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276 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kornelia Koepsell
Das Putzen, das Alter und die Wissenschaft
Überall hört man jetzt: Endlich! Der Tod besiegt!
Alters-Gen sequenziert. Forscher im Freudenrausch. –
Trotzdem hol' ich das Putzzeug,
Denn ich habe noch viel zu tun.
Schimmel, Rotwein und Teig, Fußnägel, Kuli-Blau,
Hauspilz, Spucke, Kakao, Schuppen, Spinnen und Staub,
Krümel, Popel und Nudeln –
Niemals komme ich hinterher.
Wenn ich ziemlich erschöpft, einen Moment verschnauf,
Steht die Mutter im Flur, tiefer als ich gebückt,
Lose hängt ihr das Kopftuch
In die früher so klare Stirn.
Und ich sehe noch mehr Frauen dahinter stehn,
Alle säubern den Flur schon seit Jahrtausenden,
Sie rotieren wie Kreisel,
Die ein Motor beständig treibt.
In den Tiefen des Raums, winzig, schon unsichtbar,
Wischen, fegen sie aus, bohnern, polieren glatt,
Schrubben, scheuern und saugen,
Und im Gegenlicht tanzt der Staub.
Schluss jetzt! rufe ich laut, aber sie hören nicht.
Oder tun sie nur so, weil sie beschäftigt sind?
Und ich wüsste so gerne,
Was im Innersten sie bewegt.
Aus: ndl. zeitschrift für literatur und politik. Herausgeber: Peter Schwartzkopf. Redakteur: Jürgen Engler. 52. jahr, 560. heft, oktober 2004. Intimitäten. S. 39
Das Gedicht benutzt eine strenge metrische Form, die heute selten ist (aber wohl immer noch öfter als dem Publikum bewusst ist) – die Strophenform der asklepiadeischen Ode. Es ist das Versmaß. das man vielleicht aus Hölderlins Ode „Heidelberg“ kennt, mit nur einer kleinen Abweichung, wenn ich richtig gesehen habe. Sie versteckt es nur ein bisschen, indem sie auf die Einrückung von Versen verzichtet. Wenn man das Metrum im Ohr hat, kann man es vielleicht leichter „vom Blatt“ lesen, aber es geht auch ohne. Vielleicht hilft es auch beim Interpretieren (die antithetische Form, die wenigstens teilweise durchlinst).
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