Die Dichterin im Zoo

409 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der deutsche Expressionismus war Männersache, mit der einen Ausnahme Else Lasker-Schüler. Da kann es für mehr als mich interessant sein, dass der expressionistische Verleger Alfred Richard Meyer, der sich als Autor Munkepunke nannte, in seiner 1948 im Verlag Die Fähre, Düsseldorf erschienenen Schrift „die maer von der musa expressionistica“ zwei weitere Autorinnen nennt und mit jeweils zwei Gedichtproben vorstellt. Über beide ist sogutwie nichts in Erfahrung zu bringen bis auf ein paar Bücher, im Fall von Gertrud Werla sogar nur ein Buch, das 1921 in seinem Verlag erschien. Bei einem Antiquar lese ich: „(= Lyrische Flugblätter, Nr. 93); EA.; Original-Pappband mit Deckelholzschnitt von M. Wels und wiederholt als Titel, 12° (14,5 x 11,5 cm), 16 S. auf unbeschnittenem Büttenpapier.“ Nicht ohne Wehmut erinnert er sich im zerstörten Berlin nach dem zweiten Krieg an die Atmosphäre in der Weltstadt Berlin wenige Jahre nach dem ersten, ich zitiere seine Worte mit den beiden eingestreuten Gedichten von Gertrud Werla.

Das war einmal um die Gedächtniskirche zu Berlin herum die Beschwingtheit, um den Zoo, wo die Dichterin Gertrud Werla vor den Käfigen stand („Tiere“, A. R. Meyer, Verlag, 1921), um immer wieder vor den Eulen stehen zu bleiben:

Ihr runden, runden Augen, 
Wissen schreckvoller Nächte,
stumm geheimnisvoller Gründe.
Ihr Augen, Augen.
Warum seht ihr mich immer an?
Ich stehe nicht mehr vor euren Käfigen.
Ich stehe bei bunten Paradiesvögeln,
bei süßen Kolibri und Lustvögeln aus Florida.
Aber immer noch seht ihr mich an,
ihr runden, runden Augen,
Wissen schreckvoller Nächte,
ihr Gründe, Gründe.
O Unaussprechliches
im Schlaf erfühltes.
Ich weiß, ihr seid die Augen meiner Augen.

Von den Eulen, von den Flamingos, von den Affen, von den Adlern, von den Pfauen, von den Kamelen zur Schlangenfütterung:

Verstrickter Leiber Schauer 
schieben sich
Erdbeben in Hügel von Jade.
Gespaltene Zungen
zittern
Wollust in smaragdenen Kelchen hin.
Und Schuppen
sind Silberfächer in der Hand kleiner Japanerinnen,
grüne Blätter aus Obsidian, der auf Vulkanboden wuchs.
Ein weißes Zicklein steht bebend hinein,
Tod, Ahnung, Fluchtversuch,
Mysterium, Opfer,
Verurteilung und ewige Verwandlung.
Da trägt sich's zu
im grünen Aquariumlicht
hinter dicklichen Glasscheiben:
Einsargung lebendigen Auges,
Zerstieben der Sterne,
Aufsaugung, Qual und unerhörte Begebung.
Leiber schieben sich
jach.

Die Dimensionen dieses Ortes sind ausgelöscht. Ein Trümmerfeld. Hart kam der große Tod über alle Tiere.

Aus: alfred richard meyer: die maer von der musa expressionistica. zugleich eine quasi-literaturgeschichte mit über 130 beispielen. düsseldorf: die faehre, 1948, S. 97f.

Die Gedichte tragen in der Ausgabe von 1921 die jeweiligen Titel „Eulen“ und „Schlangenfütterung“.

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