Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Von Thomas Brasch gibt es zwei Gedichte in Prosa mit dem Titel Chlebnikow 1 / Chlebnikow 2. In dem Nachlassband der Gesammelten Gedichte, „Die nennen das Schrei“ (2013) kam ein drittes mit Bezug auf den russischen Dichter dazu.
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
1. FÜR JUTTA LAMPE
Menschen, wenn sie warten,
sind Versteinernde, blicklos Hockende;
Tiere, wenn sie warten,
sind Streunende, sprungbereit Zitternde;
Kinder, wenn sie warten,
sind Weltenknetende, lässig Hingeworfene.
Von Kindern lernen
Von Tieren lernen
Lernen gegen die Menschen.
(5.7.85 – Antwort auf Chlebnikow)
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 653.
Die Zahl 1 verweist auf die Zugehörigkeit zu zwei weiteren kurzen Gedichten, die er an den folgenden beiden Tagen schreibt. Die 3 Gedichte stehen zusammen auf einem Blatt, das in der Nachlassausgabe im Faksimile wiedergegeben wird. Im Faksimile sieht man, dass statt Kinder in der 5. und 7. Zeile ursprünglich Götter stand.
Ich vermute, dass „Antwort auf Chlebnikow“ sich direkt auf das erste oder beide der folgenden Gedichte bezieht, die beide in der Chlebnikowausgabe bei Rowohlt und auch in dem 1976 in Ostberlin relativ leicht erhältlichen Poesiealbum 107 stehen. Alle drei Gedichte setzen vergleichend das Verhalten von Menschen und Tieren parallel, bewerten es aber teilweise entgegengesetzt.
Welimir Chlebnikow
(* 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Oblast Nowgorod)
WENN PFERDE STERBEN
Wenn Pferde sterben, schnaufen sie
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie
Wenn Sonnen sterben, verlöschen sie
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
Übertragen von Hans Christoph Buch. Poesiealbum 107. Welemir (sic!) Chlebnikow. Ostberlin: Neues Leben, 1976, S. 19.
WENN DER HIRSCH SEIN GEWEIH
Wenn der Hirsch sein Geweih aus dem Gras erhebt,
denkt man: ein verdorrter Baum.
Wenn der Unterdrückte sein Herz aus der Stummheit erhebt,
denkt man: ein Verrückter.
Übertragen von Chris Bezzel, aus: ebd.
Hier noch im russischen Originaltext.
Когда умирают кони — дышат,
Когда умирают травы — сохнут,
Когда умирают солнца — они гаснут,
Когда умирают люди — поют песни.
<1912>
Когда рога оленя подымаются над зеленью,
Они кажутся засохшее дерево.
Когда сердце н<о>чери обнажено в словах,
Бают: он безумен.
<1912>
Anmerkung aus einer russischen Onlineausgabe: Das Wort н<о>чери (n<о>tscheri) in der vorletzten Zeile ist ein Neologismus Chlebnikows. Seine Bedeutung ist unklar (im Originaltext stand „serdze boschije“, „Herz Gottes“, in der Ausgabe Izb., p. 8, „Herz der Natscheri“). Es scheint eine Umwandlung der Form „der Tochter“ , „dotscheri“, zu sein.
DeepL-Übersetzung des ersten Gedichts
Wenn Pferde sterben, atmen sie,
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie,
Wenn die Sonne stirbt, geht sie aus,
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
des zweiten
Wenn sich das Geweih eines Hirsches über das Grün erhebt,
erscheint es wie ein verdorrter Baum.
Wenn das Herz eines Mannes in Worten offenbart wird,
sagt man, er sei verrückt.
… und wie man sieht, kann KI noch keine Lyrik-Übersetzung …
LikeLike
Einverstanden, wenn man darunter versteht, Gedichte für eine Veröffentlichung maschinell zu übersetzen. Als Werkzeug zum Verstehen und Beurteilen und Vergleichen von vorhandenen Übersetzungen aber ist sie sehr wertvoll. Besonders die Übersetzungen von DeepL sind inzwischen erstaunlich gut. Da sie aber (noch?) nicht die poetische Form übersetzen, erhält man im günstigen Fall eine wörtliche Übersetzung, die helfen kann, das Original zu verstehen. Beim zweiten Gedicht war ich erstaunt, dass sie trotz des unverständlichen Neologismus eine Übersetzung vorschlagen.
LikeLike