Wer meint, die Welt sei schreibend zu verändern, darf sich nicht wundern, wenn Schreiben dereinst nur noch auf dem flachen Land und dort wiederum allein in sogenannten „Schreibkugeln“ von nicht mehr als einem halben Meter Durchmesser erlaubt sein wird.
Bruno Steiger, Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 021*, Zürich und Solothurn, April 2012, S. 164. 198 Seiten, Euro 12,70 / sFr. 16.-
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Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Von Àxel Sanjosé
Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.
Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:
Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…
Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …
Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.
Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,
són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!
Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.
—
Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,
sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!
So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.
Günter Herburger wurde berühmt als Kinderbuchautor, gehasst als DKP-Mitglied, er schrieb Lyrik, die seine Prosa spiegelt und Romane übers Laufen. Am 6. April wird er 80 …
Er schrieb Dogmatisches über Gedichte gegen die „blattvergoldeten Worte“ der Wortsoßendichter und Saisonelegiker und veröffentlichte Lyrik, die eine markante Eigenart bis heute behalten hat: In ihr werden Szenen aus seiner Prosa vorab durchgespielt, überprüft und ausgebaut. / Konstantin Ulmer, Freitag
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Klammern sind aufregend. Daß man Sappho nur in Übersetzung liest, ist noch lange kein Grund, sich um das Drama des Versuchs zu bringen, ein halbiertes oder durch Löcher verrätseltes oder kleiner als briefmarkengroßes Papyrus zu entziffern – Klammern bieten Freiraum für geistige Abenteuer.
Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. xi.
Lobel-Page 70
. . .
[ ]α̣μ.λ.[
[ ]ναμ[
[ ]ν̣ δ‘ εἶμ‘ ε[
[ ]ρ̣σομέν[
[ ]λικ‘ ὐπα[
[ ]…[.]βα[
[ ]σ̣ γ̣ὰρ ἐ̣παυ[
[] μάν κ‘ ἀπυ̣θ̣υσ̣[
[ ]αρμονίας δ̣[
10 []αθην χόρον, ἄα[
[ ]δ̣ε λίγηα.[
[ ]ατόν σφι̣[
[ ]παντεσσι[
[ ]επ[.].[
15 . . .
]
]
] I will go
]
]
]
] for
]
] of Harmonia
] dance
] clearsounding
]
] to all
]
176LP
βάρβιτος. βάρωμος. βάρμος.
lyre lyre lyre
Lyra Lyra Lyr
Lobel-Page 25
. . .
[ ]γμε.[
[ ]προλιπ[
[]νυᾶσεπ[
[ ]βρα·
[ἐ]γλάθαν‘ ἐσ̣[
[ ]ησμεθα̣[
[]ν̣υνθαλα[
. . .
]
] quit
]
] luxurious woman
]
]
]
von marius hulpe
Ich bin ein junger – jung, so wünsche ich, noch etwas länger – Mensch,
der manchmal schreibt, und das, was so geschieht, aufnimmt, nicht
beobachtet, nur aufnimmt, samt der Fußnoten der Toten,
und der auch die Lebendigen schätzt, gerade sie, und sich verbietet
in Wespennester zu schlagen, weil meine Haut dünn ist
und meine Organe zu schwach für das Gift ihrer Stiche.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort geboren bin.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort bleiben möchte.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich trotz einiger Gründe,
einen Krieg anzuzetteln – im Kleinen, im Großen –
keinen für derart triftig halte, um es schließlich zu tun.
Ich habe gelernt, dass ich auch als politisches Subjekt nicht
eingreifen kann, und wenn, dann eben symbolisch, als Teil
eines politischen Apparates, zum Preis, in Konferenzen zu hocken,
auf Sitzungen, wo ich mit Ja und Nein stimme, ohne Differenzierung,
so wie sie auch jetzt mit Ja und Nein stimmen, überwiegend
aber mit Nein, und eine Abrissparty veranstalten, in den Gazetten,
und es mir peinlich wäre, mich an diesen Rattenschwanz zu hängen,
mit aller Macht, was ich hiermit, in diesem Gedicht, natürlich
vollziehe. Das Mediensüppchen steht auf dem Herd, und alle
sind fleißige Topfgucker. Ich könnte mich inhaltlich äußern,
ich könnte nun abwägen, wo alles ringsherum schreit, aber
wenn das Politik ist, dann ist sie nicht mein Leben,
und wenn niemandem eine bessere Methode eingefallen ist,
dann kenne ich zumindest andere Dinge, unser mickriges
Leben zu bereichern. Ich möchte nicht denjenigen spielen,
der es den anderen sagt. Wenn es nach mir ginge, den Krieg
würde es nicht geben, für mich muss ihn niemand betreiben,
sondern hätte eher Freude daran zu sehen, wie es alle zugleich
erkennen, ihre Ohnmacht als Einzelner, ihre Kraft als Kollektiv, ohne
sich so zu nennen, und ohne nach der Kanzel zu reden, denn
im bloßen Dasein des Friedens, in seiner Selbstverständlichkeit
liegt eine Macht, und das heißt, es gibt Orte auf der Welt,
dort beschießt und bespuckt man sich nicht, lässt Kinder
am leben, baut keine Bomben, gibt sich nicht taktisch, hegt
keinen Verdacht. Ich kenne solche Orte und jeder andere
auch. Solche Orte wähle ich als die meinen. Ich wohnte lange
in kleinen Städten, wo es viele Konflikte gibt, auf engstem
Raum, an der Grenze zum Hass, den ich nicht aushalten würde,
an dem ich verginge, wäre er mir nicht vor allem eines: egal.
Liebe Leser, Autoren, Freunde von luxbooks,
am Todestag Sylvia Plaths haben wir eine große Kampagne gestartet: Help Us Free Sylvia Plath
Da die deutschsprachigen Rechte des bis heute unübersetzten Debütbands „The Colossus“ durch ein Optionsrecht eines größeren Verlages blockiert werden, versuchen wir über Crowd-Funding Mittel einzusammeln, um ein konkurrenzfähiges Angebot an den Originalverlag machen zu können und so Sylvia Plaths Debütband zu befreien. Genaueres zum Editionsprojekt, zur Kampagne und Links zu den begleitenden Twitter-, Facebook- und YouTube-Accounts finden Sie/findet Ihr hier:
http://www.indiegogo.com/Help-Us-Free-Sylvia-Plath
Wir freuen uns über jede Hilfe, jede Weiterleitung, jeden Bericht & natürlich jede Spende!
Herzlich aus Wiesbaden
Annette Kühn & Christian Lux
luxbooks
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)
Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Der griechische Dichter Theognis von Megara machte sich schon im 6. Jh v.u.Z. Sorgen um sein Urheberrecht. Versiegeln wollte er seine Elegien und damit seinen Ruhm – und den seines Geliebten Kyrnos – bewahren und sein Werk vor Diebstahl, Mißbrauch und unautorisierter Erweiterung schützen. Um Geld ging es damals offensichtlich noch nicht, um Ruhm viel eher:
Κύρνε, σοφιζομένωι μὲν ἐμοὶ σφρηγὶς ἐπικείσθω
τοῖσδ‘ ἔπεσιν, λήσει δ‘ οὔποτε κλεπτόμενα,
οὐδέ τις ἀλλάξει κάκιον τοὐσθλοῦ παρεόντος·
ὧδε δὲ πᾶς τις ἐρεῖ· ‘Θεύγνιδός ἐστιν ἔπη
τοῦ Μεγαρέως· πάντας δὲ κατ‘ ἀνθρώπους ὀνομαστός.’
ἀστοῖσιν δ‘ οὔπω πᾶσιν ἁδεῖν δύναμαι·
οὐδὲν θαυμαστόν, Πολυπαΐδη· οὐδὲ γὰρ ὁ Ζεύς
οὔθ‘ ὕων πάντεσσ‘ ἁνδάνει οὔτ‘ ἀνέχων.
Kyrnos, schlau habe ich mir ein Siegel ausgedacht, das auf
diesen Worten liegen soll. So kann sie niemand unbemerkt stehlen,
niemand sie zum Schlechteren ändern, weil das Gute ja da ist,
und so wird ein jeder sagen: „Das sind die Worte des Theognis
aus Megara.“ Doch auch wenn ich bei allen Menschen bekannt bin,
kann ich es nicht allen meinen Mitbürgern recht machen.
Und das ist kein Wunder, Polypaide, denn nicht einmal Zeus
macht es allen recht, weder, wenn er es regnen lässt, noch wenn er den Regen zurückhält.
Wir wissen nicht, worin dieses Siegel bestanden haben soll. Naive Erklärung: die Nennung des Namens „Kyrnos“, der wirklich in etlichen der Elegien vorkommt, soll die Gedichte markieren; materielle Erklärung: die für die Zeitgenossen ungewohnte Verschriftlichung des Werkes und die Hinterlegung eines Referenzexemplares mit der Ausgabe letzter Hand sollten diese Siegelfunktion erfüllen; komplizierteste Erklärung: irgendwo im Text findet sich verschlüsselt des Autors Name, man muss ihn nur zu finden wissen.
Sicher ist jedoch eines: Theognis´ Siegel hat versagt. In der Sammlung, die unter seinem Namen überliefert ist, finden sich Gedichte aus mindestens 200 Jahren, kaum eine der Elegien ist vollständig, und eine Reihe der hier zusammengetragenen Dichter sind uns namentlich bekannt.
Und doch: liest man die Theognidea in einem Stück, so machen sie einen seltsam geschlossenen Eindruck, so als hätte der Autor Theognis dem lange nach seinem Tod gesampleten Stück am Ende noch sein Siegel aufgedrückt. Ob er damit zufrieden gewesen wäre, wissen wir natürlich nicht.
Raymond Jean, „Dichter, Romancier, Essayist, Kritiker und militant communiste“ (L’Humanité), starb im Alter von 87 Jahren.
Mehr als 1500 Nachrichtenbeiträge zu Grass‘ Israelgedicht meldet Google. Literarisch ist es ja nicht so bedeutend, daß man sich lang aufhalten müßte. Und die Welt ist wie sie ist, Empörung zwecklos. Die Boulevardblätter verteidigen Israel, Linke geben Grass recht. Und bei den Stammtischen wird Grass punkten.
Was sagt das Ausland? Focus zitiert „La Repubblica“:
„Günter Grass tritt wieder auf den Plan. Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen. Der Literatur-Nobelpreisträger meint, dass Israel die wahre Gefahr für den Frieden ist und nicht der Iran. Die israelische atomare Abschreckung ist es und nicht das Arsenal, von dem es heißt, Mahmud Ahmadinedschad baue es auf. Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung von Israel mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt. (…)
In diesem ganzen (Konflikt) ist das Schweigen Europas ohrenbetäubend. Das Europa nach dem deutschen Maß von heute ist ein politischer Zwerg, eine schweigende Zuschauerin. Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht.“
Die linksliberale „La Repubblica“ gehört zu den Zeitungen, die das Grass-Gedicht abgedruckt haben.…
Bei der New York Times finden sich online nur Blogbeiträge. Auch der Link zum Gedichttext geht zur Süddeutschen:
In the poem, titled “What Must Be Said,” Mr. Grass, 84, asks why he has remained silent about Israel’s nuclear might — which Israel has never publicly confirmed — and concludes that he had been constrained by a broader fear of being judged an anti-Semite.
Und Irans Nachrichtenagentur lobt Grass, weil er die Heuchelei des Westens entlarve.
Die „Große Scheibenelektrisiermaschine“ aus dem Physikalischen Kabinett im Kulturhistorischen Museum Görlitz und das Gedicht „Parabase“ von Johann Wolfgang von Goethe bilden im April den Rahmen für Gedichte zum Thema „Forschergeist“. …
Forschergeist kann sich aber nicht nur in der Wissenschaft zeigen. Dass man mit ihm auch die eigene Sprache erkunden kann, zeigen die Gedichte vieler Lyriker. Im April freuen wir uns daher auf eure Gedichte zum Thema Forschergeist: Dichtet über berühmte Forscher, bahnbrechende Erkenntnisse, darüber, was diese Forscher antreibt und worüber sie wohl denken. Vielleicht springt ja der Funke über und ihr schickt uns auch Gedichte zur Scheibenelektrisiermaschine?
Einsendeschluss ist der 30. April 2012! / DLF
Parabase
Freudig war vor vielen Jahren
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren,
Wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart.
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.
Immer wechselnd, fest sich haltend,
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend –
Zum Erstaunen bin ich da.
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| Das Gedicht von Günter Grass: „Was gesagt werden muss“
In dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ greift Literaturnobelpreisträger Günter Grass Israel scharf an. Wir dokumentieren das in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienene Gedicht im Wortlaut. Günter Grass mischt sich wieder ein: In einem Gedicht geht der … |
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| Israelkritik: Grass‘ Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen
Günter Grass‘ Anti-Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ transportiert zahlreiche Denkfiguren der NS–Ideologie. Von Tilman Krause Das Foto zeigt das Gedicht des Schriftstellers Günter Grass mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ in der „Süddeutschen … |
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| Publizist Henryk M. Broder zu Gedicht von Günter Grass: „Damals war er ein SS …
Antisemitismus unterm Deckmäntelchen der Kunst: Der Publizist Henryk M. Broder geht hart mit dem Anti-Israel-Gedicht vonGünter Grass ins Gericht. Der Nobelpreisträger sei damit zu seinen nationalsozialistischen Ursprüngen zurückgekehrt. |
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| Historiker Wolffsohn über Grass-Gedicht „Der Mann ist die Summe seiner Vorurteile“
Mit dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ stehe er klar in dieser Tradition, stellt der Historiker fest. Er wirft dem Nobelpreisträger vor, keine Ahnung von dem Thema zu haben. SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt Ihnen das Gedicht von Günter Grass? |
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| Gedicht von Günter Grass: Grass nennt Israel Gefahr für den Weltfrieden
Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem Gedicht Israel und Deutschland kritisiert. Israel könne mit deutscher Waffenhilfe ein Verbrechen begehen, wenn es den Iran angreife, so der Autor. Vor dem Hintergrund des Atomstreits mit dem Iran hat … |
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| Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran – Was gesagt werden muss
In seinem Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen. von den Regierungen beider Länder zugelassen wird. Mir gefällt, daß ein prominenter,… |
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| Gedicht von Günter Grass: Atommacht Israel gefährdet den Frieden
„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, schrieb der 84-jährige Autor in einem am Mittwoch von der „Süddeutschen Zeitung“ und anderen internationalen Blättern veröffentlichten Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“. |
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| Günter Grass Der Antisemitismus will raus
So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein. Antisemitismus ist pfui, Antisemitismus ist wieder da. Beide Sätze sind richtig, man muss nur zwei … |
Dieser Google Alert wird einmal täglich von Google zur Verfügung gestellt.
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)
Immanuel Musäus (Greifswald) schreibt:
Ein kleiner Fetzen. Nicht von einem alten Griechen, sondern von mir, aber auf Altgriechisch. Habe ich mal gedichtet oder vielmehr zusammengeflickt (ist aber kein Cento im strengen Sinn) zur Illustration der poetischen Etymologie, anhand des Namens „Europa“, mit Parecheseis und Paronomasien usw. Und natürlich kann die Übersetzung das alles nicht mitnehmen, zur Hilfe sind die einschlägigen Wörter aber kursiv gedruckt.
… ἐπ᾽ εὐρέα νῶτα θαλάσσης
ἁρπάξας Κρήτηνδε κατήγαγεν εὐρυόπα Ζεύς
Εὐρώπην οὐ κόλπον ἀν᾽ εὐρώεντα θαλάσσης
ἀλλ᾽ ἕσσας ἐπὶ θῖνι θαλάσσης εὐρυπόροιο
θῆκεν τ᾽ εὔρωστον καὶ ἀγήραον ἤματα πάντα.
… Auf die weite Fläche des Meeres
raubte der weithin schallende Zeus Europa und brachte sie nach Kreta,
nicht auf irgendeine modrige Bucht des Meeres,
sondern am Strand des weit befahrenen Meeres setzte er sie ab
und machte sie rüstig und alterlos für alle Zeit.
Was sie nach der Lesung der letztjährigen Preisträgerin Marion Poschmann zu Gehör brachte – Impressionen aus einer „Dante-Gegend irgendwo vor Assisi“, wo Sankt Franziskus Heiligen-Viten fälschte, und eine spröde Personenstudie aus ihrer norddeutsche Heimat – ließ den typischen Bossong-Ton vernehmen: so intellektuell-leichtfüßig wie bodenständig, Gegenwart und Geschichte mit überraschenden Wendungen verquickend, flott im Tempo.
„Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben“, heftete sie einem verklärenden Verehrer ans Revers. Eine Richtungsweisung. Lieber ein Wuchergewächs im literarischen Tropenhaus. Vor allem Taschenspielerhaftem sei diese Lyrik ebenso gefeit wie vor dem schwärmerischen Ton, lobte der Journalist Tobias Lehmkuhl, der in seiner brillanten Preisrede gleichwohl immer wieder Rainer Maria Rilke zitierte, den schwärmerischsten Besucher von Worpswede. „Kleine Kraftwerke“ seien die Gedichte dieser „ehrlichen Berichterstatterin: komprimierte Energiequellen“. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung
Titelblatt der Süddeutschen Zeitung von heute:
Günter Grass warnt vor einem Krieg gegen Iran. In seinem Gedicht mit dem Titel ‚Was gesagt werden muss‘ fordert der Literaturnobelpreisträger deshalb, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen.
Im Feuilleton auf Seite 11 steht das komplette Gedicht, Probe aus dem Mittelteil:
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
(In der Zeitung El País kann man es komplett und frei auf Spanisch lesen, ich sag mal, angesichts der poetischen Qualität des Textes kann man verlustfrei auf diese zurückgreifen. Es soll heute auch in der „New York Times“ und in „La Repubblica“ stehen, wo es aber zumindest bislang nicht online zugänglich ist.)
Nachtrag: Hier veröffentlicht es die Süddeutsche ebenfalls komplett. Man muß nur nach jedem Punkt eine Leerzeile dazudenken. Obwohl es das „Gedicht“ auch nicht rettet.
In der Welt antwortet Henryk M. Broder:
Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt. Ganztätig mit dem Verfassen brüchiger Verse beschäftigt, hat er keine der vielen Reden des iranischen Staatspräsidenten mitbekommen, in denen er von der Notwendigkeit spricht, das „Krebsgeschwür“, das Palästina besetzt hält, aus der Region zu entfernen. Denn das ist nur „Maulheldentum“, das man nicht ernst nehmen muss, so wie die Existenz einer einzigen Bombe „unbewiesen“ ist, bis sie zum Einsatz kommt. …
Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem „Gedicht“ hat er es noch nie artikuliert. In einem Interview mit „Spiegel Online“ im Oktober 2001 sagte er, wie er sich die Lösung der Palästina-Frage vorstellt: „Israel muss nicht nur besetzte Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden. Sonst kehrt dort kein Frieden ein.“
Das war nicht mehr und nicht weniger als eine Aufforderung an Israel, nicht nur Nablus und Hebron, sondern auch Tel Aviv und Haifa aufzugeben. …
Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.
Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.
Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch.
Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.
Emanuel Nashon, Gesandter des Staates Israel, Botschaft des Staates Israel, 04.04.12
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)
Jeder, dem etwas an Literatur liegt, landet irgendwann bei Sappho. (Arnfrid Astel)
1916 veröffentlichte Ezra Pound ein Gedicht mit dem Titel „Papyrus“:
Spring ……
Too long ……
Gongula ……
Inspiriert wurde er durch die kurz zuvor erfolgte Veröffentlichung einiger Sapphofragmente. Die Fragmente, die auf antiken Pergamenten oder Papyri überliefert sind (seit 1905 waren kistenweise Papyrusfragmente aus den Resten der Stadt Oxyrhynchus aus dem ägyptischen Wüstensand oder gar aus dem Mund mumifizierter Krokodile geborgen und nach England gebracht worden, wo die Entzifferung andauert. Bis 1915 wurden neben Texten von Euklid oder Pindar nicht weniger als 56 Fragmente von Sapphotexten entdeckt. Die Fragmente faszinierten Pound und seine Freundin Hilda Doolittle, die auf der Suche nach einer modernen Poesie waren. Pound schrieb: „Willst du den Inbegriff der Sache, geh zu Sappho, Catull, Villon, zu Heine, wo er in Schwung ist, zu Gautier, wo er nicht allzu frostig ist, oder, falls du diese Sprachen nicht kannst, suche den geruhsamen Chaucer auf.“*
Sapphos Name wurde so berühmt, daß in vielen Teilen der Welt dichtende Frauen nach ihr benannt wurden, wie die deutsche Sappho (Anna Luisa Karschin), die pommersche Sappho (Sibylla Schwarz). Ihr Werk dagegen verschwand fast völlig. Die Antike kannte 9 Bände. Heute kennen wir neben weniger als einer Handvoll ganz oder in größeren Teilen überlieferter Gedichte über hundert Fragmente, manche in der Art von Pounds „Papyrus“. Fragmentträger sind Papyri, Pergamente, Tonscherben oder erhaltene Werke anderer Autoren, die sie zitieren. Auch Aristoteles ist ein solcher Zitatträger. Im 1. Buch seiner Rhetorik schreibt er:
(…) aller Schändlichkeiten – einerlei ob in Wort, Tat oder Absicht – schämt man sich, wie Sappho Alkaios, als dieser schrieb: „Etwas sagen will ich, doch mich hindert der Anstand“, erwiderte:
Wenn zu Edlem und Erhabenem Verlangen dich hielte
und nicht böse Worte die Zunge sagen wollt‘,
dann füllte nicht Scham deine Augen,
sondern du sprächest das Rechte nur. **
*) Ezra Pound: Dichtung und Prosa, Berlin: Ullstein 1959, S. 148 (übersetzt von Eva Hesse).
**) Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger, Stuttgart: Reclam 1999, S. 44.

Einige deutsche Übersetzungen:
Wilhelm Heinse
Alkaios. Ich möchte Dir etwas sagen, aber die Scham verwehrt es mir. Sappho. Wenn es Verlangen nach Gutem und Schönem wäre, so würde Scham Deine Augen nicht ergriffen, Deine Zunge nicht gezittert haben, Böses zu sagen, Du würdest von etwas Gerechtem reden.
Wilhelm Heinse: Sämmtliche Schriften, E. Graul, 1857. Bände 4-5

Hans Rupé:
Alkaios:
So gerne möcht‘ ich reden, allein mich hindert die Scham ….
Sappho:
Verlangte dich nach edlem und Schönem nur
und flockte deine Zunge beim bösen Wort,
so senkte nicht die Scham dein Auge,
sondern du redetest frei, wie’s recht ist.
Aus: Sappho. Übertragen von Hans Rupé mit dreizehn Zeichnungen von Renée Sintenis. Berlin: Holle & Co., o.J., unpag.
Raoul Schrott:
[Alkaios zu Sappho]
Ich möchte dir etwas sagen doch
eigentlich trau ich mich nicht –
[Sappho zu Alkaios]
Alles was gut und recht ist mein lieber
wenn du was andres als bumsen
im kopf hättest dann wäre es dir längst
schon über die lippen gekommen
Aus: Raoul Schrott: Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Frankfurt/Main: Eichborn 1997, S. 137.
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