Martin Jankowski
alles
ist sprache
die dinge
(ich, der schnee, die sterne)
sind metaphern
ein und desselben
das macht uns
verwandt
im anfang
spricht
die welt
in der grammatik
des lichts
Aus: Martin Jankowski: sekundenbuch. gedichte und gesänge. Leipziger Literaturverlag, 2012. S. 25
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)
Charlottenburg
Gestern
stand ich
vor dem Schloßportal. Ich wollte
ein berühmtes Bild
stehlen. Der Museumswärter
sagte zu mir: Welches
möchten Sie
mitgehen lassen? Eins
von Watteau. Na gut, weil Sie
ehrlich sind, will ich
ein Auge zudrücken. Bloß
nicht zur Gewohnheit
machen, sonst kommt die Sache
ans Licht.
Aus: Günter Bruno Fuchs: Gedichte und kleine Prosa (Werke in drei Bänden, hrsg. von Wilfried Ihrig, Bd. 2). München, Wien: Hanser, 1992, S. 257
Hendrik Jackson
Im Licht der Prophezeiungen IX
das also war aus Prometheus geworden: ein Mann mit Spinnenbeinen und Buckel, der mit der Bedächtigkeit eines wogenden Ozeans sich vorwärtstastet durch den mit schwarzen Knöpfchen übersäten wunden Bauch eines musikalischen Wals. so dringt zu eingefrorenen symphonischen Klängen der Wille in meinen Körper, spielt mit seinen Fingern in den Fingerhandschuhen des Hirns, flusige Aktinien in der Strömung.
dabei hatte es neuerdings geheißen, die Parallelen träfen sich, und zwar in der Spelunke zur goldenen 8 (Lobatschewski). wir fanden den Nutzen parasitär, ein ungeduldiger verzogener Sprössling, und sahen Schönheit keimen. das Böse war geboren und das Gute forderte als Schutz, zu dunklem Trost, die Reflexion. wir hatten die Feder gekrümmt wie zum Pflug, zogen mit ihr über das Papier, der abgenommene Mond leuchtete, und jemand starb, nicht du. der Kreis war gezogen, ein Teil fehlte. Entzug mit Entzug begegnen, das hatten wir immerhin gekonnt. langsame Bewegungen unter Wasser, in dieser Blockigkeit gedämpfter sounds.
Aus: Hendrik Jackson, Im Licht der Prophezeiungen. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2012, S. 15
nachgetragen zum gestrigen 50. Todestag von Rolf Dieter Brinkmann
(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)
138 Wörter, 1 Minute Lesezeit. Wo kommen Sie sonst so schnell durch?
Kulturgüter
Eine Sonate von Stockhausen
drei Preise für Böll
das Dementi von Andersch
zwei Schmierzettel von Faßbender
Marylin Monroe ist tot
ihre roten Morgenröcke
das Vermächtnis von Borchert
von Bense die Theorie
ein Jahr die Frankfurter
Ohrenschmalz von Enzensberger
die Lyrik Heissenbüttels
ein Fötus in Spiritus
Aus: Rolf Dieter Brinkmann, Standphotos. Gedichte 1962-1970. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1980, S. 13
Kurzzeiliges Bild
für helmut pieper
Von früh
bis spät
ein Wort nach
dem andren
und am Ende
steht nichts.
Ebd. S. 48
Photographie Mitten auf der Straße die Frau in dem blauen Mantel.
Ebd. S. 52
Sängerin
Sie hat nichts
als ihre Stimme
und ist ganz
nackt –
pressen, gute Frau
pressen!
Ebd. S. 83
Zum 200. Todestag des deutschen Dichters Friedrich Müller, genannt Maler Müller (* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom), hab ich eine kleine groteske Szene aus der Idylle „Das Nusskernen“ herausgesucht. Die Geschichte ist in Kürze die.
Der junge Leander schleicht sich nachts zu einem Fenster, an dem Meline, seine Geliebte, steht. Sie zögert aus Angst, dass sie jemand belauscht, aber schließlich hilft sie ihm doch herein. Crispin, ein älterer, zurückgewiesener Verehrer von Meline, beobachtet eifersüchtig die Szene und gerät in Wut und Verzweiflung. Er erwägt, sich umzubringen, aber dann sieht er die Lächerlichkeit der Situation und seiner Rolle darin ein und endet in Spott und Hohn und Selbstironie. Es liest sich über weite Strecken wie eine Opernparodie. Da war ihm auch noch zu allem Unglück der Nachttopf umgefallen!
Ist mir ein Schandzeug!
O Höll, o Schmach!
Was? Ist er wirklich hinein?
Mein Seel, wie der Fuchs in Hühnerschlag!
O Hexe, o Falsche!
Vetter! Spitzbub! O weh!
Crispin! Was tust? ... Ja was?
Geh, alter Narr ... steh ... nein, geh ...
Erhenk dich! Stürz dich in Bronn! ...
Vom Fenster runter? Hum! Ziemlich hoch! –
Ein Pistol her! ... Nein, bohr mir lieber ein Loch,
Daß heraus kann der garstige Liebesgeist!
Armer alter Mann!
Das alles selbst anzusehn!
Über die Weil soll nachher
Gar noch zu Gevatter stehn!
Desperat! ... Doch halt, Crispin!
Besinne dich! ...
Eines Mädels wegen dich umzubringen?
Erhängen, ich, mich?
O Schand für 'nen Philosophen!
Was liegt mir dran?
Besser, die Hexe jetzt untreu,
Als wär ich ihr Mann.
Aber verfluchter Vetter! ...
Doch einerlei!
Hinweg dann, Liebe, höllische Liebe,
Ihr Grillen vorbei! ...
Könnt ich nur recht lustig sein,
Ich schert mich nichts drum!
Wollt gern recht schimpfen,
Ich weiß, es ist dumm.
Muß halt eins bechern!
Die werden itzt
Drinnen zusammen sein ...
Was ich schwitz! ...
Da dacht ich nun wirklich,
Hätt's sauber erwischt;
Meint mich auf Rosen,
Und lieg auf dem Mist.
Nehmt all ein Exempel,
Ihr, wer hier schaut:
So gehet's, wenn einer
Auf Mädchentreu baut.
Ungetreu das Mädel,
Der Nachttopf entzwei –
Der Henker hol 's Lieben!
Nun bleib ich dabei!
Aus: Friedrich (Maler) Müller: Idyllen. Leipzig: Reclam, 1976, S. 185f. (Hier online)
Paul Leppin
(* 27. November 1878 in Prag, Österreich-Ungarn; † 10. April 1945 ebenda)
Frühlingslied
Ach, das Schweinefleisch wird teuer,
Und der Frühling ist gekommen.
Viele Bürger haben heuer
Schon das erste Bad genommen.
Und im Mondschein, im verschmierten,
Wibbeln, wabbeln alle Kanten.
Bei dem Denkmal Karls des Vierten
Sammeln sich die Buseranten*.
Und die Mädchen ohne Mieder,
Die so plastisch im Detail sind,
Kommen auf die Straße wieder,
Weil sie wissen, wie wir geil sind.
Und die Menschen sind meschügge,
Und die Hoffnung ist ihr Anker.
Mancher wird beizeiten flügge,
Mancher erst beim zweiten Schanker.
*) Buserant, österr.: Homosexueller
Aus: Versensporn 59. Paul Leppin. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2025, S. 6
Heute vor 50 Jahren starb der, ich sag mal einfach: dadaistische Expressionist Melchior Vischer. Hier ein Gedicht in Prosa aus dem Jahr 1920.
DAS LYRISCHE GEDICHT
Herr Dagobert Schwein saß auf dem Leuchterarm der Proszeniumsloge und aß Zinnsoldaten, Trompeten aus Edelmetall, elektrische Dynamos, vier Spiele Tarock, X%X Käseaktien, zwei Krawatten, 16 Stück Keuschheitsgürtel zum Gebrauch für Rabbinerfrauen, 1/4 Kilo Kokosnußsalat, und als Dessert zwei Rembrandts und eine Skizze von Picasso. Zum Schluß als einen trefflichen Magenbitter 3 Millionen in papierener tschechoslowakischer Valuta. Das alles verdichtete sich in Dagoberts erlauchtem Magen zu einem leise weinenden Gedicht. Kein Autobus mit selbstfunktionierender Wasserspülung war es, kein Tank, geölt mit Onaniertränen englischer Sufragettenjungfrauen, nein, das allein war ein schönes feuchtlyrisches Ragout, geballt zu einem Magensaftfußball, der gern zum Opernhaushimmel emporgestiegen wäre, o wie brummen die Gebete gotischer Dome, o wie hellklingen die tauben Leiber abgetriebener Jungfrauen, o, o und oh! nun sang unten der italienische Tenor eine voklane Kanzone, ein Opernglas fiel und ließ seine Glassplitter in den Angstduft verfließen, der aus dem Seidendessous der jungen Gräfin sich hervorgeisterte, Herr Dagobert Schwein lachte aber bloß. Wer ein Schwein ist, bleibt eben immer ein Schwein. Dann als die hochdramatische Szene ansetzte, erbrach sich Dagobert mit einem schönen, hell, bald darauf dumpfglucksenden Rülpser, sehr zur Freude des Logenschließers, der eine silberne Schüssel bereit hielt / auf der er sonst Austernbrötchen servierte / und Herrn Dagobert Schweins prachtvoll gemischtes sülziges Magenkompott mit einer eleganten Handbewegung und unter vornehm schlichter jesuitischer Augenverdrehung auffing und dazu ein starkes Dollartrinkgeld. Erleichtert, beinah triumphierend ließ Herr Dagobert Schwein seine Blicke durchs Haus gleiten, das froh der Pause entgegenatmete und schrie recht kommunistisch: „Ja, ja, die Zivilisation, ist das nicht wie ein Präservativ, beide täuschen einen Zustand vor, „als ob“!“ Dann machte er „hähä“.
Auch das Publikum seufzte tief ergriffen „hähä“ / sozusagen kollektiv / .
Aber Herrn Dagobert Schweins Hähä übertraf alle anderen Hähäs.
Aus: Melchior Vischer, Unveröffentlichte Briefe und Gedichte. Mit einem Vor- und Nachwort herausgegeben von Raoul Schrott. Universität/Gesamthochschule Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne 32), S. 19
Aus dem Nachwort von Raoul Schrott
Im „Lyrischen Gedicht“ ist der Vortex dann alleiniges Thema, „sülziges Magenkompott“ aus Kulturresten, die ein schon zur Karikatur gewordener Baal erbricht – Zeichen also der durch den Vortex verzerrten Dialektik. Die zynische Konsequenz des Vaihingerschen „als-ob“, die am Schluß gezogen wird, bestätigt den Zusammenbruch des apollinischen und dionysischen Gefüges. Aber die Vaihingersche Anerkennung des Gegebenen, die ohne die Ekstatik Nietzsches auskommt, geht in einem Lachen der Aggression – einer vorläufigen Definition des Grotesken – unter; ein pervertierter „Wille zur Macht“ hat die alte Dialektik ersetzt:
„Aber Herrn Dagobert Schweins Hähä übertraf alle anderen Hähäs.“
Ebd. S. 32
Tom Riebe
schmutz, schmuddel & schmodder
den rochen sezieren
ihn gewünschten bildern
namenlosen grauens
anverwandeln
überall gewimmel von
seebischöfen & meermönchen
& von tatzelwürmern sowieso
jenny haniver –
du, meine zusammengenähte
meine feuchte liebe
nie mehr nur noch
glockenbecher & röteltrichterlinge
nie mehr nur noch
schnurkeramik & zierliche öhrlinge
sondern entgrenzte meeresträume
die libido ist eingemacht
wird künstlich beatmet
schmutz, schmuddel & schmodder
komm doch, gebasteltes leben!
Aus: Abwärts! Nr. 54, März 2025, S. 15
Tom Riebe ist der Gründer der Heftreihe Poesie schmeckt gut!
Mahtab Yaghma
Die iranische Dichterin und Social-Media-Aktivistin lebt zur Zeit in Berlin.
Ach, Herr Doktor! Selbst mein Kopf ist mir zum großen Schmerz geworden,
Mein elendes Lämmchen hat sich in einen Wolf verliebt.
Es war enttäuscht von mir... floh hinaus auf die Straßen, ging fort,
Doch mein Wolf riss das Lamm nicht, er verschwand im Regen.
Ach, Herr Doktor! Seine Lippen gaben mir „Geduld und Standhaftigkeit*,
Sein Duft versprach „Rettung aus Kummer im Morgengrauen"*.
Ach, Herr Doktor! Wenn einem der Atem aussetzt, ist das schwer,
Doch wenn dieser anderen gehört, ist es noch schwerer.
Ach, Herr Doktor! Auf meinem Kopfe lastet großer Schmerz,
Mein Lämmchen sehnt sich danach, einen Wolf zu küssen.
O Doktor, verschreib mir diesmal ein wenig Regennässe,
Verschreib mir drei Nächte des Umherirrens auf den Straßen.
* ) aus einem Ghasel von Hafis
Aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt von Ali Abdollahi, aus: manuskripte. Zeitschrift für Literatur 247/2025, S. 144
Zum Übersetzer: Ali Abdollahi, geboren in Birjand, Iran, ist Dichter, Übersetzer und Literaturkritiker in Berlin. Er veröffentlichte sieben Gedichtbände im Iran, über 90 Übersetzungen sowie Anthologien. In Deutschland erschienen fünf von ihm übersetzte Gedichtbände. Sein Gedichtband „Wetterumschlag“ (2021, Secession Verlag) wurde u. a. mit dem Chamisso-Publikationspreis 2021 und dem Bingel-Literaturpreis 2022 ausgezeichnet.
In ihren Gedichten gibt Yaghma der rebellischen Frau in einem repressiven Staat eine Stimme und ein Innenleben. Ihre lyrischen Texte, wie die hier erstmals in Übersetzung präsentierten Poeme, zeichnen eine schmerzhafte Subjektivität. Sie vereinen Verzweiflung, Rausch und Sehnsucht. Klage wird zu einer kraftvollen Geste der Selbstbestimmung. In ihren Gedichten verbindet sie klassische persische Formen mit modernen Elementen. Coca-Cola, Zigaretten und Alkohol finden ebenso ihren Platz wie symbolistische Chiffren wie Vogel, Wolf und Lamm.
Paul-Henri Campbell, aus der Einleitung zur Veröffentlichung von 5 Gedichten der Autorin im aktuellen Heft der manuskripte, a.a.O. S. 138
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
Kassandra 3
An die Stelle von Lenins Bild hängte er
1930 Stalins Bild: Stalins Bild
legte er 1933 in den Koffer und hängte es
über sein Bett in der Pariser Jugendherberge.
Als er aus der Emigration zurückkam,
hängte er neben Stalins Bild
das Bild Wilhelm Piecks.
1956 nahm er Stalins Bild von der Wand und
stellte es in den Keller hinter die Einweckgläser.
1960 wechselte er das Bild Wilhelm Piecks
mit dem Bild Walter Ulbrichts aus.
1971 nahm er das Bild Walter Ulbrichts von der Wand
und hängte das Bild seiner Frau an den Nagel.
1973 ging er in Rente. An die Stelle
des Bildes seiner Frau hängt er einen Spiegel
und sah hinein.
»Wer ist das«, schrie er,
»kann man denn nie allein sein.«
Aus: 100 Gedichte aus der DDR. Hrsg. von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach. Berlin: Klaus Wagenbach, 2009, S. 128
Heute vor 90 Jahren wurde in Limlingerode am Rand des Harzes Ingrid Hella Irmelinde Bernstein geboren, die sich als Dichterin den Vornamen Sarah gab und aus ihrer Ehe mit dem Dichter Rainer Kirsch dessen Nachnamen mitnahm.
Zum Anlass wähle ich ein Gedicht aus dem 1982 erschienenen Band „Erdreich“. Damals ging ich mit einem Stempel der Universität zu den großen Bibliotheken in Leipzig und Ostberlin, um in der DDR nicht erhältliche Bücher zu lesen, darunter die von Sarah Kirsch, die nach ihrer Ausreise aus der DDR nun „drüben“ erschienen. Ich zitiere es aber aus einer im damaligen DDR-Leitverlag Aufbau noch schnell im Herbst 1989, nach dem Fall der Mauer und der Aufhebung der Zensur zusammengestellten Auswahl aus ihren in der Bundesrepublik erschienenen Büchern (Auswahl: Gerhard Wolf) für die Leser in der DDR. Dieses Gedicht handelt sozusagen in der DDR, in einer imaginierten Begegnung mit ihren Dichterfreunden im Schloss Wiepersdorf. Das Gedicht nennt Heinz Czechowski, Adolf „Edi“ Endler, Richard Leising, Karl Mickel, Fritz Rudolf Fries, Grabbe (huh, etwa Christian Dietrich, 1801-1836? Oder ein Spitzname?), Elke (Erb), Volker Braun und Johannes Bobrowski (1917-1965). Zur Entstehungszeit des Gedichts waren auch die (hinter dem Eisernen Vorhang) Lebenden für die Republikflüchtige nicht erreichbar. Im Gedicht kommen sie in einem rauschhaften Sommernachtstraum zusammen.
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Provinz Sachsen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Reisezehrung 7
Als die Eulen zu fliegen begannen, die Käuze
Einladend riefen, lief ich im Park hin und her
Traf die Dichter rings in den Tannen.
Czechowski kam klagend den Hauptweg entlang
O meine Leber rief er fressen die Geier
Ich weiß nicht wo ich fürderhin bin
Aus der Harfe des kopflosen Orpheus
Hörte Edi das Sirren und nickte.
Leising und Mickel lehnten am steinernen Söller
Als eben der Mond über Jüterbog makellos aufging
Sie tranken spanischen Rotwein von Fries
Und skandierten herrliche Stücke, Grabbe
Hatte den Finger ins Windlicht gesteckt
Und machte Elke eine lange Erklärung. Braun
Dachte einesteils andrerseits und erwog den Gedanken
Sein Schauspiel zum siebten Mal zu verändern
Da trieben uns die reinsten Akkorde
Die Stufen hinunter und ich riß die Tür auf.
Bobrowskis schöner Pferdekopf
Sah uns übers Harmonium an, ihm gehörte
Der Wintergarten mit den litauischen Bäumen
Er warf den Schneesturm an, spielte
Wolfsgeheul mit zerbrochnen Registern und Hymnen
Auf Texte von Brockes. Die flackernden Lichter
Die schaukelnden Bäume zerspringenden Gläser
Fliegenden Stimmen in dieser einzigen Nacht
In Bettines Haus. Die Schatten der Freunde
Zerstreuten sich in alle vier Winde.
Aus: Sarah Kirsch: Die Flut. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 31
Das Buch hat 156 Seiten und kostete 8,40 DDR-Mark.
Das Bild ist natürlich KI-Produkt. Ich habe keine Vorgaben („prompts“) gemacht. KI hat aus diesem Artikel selbst einen sehr detaillierten Prompt erstellt und damit gearbeitet.
David Rokeah
(hebräisch דוד רוקח; geboren 22. Juli 1916 in Lemberg, Österreich-Ungarn, heute Lwiw, Ukraine; gestorben 29. Mai 1985 in Duisburg)
TRAUM
Traum. Nicht Traum.
Die Worte bestimmen nicht
die Bahn des Kometen
nicht das Lied
Gib der Nacht
was der Nacht ist
Deutsch von Erich Fried, aus: David Rokeah, Ich wandle Einsamkeit um in Worte. Gedichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Michael Krüger. Berlin: Jüdischer Verlag, 2025, S. 36
Erkläre mir nicht
das Lied das man nicht versteht.
Ich tappe im dunkeln
um mich selbst zu entziffern
um dich zu entziffern
auf meine Art
Deutsch von Renate Döring und Erich Fried, aus ebd. S. 59
Ich antworte nicht den Fragen nach greifbarer Zeit
in meinen Gedichten. Seit drei Tagen Schnee
und Engel fliegen auf. Ich war der Eimer
oben am Schwengel als der Brunnen erfror.
Seit drei Nächten Schnee
und ich ein schwarzer Stein aus Jerusalem
Die Rechtfertigung des Autors
überlasse ich
meinen Freunden den Dichtern
Deutsch von Renate Döring und Erich Fried, aus ebd. S. 60
Bei Youtube: Heinz Holliger, Shir Shavur. Zerbrochenes Lied. 12 Gedichte von David Rokeah https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lRvdmSjeW6SlKRRVFqMDr5UsZ-jBWUCYs
Werner Bergengruen
(* 4. Septemberjul. / 16. September 1892greg. in Riga, Gouvernement Livland, Russisches Reich; † 4. September 1964 in Baden-Baden)
Die Lüge
Wo ist das Volk, das dies schadlos an seiner Seele ertrüge?
Jahre und Jahre war unsere tägliche Nahrung die Lüge.
Festlich hoben sie an, bekränzten Maschinen und Pflüge,
sprachen von Freiheit und Brot, und alles, alles war Lüge.
Borgten von heldischer Vorzeit aufrauschende Adlerflüge,
rühmten in Vätern sich selbst, und alles, alles war Lüge.
Durch die Straßen marschierten die endlosen Fahnenzüge,
Glocken dröhnten dazu, und alles, alles war Lüge.
Nicht nach totem Gesetz bemaßen sie Lobspruch und Rüge,
Leben riefen sie an, und alles, alles war Lüge.
Dürres sollte erblühn! Sie wußten sich keine Genüge
in der Verheißung des Heils, und alles, alles war Lüge.
Noch das Blut an den Händen, umflorten sie Aschenkrüge,
sangen der Toten Ruhm, und alles, alles war Lüge.
Lüge atmeten wir. Bis ins innerste Herzgefüge
sickerte, Tropfen für Tropfen, der giftige Nebel der Lüge.
Und wir schrieen zur Hölle, gewürgt, erstickt von der Lüge,
daß im Strahl der Vernichtung die Wahrheit herniederschlüge.
[1944]
Dieses Gedicht las ich zuerst vor Jahrzehnten in der Anthologie „Politische Gedichte der Deutschen aus acht Jahrhunderten“, herausgegeben von Hans Heinrich Reuter 1960 in Leipzig, DDR, und fand es später in diversen Gedichtanthologien wieder. Gedruckt wurde es zuerst 1945 in Zürich und München in dem Band »Dies Irae«.
Heute vor 85 Jahren wurde Friedemann Berger in der Stadt Schroda geboren, die polnisch war, preußisch wurde, dann wieder polnisch, zur Zeit seiner Geburt wieder deutsch war und 1945 wieder polnisch wurde. Der polnische Name heißt Środa, heute mit dem Zusatz Wielkopolska. Środa ist das polnische Wort für Mittwoch.
Ich habe für den Anlass ein Gedicht aus seinem ersten Lyrikband ausgesucht, der 1973 im Union Verlag erschien und den ich mir als Student gekauft habe. Berger hatte in Naumburg und Berlin Theologie und Germanistik studiert. Dem Buch ist ein Gespräch beigefügt, das Gerhard Wolf mit dem Autor führte. Es gibt darin Anstreichungen von der Hand meines damaligen Ichs. Wolf sprach mit Berger nicht über den „Stoff“ der Gedichte (auf dem der Schulunterricht und teilweise auch die Universität herumritten), sondern über die Struktur, es kamen Worte vor wie Wortreim und Wort-Refrain. Vielleicht erklärt das auch, warum ich dieses Gedicht ausgesucht habe (ich kenne auch die beiden anderen Gedichtbände Bergers von 1987 und 2000).
Friedemann Berger
(* 13. April 1940 in Schroda; † 14. April 2009 in Leipzig)
WORT.
Wort, das
ich nicht hab.
Schotterwort.
Steinwort, mit den
Buchstaben vor A.
Ich steh.
Steh gegen den
Wind, gegen –.
Schotterwort,
Steinwort, ich
steh. Ich steh mit
den fragenden
Händen.
Nur
Geruch deines
Haars, dessen
Namen ich
suche.
Aus: Friedemann Berger, OrtsZeichen. Berlin: Union Verlag, 1973, S. 45
Ich habe ChatGPT gefragt: Kannst du das Gedicht „Wort“ von Friedemann Berger beschreiben? (Und natürlich den Text eingegeben.) Die Antwort:
Klar! Das Gedicht „WORT.“ von Friedemann Berger wirkt sehr reduziert, beinahe fragmentarisch, aber gerade dadurch intensiv und vielschichtig. Hier ein Versuch einer Beschreibung:
⸻
Form und Stil:
Das Gedicht ist sehr knapp, elliptisch, fast tastend formuliert. Es nutzt Wiederholungen („Ich steh.“) und kurze, abgehackte Sätze, was eine Art sprachliches Stocken oder Ringen mit dem Ausdruck vermittelt. Der Punkt im Titel „WORT.“ signalisiert vielleicht schon, dass es sich hier nicht nur um Sprache, sondern um ein blockiertes, schwer greifbares oder nicht vorhandenes Wort handelt.
⸻
Bildsprache und Bedeutung:
• „Schotterwort“ / „Steinwort“: Diese Wortneuschöpfungen lassen Sprache schwer, brüchig, widerständig erscheinen. Ein „Schotterwort“ ist kein fließendes, weiches Wort, sondern kantig und hart – wie etwas, das nicht kommunizieren, sondern eher stören oder verletzen kann.
• „mit den Buchstaben vor A“: Ein paradoxes Bild – es gibt keine Buchstaben vor A, es ist der Anfang des Alphabets. Das könnte für Sprachlosigkeit stehen, für einen Ausdruck, der noch vor der Sprache liegt – das Unaussprechliche.
• „Ich steh.“ – „gegen den Wind“ – „mit den fragenden Händen“: Diese Verse erzeugen das Bild einer Person, die trotz Widerstand standhält, aber innerlich suchend ist. Das „Stehen“ wird zum Ausdruck von Starrheit oder Festhalten, aber auch von Trotz oder Verlorenheit.
• „Geruch deines Haars, dessen Namen ich suche.“ – Am Ende wird das Gedicht zarter, sinnlicher: Es gibt ein Gegenüber, eine Erinnerung, vielleicht eine geliebte Person. Der Geruch ist präsent, aber der „Name“ fehlt – als würde das Ich versuchen, etwas Vergangenes oder Verlorenes in Sprache zu fassen, aber daran scheitern.
⸻
Themen:
• Sprachlosigkeit und das Ringen um Ausdruck
• Verlust, Erinnerung, Sehnsucht
• Die Materialität von Sprache (Worte als „Stein“, als „Schotter“)
• Existenz im Widerstand: stehen „gegen den Wind“, mit „fragenden Händen“
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Gesamteindruck:
Ein intensives, reduziertes Gedicht, das um Sprachlosigkeit kreist – nicht als Leere, sondern als Widerstand, als etwas Schweres, das zwischen dem Ich und dem Du steht. Die Sprache wird selbst zum Thema: ihre Unzulänglichkeit, ihre Härte, ihr tastendes Suchen nach Nähe und Sinn.
Bis hierhin also KI. Gar nicht mal schlecht. Hätte ich statt „beschreiben“ nach „interpretieren“ gefragt, hätte ich vermutlich eine andere Antwort bekommen. ChatGPT bot es mir am Ende an:
Möchtest du eine poetischere Umschreibung, eine Analyse in einem bestimmten Stil oder Zusammenhang (z. B. Liebeslyrik, Sprachkritik, etc.)?
Ich verstehe, dass Lehrer damit massive Probleme haben. Aber vielleicht könnten sie diese Möglichkeiten sogar nutzen (und die Leser auch): um genauer hinsehen zu lernen? KI als Lesetrainer.
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