57. Nachschlag zu einem „fröhlichen“ Verriss

In einem leidlich amüsanten, wohl eher von Häme als von kritischem Interesse diktierten Aufruf (an wen eigentlich?) wird mein Herbstbuch „Leben & Werk“ zum Verriss freigegeben. Sei’s drum. Ich kann und will die Rezeption der von mir verantworteten Texte nicht beeinflussen, auch nicht kommentieren. Bücher haben bekanntlich ihr eigenes „Schicksal“, nehmen ihren eigenen Weg, treffen dort ein, wirken dort fort, wo sie gebraucht werden und wo man mit ihnen „etwas anfangen“ kann. Wo das nicht der Fall ist, kommt ohnehin jede Hilfe, jede Hoffnung zu spät. Insofern interessiert mich das Schicksal meiner Bücher nicht. Sobald sie veröffentlicht sind, fallen sie von mir ab, sie gehen fremd, kommen mir abhanden, gehören mir nicht mehr. Man kann sie schätzen, man kann sie schänden, man darf sie auch missverstehen; mich berührt das alles nicht.

Von daher kommt mir auch die eher dürftige Idee mit dem physischen Verriss eines Buchs – hier also von „Leben & Werk“ – gar nicht so abwegig vor. Denn tatsächlich lässt sich dieser mehrfach gemoppelte Text auch in Stücken, Fetzen,Versen, Einzelsätzen durchaus adäquat lesen – man liest drin, und man weiss, man ist vom linearen Durchlesen dispensiert. Steht ja auch im Vorwort des Autors. Dass das Verreissen auch ganz praktisch als Zerreissen getätigt werden kann, will ich durch die folgende Episode bezeugen.

Ich bin von Kijiw nach Lwiw im Zug unterwegs. Hocke zwischendurch im ungeheizten Klo, spüre von unten den eisigen Fahrtwind, am Boden liegt ein Bündel von Zeitungsausrissen, die offensichtlich das fehlende Klopapier ersetzen sollen. Auf einer der Zeitungsseiten steht ein Gedicht. Ich greife nach dem zur Hälfte zerrissenen Blatt, versuche den Text – ukrainisch – zu lesen, lese ihn mehrmals, und er kommt mir dabei immer bekannter vor. Der Name des Autors wie auch der Gedichtanfang fehlt, ist weggerissen. Unter dem Gedicht steht, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Deutschen handelt. Vom Namen des Übersetzers bleiben bloss ein paar Buchstaben: Wolod… ‒ Doch nun dämmert es mir: Das ist mein Gedicht. Das ist eins meiner Gedichte, zumindest ein Teil davon. Ich hab den Ausriss dann doch nicht als Klopapier verwendet. Hab ihn am Kleiderhaken an der Innenseite der klappernden Toilettentür aufgehängt. Für einen unbekannten Leser. Für eine andere Lesart. Vielleicht also doch ein „fröhlicher“ Verriss!

Felix Philipp Ingold

56. Heine luzide und opak

(…) das Lied der Maria aus Tschaikowskis „Mazeppa“. Der Stoff zu dieser Oper stammt von Lord Byron und Alexander Puschkin. Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn. In „Mazeppa“ geht es um ein Drama der Unversöhnlichkeit in der Ukraine. Ein dortiger Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verführt Frauen. Von deren Ehemännern wird er auf ein Pferd genagelt.

Das Pferd, zum Wahnsinn gebracht durch die Nägel, galoppiert mit dem nackten Prinzen zum Dnjepr und bricht dort tot zusammen. Der Prinz aber wird Hetman der Ukraine. Kaum an der Macht, überwirft er sich mit allen anderen und bringt einige davon um. Er verbündet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenkönigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schlägt Zar Peter der Große beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verfällt dem Wahnsinn. Ihr Lied am Ende der Oper bleibt als Trost.

„Jede Zeit ist eine Sphinx,
die sich in den Abgrund stürzt,
sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“

(Heinrich Heine)

Heinrich Heine ist luzide. Er ist Öffentlichkeitsmacher. Er ist publizistischer Architekt seiner Epoche. Er ist aber auch Dichter von Dunklem, verschlossenen Farben, verdichteter Erfahrung, die keine Marktgängigkeit besitzt und die notwendigerweise zur Orientierung unserer Seelen gehört. Das entspricht dem Begriff des Kritischen und der Romantik, einer kritischen Romantik. Heine ist angetan vom Fortschritt, von Revolution und Freiheit, von Industrie, Telegrafie und Eisenbahnen. Das, was Walter Benjamin in seinem Passagenwerk an Phänomenen aufführt, von Paris als der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts über den Bürgerkönig Louis Philippe bis zur frühen Fotografie, zu Eisen, Salon, Mode, Weltausstellung und der Utopie der „Quatre Mouvements“ des Charles Fourier, spiegelt auch die Lebenswelt Heinrich Heines.

/ Alexander Kluge, aus der Dankesrede zum Heinrich-Heine-Preis 2014, Süddeutsche Zeitung 15.12.

55. Nadja Küchenmeister erhält ersten Horst Bingel-Preis für Literatur

Die Horst Bingel-Stiftung für Literatur und der Landesbezirk Hessen der Gewerkschaft ver.di haben einen Preis ausgelobt. Mit dem Horst Bingel-Preis für Literatur zeichnen ver.di und die Stiftung künftig alle zwei Jahre Autorinnen und Autoren aus, deren Werk literarische Qualität mit gesellschaftspolitischem Engagement verbindet. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert. Er wird

am Mittwoch, den 17.12.

um 20.00 Uhr

im Hessischen Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt

(Waldschmidtstraße 4, 60316 Frankfurt am Main)

mit kulturellem Rahmenprogramm übergeben. Laudator ist Dr. Holger Pils, Geschäftsführer der Münchner Stiftung „lyrik-kabinett“. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Die erste Horst Bingel-Preisträgerin ist die Lyrikerin Nadja Küchenmeister. Sie wird ausgezeichnet, weil, so Alexander Pfeiffer vom hessischen VS für die Jury, „die Gedichte der 1981 in Ost-Berlin geborenen Nadja Küchenmeister durchzogen sind von einem Gefühl der Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach dem, was fehlt, nach dem, was einst war. Einem Gefühl des Verlusts also. Es ist die Erfahrung der Vertreibung aus dem Land der Kindheit, die hier zur Sprache kommt. So sehr, wie es sich bei diesem “Land” um eine innere Welt zu handeln scheint, so lassen sich einige der Gedichte aber auch auf die Außenwelt beziehen, auf den Staat, in dem die Autorin aufgewachsen ist und den es heute nicht mehr gibt – dessen einstige Existenz aber zum Beispiel in den bis heute gebräuchlichen Zuschreibungen “Ossi” und “Wessi” präsent bleibt. Nadja Küchenmeister gehört zur vermutlich letzten Generation, für die diese Begriffe überhaupt noch eine Bedeutung haben und in deren Texten diese Bedeutung spürbar bleibt.“

Die mit dem Horst Bingel-Preis für Literatur ausgezeichneten Autorinnen und Autoren sollen einen Bezug zum Literaturverständnis Bingels aufweisen. In ihren Arbeiten soll der Spagat zwischen „Phantasie und Verantwortung“ erkennbar sein, ein Thema, das Bingel beschäftigte und zu dem er 1974 einen Schriftstellerkongress organisiert hatte.

Der Schriftsteller Horst Bingel wurde 1933 im nordhessischen Korbach geboren und lebte lange Zeit in Frankfurt. Von 1971 bis 1975 sowie von 1977 bis 1978 war er hessischer Landesvorsitzender des VS, von 1974 bis 1976 VS-Bundesvorsitzender.

Horst Bingel setzte sich stets dafür ein, einem breiten Publikum den Zugang zu Literatur zu ermöglichen. Er initiierte beispielsweise das Frankfurter Forum für Literatur, um Literatur einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Zur Buchmesse ließ er eine Büchertram fahren und Literatur-Litfasssäulen aufstellen oder veranstaltete Lesungen auf der Baustelle des U-Bahnhofs Hauptwache und in der Werkhalle der Firma Messer-Griesheim.

Die Horst Bingel-Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Literaturförderung im Sinne Horst Bingels zu betreiben. ver.di beteiligt sich, um in Zeiten eines durchökonomisierten Kulturbetriebes einen Beitrag für engagierte Literatur zu leisten. ver.di Landesbezirksleiter Jürgen Bothner: „ver.di, das sind auch die Schriftsteller, und zwar die politisch denkenden unter ihnen. Wir zeigen gern unsere kulturpolitische Seite, indem wir uns am Horst Bingel-Preis beteiligen.“

Die Jury besteht in paritätischer Besetzung aus je zwei Mitgliedern der Horst Bingel-Stiftung für Literatur und des ver.di-Landesbezirks Hessen. Ein fünftes Jurymitglied wird jeweils von diesem Gremium benannt.

Die Jurymitglieder für die erste Vergabe im Jahr 2014:

 Michael Krüger, Lyriker, langjähriger Geschäftsführer des Carl Hanser Verlags und seit 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste

 Barbara Bingel, Horst Bingel-Stiftung für Literatur

 Harry Oberländer, Horst Bingel-Stiftung für Literatur

 Cornelia Kröll, ver.di-Landesbezirksleitung Hessen

Alexander Pfeiffer, Verband deutscher Schriftsteller (VS), Landesverband Hessen

53. Who are you, Mr. Beckett?

In a 1964 response to an inquiry from his Hungarian publisher, Europa Konyvkiado, Samuel Beckett gives a handy thumbnail sketch not only of his career but of his character:

“As a writer I have no feeling of any national attachment. I am an Irishman (Irish passport) living in France for the past 27 years who has written part of his work in English and part in French. The following plays were written in French:

  • ‘En attendant Godot’
  • ‘Fin de Partie’
  • ‘Actes Sans Paroles I & II’

and the following in English

  • ‘Cascando’
  • ‘Krapp’s Last Tape’
  • ‘All That Fall’
  • ‘Embers’
  • ‘Words & Music’
  • ‘Happy Days’
  • ‘Play’

“If you should see fit to include one of the latter in your British anthology and one of the former in your French I should be pleased. If this is not possible and a choice must be made, I should prefer to figure in your French anthology.”

While this isn’t quite so pithy as Beckett’s retort to a French journalist on the question of his being English (“Au contraire”), it does nonetheless give the gist of his contrarian, and often contradictory, personality. / Paul Muldoon, New York Times 14.12.

52. Manifest zur dystopisch-depressiven Lage der Literatur

G&GN-INSTITUT – Eller Süd, den 12.12.2014 / Zum Jahresausklang verfasste der Düsseldorfer Dichter Tom de Toys (Profil) ein kritisches Manifest zur Lage der Literatur, das auch als Fotomontage (Motiv: alter Röhrenfernseher) in Druckqualität vorliegt.

Tom de Toys, 9.+12.12.2014 © POEMiE™

DYSTOPISCHE DEPRESSION
(VON DER NUTZLOSIGKEIT DER LITERATUR)

was macht der mensch hier den ganzen tag lang
er sitzt und er steht und er läuft herum und
er wartet tagtäglich auf feierabende um
irgendwo anders herum zu sitzen vor monitoren
mit tausend sendungen auf hundert kanälen
hört er die ewig gleichen meldungen
ewig gut gelaunter showmaster die
den neuesten krieg ganz genau erklären und
das neueste produkt zur sensation verklären
ja sogar EIN ECHTES BUCH wird dort angepriesen
mit ganz wunderbar trivialen texten
die uns köstlich amüsieren
bestsellerromane und blockbusterfilme
versorgen die masse mit unterhaltungswerten
die gesellschaft zelebriert ihre totale
geselligkeit alles wird gnadenlos zur
ablenkung von tieferen fragen missbraucht
hier wird produziert
dort wird konsumiert
nichts wird mehr reflektiert
alles findet aus selbstzweck statt
literatur ist prinzipiell unpolitisch
gedichte sind doof oder richtig schön

© Entnommen aus: „SCHULGEDICHTE“ @ http://www.schulgedicht.de

51. Poetopie

wir Derwische – drehen uns um uns selbst in Trance

Hansjürgen Bulkowski

50. Preisgeld

Der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf wird seit 1972 in wechselnden Abständen vergeben. Er war anfangs mit 25.000 DM dotiert. 2000 wurde das Preisgeld auf 25.000 Euro festgesetzt, 2006 verdoppelte die Stadt Düsseldorf die Preissumme auf 50.000 Euro. Die 25.000 DM gingen an Dramatiker und Romanciers wie Carl Zuckmayer und Max Frisch, Publizisten wie Sebastian Haffner und Gräfin Dönhoff, Politiker wie Richard von Weizsäcker und Władysław Bartoszewski oder Literaturwissenschaftler wie Pierre Bertaux sowie dreimal unter den 12 Preisträgern an Lyriker: Günter Kunert, Wolf Biermann und Hans Magnus Enzensberger. Nach der Verdopplung auf 25.000 Euro wurden 3 Preise verliehen, darunter 1 Lyriker (Robert Gernhardt). Nach der neuerlichen Verdopplung wurden 5 Preise vergeben: Peter Handke (nach heftigen Debatten zurückgezogen), Amos Oz, Simone Veil, Jürgen Habermas und in diesem Jahr Alexander Kluge. Vielleicht hat man die Summe mit Absicht so hoch angesetzt, um keinen Lyriker einladen zu müssen? Sollen die 50.000 Euro an Lyriker gehen, müßten schon Goethe oder Pindar aus dem Grab steigen. Heine hätte den Heinepreis niemals bekommen.

49. Neuer Autorenverband

Nicht nur in der tschechischen Filmbranche herrscht zurzeit Aufruhr, sondern auch in der Literatur. 30 Schriftsteller der jüngeren Generation haben sich Anfang Dezember zur „asociace spisovatelů“ zusammengeschlossen. Die neue Vereinigung positioniert sich als deutliches Gegengewicht zur bestehenden Autorenvereinigung und will sich vor allem auch für die existenziellen Nöte der Literaten einsetzen. Damit steht die Wachablösung der Generation bevor, die vor 25 Jahren den ersten post-sozialistischen Schriftstellerverband aus der Taufe gehoben hatte. (…)

Zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes zählen unter anderem Emil Hakl, Kateřina Tučková oder Ondřej Buddeus. Es sind Autoren, die sich über die Grenzen von Tschechien hinaus einen Namen gemacht haben. Der 33-jährige Jan Němec hat vor kurzem den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Er ist Vorsitzender der neuen Assoziation. / Annette Kraus, Radio Prag

48. Zaubersprüche auf der Toilette vergessen

Ob Eindrücke aus der Natur, Texte von französischen Autoren wie Ponge oder Derrida, ob Gemälde von Dalí, Miró oder Klimt, die Musik von Bach, Satie oder Dowland – oder die eigenen Träume: Alles inspiriert sie zu ihren Traum-Grenzgängen, die sie in Wortbilder verwandelt. Wie viel tatsächlich Erlebtes und Gelebtes in diesen Wortbildern steckt, kann nur die Autorin wissen.

„Es muss etwas anderes sein als die Realität. Das ist uninteressant. Das würde mich nicht interessieren. Es wird dann ein wenig gebaut. Aus der Realität und aus der Phantasie. Es wird viel montiert. Es ist so ein Knödel.“

In den letzten Jahren hat sie ihre Texte wieder verstärkt einem Datum zugeordnet, was den Anschein von Tagebuchnotizen erweckt. Aber die Texte sind alles andere als spontan niedergeschriebene Notizen. Das, was in der Nacht und am Morgen entstanden ist, wird später in eine Form gebracht.

„Jetzt zum Beispiel bei ‚Etudes‘ und ‚cahier‘, bei „fleur“, was ich jetzt mache, mache ich immer eine Seite und da drunter das Datum. Dann lese ich es lange. Also ich mache eine Reinschrift und gehe stundenlang damit herum und überlege, ist es gut, ist da ein Fehler. Und wenn irgendetwas ist, dann mache ich das Ganze noch einmal.“

Es gibt Prosagedichte, in denen ihre Bewunderung für die Surrealisten zu spüren ist. Mit ihren Worten setzt Friederike Mayröcker Bilder in Bewegung, die sich in ihrer ekstatischen Unmittelbarkeit jedoch einer narrativen Struktur entziehen.

„Ich laufe den Gegenständen, die immerfort untertauchen, nach, was es heiszen solle, fragte Erika T., dass ich sagte ‚ich habe auf der Toilette etwas vergessen‘, ich antwortete es waren Zaubersprüche zu ihrer Erbauung etc. … Burberrys Herzchen, ich trug alte sneakers oder Wellingtons UNTER TROMPETENBAUM und einen beigefarbenen zerschlissenen Burberry, war überglücklich = am Morgen der Abdruck deines Kopfes auf meinem Kopfkissen (während der Hochsommer blaute).“ / Andrea Marggraf, DLR

47. Gedichte aus Dachau

„Mama, ich kehre nicht zurück, Gott hat es mir gesagt.“ Mit diesen resignierenden Worten beginnt das Gedicht des 17-jährigen Nevio Vitelli, verfasst im Dachauer Konzentrationslager. „Mein Schatten in Dachau“ ist eines von 98 Gedichten, die Dorothea Heiser in ihrer Anthologie über die Lyrik im Dachauer Lager veröffentlicht hat. Jetzt, mehr als 20 Jahre nach der Erstausgabe, erscheint eine englische Übersetzung. / Merkur

46. Gertrud Kolmar

Dank Kontakten des Philosophen Walter Benjamin, der ihr Cousin war, wurden einzelne ihrer Gedichte in angesehenen Zeitschriften und Anthologien publiziert und gewürdigt. Thema ihrer Gedichte sind das Fremd- und Anderssein als Frau, Dichterin und Jüdin in dieser Welt: »Ich bin fremd. / Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen, / Will ich mit Türmen gegürtet sein, / Die steile, steingraue Mützen tragen / In Wolken hinein.«

Aus einem Gefühl der Ohnmacht geschrieben, prangern ihre Texte in einem rebellischen Gestus die Herzlosigkeit der Welt an. In »Das Wort der Stummen« und »Die Frau und die Tiere« erhebt Kolmar ihre Stimme für die Verachteten und Stigmatisierten: »Lache, mein Auge, eh du weinen musst! / Und du weinst ja nicht allein!«

(…) Keine Illusionen hatte sie über die faschistische Terrorherrschaft: »Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz  / … / Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich / im dritten, christlich-deutschen Reich.« Sie hätte Deutschland – wie ihre Geschwister – verlassen können, blieb aber ihrem kranken Vater zuliebe.

(…) Kolmars Vater wurde in Theresienstadt ermordet, sie selbst am 27. Februar 1943 im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion in Berlin verhaftet, am 2. März nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie höchstwahrscheinlich schon einen Tag später in der Gaskammer ermordet. / Christiana Puschak, junge Welt

45. American Life in Poetry: Column 507

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

For every one of those faces pictured on the obituary page, thousands of memories have been swept out of the world, never to be recovered. I encourage everyone to write down their memories before it’s too late. Here’s a fine example of that by Margaret Hasse, who lives in Minnesota.

Truant

Our high school principal wagged his finger
over two manila folders
lying on his desk, labeled with our names—
my boyfriend and me—
called to his office for skipping school.

The day before, we ditched Latin and world history
to chase shadows of clouds on a motorcycle.
We roared down rolling asphalt roads
through the Missouri River bottoms
beyond town, our heads emptied
of review tests and future plans.

We stopped on a dirt lane to hear
a meadowlark’s liquid song, smell
heart-break blossom of wild plum.
Beyond leaning fence posts and barbwire,
a tractor drew straight lines across the field
unfurling its cape of blackbirds.

Now forty years after that geography lesson
in spring, I remember the principal’s words.
How right he was in saying:
This will be part of
your permanent record.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

44. Souveräne Experimente

Poesiepreis der Stadt Münster an Charles Bernstein und zwei Übersetzerteams

Er selbst beschreibt seine Dichtung „als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen“: Der amerikanische Dichter Charles Bernstein wird für sein breitgefächertes und hochkomplexes Werk mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnet. Geehrt werden der gebürtige New Yorker und zwei voneinander getrennt arbeitende Übersetzerteams für die Bände „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (2014). Dies hat der Rat der Stadt am 10. Dezember auf Vorschlag einer Fachjury bestätigt.
Die Ehrung erfolgt am 10. Mai in Münster zum Abschluss des Internationalen Lyrikertreffens. Der Autor auf der einen und die Übersetzerteams auf der anderen Seite teilen sich die Preissumme von insgesamt 15 500 Euro.

Charles Bernstein (Jahrgang 1950) ist Dichter, Theoretiker, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Der Harvard-Absolvent und Professor für Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania gilt als einflussreicher Mitbegründer und herausragender Vertreter der „language poetry“. Diese avantgardistische Strömung bildete sich aus der von Bernstein Ende der 1970er Jahre mit herausgegebenen Zeitschrift “L=A=N=G=U=A=G=E“ heraus, einem Forum kritisch-poetologischen Denkens und experimentellen Schreibens.

„Bernstein schlägt in seinen formal avancierten schwierigen und luziden poetischen Texten, die so souverän wie risikoreich mit den literarischen Formen und Genres experimentieren, die unterschiedlichsten Töne an“, urteilt die Jury. Die Poesie Bernsteins umfasse „intertextuelle Montagen, von Dada angeregte Lautgedichte, aleatorisch konzipierte Arbeiten, liedhaft komponierte Stücke, explizit gesellschaftskritische Verse und polemische Interventionen in den Literaturbetrieb“.

Digitale Lyrik

Zu den Buchveröffentlichungen des Amerikaners gehören „My Way: Speeches and Poems“ (1999), „With Strings: Poems“ (2001), „Girly Man“ (2006) und zuletzt der Gedichtband „All the Whiskey in Heaven“ (2011). Bereits Anfang der 1990er Jahre gründete Bernstein im World Wide Web ein Online-Portal für digitale Lyrik. Charles Bernstein, der in Philadelphia lebt, ist ernanntes Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, eine der renommiertesten Gelehrtengesellschaften der USA.

Ohne begnadete Übersetzer ist internationale Poesie nicht möglich. Als preiswürdig erachtet die Jury zwei Bände, die Teile aus Bernsteins Werk in die deutsche Sprache übertrugen und dabei anstelle einer herkömmlichen exakten Reproduktion des Originalgedichtes andere Maßstäbe wählen, beispielsweise das Übersetzen auch als Um- und Weiterdichten verstehen. Der Auswahlband „Gedichte und Übersetzen“, erschienen im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen, wurde von der Gruppe „VERSATORIUM“ herausgegeben, einem Zusammenschluss junger Forscher und Übersetzer um den Dichter Peter Waterhouse. Zugleich geht Münsters Poesiepreis an das Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler für ihre Leistung in dem zweisprachigen Band „Angriff der Schwierigen Gedichte“ (Luxbooks, Wiesbaden).

Schwierige Gedichte? Es ist Charles Bernstein selbst, der Mut macht, sie zu lesen: „Lassen Sie sich nicht von dem Gedicht einschüchtern!“ Das schwierige Gedicht wolle häufig provozieren und das sei nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Bernstein: „Manchmal verhält es sich so, dass das provokante Verhalten ein Ende nimmt, sobald Sie dem Gedicht Ihre volle Aufmerksamkeit schenken (….)“.

Die Stadt Münster vergibt den Poesiepreis für einen Lyrikband und dessen eigenständige und adäquate Übersetzung seit 1993 im Biennale-Rhythmus. Nominiert werden die Preisträger von einer externen Jury. Ihre Mitglieder sind Lyriker und Literaturkritiker Urs Allemann, Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun, Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch, Literaturkritiker, Autor und Herausgeber Johann P. Tammen und Literaturkritiker und Herausgeber Norbert Wehr sowie mit beratender Stimme Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson. 2011 wurde aus der bis dahin auf Europa konzentrierten Auszeichnung der Preis für Internationale Poesie. Preisträger 2013 waren der karibische Nobelpreisträger Derek Walcott und dessen deutscher Übersetzer Werner von Koppenfels.

CHARLES BERNSTEIN
Foto: Presseamt Münster

43. Zeitschriftenschau (2)

Aber zurück zu den Dichtern, die der „innersten Alchimie des Wortes“ auf der Spur sind. Eine Portal­fi­gur für die ex­peri­mentelle Poesie der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts ist Friederike May­röcker, die Muse der Avantgarde, die sich selbst gar nicht der experi­mentel­len Poesie zuge­rechnet wissen will. Anläss­lich ihres 90. Geburts­tags am 20. Dezember diesen Jahres hat ihr Alfred Kolleritsch, der Heraus­geber der Lite­ratur­zeit­schrift „manuskripte“, die aktuelle Ausgabe seiner Zeit­schrift gewid­met. Darin findet man schöne Widmungs- und Hul­di­gungs-Gedichte von Oswald Egger, Hans Eichhorn und anderen an May­röcker – und drei ganz neue Gedichte der Dichterin selbst, die seit einigen Jahren von zuneh­mender Immobi­lität geplagt ist. Zur reli­giösen Vor­stellung­swelt ihrer Gedich­te gehört nicht nur ihr Be­kennt­nis zum „apostol­ischen Stil“, sondern die Rede von den „Fit­tichen“, auf denen sich das schrei­bende Ich zur Sprache und in die Lüfte tragen lässt. (…)

(…) In einem herrlichen Sonderheft der Zeitschrift „Neue Rundschau“ sind nun elf Lyriker aus der finn­land­schwedi­schen Region versammelt, also Dichter, die der schwe­disch­sprachigen Minder­heit in Finnland angehören und die an die moderne Bildwelt der Edith Södergran an­schlie­ßen. Und selbst bei dieser ter­ritorial doch äußerst be­grenz­ten Lite­ratur finden wir die ganze poetische Vielfalt moderner Lyrik ver­sammelt: Das lyrische Notat, die poeti­sche Moment­auf­nahme und das erzählende Gedicht stehen neben experi­mentellen Ansätzen. Für Ralf Andtbacka ist dabei ein „exqui­sites Gefühl von Frei­heit“ die Voraus­setzung von Poesie. Die treffendere poetische Maxime finden wir in dem Nachwort von Fredrik Hertzberg: „Erst wenn wir unsere Macht­ansprüche hinter uns lassen, kann das Schreiben beginnen.“ / Michael Braun, Poetenladen

manuskripte, Heft 206  externer Link
Sackstraße 17, A-8010 Graz, 166 Seiten, 11,70 Euro.

Neue Rundschau, Heft 3/2014  externer Link
Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main, 304 Seiten, 15 Euro