der Friedhofskalk des Mondes
Du zerreißt die goldenen Schnüre der Dämmerung, die stranguliert

Dann das Bedauern, das hier an nichts mehr haftet
Nur für das letzte Huhn in den Plejaden ist dir zum Weinen zumute
♪ Das piepst, wenn es nicht unter den Seinen ist ♪

♪ Why dost thou cock my heart ♪ **
♪ Der Sand der Sterne trocknet jedermanns Tränen ♪
♪ In die kalten Rosen fallen wir auf unsere Gesichter ♪


Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

**) Welche Bedeutung die Notenzeichen haben und warum Deepl diese Stelle ins Englische übersetzt, weiß ich nicht. Als ich die drittletzte Zeile einzeln eingab, erhielt ich: Warum spannst du mein Herz an? Meine Einschätzung: der KI-Übersetzung kann man nicht alles glauben und es geht gerade bei Lyrik nicht ohne Missverständnisse, aber sie hilft an manchen Stellen, den Wortsinn des Originals zu verstehen.

Ich, ein Gesamtgenie

Der Dichterkomponist Peter Cornelius, von dem im Jahr seines 200. Geburts- und 150. Todestages bisher noch nicht so viel die Rede war, schrieb Text und Musik von Liedern und Opern. Hier eine feine Persiflage auf einen vielredenden, den Fürsten und – wenns sonst keiner tut – sich selbst lobenden und die Konkurrenz schmähenden Dichter, nein Gesamtkünstler, aus der Oper „Der Barbier von Bagdad“.

Peter Cornelius

(* 24. Dezember 1824 in Mainz; † 26. Oktober 1874 ebenda)

Fünfter Auftritt

Nureddin. Abul Hassan Ali Ebn Bekar.

ABUL verbeugt sich.
NUREDDIN kehrt ihm noch den Rücken.
ABUL verbeugt sich wieder und räuspert sich laut.
NUREDDIN bemerkt ihn immer noch nicht.
ABUL nähert sich Nureddin und klopft ihn auf die Schulter; als dieser
sich umwendet und ihn bemerkt, macht Abul nochmals eine tiefe Verbeugung.

Nureddin erwidert mit Kopfnicken seinen Gruß und gibt ihm einen Wink,
sein Werk zu beginnen.

ABUL.
Mein Sohn, sei Allahs Frieden hier
Auf Erden stets beschieden dir.
Heil dir, du Krankgewesener,
Du glücklich Neugenesener,
Du Übelüberwindender,
Dich wieder Wohlbefindender,
Dem Tode froh Entschlüpfender,
Durchs Leben rüstig Hüpfender,
Du jüngst noch Heiltrank Schlürfender,
Nun meiner Kunst Bedürfender,
Schwer unter Haarlast Ächzender,
Nach meinem Messer Lechzender!

Setzt sich nieder.

Ich komm' in aller Eiligkeit
Und wünsche dir Gedeihlichkeit,
Gesundheit, Glück und Überfluß
Und langer Jahre Hochgenuß,
Dir blühe stets –

NUREDDIN.
Ich danke dir! Nur sei recht eilig!
Mich ruft ein dringendes Geschäft. Mach' schnell!

ABUL.
Ich habe dir dein Horoskop gestellt;
Vernimm durch mich den Spruch der Sternenwelt:
Du hast gewählt die beste Zeit auf Erden,
Die man nur wählen kann, rasiert zu werden.

Er zeigt Nureddin das Horoskop.
Nureddin macht eine abwehrende Handbewegung.
Dies Spiel wiederholt sich noch zweimal.
Abul verfolgt Nureddin damit.
Nureddin wird ungeduldig und weist ihn gebieterisch ab.


ABUL zuckt die Achseln.
Mars und Merkur
Schauen auf dich,
Wag' es drum nur,
Baue auf mich;
Doch droht Gefahr
Von goldner Schar!
Sei auf der Hut
Vor Sonnenglut!
Wenn Venus lacht,
Nimm dich in acht!
Geh' nicht hinaus!
Bleib' fein zu Haus!

NUREDDIN.
Was kümmern die Sterne dich nur?
Mach schnell!
Danach frage ich nicht,
Beginne sogleich deine Schur, Gesell!
Eilig tu' deine Pflicht.
Fasle nicht weiter von der Sterne Schar,
Was du da schwatzest, ist ja doch nicht wahr.
Lasse das! Dämme deiner Worte hohe Flut,
Zu vieles Reden ist nicht gut.
Nicht so lang bedacht,
Schnell voran gemacht,
Eilig packe aus,
Sonst werf' ich dich zur Tür hinaus!
Sogleich ans Werk, sonst geh hinaus!

ABUL.
Im Hause alles magst du heute wagen,
Doch bleib' zu Haus, sonst geht dir's an den Kragen.

NUREDDIN.
Nicht will ich Rat von dir und Prophezeiung
Dein Werk vollende schnell und weiter nichts.
Drum kein Geschwätz – sonst ruf' ich einen andern.

Für sich.
Margiana, o Margiana, du mein Alles!

ABUL.
O wüßtest du, Verehrter,
Was ich für ein Gelehrter,
Du wärst erstaunt darob
Und sprächest nicht so grob.
So höre denn, du Tröpfchen,
Du ungeschornes Köpfchen,
Was ich für ein Barbier,
Und freue dich mit mir.

Bin Akademiker
Doktor und Chemiker,
Bin Mathematiker
Und Arithmetiker,
Bin auch Grammatiker,
Sowie Ästhetiker,
Ferner Rhetoriker,
Großer Historiker,
Astrolog, Philolog,
Physiker, Geolog,
Geograph, Korograph,
Topograph, Kosmograph,
Linguist und Jurist
Und Tourist und Purist.
Maler und Plastiker,
Fechter, Gymnastiker.

NUREDDIN.
Margiana, o Margiana, du mein Alles!

ABUL.
Tänzer und Mimiker,
Dichter und Musiker,
Großer Dramatiker,
Epigrammatiker,
Scharfer Satiriker,
Epiker, Lyriker,
Dabei ein Sokrates
Und Aristoteles.
Bin Dialektiker,
Sophist, Eklektiker,
Zyniker, Ethiker,
Peripathetiker.
Bin ein athletisches,
Tief theoretisches,
Musterhaft praktisches,
Autodidaktisches
Gesamtgenie,
Ja, ein Gesamtgenie!

NUREDDIN mit Humor.
Nun sag' einmal, du unverschämter Schwätzer,
Wann endest du? Und wann beginnest du?

ABUL.
O wie du mich verkennest,
Daß du mich Schwätzer nennest!
Ja, meine Brüder selig,
Die schwatzten unausstehlich.
Unausstehlich!
Bakbak, der Einäugige,
Bakbarah, der Dickbäuchige,
Alkuz, der Vielbräuchige,
Alnaschar, der Weinschläuchige,
Bukbuk, der Spatzenscheuchige,
Schakkabak, der Hustenkeuchige;
Doch ich, der jüngste der Familie,
Bin still und unschuldvoll wie eine Lilie.

NUREDDIN geht außer sich vor Ungeduld erst einige Schritte durch das Zimmer,
dann faßt er einen Entschluß, geht zur Tür, reißt sie auf und ruft seinen Dienern.

He! Ali, Sadi, Abbas, Achmet,
Zofar, Omar, Dschafar, Jezid,
Salem, Hussein, Mustein, Kajem,
Riza, Jusuff, Motawackel!
Werft ihn hinaus!

Quelle: http://www.zeno.org/Literatur/M/Cornelius,+Peter/Libretto/Der+Barbier+von+Bagdad/1.+Akt/5.+Auftritt

Hier gibts was zu verdienen

Peter Rühmkorf 

(* 25. Oktober 1929 in Dortmund; † 8. Juni 2008 in Roseburg im Kreis Herzogtum Lauenburg, Schleswig-Holstein)

Kommt gebt mir was zu fressen!

Kommt gebt mir was zu fressen!
Ich bin der erste große deutsche Nachkriegsdichter;
Nur fehlt mir Fett und Eiweiß.

Ich habe keine Lust
Als Frühvollendeter schon zu krepieren,
Und noch ist was zu machen.

Hier gibt's was zu verdienen:
Ich gebe Aktien aus auf meine Lyrik;
Kommt, laßt uns meine Seelenqualen abbaun!

Ich werde später Geld
Aus meinen grausigen Visionen schlagen –
Kommt, gebt mir was zu fressen, ich hab Hunger!

Entstanden 1948, Erstdruck 1962. Aus: Peter Rühmkorf: Gedichte (Werke I). Hrsg. Bernd Rauschenbach. Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 23