Ein Gulaghäftling besingt die sibirische Landschaft

519 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Heute ein Auszug aus einem Aufsatz des Schweizer Slawisten Georges Nivat mit einem Hinweis auf einen großen ukrainischen Dichter, der bei uns noch immer so gut wie unbekannt ist, mit 14 Zeilen des Dichters am Schluss.

Das finale Ereignis meines Lebens als Slawist war die Entdeckung des Dichters Wassyl Stus, der als „Zweiter Nationaldichter der Ukraine“ bezeichnet wird. Taras Schewtschenko ist zwar unbestritten der erste, er hat ja die ukrainische Poesie fast erfunden (seine Prosa verfaßte er stets auf russisch).

Doch war mir Wassyl Stus eine bessere Hilfe, um zu verstehen, was die Ukraine, ihre Poesie, ihre Sprache, ihr Schicksal ausmacht. Seine posthume Stimme, getrieben von einer „göttlichen Kraft“, schließlich durchgedrungen bis zu mir, der ich vier Jahre vor ihm geboren wurde und ihn nun schon um vierzig Jahre überlebt habe (worüber ich nur staunen kann). Er hat mich in seinen Bann geschlagen, weil er mir im voraus Antwort gab, aus seinem Kerker, einer feuchten und dunklen Einzelzelle heraus, während der Hungerstreiks, die schließlich zu seinem so frühen Tod führten, einem Heldentod. Er besaß die absolute Überzeugung, in seinem finsteren Verlies die Ukraine nicht nur darzustellen, sondern zu sein. (…)

Ich würde sagen, daß Wassyl Stus der Rang eines großen europäischen Dichters wie Paul Celan oder Ossip Mandelstam gebührt, indem er den Schmerz der großen Verbannten mit der Hellsichtigkeit der großen Begründer Europas, des blinden Homer oder Dante im Exil, verbunden hat. In einem seiner Gedichte feiert er die „dunkle Violine“, die in ihm die Verse wie das Blut in Wallung bringt, die „verfluchte Gabe“ des Sklaven eines Schicksals, das größer ist als er selbst. Als ihm in seinem Kerker Stift und Papier noch nicht als Strafe verboten waren (wie es Schewtschenko widerfuhr), hatte Stus ein gewaltiges Gedächtnis zum Begleiter, das Gedächtnis der gesamten europäischen Dichtung, insbesondere Goethe und Rilke, die er bisweilen im Kopf übersetzte, oder Boris Pasternak.

Diese Zuneigung zu Pasternak, der russisch schrieb, beweist, zu welcher Höhe Stus sich aufschwang, da das Russische für ihn die Sprache des Unterdrückers war, aber eben auch die Sprache der Poesie, der Schlichtheit, der Unmittelbarkeit und der Hellsichtigkeit Pasternaks. Noch außenordentlicher ist, daß er in der kargen, windigen, verschneiten, eisigen Landschaft der Kolyma (wo so viele zeks [„Eingeschlossene“] litten, darunter Warlam Schalamow und Jewgenia Ginsburg) zum Sänger dieser Landschaft wird, mit ihren riesigen Lärchen, die dem rauhen Klima standhalten, ihren Thymiandüften und der stechenden Sonne im überaus kurzen Sommer, vor allem aber mit „Gottes Sphinxen“, welche die Rätsel des Seins hüten.

Junischnee
liegt auf den trostlosen Kuppen.
Anmutige Lärchen.
Du bist eingeschlossen.
Eingesperrt.
Und deine Seele
erwartet nichts mehr.
Wie fliegende Saurier
gleiten die Höhen vorbei,
wie Gottes Sphinxe, Rätsel des Seins. //
Du bist großzügig, Herr,
so viel Entsetzen häufst du
auf mein kleines Leben (...).

Aus Georges Nivat, Licht des Widerstands. Mea Culpa eines Russophilen nach Butscha und Irpen. In: Lettre International 150, Herbst 2025, S. 47

Das Gedicht aus: Wassyl Stus, Du hast dein Leben nur geträumt. Eine Auswahl aus der Gedichtsammlung Palimpseste, aus dem Ukrainischen übersetzt von Anna-Halja Horbatsch, Hamburg: Gerold & Appel, 1988, S. 63

Das Grab des Dichters in der russischen Region Perm
Das Grab des Dichters, fern der Heimat, markiert eine Holzsäule mit der Nummer 9

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