Also geb ich nach und schreib am populärsten Thema weiter:
Die Wiener Presse meint:
Meinungsmacher mögen angewidert sein von der antiisraelischen „Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen“-Lyrik des deutschen Nobelpreisträgers. Die Masse ist auf der Seite von Günter Grass.
Günter Grass verblüfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast mehr noch nervt seine lächerliche Pose als Draufgänger, der es endlich wagt, das Schweigen zu brechen.
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Sappho 167 LP/139 D
ᾠω πόλυ λευκότερον
“whiter by far than an egg”
(Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 337)
viel weißer als ein ei
(von mir nach Carson übersetzt)
Andreas Bagordo übersetzt in der Tusculum-Ausgabe bei gleichem Wortlaut deutlich anders (eilos):
ich meine viel weißer
Dagegen Gottwein hat ebenfalls „Viel weißer als ein Ei“
106
W?ï'w po'lu leuko'teron.
[A thing] much whiter than an egg.
From Athenaeus.
Quelle:
The Poems of Sappho. Translated by Edwin Marion Cox [1925]
Transliterated by J.B. Hare [2000] hier
Hier noch eine Hörprobe der Ode an Aphrodite
· Sappho fr. 1, read in Greek by S.G. Daitz. From the Society for the Oral Reading of Greek and Latin Literature.
… wäre einzigartig in Deutschland, würde Aufgaben von gesamtstaatlichem, nationalem Interesse erfüllen, über die Grenzen unseres Landes hinaus sofort wahrgenommen und begrüßt werden und sich einreihen in den Verbund von Poesiezentren in aller Welt.
Es würde unmittelbar als deutliches Zeichen verstanden werden und eine ganze Kunstsparte, die Dichtkunst, aus ihrem Nischendasein befreien sowie deren Eigenständigkeit auch in unserem Land bewusst machen.
Ausnahmslos alle Dichterinnen und Dichter, Verlegerinnen und Verleger, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus ganz Deutschland begrüßen daher die Gründung des DZP und haben das schriftlich kundgetan.
Dichtkunst ist Sprache – aber nicht alle Sprache ist Dichtkunst. Und doch durchdringt die Poesie alle Bereiche unseres Lebens und alle Künste.
Allein im Bereich der Kulturellen Bildung würde unmittelbar viel und mit großer Nachhaltigkeit bewegt werden können.
Mittelfristig würde das DZP dafür sorgen, dass in Deutschland entstandene Dichtung international wieder wahrgenommen wird und am internationalen Austauschverfahren teilhaben kann.
Zentral für das DZP ist der Aufbau einer MEDIATHEK POESIE, die geeignet ist, dieser Kunst ein „Gedächtnis“, ein Speicherort zu sein, und die als mehrmediale Wissensgrundlage für gegenwärtige und zukünftige Produktionen fungieren kann.
Als lebendiger Ort und flankiert mit Online-Präsentationen und Online-Datenbanken ist das DZP für alle Dichter, für die Fachöffentlichkeit und vor allem für die gesamte interessierte Öffentlichkeit „-barrierefrei-“ zugänglich.
Schreibt Thomas Wohlfahrt, informiert Planet Lyrik. (Daß hauptstädtische Institutionen ihre Informationen nicht an Provinzmedien streuen, ist klar. Planet geht dann wieder. Planet, ganz unironisch, ist großartig, ganz meine Meinung.)
Zu den Kosten heißt es dort:
Gesamt: 3,1 Millionen
davon Berlin: 515.000,- (zugesagt)
eigene Einnahmen: ca. 100.000
beim Bund beantragt: 2,5 Millionen.
Nach der bestenlistenbildenden Kooperation des Münchner Zentrums mit einer hohen Akademie in kurzer Zeit der zweite Ansatz zu einer Zentralisierung der Lyrik. Hm.
Willi Resetarits (63) sprach mit den OÖNachrichten über Musik, das Unbewusste, Erfahrungen und H.C. Artmann:
Ich möchte aber selbst Texte schreiben, mache es mir aber schwer, indem bei meinen Programmen immer ein Teil Artmann-Texte dabei sein muss.
Warum?
Weil ich ein blinder Verehrer bin. Weil ich die Kirche des Heiligen Artmann gegründet habe, in der ich der erste Prediger bin. Man muss sich Verpflichtungen auferlegen. Ich will natürlich auch die Werke des Meisters verbreiten helfen.
Was hat Artmann, was macht ihn für Sie so besonders?
Die Sprache stimmt. Die Sprache hat Melodie, hat Rhythmus. Nicht nur die Lyrik. Das merkt man, wenn ein scheinbar normaler Satz über die Jahre immer besser wird und du weißt nicht, warum.
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Dass Dichtung unsterblich macht, weiß jeder, der sie nicht für überflüssig hält. Wen aber, den Dichter / die Dichterin oder die oder das oder den Bedichtete(n) ist indes fraglich. Unfraglich die unsterblichste aller Dichterinnen ist Sappho von Mytilene. Und nur ein bisschen weniger unsterblich die von ihr Bedichteten: Noch immer wissen wir dass Anaktorias Gang entzückend und ihr Gesicht strahlend, und dass Mnasidika schöner war als Gyrinno. Aber Sappho hat nicht nur die Schönheit junger Frauen besungen:
κατθάνοισα δὲ κείσηι οὐδέ ποτα μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ‘ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ γὰρ πεδέχηις βρόδων
τὼν ἐκ Πιερίας· ἀλλ‘ ἀφάνης κἀν Ἀίδα δόμωι
φοιτάσηις πεδ‘ ἀμαύρων νεκύων ἐκπεποταμένα. (fr. 55)
Tot und begraben wirst du sein, es wird sich deiner
keiner erinnern, niemand mehr von dir sprechen, denn die Rosen
der Musen sind dir nichts. Eine Unsichtbare, so wirst du im Hades
hausen und herumflattern wirst du zwischen blinden Toten.
Möglicherweise hatte Sappho den Namen der hier geschmähten Zeitgenossin im verlorenen Teil des Gedichtes genannt; dann wäre es die Ungunst der Überlieferung, nicht die Dichterin, die ihr die Unsterblichkeit verwehrt. Auch womit die arme Frau sich den Zorn Sapphos zugezogen haben mag, erfahren wir nicht. Und so wird sie dann doch unsterblich: als die Inkarnation des ohne Zugang zur Dichtung und daher steril und vergebens lebenden Menschen.
Es ist seltsam zu sehen, wie die Zertrümmerung ihrer Werke den merkwürdigen Sog der Verse Sapphos noch erhöht.
Der Dichter Henri Cole gewann den zum sechstenmal verliehenen Jackson Poetry Prize, dessen $50,000 Autoren mit Ausnahmetalent, die größere Anerkennung verdienen, ermutigen sollen. Cole veröffentlichte 8 Gedichtbände, darunter „Touch“ und „Middle Earth“. Cole wurde in Japan geboren und ist Lyrikherausgeber der Zeitschrift The New Republic. / Wallstreet Journal
Rauminszenierung (mit Jenny Holzer)
Henri Cole reads his poem „Twilight“
Wer meint, die Welt sei schreibend zu verändern, darf sich nicht wundern, wenn Schreiben dereinst nur noch auf dem flachen Land und dort wiederum allein in sogenannten „Schreibkugeln“ von nicht mehr als einem halben Meter Durchmesser erlaubt sein wird.
Bruno Steiger, Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 021*, Zürich und Solothurn, April 2012, S. 164. 198 Seiten, Euro 12,70 / sFr. 16.-
*) heute im Briefkasten. Hier kaufen oder abonnieren
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Von Àxel Sanjosé
Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.
Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:
Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…
Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …
Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.
Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,
són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!
Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.
—
Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,
sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!
So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.
Günter Herburger wurde berühmt als Kinderbuchautor, gehasst als DKP-Mitglied, er schrieb Lyrik, die seine Prosa spiegelt und Romane übers Laufen. Am 6. April wird er 80 …
Er schrieb Dogmatisches über Gedichte gegen die „blattvergoldeten Worte“ der Wortsoßendichter und Saisonelegiker und veröffentlichte Lyrik, die eine markante Eigenart bis heute behalten hat: In ihr werden Szenen aus seiner Prosa vorab durchgespielt, überprüft und ausgebaut. / Konstantin Ulmer, Freitag
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Klammern sind aufregend. Daß man Sappho nur in Übersetzung liest, ist noch lange kein Grund, sich um das Drama des Versuchs zu bringen, ein halbiertes oder durch Löcher verrätseltes oder kleiner als briefmarkengroßes Papyrus zu entziffern – Klammern bieten Freiraum für geistige Abenteuer.
Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. xi.
Lobel-Page 70
. . .
[ ]α̣μ.λ.[
[ ]ναμ[
[ ]ν̣ δ‘ εἶμ‘ ε[
[ ]ρ̣σομέν[
[ ]λικ‘ ὐπα[
[ ]…[.]βα[
[ ]σ̣ γ̣ὰρ ἐ̣παυ[
[] μάν κ‘ ἀπυ̣θ̣υσ̣[
[ ]αρμονίας δ̣[
10 []αθην χόρον, ἄα[
[ ]δ̣ε λίγηα.[
[ ]ατόν σφι̣[
[ ]παντεσσι[
[ ]επ[.].[
15 . . .
]
]
] I will go
]
]
]
] for
]
] of Harmonia
] dance
] clearsounding
]
] to all
]
176LP
βάρβιτος. βάρωμος. βάρμος.
lyre lyre lyre
Lyra Lyra Lyr
Lobel-Page 25
. . .
[ ]γμε.[
[ ]προλιπ[
[]νυᾶσεπ[
[ ]βρα·
[ἐ]γλάθαν‘ ἐσ̣[
[ ]ησμεθα̣[
[]ν̣υνθαλα[
. . .
]
] quit
]
] luxurious woman
]
]
]
von marius hulpe
Ich bin ein junger – jung, so wünsche ich, noch etwas länger – Mensch,
der manchmal schreibt, und das, was so geschieht, aufnimmt, nicht
beobachtet, nur aufnimmt, samt der Fußnoten der Toten,
und der auch die Lebendigen schätzt, gerade sie, und sich verbietet
in Wespennester zu schlagen, weil meine Haut dünn ist
und meine Organe zu schwach für das Gift ihrer Stiche.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort geboren bin.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich dort bleiben möchte.
Ich lebe, wo Frieden ist, weil ich trotz einiger Gründe,
einen Krieg anzuzetteln – im Kleinen, im Großen –
keinen für derart triftig halte, um es schließlich zu tun.
Ich habe gelernt, dass ich auch als politisches Subjekt nicht
eingreifen kann, und wenn, dann eben symbolisch, als Teil
eines politischen Apparates, zum Preis, in Konferenzen zu hocken,
auf Sitzungen, wo ich mit Ja und Nein stimme, ohne Differenzierung,
so wie sie auch jetzt mit Ja und Nein stimmen, überwiegend
aber mit Nein, und eine Abrissparty veranstalten, in den Gazetten,
und es mir peinlich wäre, mich an diesen Rattenschwanz zu hängen,
mit aller Macht, was ich hiermit, in diesem Gedicht, natürlich
vollziehe. Das Mediensüppchen steht auf dem Herd, und alle
sind fleißige Topfgucker. Ich könnte mich inhaltlich äußern,
ich könnte nun abwägen, wo alles ringsherum schreit, aber
wenn das Politik ist, dann ist sie nicht mein Leben,
und wenn niemandem eine bessere Methode eingefallen ist,
dann kenne ich zumindest andere Dinge, unser mickriges
Leben zu bereichern. Ich möchte nicht denjenigen spielen,
der es den anderen sagt. Wenn es nach mir ginge, den Krieg
würde es nicht geben, für mich muss ihn niemand betreiben,
sondern hätte eher Freude daran zu sehen, wie es alle zugleich
erkennen, ihre Ohnmacht als Einzelner, ihre Kraft als Kollektiv, ohne
sich so zu nennen, und ohne nach der Kanzel zu reden, denn
im bloßen Dasein des Friedens, in seiner Selbstverständlichkeit
liegt eine Macht, und das heißt, es gibt Orte auf der Welt,
dort beschießt und bespuckt man sich nicht, lässt Kinder
am leben, baut keine Bomben, gibt sich nicht taktisch, hegt
keinen Verdacht. Ich kenne solche Orte und jeder andere
auch. Solche Orte wähle ich als die meinen. Ich wohnte lange
in kleinen Städten, wo es viele Konflikte gibt, auf engstem
Raum, an der Grenze zum Hass, den ich nicht aushalten würde,
an dem ich verginge, wäre er mir nicht vor allem eines: egal.
Liebe Leser, Autoren, Freunde von luxbooks,
am Todestag Sylvia Plaths haben wir eine große Kampagne gestartet: Help Us Free Sylvia Plath
Da die deutschsprachigen Rechte des bis heute unübersetzten Debütbands „The Colossus“ durch ein Optionsrecht eines größeren Verlages blockiert werden, versuchen wir über Crowd-Funding Mittel einzusammeln, um ein konkurrenzfähiges Angebot an den Originalverlag machen zu können und so Sylvia Plaths Debütband zu befreien. Genaueres zum Editionsprojekt, zur Kampagne und Links zu den begleitenden Twitter-, Facebook- und YouTube-Accounts finden Sie/findet Ihr hier:
http://www.indiegogo.com/Help-Us-Free-Sylvia-Plath
Wir freuen uns über jede Hilfe, jede Weiterleitung, jeden Bericht & natürlich jede Spende!
Herzlich aus Wiesbaden
Annette Kühn & Christian Lux
luxbooks
Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.

Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix,
460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)
Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Der griechische Dichter Theognis von Megara machte sich schon im 6. Jh v.u.Z. Sorgen um sein Urheberrecht. Versiegeln wollte er seine Elegien und damit seinen Ruhm – und den seines Geliebten Kyrnos – bewahren und sein Werk vor Diebstahl, Mißbrauch und unautorisierter Erweiterung schützen. Um Geld ging es damals offensichtlich noch nicht, um Ruhm viel eher:
Κύρνε, σοφιζομένωι μὲν ἐμοὶ σφρηγὶς ἐπικείσθω
τοῖσδ‘ ἔπεσιν, λήσει δ‘ οὔποτε κλεπτόμενα,
οὐδέ τις ἀλλάξει κάκιον τοὐσθλοῦ παρεόντος·
ὧδε δὲ πᾶς τις ἐρεῖ· ‘Θεύγνιδός ἐστιν ἔπη
τοῦ Μεγαρέως· πάντας δὲ κατ‘ ἀνθρώπους ὀνομαστός.’
ἀστοῖσιν δ‘ οὔπω πᾶσιν ἁδεῖν δύναμαι·
οὐδὲν θαυμαστόν, Πολυπαΐδη· οὐδὲ γὰρ ὁ Ζεύς
οὔθ‘ ὕων πάντεσσ‘ ἁνδάνει οὔτ‘ ἀνέχων.
Kyrnos, schlau habe ich mir ein Siegel ausgedacht, das auf
diesen Worten liegen soll. So kann sie niemand unbemerkt stehlen,
niemand sie zum Schlechteren ändern, weil das Gute ja da ist,
und so wird ein jeder sagen: „Das sind die Worte des Theognis
aus Megara.“ Doch auch wenn ich bei allen Menschen bekannt bin,
kann ich es nicht allen meinen Mitbürgern recht machen.
Und das ist kein Wunder, Polypaide, denn nicht einmal Zeus
macht es allen recht, weder, wenn er es regnen lässt, noch wenn er den Regen zurückhält.
Wir wissen nicht, worin dieses Siegel bestanden haben soll. Naive Erklärung: die Nennung des Namens „Kyrnos“, der wirklich in etlichen der Elegien vorkommt, soll die Gedichte markieren; materielle Erklärung: die für die Zeitgenossen ungewohnte Verschriftlichung des Werkes und die Hinterlegung eines Referenzexemplares mit der Ausgabe letzter Hand sollten diese Siegelfunktion erfüllen; komplizierteste Erklärung: irgendwo im Text findet sich verschlüsselt des Autors Name, man muss ihn nur zu finden wissen.
Sicher ist jedoch eines: Theognis´ Siegel hat versagt. In der Sammlung, die unter seinem Namen überliefert ist, finden sich Gedichte aus mindestens 200 Jahren, kaum eine der Elegien ist vollständig, und eine Reihe der hier zusammengetragenen Dichter sind uns namentlich bekannt.
Und doch: liest man die Theognidea in einem Stück, so machen sie einen seltsam geschlossenen Eindruck, so als hätte der Autor Theognis dem lange nach seinem Tod gesampleten Stück am Ende noch sein Siegel aufgedrückt. Ob er damit zufrieden gewesen wäre, wissen wir natürlich nicht.
Raymond Jean, „Dichter, Romancier, Essayist, Kritiker und militant communiste“ (L’Humanité), starb im Alter von 87 Jahren.
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