95. Grenzgänger

„Das [Schreiben] ist für mich ein Spielplatz, wo ich ganz wilde Dinge machen kann, die ich sonst nicht machen kann. Ich [habe] das Gefühl, dass ich mich hinter der Kunst auch verstecken kann. Dass ich etwas sagen kann, was ich sagen möchte.“ Darum schreibt Søren R. Fauth Lyrik, wie er den Studierenden und Dozierenden im Gespräch mit Rolf Parr, Professor für Literaturwissenschaft und Leiter des Masterstudiengangs „Literatur und Medienpraxis (LuM)“, erklärte. Fauth ist – wie die meisten der fünf Lyriker und sechs Moderatoren – ein „Grenzgänger zwischen Universität und Kreativität“. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für deutsche Literatur an der Universität Aarhus (Dänemark) und seiner Arbeit als Übersetzer (etwa der Werke Thomas Bernhards und Arthur Schopenhauers) ist er Radrennfahrer und schreibt seit seiner Jugend Lyrik, Kurzprosa und fiktive Briefe, etwa „Radrennfahrerbriefe“ oder solche von Schopenhauer an Goethe, im Dänisch des 21. Jahrhunderts.

Im Dezember 2013 erschien in seiner Heimat Dänemark sein erstes Buch, das im dänischen Feuilleton vielfach rezipiert wurde. Das Langgedicht Universet er slidt ist als Leporello publiziert – also als Faltbuch, das aus einem langen, ziehharmonikaartig zusammengelegten Papierstreifen besteht. Aufgefaltet umfasst Universet er slidt eine Länge von insgesamt 13,5 Metern. Beim Poet in Residence-‚Spezial’: Zwischenspiel Lyrik stellte Fauth sein Leporello vor und sprach mit Parr über den Entstehungsprozess, über inhaltliche und formale Besonderheiten des Langgedichts und die Schwierigkeiten seiner Übersetzung vom Dänischen ins Deutsche. / Yvette Rode, literaturkritik.de (Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen)

94. Not an elegy

“Not An Elegy For Mike Brown”: Two Poems For Ferguson
Poet Danez Smith’s “Not An Elegy For Mike Brown” and “Alternate Names for Black Boys.” / Buzzfeed.com

93. Lea Schneider

Meinolf Reul zitiert Jury und Verlag und kommentiert:

Vielleicht ist es, nach erster oberflächlicher Lektüre, vorschnell geurteilt:
Mir scheint, dass Invasion Rückwärts – trotz der zahlreichen, gleichsam auf dem Silbertablett servierten Dinge des Lebens / Referenzen auf eine äußere Lebenswirklichkeit – eigentlich ein Beispiel absoluter Dichtung ist, einer Dichtung also, in der es nicht um Sachen geht, sondern um Wörter, in der nicht das Leben gespiegelt wird, sondern die Sprache, und es gibt nur diesen Wort- und Satzspiegel, kein wirkliches Außerhalb.

Dieser Kontrast von konkretem Phänotyp und abstraktem Genotyp
ist nicht nur ein Ausweis der Moderne (die die Dichotomie von Großer Abstraktion und Großer Konkretion schon immer umtreibt), er ist vor allem auch reizvoll.
Es hat seinen Witz, Gedichte zu lesen, die so zugänglich wirken und so undurchdringlich sind … wie ja überhaupt der Genuss des Gedichtelesens stets unterschätzt oder unterschlagen wird – ein Fehler! … Aber um Analyse geht es auch nicht, sondern um ein bewegliches Enträtseln und um ein Begreifen, für das es mehr braucht als die Krücken des Verstandes.
Lesen vor allem ist wichtig, Lesen und Wiederlesen.

Könnte es sein, dass Schneider sich einer Bilderfülle bedient, um die Leere zu zeichnen? Dann aber wäre es konsequent gewesen, die Gedichte ohne Illustrationen zu drucken, ganz puristisch: nur Text. Und das wäre mein einziger Einwand. / mr

92. Ingolddebatte

Die Ingolddebatte geht weiter. Paul-Henri Campbell schreibt bei Fixpoetry, kleiner (!) Auszug:

Warum sollte ein Urteil, das auf einer schnöden philologischen Dressur basiert, geeigneter sein, um die Güte eines literarischen Werkes zu bestimmen, als Urteile, die aus alternativen Rezeptionshaltungen gewonnen werden und daher diese Texte innerhalb eines anderen Wertekanons beurteilen?

Wie begründet Ingold seine Anmaßung, dass z.B. Stilkritik ein besseres Kriterium sei als eine wie auch immer verstandene Authentizität? Ich finde beide Kriterien beispielsweise lächerlich, unproduktiv und, um es kurz zu machen: als vorbei.

Ich schlage daher nur ein einziges Kriterium vor: Die Maßgabe jedem Erzeugnis, das sich als Literatur verstanden wissen will, etwas abzugewinnen, selbst dann wenn es nur eine einzige Seite, ein einziges Gedicht, eine einzelne Zeile wäre. Es ist – angesichts der Unmenge an peinlichen künstlerischen Versuchen – viel schwieriger etwas Wertvolles in bestimmten Werken zu finden. Aber jede Kritik, jedes literarische Verdikt verhandelt auch die Sache der Literatur mit. Ich glaube, dieses Kriterium leistet entscheidendes: Es verhindert, voreilig expressive Tätigkeit abzutun.

Und wissen wir nicht, dass es möglich ist, jedes literarische Werk je nach Zitatlage zu loben oder zu verdammen? Wie sollte ein Kanon an angeblich objektiven Kriterien vor der Maßlosigkeit eines unvermeidbar subjektiven Kritikers vorbeugen? Es geht hier um Verantwortung, nicht um Maßstäbe.

Das schlechte literarische Kunstwerk, das vielleicht keins ist. In diesem Zusammenhang ist es wichtig einzusehen, dass auch das, was für minderwertige Literatur, für Kitsch, für Schund, für reinen Realismus gehalten wird, eine wichtige und notwendige Erfahrung ist in der Entwicklung einer ästhetischen Gefühlsprägung.

Ich argumentiere per Analogie. Den vergangen Sommer verbrachte ich in einem staubigen Kunst-Depot am Mittelrhein, wo ich unzählige unbedeutende Barockskulpturen inventarisierte. Es war außerordentlich schlechter Barock, sogenannter Bauernbarock, der mit schlecht gewichteten Proportionen, unmöglichen Faltenwürfen und rissig-dürftig aufgetragener Fassung in jeder Dorfkirche die Schauer der Andacht verstärkt.

Danach fuhr ich nach Paris und sah Nicolas-Sébastien Adams Prometheus in Ketten. Die Fallhöhe zwischen dem Bauernbarock und dieser Arbeit war – als Differenzerfahrung – umwerfend. Sie wäre aber ohne die Dürftigkeit der unbekannten Bildhauer zu sehen, die sich ehedem irgendwo im Westerwald stümperhaft abmühten, sie genau zu sehen, weniger intensiv gewesen.

Mit anderen Worten: Es lohnt sich auch schlechte Gedichte zu lesen. Wir brauchen Referenzbeispiele, um urteilen zu können, um dem Urteil gewahr zu werden, das sich in unserem Inneren aufdrängt, sooft wir ein neues Gedicht lesen, nachdem wir bestenfalls zuvor 10.000 andere gelesen haben.

Es lohnt sich schlechte Gedichte zu lesen, um die Differenz zwischen trübem Unvermögen, verzweifeltem Bemühen, bloßem Talent und der Gnade zu begreifen. Anders geht es nicht.

»Kleine Rezensenten«. Der Großinquisitor favorisiert Expertendiskurse. Spätestens aber seit Michel Foucault wissen wir auch, wozu monopolisierende Expertisen führen können, wie sie Missbrauch legitimieren können, wie sie eine Korrektur der Irrtümer des Establishments vereiteln, wie sie in Tyrannei gipfeln können.

Wieder eine Analogie: Foucault untersucht in Geburt der Klinik, wie sich der medizinische Diskurs im 17. Jahrhundert konstituiert bzw. institutionalisiert, wie sich dort Institutionen der Legitimation und eine Verwaltung sowie Akkreditierung von Wissen als medizinisches Wissen herausbilden und durchsetzen.

Mit Foucault können wir heute begreifen, wie medizinischer Diskurs Herrschaft ausübt, über die gesundheitliche Verfassung des menschlichen Körpers. Gewiss: Experten schützen uns vor Scharlatanerie, sie professionalisieren und heben bis zu einem bestimmten Grad den Goldstandard des Wissens; gleichwohl können wir auch sehen, wie sich in der Gegenwart die Penetranz von medizinischem Wissen ins Gegenteil von Gesundheitspflege verkehrt. Ließe sich nicht, das, was wir am medizinischen Körper feststellen, auch auf den literarischen Corpus übertragen?

Beraubt nicht eine pseudoprofessionalisierte Literaturkritik, die Diskursivität der Literatur von ihrem lebenserhaltenden Esprit? Und: Woher nimmt Ingold den Glauben, dass kenntnisreiche Literaturkritik gleichzeitig auch bessere literarische Werke ermöglicht?

Nehmen wir ein Beispiel aus den Kreisen der angeblichen »Großkritiker«: etwa Heinrich Detering, ein Mann, der mit den »Kriterien« dessen, was Ingold »Qualitätssicherung« nennt, vertraut sein dürfte. Ist sein dichterisches Werk angesichts seiner verdienten kritischen Auseinandersetzung mit Literatur daher qualitätsvoller? Nein. Es ist ein selbstgefälliger Akt der Barbarei.

Wir müssen nicht Orientierung im Dschungel der unzähligen Publikationen liefern, indem wir angeblich Lesenswertes von Nichtlesenswertes scheiden; wir müssen nicht die verlängerte PR von Verlagen sein; vielmehr scheint es dringlich, die Kluft zu überbrücken, die zwischen avancierten zeitgenössischen literarischen Konzepten klafft und einer Öffentlichkeit, in der sich ein gewisser Traditionsabbruch bzw. ein romantisch-expressionistischer-bürgerlicher Rückstand hinsichtlich literarischer Erzeugnisse der Gegenwart unmissverständlich ist; es geht darum, um eine Öffentlichkeit zu kämpfen, in der jene ästhetische Erfahrung, die die Literatur ist, sonst erlischt.

91. Schmelztiegel der Kulturen

Ein wichtiger Essay von Paul-Henri Campbell auf Fixpoetry, hier ein paar Auszüge:

(…) Enttäuscht von halbherzigen offiziösen Unternehmungen durch verwaltete Kultur interkulturellen Austausch herzustellen, begründet der syrische Lyriker [Fouad El-Auwad] 2005 in München den ›Deutsch-Arabischen Lyrik-Salon‹.

An den ersten Veranstaltungen im Literaturhaus München nahmen namhafte Schriftsteller und Intellektuelle teil – wie Adonis, Fuad Rifka, Raoul Schrott sowie die Joachim-Ringelnatz-Preisträgerin Ulrike Draesner und der Lyriker Ludwig Steinherr.

Das Konzept ist denkbar einfach: Das Medium der Begegnung ist die Sprache. Als syrischer Christ weiß Fouad El-Auwad, wie stark die europäische Perspektive auf seine Muttersprache geprägt wird von der Annahme, alles Arabische sei synonym mit dem Islam.

Er übersetzt die deutschen LyrikerInnen ins Arabische und die arabischen LyrikerInnen ins Deutsche. Auf diese Weise entstanden bisher fünf umfangreiche Anthologien, die als Dokumente dieser Begegnungen bestehen bleiben – jüngst die Sammlung »die Kerze brennt noch« (2014).

So ist Fouad El-Auwad bemüht den ›deutsch-arabischen Lyrik-Salon‹ im Geiste eines offenen Forums zu gestalten, worin zum Beispiel arabisch schreibende Juden neben deutschschreibenden Muslimen oder auf dieser oder jener Sprache schreibende Christen treffen, um sich über die künstlerischen, politischen und kulturellen Möglichkeiten und Bedingungen ihrer Poesien auszutauschen.

Beschaut man die Gästeliste, die sich über die Jahre hin stetig verlängerte, findet man zahlreiche Namen von bedeutenden Lyrikern sowohl aus dem arabischsprachigen Raum als auch aus dem deutschsprachigen Raum.

Neben Adonis besuchten beispielsweise die Dichterin und Filmemacherin Nujoom Ghanem aus Dubai den Salon oder die Marokkanerin Aisha Bassry, über die die Zeitschrift ›World Literatur Today‹ einmal gesagt hat, sie sei die hoffnungsvollste Stimme aus Nordafrika. Oder der Dichter und international bekannte Professor für arabische Literatur der Universität Rabat Mohamed Bennis. Die Liste der arabischen Autoren ist lang und umfasst auch Größen wie Fatima Mohamad, Maram Massri und viele andere mehr.

Aus Deutschland nahmen etwa Teil Reiner Kunze, der zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk erhalten hatte, darunter nicht nur der Friedrich-Hölderlin-Preis, sondern auch das Bundesverdienstkreuz; oder der Münchner Autor von 16 Gedichtbänden und Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste Ludwig Steinherr; sowie Ulrike Draesner, deren neuer Roman ›Sieben Sprünge vom Rand der Welt‹ kürzlich für den Frankfurter Buchpreis nominiert worden war und gleichfalls mit Fragen von Identität und Herkünftigkeit ringt.

Der Lyrik-Salon hatte aber auch immer ein Ohr für die Zwischentöne, für alle Autoren, die zwischen den Kulturen schreiben, wie etwa den Lyriker Richard Dove, der Enzensberger, Michael Krüger und viele andere deutsche Autoren ins Englische übersetzt hatte. Oder die in Aachen lebende tschechische Autorin Klára Hůrková, die in Frankfurt lebende Türkin Safiye Can, die Rumänin Francisca Ricinski und viele andere international wirkende Autoren. (…)

Der deutsch-arabische Lyrik-Salon ist daher ein Phänomen, das für die Literaturgeschichte der Gegenwart in Europa kennzeichnend ist. Er ist eben das, was die Signatur unserer Zeit wird. Es ist notwendig zu begreifen, dass Deutschland (und viele Teile Europas) gegenwärtig eine Phase in seiner Entwicklung vollzieht, die die Vereinigten Staaten von Amerika, England oder andere Kolonialmächte sehr viel früher erlebten.

Deutschland ist ein Schmelztiegel der Kulturen (geworden). Verspätet. Lange ohne die tatsächliche tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft anzuerkennen, ohne diese unumkehrbare und bereichernde Veränderung zu sublimieren und sie stattdessen als bloße »Einwanderung« abzutun und zu »diskutieren«, sie als etwas, das der Justierung an eine vermeintliche Leitkultur »noch« ermangelt, kleinzureden. (…) / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry

90. Klaus Menapace (1954–1990)

Klaus Menapace (1954–1990) war ein Südtiroler Dichter. Seit Mitte 70er Jahre schrieb er in einer unter dem Einfluss von Autoren wie Erich Fried, Christoph Meckel, Ernesto Cardenal und N. C. Kaser entwickelten, aber bald sich verselbständigenden Sprache Texte von bemerkenswerter Tiefe und Ausdruckskraft. Wo man ihn kannte, vergaß man ihn zu Unrecht. 

Essay von Zeno Bampi jr. bei Signaturen

Eins seiner Gedichte (mehr im Essay enthalten):

 
 Verführung
        spätabends kommt sie:
 Traurigkeit / alte Freundin
 setzt zu mir sich schaut
 über die Schulter mir
 während ich schreibe
 raucht trinkt aus
 meinem Glas / wird
 ungeduldig drängend umarmt mich
 zieht aus mich & legt ins Bett
 sich zu mir & in mich
 dringt ein sie & ich
 falle versinke

89. Schrott und Hesiod

(…) Daher gilt es als erwiesen, dass Homer der ältere, ja der ursprüngliche Dichter ist, der dann mit elegantem Zirkelschluss wieder zum besseren verklärt werden kann. Diese Einschätzung hat sich hartnäckig erhalten, auch wenn natürlich immer wieder Stimmen laut geworden sind (etwa die von Martin L. West), die mit guten Gründen für die Priorität Hesiods eintreten.

In den Chor dieser Stimmen reiht sich nun auch Raoul Schrott ein mit seinem Essay „Der Ursprung der Musen bei Hesiod und Homer. Ein Beispiel des Kulturtransfers von Ost nach West“, der den größeren Teil des zu besprechenden Buches ausmacht und damit weit über die im Titel angekündigten Erläuterungen hinausgeht. Denn Schrott unternimmt es zugleich, ein neues Bild von der Rolle, die Hesiod als ältester europäischen Dichters bei der Entstehung der Poesie spielt, zu zeichnen. Dieses Bild ist ein spannendes, bisweilen kühnes und es gefällt mir sehr: Nicht als originalgeniehaften Erfinder der Poesie stellt Schrott Hesiod an den Anfang der europäischen Literatur, sondern als ersten uns fassbaren Agenten in einem orientalisch-griechischen Kulturaustausch; nicht der griechische Helikon, so seine These, ist der eigentliche Ursprungsort der Musen, es ist der Norden Syriens, von wo aus der Kult der Götterdyade Hepat -Musuni nach Griechenland übernommen wurde. Die Musen, wie wir sie kennen, erblickten das Licht der Welt in dem sich daran anschließenden Assimilationsprozess. Dichtung wird so zum Nebenprodukt einer kulturellen Verschmelzung orientalischer und griechischer Vorstellungen. Dieses Bild könnte, wenn es sich beweisen ließe, viele der Probleme, die der Text der hesiodeischen Theogonie bietet, lösen. Ja, die wissenschaftliche Diskussion, die er unter  Gräzisten, Orientalisten, Archäologen, Historikern und Sprachwissenschaftlern auslösen könnte und sollte, verspricht reichen Erkenntnisgewinn.

Doch genau hier liegt das Problem. Denn an dieser Diskussion scheint Schrott überhaupt nicht gelegen zu sein. Statt eine Diskussion anzuregen, versucht er, alle Fragen allein und abschließend zu klären – oder sich wenigstens den Anschein zu geben, alle Fragen abschließend geklärt zu haben; dafür allerdings muss er in die Maske des Scharlatans schlüpfen und das, was ein hervorragender und anregender Essay hätte sein können, mit allerlei fadenscheinigen Halbgelehrsamkeiten bemänteln. Die sind dann bisweilen schlicht falsch, manchmal überflüssig und nicht selten ärgerlich. (…) / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Hesiod: Theogonie. Übersetzt und erläutert von Raoul Schrott, München (Hanser) 2014. 224 Seiten. 19,90 Euro.

88. Lyrik fürs Auge

Überhaupt schreibt Sabine Scho Lyrik fürs Auge. Neben den Fotos, die auch in ihrem neuesten Band Tiere in Architektur von 2013 eine wichtige Rolle spielen, produzieren ihre Gedichte Bilder im Kopf, indem sie sehr erzählend, mehr noch beschreibend verfahren.

Das erste Tier, das kam, wann ich wollte, war ein
Kamel, die Oberlippe gespalten.
Trauerbuche Europa titelte der Baum vor seinem Quartier. Es rutschte auf den Vorderläufen langsam

die Kuppe herab, wenn es mit seinen geteilten Lippen
aus meiner Hand tastend die Eicheln fraß. Seltsame

Früchte, die auf seinem Planeten nicht wuchsen.

(„DAS ERSTE TIER“, in: Tiere in Architektur)

Doch es bleibt nicht bei der Beschreibung von Autos, Tieren und Begebenheiten. In fast allen Gedichten, die Sabine Scho vorstellt, sind die ersten Zeilen nur ein Aufgalopp für einen philosophisch essayistischen Ritt entlang an abstrakten Begriffen, die lyrisch erfahrbar werden. In Tiere in Architektur ist den Gedichten noch ein „richtiger“ Essay vorangestellt, der die Fragen aufwirft, die man Architektur für und um Tiere stellen kann. Diese Fragen werden auf den folgenden knapp fünfzig Seiten in den Gedichten fortgeführt und durch die Fotos, die die Autorin selbst gemacht hat, veranschaulicht ohne beantwortet zu werden. Ohne jeden missionarischen Gestus wird hier erläutert, welche Zookonzepte es gibt, was das überhaupt für eine merkwürdige Idee ist Ausstellungsgebäude für Tiere zu errichten, welche theoretischen Überlegungen den architektonischen Erwägungen vorausgehen – und welche Emotionen die Betrachtungen von ‚Tieren in Architektur’ auslösen. / Lisa Eggert, literaturkritik.de

87. Jean Krier

Jean Krier äußerte gegenüber Freunden, er sei dem Tod mehrfach »von der Schippe gesprungen«. Dies erfüllte ihn wohl mit einer Art trotzigem Stolz, der sowohl seine Ironie als auch seine Achtung vor dieser Gemarkung des Lebens trug.

Der Chamisso-Preisträger hatte zuvor schwere medizinische Eingriffe am Herzen und der Leber überlebt. Sein Gedichtband »Eingriff, sternklar« präsentiert nun Gedichte aus letzter Hand. Er wird herausgegeben von dem Literaturkritiker Michael Braun.

»Eingriff, sternklar« zeigt auf dem Cover eine verfremdete Ultraschallaufnahme des Herzens des Dichters, wie schon sein vorletzter Band ›Herzens Lust Spiele‹ (Poetenladen Leipzig 2010) getan hatte. / Paul-Henri Campbell bespricht den Band bei Fixpoetry

Jean Krier · Michael Braun (Hg.)
Eingriff, sternklar
Gedichte aus dem Nachlass
poetenladen
2014 · 88 Seiten · 17,90 Euro
ISBN: 978-3-940691-61-3

86. Gestorben 2

Der französische Dichter Bernard Heidsieck starb am 22. November. Gilles Ivain, in dessen Blog ich die Nachricht fand, schreibt:

Bernard Heidsieck war zweifellos einer der großen Dichter des 20. Jahrhunderts. In den 50er Jahren, als es um die Dichtung traurig stand, entschloß er sich zusammen mit anderen, an einer aufrechten* Poesie zu experimentieren, einer Poesie, die aus der Seite heraustritt, einer auf die eine oder andere Weise performierenden Poesie (obwohl er dieses Wort immer ablehnte).

Mit Henri Chopin, François Dufrêne, Brion Gysin oder Gil J Wolman war er ein Pionier der Lautpoesie, der poèsie sonore. Natürlich waren historisch gesehen DADA, Ball und Schwitters oder auch Antonin Artaud auf diesem Weg der Grenzüberschreitung vorangegangen. Lautpoesie ist Poesie in Aktion, unter anderem Nebenprodukt bestimmter musikalischer Experimente beim Auftauchen der Magnettonbänder.

Bei Wikipedia englisch, französisch, polnisch, portugiesisch

Heidsieck im Lyrikposter hier und hier

Bernard Heidsieck „Sans titre“, sérigraphie triple page

*) alternativ vielleicht: wahrhaftigen; konkreten; einer Poesie im Stehen

85. Grabsprüche

Natürlich kann man mit Bibelversen immer noch Originelles sagen. Der Sozialphilosoph Max Horkheimer ließ am jüdischen Friedhof in Bern den schlichten Vers 1 von Psalm 91, der sich dort auf der Grabplatte seines Vaters Moritz befindet, genau symmetrisch durch Vers 9 auf seinem Grab ergänzen. So kehrte der große Marxist im symbolischen Jenseits in die Familientradition zurück.

Meist aber sprechen religiöse Worte auf Friedhöfen ins Leere. Der Feuilletonist Louis-Sébastian Mercier zog die Konsequenz vieler Humanisten und dichtete seinen Grabspruch selber: „Menschen aller Länder, beneidet mein Geschick: / Zur Welt gekommen als Untertan / Liegt mein Grab in einer Republik.“ Die Worte „Nun, o Unsterblichkeit“ stehen auf Heinrich von Kleists Grabstein. Sie stammen aus den Abschiedsversen seines Prinzen Friedrich von Homburg in dem gleichnamigen Schauspiel, und zwar unmittelbar vor der Hinrichtung.

Gelegentlich blitzte auch im 19. Jahrhundert der Humor noch einmal auf. „Wandrer, zieh doch weiter, / denn Verwesung stimmt nicht heiter“, dichtete der 1854 an der Cholera verfallene Niederösterreicher Ferdinand Sauter in eigener Sache. / Wolfgang Koch, Der Standard

84. Gestorben 1

Der brasilianische Dichter Manoel de Barros ist im Alter von 97 Jahren gestorben. …

Barros war einer der meistgelesenen zeitgenössischen Dichter Brasiliens. … Einer seiner bekanntesten Arbeiten ist das Buch „Livro sobre Nada“ (in etwa: Buch über Nichts, 1996). / Der Standard 13.11.

Gedichtauszug, gefunden in einem Essay von Steven Uhly (Die Brasilianische Dichtung zur Zeit der Diktatur), in Signaturen:

Alle Dinge, um deren Wert
durch das Weitspucken gestritten werden kann
taugen für die Dichtung (…)
Die Dinge, die zu nichts führen
haben große Bedeutung
(…)
Jedes Ding, das nichts taugt
hat seinen Platz
in der Dichtung oder im Allgemeinen
(…)
Alles, was uns zu nichts führt
und was Sie nicht auf dem Markt verkaufen können, wie, zum Beispiel, das grüne Herz
der Vögel,
taugt für die Dichtung
(…)
Alles, was unsere
Zivilisation ablehnt, auf das sie tritt und pinkelt,
taugt für die Dichtung
(…)
unwichtige Personen
sind gut für die Dichtung
jede Person oder Treppe
(…)
die weggeworfenen Dinge
haben große Bedeutung
– wie ein weggeworfener Mensch
(…)
Die unwichtigen Dinge sind Güter der Dichtung

Denn so kommt ein speckiger Chevrolet ins Gedicht, und die Junischwalben.

83. Sapphisch

Auch der Wattenscheider Dichter Dr. Artur Nickel hat viel für Sappho übrig und hat aufgezeigt, als der Greifswalder Freiraum-Verlag poetische „Antworten auf Sappho von Mytilene“ suchte. „Man bewegt das Thema eine Weile und guckt: Passt das zu dem, was man schreibt, gibt es da Ansatzpunkte?“, erklärt Nickel sein Vorgehen. Bei Sappho scheint er einen Ansatz gefunden zu haben. Das Ergebnis ist jetzt im Sammelband „Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene“ zu lesen.

/ Sapphische Verse zum Jubiläum | WAZ.de

Der Sammelband „Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene“, herausgegeben von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen, ist ab dem 1. Dezember im Buchhandel erhältlich. 110 Seiten. 14,95 Euro. ISBN: 978-3-943672-50-3

82. Literaturprojekte

Literaturprojekte für das Jahr 2015

Pressemitteilung des Berliner Senats vom 24.11.2014

Auf Empfehlung einer Fachjury (Annette Kusche, Christiane Kussin und Katarzyna Zorn) hat die Kulturverwaltung des Berliner Senats für acht Literaturvorhaben Fördermittel in Höhe von insgesamt 59.300 € zur Verfügung gestellt.

Folgende acht Vorhaben werden gefördert:

• ausland projekt archiv e.V.: Schwärzer als Schwarz – Black Metal revisted & decomposed
• Brückeverbindet e.V.: Shut up & Sign/Speak
• Meike Büttner: Social fiction
• Thomas Köck: RealFiktionen
• Kabeljau & Dorsch – Lesereihe für junge Literatur
• KOOK e.V.: CLOUDPOESIE – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft
• Katharina Schlender: PLUNDERN
• Kurt-Tucholsky-Gesellschaft e.V: Verirrte Bürger? Tucholsky und der Weltbühnenkreis

Die Literaturprojekte werden seit 2008 einmal im Jahr durch eine jährlich wechselnde Jury vergeben.

81. Starke Frauen

Um Friederike Amalie von Gehren (1769 – 1819) geht es in Teil 24 der Serie „Starke Frauen in Mittelhessen“. / mittelhessen.de