Alles war Lüge

Werner Bergengruen 

(* 4. Septemberjul. / 16. September 1892greg. in Riga, Gouvernement Livland, Russisches Reich; † 4. September 1964 in Baden-Baden)

Die Lüge

Wo ist das Volk, das dies schadlos an seiner Seele ertrüge?
Jahre und Jahre war unsere tägliche Nahrung die Lüge.
Festlich hoben sie an, bekränzten Maschinen und Pflüge,
sprachen von Freiheit und Brot, und alles, alles war Lüge.
Borgten von heldischer Vorzeit aufrauschende Adlerflüge,
rühmten in Vätern sich selbst, und alles, alles war Lüge.
Durch die Straßen marschierten die endlosen Fahnenzüge,
Glocken dröhnten dazu, und alles, alles war Lüge.
Nicht nach totem Gesetz bemaßen sie Lobspruch und Rüge,
Leben riefen sie an, und alles, alles war Lüge.
Dürres sollte erblühn! Sie wußten sich keine Genüge
in der Verheißung des Heils, und alles, alles war Lüge.
Noch das Blut an den Händen, umflorten sie Aschenkrüge,
sangen der Toten Ruhm, und alles, alles war Lüge.
Lüge atmeten wir. Bis ins innerste Herzgefüge
sickerte, Tropfen für Tropfen, der giftige Nebel der Lüge.
Und wir schrieen zur Hölle, gewürgt, erstickt von der Lüge,
daß im Strahl der Vernichtung die Wahrheit herniederschlüge.

[1944]

Dieses Gedicht las ich zuerst vor Jahrzehnten in der Anthologie „Politische Gedichte der Deutschen aus acht Jahrhunderten“, herausgegeben von Hans Heinrich Reuter 1960 in Leipzig, DDR, und fand es später in diversen Gedichtanthologien wieder. Gedruckt wurde es zuerst 1945 in Zürich und München in dem Band »Dies Irae«.

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