Vertan, verlebt, verbrannt, dahin

418 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Der Dichter Karl Schloß ist so unbekannt, dass er noch nicht mal in der Lyrikzeitung vorgekommen ist. Jedenfalls nicht mit einem Gedicht, sondern nur mit einer Erwähnung in der Rezension einer (dem Rezensenten zu) dicken Anthologie von weit über 1000 Seiten, herausgegeben von dem Dichter und so unermüdlichen wie kundigen Sammler Wulf Kirsten. Nur kurze Zeit um 1905 war der von Jugendstil und Neuromantik geprägte Dichter ein in der Szene bekannter Name. Danach wird sein Name, wenn überhaupt, fast immer mit dem Zusatz „der unbekannte“ genannt. So auch bei einem, der ihn ausdrücklich schätzte, dem Dichter Georg von der Vring (1889–1968), der ihn in eine bemerkenswerte Reihe stellt:

»Wenn man das Chaos der deutschen Lyrik zu durchblicken sucht, so sehe ich zwei Linien. Die eine kommt von Hölderlin über Platen, George, Rilke, Däubler zur Gegenwart – der junge Hamburger Joachim Maass steht an ihrem Ende. Die zweite verläuft von Goethe über Brentano, Lenau, Claudius, Eichendorff, Mörike, über den nahezu unbekannten Karl Schloss, zu den jungen Dichtern Ludwig Strauß und Martin von Katte, um nur einige zu nennen. Die erste Linie zeigt die Entwicklung des reinen Kunstgedichtes auf, sie ist gekennzeichnet durch Ausgewogenheit, durch kunstvolle Gestaltung, durch Anlehnung an die klassische Tradition. Die zweite hat immer enge Fühlung mit dem Volksliede, ist oft eigenwillig in der Form; ihre letzte Blüte und ihr letztes Ziel ist immer das Lied.«

Aus einem Nachlasstext Georgs von der Vring über Theodor Kramer, zitiert im Vorwort von Wulf Kirsten zu der Ausgabe, aus der das heutige Gedicht stammt (s.u.)

Lyrikzeitung präsentiert heute ein unfertiges Gedicht, ein Gedichtkonzept etwa aus dem Jahr 1943, also kurz bevor der nach Den Haag emigrierte Jude Karl Schloß verhaftet wurde (er starb am 3. Januar 1944 in Auschwitz).

[Das Jahr ist um]

Das Jahr ist um
Und seh dass ich
Ärmer an allem, was ich einst geliebt
Und reicher nur an dem was mich betrübt
Seit manchem Jahr geht mir alles schief
Und die Bilanz ist jedes Jahr passiv
Ererbtes Gut, ich hab es nicht vermehrt
Was andre schufen, habe ich verzehrt
Mit jedem Jahre schmäler wird die Decke
Darunter ich die alten Glieder strecke
Bald ist das ganze Kapital an Zeit
Das so unendlich schien
Vertan, verlebt, verbrannt, dahin –
Verarmt an allem, was mir einst verliehn
Ganz überschuldet geh ich in die Ewigkeit

[Konzeptabschrift, vermutlich 1943]

Aus Karl Schloß: Die Blumen werden in Rauch aufgehn. Ausgewählte Gedichte und Briefe. Ein Gedenkbuch. Herausgegeben von Wulf Kirsten und Annelore Schlösser im Auftrag der Stadt Alzey. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel, 2003, S. 52.

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