Der Band, das wird schnell deutlich, ist sorgfältig komponiert, die Gedichte bleiben miteinander im Gespräch. Bezug nehmen sie häufig auf die jüngsten und jüngeren Katastrophen der Geschichte, und als deren Zeugen lassen sie gerne historische Figuren auftreten. Die Stationen der intensiven Welterkundung führen durch Venedig, Rom und Vézelay bis nach New York. Die unmittelbare Nähe und Gleichzeitigkeit von Gegenwart und immer weiter weg dämmernder, nur mit Hilfe von Anmerkungen identifizierbarer Vergangenheit stellt natürlich beides in Frage, Gegenwärtiges und Vergangenes. Beides ist in hohem Masse kommentarbedürftig. Und in beidem wird die Kontingenz unterstrichen, die Gräf in seinen Gedichten mit kühnen Bildern vorführt. Pasolini, Malaparte, Feltrinelli, Malcolm X oder Clara Petacci, Mussolinis letzte Geliebte, sie alle kommen vor, und sie alle stehen auch immer für mehr als bloss ihre ohnehin schon aufregende Biografie. Gräfs Gedichte arbeiten mit den Rückständen einer bewegten Geschichte, und diese, das bleibt eine seltsam ironische Note, muss er in einem umfangreichen Anmerkungsteil belegen. / Martin Zingg, NZZ 28.7.
Dieter M. Gräf: Buch Vier. Gedichte. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2008. 112 S., Fr. 28.90.
Lichtorgeln kennen wir aus der Beleuchtungsabteilung, in Diskotheken gab es sie früher, und sie waren meist gekoppelt mit Musik, schleuderten Lichtblitze in alle Richtungen − und das tun auch diese Gedichte. Bodrožić entwirft dichte und berückende Assoziationswelten, scheinbar Disparates wird im Hand- und Satzumdrehen eingeschmolzen in komplexe Bilder. In wenigen Sätzen gelangt Marica Bodrožić von beiläufigen und immer sehr präzisen Beobachtungen in die Tiefen der Geschichte, etwa in die Balkankriege, oder in die Höhen einer erotischen Begegnung, offen für den Einfall der Wörter, von denen sie sich gerne in vielstimmige Selbstgespräche verwickeln lässt. / Martin Zingg, NZZ 28.7.
Marica Bodrožić: Lichtorgeln. Gedichte. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2008. 110 S., Fr. 32.90.
Die Szene ist aufgeladen mit einer Trauer über Vergangenes, und diese melancholische Grundierung haben viele Gedichte Bonnés, spürbar sind öfter kleine biografische Risse. Etwas ist zu Ende gegangen, war es eine Liebe? Über die Gegenwart legen sich Erinnerungen, wie Mehltau, von ferne tauchen Kindheitsmomente auf, Bilder eines längst historischen Glücks, darunter eine heitere Begegnung mit dem verstorbenen Lyriker Thomas Kling. Aus neuerer Zeit sind es Augenblicke mit den Kindern, die nach dem Spiel wieder wegmüssen, nach Hause. Wespen sind unterwegs, aber sie scheinen müde, in hoher Zahl sind auch Vögel zugegen, mitunter ratlos oder heiser. Die biografischen Lädierungen werden nicht benannt, sie werden umspielt, umsprochen, sie teilen sich mit durch haarkleine Verschiebungen in der Sprache und im Spiegel von Naturbeobachtungen. «Die Republik der Silberfische» zählt einige wunderbare Gedichte, präzis und zugleich schwebend, mit grossem Gespür für Klang und Assonanz. Dazwischen finden sich aber auch Gedichte, die etwas gesprächig sind und fast zu viel erzählen. / Martin Zingg, NZZ 28.7.
Mirko Bonné: Die Republik der Silberfische. Gedichte. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2008. 110 S., Fr. 32.90.
Mehr: Mirko Bonnés vielschichtiger Roman «Wie wir verschwinden», NZZ 22.7.
Gefunden bei Facebook, 28.7.:
Frank von Blau
I AM NOT A BELIEVER IN GOD
I AM WITH GOD
I AM NOT A BELIEVER OF DADA
I AM DADALAWRENCE VON DADA
LEAGUE OF REAL DADA
TO KICK EGO OUT OF DADA
So heißt die authentische Überschrift bei salikus.de, und so die authentische Bildunterschrift:
Am letzten Donnerstag (23. August 2009) trafen Christine Hoba und Peter Winzer in der Reihe „Begegnung der anderen Art“ aufeinander. Sie lasen Lyrik und Prosa, während Andreas Mikolajczyk am Banjo für die musikalischen Atempausen sorgte.
So gefunden am 29.7. Indes war es offenbar keine spiritistische Sitzung und keine Zeitreise im Ufo. „Begegnung mit der anderen Art“ heißt eine neue Veranstaltungsreihe in der UFO-Galerie in Halle (Saale). Über die Lesung heißt es:
Während Christine Hobas Lyrik einem Schmuckfries glich, dessen Muster sich hartnäckig ins Gedächtnis brannte, hatten besonders die Gedichte aus dem Männer-Zyklus von Peter Winzer dadaistische Züge.
zum Thema Kindle: Ausgerechnet Orwells „1984“ verschwand neulich von den Lesegeräten tausender Amazonkunden – aus Copyrightgründen. Die Zentrale drückt auf den Knopf, und in allen Zimmern kommt die Botschaft an. Bzw. abhanden. Nicht daß es das erste mal war: so gab es Berichte, daß Exemplare von Harry Potter und Romane von Ayn Rand auf gleichem Wege verschwanden. Und was auch immer in den Medien vom e-Buch-Boom geredet wird: nie, nie, nie werde ich freiwillig eine Bibliothek hinnehmen, die jemand von außen kontrolliert. Was ist denn da los, daß man überhaupt darüber reden muß?
Amazon Secretly Removes „1984“ From the Kindle / Bewegliche Lettern
$75,000 in prizes awarded to five young poets
CHICAGO — The Poetry Foundation and Poetry magazine are proud to announce the five recipients of the 2009 Ruth Lilly Fellowships: Malachi Black, Eric Ekstrand, Chloë Honum, Jeffrey Schultz, and Joseph Spece. Among the largest awards offered to aspiring poets in the United States, each Lilly Fellowship carries a $15,000 scholarship prize for fellows to use as they wish in continued study and writing of poetry.
The editors of Poetry magazine selected the winning manuscripts from over 550 applications. In announcing the winners, Poetry editor Christian Wiman remarked, “2009 marks the 20th anniversary of the Ruth Lilly Poetry Fellowships, and the quality of work the program attracts is more impressive every year. Being able to recognize and support five such talented young poets is a real pleasure, surpassed only by reading their work.”
Malachi Black was born in 1982 in Boston, Massachusetts, and raised in Morris County, New Jersey. He earned his BA in literature from New York University in 2004. His work recently appeared or is forthcoming in Poetry, the Iowa Review, the Southwest Review, Best New Poets 2008, AGNI Online, Pleiades, and elsewhere. He is literary editor of the New York Quarterly and a James A. Michener Fellow at the University of Texas at Austin’s Michener Center for Writers.
Eric Ekstrand was born in Winston-Salem, North Carolina, in 1984. He received a BA in English literature from Wake Forest University in 2007, and is currently an MFA candidate at the University of Houston. He is a poetry editor for Gulf Coast: A Journal of Literature and Fine Arts, and helped to organize the first annual boldface Writers Conference. His poems have appeared in the Black Warrior Review, the Indiana Review, New South, and Poetry. His reviews and interviews have appeared in Gulf Coast.
Chloë Honum was born in California in 1981 and grew up in Auckland, New Zealand. In 2003 she received her BA, with an emphasis in creative writing, from Sarah Lawrence College. Her poetry has appeared in Best New Poets 2008, Nimrod, and Shenandoah, and is forthcoming in AGNI, the Bellingham Review, the Paris Review, and elsewhere. She is currently an MFA candidate at the University of Arkansas, where she directs the Writers in the Schools program.
Jeffrey Schultz was born in Phoenix, Arizona, in 1979 and raised in Fresno, California. He earned a BA in English from California State University, Fresno, in 2001 and an MFA from the University of Oregon’s Creative Writing Program in 2003. His poems have appeared or are forthcoming in the Boston Review, Poetry, Poetry Northwest, and elsewhere, and have been featured on Poetry Daily and the PBS NewsHour’s Art Beat blog. He lives in Los Angeles with his wife and teaches at Pepperdine University in Malibu.
Joseph Spece was born in Long Island, New York, in 1981 and split his youth between Long Island and Massachusetts. He received BA degrees in English and philosophy from Boston College in 2005, and an MFA from Columbia University in 2009.
These five emerging voices will be featured in Poetry magazine’s November issue, and on http://www.poetryfoundation.org.
The Ruth Lilly Poetry Fellowship program is organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher of Poetry magazine.
Ironischer geht es nimmer: die „besten“ Gedichte aus 25 Jahren sind hier versammelt. Krausser schrieb sie zwischen und während der Arbeit an Romanen, Erzählungen, Tagebüchern, Hörspielen, Theaterstücken, Drehbüchern und Übersetzungen. Repräsentieren sie das, was Bestand hat? „Was bleibt? Vielleicht ein kleines Lied“ heißt es bescheiden in Kraussers Eichendorff-Persiflage, mit der er alle widerlegt, die ihm vorwerfen, derb um sich zu hauen, dass es kalauernd nur so durch die Syntax kracht. Pornografie? Triebstillleben? Verkennung des wirklich Bösen? Das lauert immer und überall im banalen Alltag, wissen Kraussers Texte. Seine Verse, die gern mit saloppen bis vulgären Worten hantieren, erschöpfen sich nicht in drastischen Pointen zum Liebesleben. Nicht nur mit der Tochter, die sich für ein neues Handy vom Vater missbrauchen lässt, thematisiert er den Menschen als Ware. Das steckt voller kritischer Gesten jenseits des profanen Witzes. Zärtlich oder traurig erzählt Krausser von den Geliebten. Unschlüssig und ratlos macht ihn mancher Verlust. Lässt das den Nonsens und die Platitüden verschmerzen? Helmut Krausser ist vor allem ein Sprachspieler, der dem Leser mit Erwartungshaltungen an „hohe Literatur“ ausgesprochen gern ein Schnippchen schlägt. / Die Welt 27.7.
Helmut Krausser: Auf weißen Wüsten. Luchterhand, München. 160 S., 8 €
Diese Rede ist ein Musterbild dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter, urteilt FR-Kritiker Peter Michalzik über die Festrede des Erfolgsautors Daniel Kehlmann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele.
Ihre ersten Gedichte schreibt sie in die Briefe an ihren treulosen Mann. Am Anfang noch lobt er sie dafür aufs schönste: „Von jetzt an, Sternlein, die eigne Bahn.“ Aber als später ihre Gedichte auch noch gedruckt werden und sie all den Ruhm bekommt, den er zeitlebens für sich erträumte, wird seine Bewunderung dünn und grämlich. Über eines seiner Dramen hatte er einmal zu ihr gesagt, es sei „mehr wert als Dein Leben“. Dieser grandiose Selbstüberschätzer wird nun übel bestraft. Es ist ein Wunder, dass die beiden zusammenbleiben, später gemeinsam nach Heidelberg zurückkehren und dort zusammen alt werden. In einem der letzten Briefe des Bandes schreibt Hilde Domin an ihren Mann: „Im übrigen finde ich mich, nach der Selbstanalyse, doch verblüffend modern. Als sei ich eigentlich die Quadratur des Zirkels.“
Wenn Palm es nach all den Jahren nicht sieht, muss sie eben auch das ihm selber sagen. / Volker Weidermann, FAS 26.7.
Hilde Domin: „Eine Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959“. Hrsg. von Jan Bürger und Frank Druffner. Fischer 2009, 380 Seiten, 19,90 Euro
Mehr zum 100. Geburtstag der Dichterin:
FR (Interview 2006) / Neue Osnabrücker Zeitung /Tagesspiegel (Michael Braun) / DLR / Mannheimer Morgen / Neues Deutschland / taz („Hilde Domin wollte Dichter, keine jüdische Dichterin sein!“„) /
Die autonome Regierung Andalusiens will einen Schlußstrich unter einen langanhaltenden Streit ziehen und die Öffnung des Grabes von Viznar erlauben. Die Familien eines Lehrers und zweier militanter Anarchisten, die 1936 zusammen mit dem spanischen Dichter erschossen wurden, wollen seit langem die Gebeine ihrer Angehörigen exhumieren. Bisher hatte sich die Familie Garcia Lorcas dem widersetzt.
Es gibt Gerüchte, nach denen sich die Gebeine des Dichters nicht mehr in dem Massengrab befinden sollen. Im Herbst soll nun für Klarheit gesorgt werden. / Isabelle BIRAMBAUX, ouest-france 26.7.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Jane Hirshfield, a Californian and one of my favorite poets, writes beautiful image-centered poems of clarity and concision, which sometimes conclude with a sudden and surprising deepening. Here’s just one example.
Green-Striped Melons
They lie
under stars in a field.
They lie under rain in a field.
Under sun.Some people
are like this as well—
like a painting
hidden beneath another painting.An unexpected weight
the sign of their ripeness.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher ofPoetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Jane Hirshfield, whose most recent book of poems is „After,“ Harper Collins, 2006. Poem reprinted from „Alaska Quarterly,“ Vol. 25, nos. 3 & 4, Fall & Winter, 2008, by permission of Jane Hirshfield and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
In der deutschsprachigen Zusammenfassung heißt es:
Das erste Kapitel „Zur Spezifik der literarischen Situation im wiedervereinigten Deutschland“ beschäftigt sich mit dem Literaturbetrieb aus soziologisch-kultureller Sicht. Es behandelt die Stellung der Lyrik im gegenwärtigen deutschen Literaturprozeß und geht der Frage nach, wie die Dichtung vom Literaturbetrieb beeinflußt wird. (…)
[Unterkapitel 1.3.3 heißt: Poetische Elite: Konstituierungsbesonderheiten]
Die zwei folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der Dynamik des poetischen Systems. Es werden genealogische Quellen und Besonderheiten der heute existierenden Literaturgruppierungen, Schulen und Richtungen erkundet. Berücksichtigt sind Weltanschauung der Dichter, philosophische Grundlagenm ihres Schaffens, ideologische Prioritäten, ästhetische Werte und Zielsetzungen. Dabei werden die auffallendsten und typischsten bzw. interessantesten oder ganz neue Segmente des poetischen Raumes der Analyse unterzogen und dessen Besonderheiten im heutigen Literaturdiskurs präzisiert. […] Als Ergebnis einer breiten Medien- und Alternativlyrikforschung kommen die repräsentativsten Vertreter der heutigen Literaturszene ins Blickfeld.
Das zweite Kapitel heißt „Strukturell-semantische Konstanten der lyrischen Gattung im literaturästhetischen Raum des wiedervereinigten Deutschland und das Künstlerbewußtsein in der Moderne“.
Die Unterkapitel sind folgende:
2.1 Poetisch-semantische Besonderheiten der „main-stream“-Lyrik
2.2 „Gleichheit plus Gerechtigkeit“: sozial engagierte Lyrik
2.3 „Gewissensblitze“ in der existentiellen Miterlebnispoesie
2.4 Im Wartesaal für „Transitpoeten“
2.5 Spiegel der heutigen Seele: sittlich-religiöse Poesie
2.6 Experimental-avantgardistisches Potential
2.7 Traditionelle Gattungen in der Gegenwartslyrik
2.7.1 Transformierung der Ballade
2.7.2 Elemente des japanischen Verskanons und Verklärungsästhetik auf deutsche Art
2.8 Bewegung „Social Beat“ und der „Poetry Slam“ als Aufbruch nicht wahrgenommener Energie des Undergrounds
2.9 Kinderlyrik: nicht wahrgenommenes Zeitbedürfnis
Das dritte Kapitel ist „Tradition der Modernität in der bundesrepublikanischen Gegenwartslyrik“ betitelt.
[ausgewählte Unterkapitel:]
3.3 Spielen mit der Tradition – Totalparodie der Moderne
3.4 Besonderheiten des modernen Versbaus
3.4.1 Kommensurable Einheiten und Zeilenbruchbesonderheiten
Das vierte Kapitel „Lyrikbedürfnis im heutigen Deutschland“ bestimmt den Grad der Notwendigkeit der Poesie für das heutige Deutschland und erkundet dessen Gründe. […]
Im Laufe der Arbeit wurden mehr als 600 Lyriker der Analyse unterzogen (von den grossen Rühmkorf, Kunert, Gernhardt, Pastior bis zu den Talenten der jungen Szene (Jan Wagner, stan lafleur, TOM de Toys, HEL ToussainT usw.). Mehr als 100 von Autoren und Verlegern ausgefüllte Fragebogen (mit 46 Gesichtspunkten) wurden verwertet. In solcher Dimension und Systematik wurde die neueste deutsche Lyrik bis heute weder in Deutschland noch in Russland untersucht.
[Das ist vollkommen richtig. Man darf gespannt sein: ich bins! und danke, sozusagen, Frau Honecker in Chile, daß ich bei ihr Russisch lernen durfte. Halbwegs! Ich sag so: ihre Didaktiker hatte sie nicht im Griff.]
Tamara W. Kudrjawzewa: Nowejschaja nemezkaja poesija. 1990-2000-e gg (Neueste deutsche Lyrik. 1990er – 2000er Jahre)
Bis in die 1970er-Jahre war Heinz Piontek ein ebenso vielgelesener wie hochgelobter Schriftsteller. Doch dann sank sein Stern genauso schnell, wie er aufgegangen war. Der mehrfach ausgezeichnete „Klassiker der Gegenwart“ starb vereinsamt und vergessen. / Bayern 2 23.7.
Die Form des Tanka, des aus fünf Zeilen mit insgesamt 31 Silben bestehenden japanischen Kurzgedichts (5–7–5–7–7), ist in der westlichen Welt nicht ganz so populär geworden wie jene des Haiku, die aus dem Tanka hervorgegangen ist. Im heutigen Japan ist die Tanka-Tradition, die im 7. Jahrhundert entstand, indessen überaus lebendig. Es gibt Tanka-Vereinigungen, -Wettbewerbe, Tanka-Rubriken in Tageszeitungen, Tanka-Zeitschriften und familiäre Traditionen, die ganz dem Tanka gewidmet sind. Zum Beispiel die des Meisters Sasaki Yukitsuna, der als Autor von vierzehn Tanka-Bänden jetzt im Reclam-Verlag eine vom Zürcher Sinologen Eduard Klopfenstein ins Deutsche übersetzte und kommentierte Anthologie von den Klassikern bis heute herausgegeben hat. Der Verlag hat schon 1996 mit einer Tanka- Sammlung aus den Klassikern Meriten erworben.
Die Gemahlin des Kaisers Fushimi, Eifuku Mon’in, dichtet in diesem Geist: «Kirschblüten / leuchten für eine Weile auf / in der Abendsonne / unbemerkt sinkt sie hinab / und der Glanz – erloschen.» / Ludger Lütkehaus, NZZ 21.7.
Gäbe es keine Kirschblüten . . . Tanka aus 1300 Jahren. Japanisch und Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und hrsg. von Sasaki Yukitsuna, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. Reclam-Verlag, Stuttgart 2009. 254 S., Fr. 22.50.
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