Einige Gedanken zur Form anlässlich der Fünfzeiler von Fabian Schwitter (1)

Von Bertram Reinecke, Leipzig

Teil 2
Teil 3
Teil 4

(Mit diesem Beitrag startet die lang erwartete Ausgabe 4 des L&Poe-Journals. Erwarten Sie mehr in den nächsten Tagen. Das Gedicht des heutigen Tages finden Sie unter diesem Beitrag).

Schwitters Fünzeilerprojekt / nicht ganz hundert fünfzeiler

Fabian Schwitter hat einer von ihm entwickelten 5-zeiligen Gedichtform inzwischen drei Bände gewidmet. Während es sich bei den Bänden eins „nicht ganz hundert fünfzeiler“ und zwei „tausendundein fünfzeiler“ um reine Lyrikbände handelt, ist das Hauptstück des 3. Bandes „die verkettung der fünfzeiler“ ein Essay, der nur noch von einzelnen Fünfzeilern umspielt und durchschossen wird.[1]

Die beiden ersten Bände lassen die Rückseiten der Textseiten leer, sodass Bücher mit viel Weiß entstehen. Der erste Band hat eine Blattzählung, die beim 1. Gedicht beginnt (und somit die ersten Seiten auslässt) und bis 90 reicht.[2] Der zweite Band hat die gleiche Art Blattzählung bis 111.[3] Der dritte Band zählt zwar auch ohne Titelei, ab Beginn  des Haupttextes. Allerdings werden diesmal die Seiten gezählt und nicht die Blätter[4] . 

Dazu trägt dieser 3. Band noch eine Banderole mit Text, die zahlreiche weitere Fünfzeiler enthält. Es gibt von ihm also inzwischen weit über tausend dieser Fünfzeiler, deren erste Zeile fünf Silben hat, worauf eine dreisilbige Zeile folgt, dann ein einsilbiges Wort, worauf es mit einer drei- und dann einer fünfsilbigen Zeile weitergeht. 

Warum sollte man sich in einer so besonderen Form äußern wollen, warum an ihr wie Fabian Schwitter festhalten? Das ist eine Frage, die wenn auch nicht bei mir, so doch häufig auftaucht. Ich bin mit der Antwort: „Warum nicht?“ vollkommen zufrieden. Denn diese Frage lässt sich angesichts jeder poetischen Form stellen. Warum denn ein Sonett? Warum denn ein Haiku? Je weiter auwiebenßer Kurs eine Form ist, sie mag neu oder im Gegenteil aus der Mode geraten sein, desto eher neigen Lesende zu solch einer Nachfrage und die drängende Nachfrage wird zu einer Quelle des Misstrauens gegen das einzelne Gedicht, welches diese Form verkörpert: Schnell, so beobachte ich, wird ein bloß mögliches Problem in dieser Sache mit einem wirklichen verwechselt.[5] Die drängende Frage bringt also strenge Formen auch da unter Verdacht, wo zunächst nichts weiter gegen sie vorliegt.[6]  Wir wollen uns deshalb nicht weiter mit ihr beschäftigen.

Aber wie besonders ist die Form überhaupt? Wer durchzählt wird feststellen, dass man seine Fünfzeiler auch als eine Sonderform des Haiku betrachten kann: Zwischen zwei fünfsilbige Zeilen kommt eine siebensilbige, die allerdings die Sonderbedingung erfüllen muss, dass sie ein einsilbiges Mittelwort enthält und somit dreigeteilt werden kann. Muss die Silbenzählung also hier strenger gehandhabt werden als im deutschen Haiku, so überschreitet Schwitter die inhaltlichen Kriterien, die man traditionell mit dem Haiku verbindet. (Außermenschlicher Naturprozess, der als gegenwärtig geschildert wird. Etc.). Naturprozesse werden in diesem ersten Band  nur gelegentlich behandelt, vor allem geht es um Ichzustände, erst der 16. Text hat ein anderes Personalpronomen als das Ich und seine Derivate.[7] Insgesamt gibt es eine Hand voll unter den 99 Texten dieses Bandes (plus ein Mottotext von Oswald Egger) die ein Du enthalten, aber selbst bei denen ist nicht immer klar, ob es sich dabei nicht um das Du der Selbstanrede handelt. Der Text:

bist du mir in fleisch
und blut so
setz
ich dich frei
ein ums andere mal

handelt scheinbar ja eher von der Produktion von Fünfzeilern, womit das „du“ sich auf das Verhältnis des Dichters zum Material bezöge. Man kann es allerdings auch als chiffriertes Liebesgedicht lesen. Aber für die Annahme, dass ein poetologischer Text intendiert war, spricht seine Anordnung auf der Seite. Der erste Band der Trilogie bringt lediglich einen Text pro Doppelseite[8] und weist jedem nach einem Schema einen Platz zu. Die Texte der unteren Spalte lese ich vergleichsweise häufig als poetischen Selbstkommentar.

Manche Texte scheinen auch Haltungen fremder Texte auf einen Fünfzeiler zuzuspitzen. So wirkt der Text:

es war mir danach
allein zu
sein
um menschen 
mich zuzuwenden.

wie eine Replik auf Caspar David Friedrichs berühmtes Gedicht:

Ihr nennt mich Menschenfeind, 
Weil ich Gesellschaft meide. 
Ihr irret euch, 
Ich liebe sie. 

Doch um die Menschen nicht zu hassen, 
Muß ich den Umgang unterlassen.

ein anderer lässt mich an Celans Sprachgitter denken:

können wir leben
du wie ich
und 
ich wie du
können wir leben

Bei der Kürze der Fünfzeiler lassen sich solche Koinzidenzen nicht systematisch darauf prüfen, ob sie sich eventuell dem Zufall verdanken.[9]

Andere Fünfzeiler gewinnen eine fast Brechtsche Lakonie in einem fast Danteschen Tonfall:

bewegten sich doch
auch diese
gleich
jenen schon
in geteilter welt

Dem klassischen Haiku am Nächsten sind eine Handvoll Texte, die keinerlei Personalpronomen enthalten: 

am himmel wachsen
quellwolken
wie
blumenkohl
zwischen rost und schrott

Wie im Haiku üblich nutzt Schwitter das Vokabular im Mittelbereich der Sprache. Im Gegensatz zu stark mündlichen oder schriftsprachlich geprägten, nutzt er Wörter, die in mündlicher wie schriftlicher Rede gleich unauffällig sind. Das gleiche gilt in Bezug auf Abstraktion oder Konkretheit. Reine Abstrakta sind ebensowenig vorhanden wie die Schicht stark überkonkreter, oft regional geprägter Begriffe, die vielen Gegenwartsgedichten Kolorit geben. Poetisch besonders aufgeladene Begriffe wo, wie im letzten Beispiel, nicht gänzlich gemieden, werden häufig ausbalanciert mit Wendungen, die auf ostentativ Alltägliches verweisen. (Während diese poetisch aufgeladenen Begriffe bei Haikudichtern oft in höherer Frequenz auftreten.) 

Konsequenter Weise beruft sich der Autor auch nicht auf die Haikutradition. Auch wenn er in dem in der letzte Fußnote erwähnten Essay seine Beschäftigung mit ZEN öffentlich macht. Die deutsche Haikutradition fügt sich ja ohnehin nicht bruchlos an die japanische, da schon die Wiedergabe der japanischen More im deutschen Haiku als Silbe bei näherem Hinsehen nicht vollständig korrekt ist. Ein zweiter Grund Abstand zum Haiku zu suchen, mag neben der Tatsache, dass sich in dieser Bubble allerhand LebensweisheitverkünderInnen und rückwärtsgewandte NaturdichterInnen herumtreiben, auch darin zu suchen sein, dass der Autor sensibel ist in solchen Fragen wie der der kulturellen Aneignung. 

Während sich seine Texte also inhaltlich mehr Freiheiten nehmen, als der typische Haiku, sind sie formal strenger. Lässt sich irgendwie angeben, um wie viel mehr?[10] Verstehen wir formale Strenge hier als ein Maß, wie viel unwahrscheinlicher das Entstehen eines solchen Fünfzeilers ist, als seine Entstehung wäre, wenn jemand ohne Rücksicht auf die Spaltbarkeit des Fünfzeilers poetisch räsonierte, können wir seine Fünfzeiler gut zu einem normalen Haiku in Beziehung setzen  indem wir nachzählen, wie oft sich spontan in anderen Haikus eine Struktur bildet, die sich in einen Fünfzeiler aufbrechen ließe ohne den Wortbestand zu beschädigen. Ich werte, um dies abzuschätzen, zwei von der Anzahl zweistellige Samples aus, einmal von einem Dichter, der sich selbst als Haikudichter versteht (Uwe Claus), und einmal von einem, der nur gelegentlich Haikus schreibt und sich wenig bis gar nicht um den Geist des klassischen Haiku schert. (Nämlich ich selbst.) Bei Uwe Claus hat ein Viertel der Haikus eine Struktur, die sich zwanglos in Fünfzeiler überführen ließe, bei meinen eigenen Texten ist es knapp jeder dritte. Was lässt sich daraus schließen: Je nachdem, welche Forderungen man inhaltlich oder vokabulatorisch an einen Siebzehnsilber stellt, sind Schwitters Texte um mehr als das Dreifache unwahrscheinlicher zu erreichen als ein Haiku. Damit ist die objektive Hürde beschrieben, was sich nicht ganz deckt mit dem subjektiven Schwierigkeitsgrad, denn man wird Strategien entwickeln mit dem erhöhten Schwierigkeitsgrad umzugehen, etwa lässt sich leicht denken, und Schwitter beschreibt auch genau dies in seinem Essay, dass er, im Gegensatz zu einem Haiku, der gewohnheitsmäßig wohl meist von oben nach unten entwickelt wird, seine Texte aus der Mitte heraus baut wie ein Palindrom.[11] Ich kann mir vorstellen, dass solche Fünfzeiler immer schneller entstehen, wenn man nicht durch weitere Randbedingungen den Schwierigkeitsgrad erhöht. Im dritten Band „Die Verkettung der Fünfzeiler“, dessen Zentrum ein Essay zu seinem dichterischen Verständnis bildet, beschreibt er, dass ihn mit längerer Routine diese Fünfzeiler teils Nachts und Tags bedrängen.

(Fortsetzung in der nächsten Woche).

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[1]    Alle drei Bände sind als großformatige, fein gestaltete Hardcover in der Edition Howeg erschienen. Leider scheint sich der Verlag mit der Anzeige seiner Publikationen keine besondere Mühe zu geben: Die Bücher haben einen kargen VLB Eintrag, der weder Cover noch Hauptbeschreibung bietet. (Auch die Homepage des Verlegers ist nicht allzu gepflegt.) Vielleicht muss man das nicht, wenn man „Bücher für Kenner“ (so der Verlagsslogan) macht?

[2]    Nach herkömmlicher Zählung hat der Band somit insgesamt 188 Seiten.

[3]  Nach herkömmlicher Zählung ergibt das 230 Seiten.

[4]    bis 128 , bei 140. Seiten nach herkömmlicher Zählung. Der Verlag gibt wiederum für alle drei Bände Phantasiezahlen an: 110 für den ersten, für den zweiten Band 115 und für den dritten 120 Seiten. 

[5]    Schnell wird auch ein weniger glückender Text der Form an sich exemplarisch angelastet und damit auf alle Texte übertragen, während wir uns irgendwie daran gewöhnt haben, dass schwache, ja tausende schwache Gedichte nicht gegen den Umstand sprechen, dass es auch gute Gedichte gibt.

[6]  Wir könnten jedes Mal natürlich auch immer fragen: Warum in freien Versen? Aber wir tun das kaum, weil uns eben geläufig ist, dass viele es heute so machen. Etwas näher habe ich mich mit dieser Frage in meinem Essay „Haltung und Versgrammatik“ beschäftigt: Dort heißt es, solche „Reflexe, die die Frage moderieren, was sich bis zu welchem Punkt rechtfertigen muss, und was sich, im Gegensatz dazu, von selbst versteht, scheinen mir oft bestimmender für die Geschichte der Dichtkunst, als die Entdeckungen neuer dichterischer Techniken und Sageweisen oder die Fortentwicklung des analytischen Bestecks. Denn zuerst verbieten sich in einem solchen Fall diejenigen den Mund, denen eine heikle Sache nicht wichtig genug ist, zweitens diejenigen, die unsicher sind, ob sie argumentativ schlagfertig genug sind. Die übrigen wissen, dass für die Klärung einer solch umstrittenen Frage ein gewisser Aufwand nötig wird, für den nicht in jeder Situation Raum ist. Dadurch wird eine Position umso exotischer, und schon deshalb steigt für diejenigen, die sie vertreten möchten, die Rechtfertigungslast. Ein Teufelskreis in dem Positionen untergehen können, ohne dass je ein valides Argument gegen sie vorlag.“ https://lyrikzeitung.com/2022/04/28/bei-der-lekture-eines-franzosischen-textes/ (dort Fußnote 7)

[7]    Konsequenter Weise besteht der Klappentext aus vier Zitaten, die sich mit dem Problem der Erfassbarkeit des eigenen Lebens beschäftigen.

[8]    Mit Ausnahme der S. 42, kurz vor der Mitte, auf der plötzlich 6 Texte erscheinen und zwei Seiten, auf denen sich je 3 Texte befinden.

[9]    Unabhängig davon, dass das für den Leseeindruck egal ist, bin ich gerade in diesem Fall sicher, dass Schwitter die hier unterstellte Vorlage vertraut ist. Einen andern Fünfzeiler (Blatt 19) weist der Autor selbst in einem Essay als Celanreplik aus: https://fabian-schwitter.com/fuenfzeiler/

[10]  Im Geiste der französischen Gruppe Oulipo, die literarische Verfahren erfanden, deren Schwierigkeitsgrade bestimmten und dann Texte nach diesem Muster schufen, wollen wir hier diese Frage auch besonders im Blick behalten.

[11]  Über solche Verschiebung des Schwierigkeitsgrades durch Veränderungen der Routinen wird öffentlich zu wenig geredet. In einer Seminargruppe des Literaturinstitutes erschien die Aufgabe, ein Sonett zu verfassen, so fordernd, dass, außer meinen, keine regelrechten Sonette zu Stande kamen. Eine größere Gruppe von AutorInnen war immerhin so clever in die inhaltlichen Aussagen ihrer Sonette poetische Argumente einzuflechten, warum das Sonett hier überwunden oder überschritten werden müsse. Wie viel mangelnde praktische Erfahrung im Umgang mit Textherstellung hier oft vorherrscht, zeigt die Tatsache, wie vielen Herausgebern von Anthologien zur Gegenwartslyrik diese naheliegende Lösung, poetologisch die Strenge im Gedicht zu verwerfen, noch als geschickter poetischer Move erscheint. Der versierte Sonettist wird, anders als die meisten DichterInnen, die (laut poetischen Eigenaussagen ebenso wie nach Textbeobachtungen) zumeist das Grundgerüst hauptsächlich von oben nach unten erarbeiten, an entfernten Zeilen zugleich werken, die er oft wiederum auch rückwärts erarbeitet. Er weiß bei längeren Wörtern meist sofort, wo ungefähr im Vers sie zu liegen kommen müssen usw. Welchen Unterschied solche Strategien machen, erwies mir die Tatsache, dass ich an meinem ersten regelrechten Sonett ca. 3 Wochen immer wieder hin und her schieben musste, während die nächsten schon in unter einer Woche ihre Form gefunden hatten. Heute kann ich leicht in unter einer Stunde ein Sonett zusammenschieben. Das Erfüllen der Form selbst ist nicht der Markstein der Qualität, sondern erstens, ob sich ein interessanter Gedanke darin ausspricht und zweitens, wie das Interplay mit den Voraussetzungen der Form organisiert ist. (Viele Sonette wirken vor allem deswegen uninteressant auf mich, weil der gewählte Gegenstand so gewählt ist, dass er gut in die Form passt, sodass ein vorhersagbares und statisches Gebilde entsteht.)  

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  6. Bereits an dieser Stelle mit einem Kommentar vorzugreifen, ist vielleicht ungebührlich. Schliesslich sollen noch weitere Teile von Bertram Reineckes Essay folgen. Sei’s drum. Womöglich ergibt sich durch verfrühte Interventionen auch ein interessantes Wechselspiel zwischen Rezeption und Produktion, selbst wenn Bertram aufgrund der Kommentare nachträglich kein Jota an seinem ursprünglichen Essay ändert, denn dieser liegt wahrscheinlich schon in Gänze bei der Redaktion der Lyrikzeitung.

    Mit Freude bin ich auf die Erwähnung der Wahrscheinlichkeit gestossen, die zumindest in der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Welt seit dem 19. Jahrhundert zunehmend der modus operandi geworden ist. Gedichte also anhand der involvierten Parameter nach der Wahrscheinlichkeit ihres Erscheinens zu betrachten, ist eine weitere Querverbindung zur Naturwissenschaft, von denen doch insgesamt, wenn auch nicht im ersten Band, reichlich vorhanden sind bei den fünfzeilern.

    Methodisch wiederum gleicht Bertrams Vorgehen selbst den naturwissenschaftlichen Praktiken. Fast scheint es, als kämen bei der akribischen Beschreibung des Aufbaus dieser Bände so wunderliche Instrumente zum Einsatz wie ein Spektrometer oder die Elektrophorese. Gespannt sein dürfen wir, in welche Tiefen die Analyse peu à peu und pas à pas noch vordringen wird. Und vor allem: Welche Darstellungen sie hervorbringen wird.

    Eine solch analytische Herangehensweise ist überdies folgerichtig angesichts der Tatsache, dass die fünfzeiler auch schon unter den Begriff der «quantitativen Literatur» subsumiert worden sind. Die Aggregation der fünfzeiler erfordert Massen, die selbstredend unterschiedliche Individuen umfassen. Aber nur so können sich die fünfzeiler mit jedem Band zu emergenten Strukturen fügen. Die Vielzahl dieser fünfzeiler bestätigt Bertrams Feststellung in der fünften Fussnote fast von selbst:

    «Schnell wird auch ein weniger glückender Text der Form an sich exemplarisch angelastet und damit auf alle Texte übertragen, während wir uns irgendwie daran gewöhnt haben, dass schwache, ja tausende schwache Gedichte nicht gegen den Umstand sprechen, dass es auch gute Gedichte gibt.»

    Ob ihrer Vielzahl, wollen wir ehrlich sein, sind schlechte Gedichte fast eine Bedingung der Existenz von fünfzeilern überhaupt. Charmant bleibt dennoch die Hinwendung zur Frage nach der Schwierigkeit, die doch meist auf die Schwierigkeit der Texte für die Leser:innen referiert. Dass die Schwierigkeit der Herstellung eines Texts auch eine Frage sein kann, geht – aber da spaltet sich die Leser:innenschaft ja auf in demonstrative Geniesser:innen, die ständig auf der Suche nach der nötigen Zeit zur Lektüre von Gedichten kaum zum Lesen von Gedichten selbst kommen, und demonstrative Verachter:innen, die ebenso selbstbewusst wie -verständlich schon über die unumgänglichen Freiräume zur Lektüre opulenter Romane verfügen – in der konsumistischen Perspektive unter. Allerdings ist umgekehrt die Produktionsperspektive auch meist eine Frage für Eingeweihte, die sich mit dem Verfassen von Gedichten beschäftigen. Was tun angesichts dessen? Das Changieren zwischen der Rezeptions- und der Produktionsperspektive ist ein ständiger Balanceakt, dem zumindest die fünfzeiler formal Raum bieten könnten. Erscheinen sie in ihrer Symmetrie nicht auch bisweilen wie eine Waage?

    läsen wir allein

    die ganze

    zeit

    was wir zu

    schreiben noch hoffen

    Da es bei den fünfzeilern jedoch wie bei Bertrams Essay nicht zuletzt um das Ganze geht, bin ich gespannt auf die Fortsetzung von Bertrams Ausführungen.

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    • Lieber Fabian,

      Danke für Deine freundlichen Worte. Insgesamt möchte ich dazu ein paar Sachen bemerken: Der Essay liegt bereits vollständig in der Redaktion, sollte sich hier also erweisen, dass ich etwas nicht richtig gesehen oder eingeordnet haben, werden die Folgeteile also Dokumente meiner Irrtümer sein müssen.

      Früher hat es mich immer gewundert, wenn meine Essayistik Menschen hier an Naturwissenschaft erinnert hat. Ich denke, argumentierte Folgerichtigkeit und hier und da ein wenig Rechnen sind doch auch in der Geisteswissenachaft am Platze, selbst bei der Urlaubsplanung und so weiter.

      Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass GeisteswissenschaftlerInnen dem auch gern ausweichen, sodass es etwas Besonderes scheint. (Eher ein kontinentaleuropäisches Problem, Aus anglophonen und skandinavischen Ländern nehme ich das etwas anders wahr, aber das ist eine andere Geschichte.)

      Ich glaube nicht, dass man so scharf trennen sollte, zwischen Fragen der Produktion, die dann eine Sache von Eingeweihten wäre, und der Rezeption für Genießer. Natürlich werden produktionsorientierte Erwägungen viel zu selten angestellt und Lesende mögen sich erst einmal orientieren müssen, aber: JedeR LeserIn von Gedichten benötigt implizites Wissen wie Gedichte gemacht sind, um sie mitzuvollziehen. Man muss Muster von Wahrscheinlichkeiten auf den Text übertragen, damit die lyrischen Mittel wirken können als Bestätigung oder Abweichung. Wie ein Tänzer, der sich wundern würde, würde sein Discobeat von 180bpm plötzlich in einen Walzertakt übergehen, schwingt sich einE LesenedeR in ein Versmaß ein, errät Fortsetzungen usw. Und dieses produktive Wissen ist kinderleicht: Wenn sie lachen über Verse wie „Zwischen Rosen und Narzissen / hat ein kleiner Hund geschlafen“ dann bemerken sie eine Abweichung von einer Erwartung, die sich aus einem metrischen Schema, einem Strophenmuster und dem Reim ergibt. Sie müssen also drei Dinge zusammendenken.

      Ob ein poetologischer Text dann zugänglich ist oder nicht, liegt eher an Stil und Plastizität der Darstellung. Wie gut mir das gelingt, müssen natürlich andere beurteilen. ( Bei bestimmten „sensiblen“ Interpretationen fühlt es sich ja manchmal eher bloß so an, als verstände man, sollte man sagen, was da verstanden wurde, merkt man dnn später, dass man nichts greifen konnte.)

      Insgesamt scheint mir ein produktionsästhetischer Ansatz also potentiell sogar einen weiteren Interessenkreis anzusprechen, als die Schilderung von Lektüreimpressionen eines Reinecke. Ich habe aber diesen Ansatz nicht deshalb gewählt, sondern erstens, weil mich das interessiert und zweitens suchte ich einen Aspekt, der durch alle drei Bände trägt.

      Die Fußnote 5 bitte ich, nicht überzustrapazieren. Sie sollte nur den im Haupttext ausgeführten allgemeinen Gedanken vervollständigen, ich habe dabei gar nicht an Dich gedacht. (Auch, wenn ich nun sofort sehe, dass diese Fußnote ein gutes Sprungbrett zu einigen Überlegungen Deines Essay bilden könnte, die ich aber weitgehend außen vor lasse. Es gäbe darin noch so viel mehr, worüber man reden könnte, was aber fortfällt!)

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      • Lieber Bertram

        Mein Verweis auf die Publikationsweise, dass dein Essay eben fortlaufend erscheint, war keinesfalls so gedacht, dass retrospektiv noch Retuschen nötig sein könnten. Dass ich womöglich im Takt des Erscheinens einzelner Teile kommentiere, dokumentiert eher meinen eigenen Lektüreverlauf deines Essays. Es hat etwas Reizvolles, dem Verlauf gleich selbst schriftlich zu folgen.

        Über richtig und falsch zu urteilen, finde ich ohnehin meist uninteressent. Bemerkenswerter ist für mich jederzeit, worauf ein:e Leser:in den Fokus legt. Und dass bei der Weitläufigkeit der „verkettung der / fünfzeiler“ auch zu Hauf Dinge unbesprochen auf dem Tisch liegen bleiben müssen, ist unumgänglich.

        Was nun die naturwissenschaftliche Methodik betrifft, so stehe ich doch selbst immer wieder verwundert vor der Tatsache, dass ja gar nicht offensichtlich ist, was für mich geläufig ist. Schliesslich haben die wenigsten Leser:innen deines Essays die Bücher vor Augen. Das war ja auch ein Problem bezüglich der „verkettung der / fünfzeiler“. Wer die einzelnen Bände noch nie gesehen hat, wird sich an mancher Stelle schwertun, den Überlegungen zu folgen. Deswegen habe ich im Vorwort auch selbst versucht, gewissermassen in diesem naturwissenschaftlich-mathematischen Gestus einfach die Bände zu beschreiben, damit wenigstens der Hauch einer Chance für die Leser:innen besteht, die nachfolgenden Gedanken verstehen zu können.

        Sicher hast du recht, wenn du auf ein Interesse an produktionsästhetischen Überlegungen für ein breiteres Publikum verweist. Schliesslich gibt es die Gattung der Poetikvorlesungen auch nicht erst seit gestern. Mir ging es einzig um das Wörtchen „schwierig“, das doch meist in Bezug auf die Lektüreerfahrung bezogen wird. Deine Umdeutung jedoch finde ich grossartig! Und den Twist mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung erst recht. Und jetzt mache ich mich auf zum zweiten Teil. Danke dir!

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  7. Der Fehler war in der Datei, die ich Dir zum veröffentlichen sandte. Genauer stand da „Siebzehnzeiler“ Du hattest es offenbar bemerkt und stillschweigend korrigiert?

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    • Das freut mich! … Den ersten Fehler habe ich allerdings auch schon gefunden: An einer Stelle habe ich offenbar versehentlich „Siebenzeiler“ geschrieben. Richtig ist natürlich „Fünfzeiler“!

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