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Veröffentlicht am 20. Februar 2025 von lyrikzeitung
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
VORSPIEL II
Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot.
Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort.
Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.
Ich bin der Sterbewitz. Ich bin der Mord-
versuch, jaja, ich weiß. Auch der macht Spaß,
weil er sich reimt und ist nicht so gemeint,
denkt ihr. Ihr denkt? Sieh an, seit wann denkt Aas.
Ich bin mein eignes Volk. Ihr seid vereint
in dem Verein, der richtet und der henkt.
Ich will, daß ihr euch hier zu Tode lacht,
voll faulem Mitgefühl das Herz verrenkt,
ersauft in Tränen mitten in der Nacht.
Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt.
Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt.
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 7
Geschrieben vermutlich 1990. Erstdruck 1991, zuvor Vorspruch des Stücks LIEBE MACHT TOD, das am 8. November 1990 uraufgeführt wurde. „Wir sind das Volk“ war ein Slogan der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989, die Wiedervereinigung erfolgte wenige Wochen vor der Premiere.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Thomas Brasch
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