Siegfried Sassoon
(* 8. September 1886 in Matfield, Kent; † 1. September 1967 in Heytesbury, Wiltshire)
Glory of Women
You love us when we're heroes, home on leave,
Or wounded in a mentionable place.
You worship decorations; you believe
That chivalry redeems the war's disgrace.
You make us shells. You listen with delight,
By tales of dirt and danger fondly thrilled.
You crown our distant ardours while we fight,
And mourn our laurelled memories when we're killed.
You can't believe that British troops “retire”
When hell's last horror breaks them, and they run,
Trampling the terrible corpses—blind with blood.
O German mother dreaming by the fire,
While you are knitting socks to send your son
His face is trodden deeper in the mud.
From: Counter-Attack and Other Poems (1918), bei https://www.poetryfoundation.org/poems/57368/glory-of-women
Ruhm der Frauen
Als Helden liebt ihr uns, auf Fronturlaub,
Vielleicht mit einer Wunde, vorzeigbar, adrett.
Ihr findet Orden zum Verhimmeln und ihr glaubt,
Es mache Rittertum des Krieges Schande wett.
Ihr baut uns Bomben. Ihr lauscht uns so gerne,
Und zeigt bei Reden von Gefahr und Schlamm Bedauern.
Ihr krönt mit Ruhm auch unsre Kampflust in der Ferne,
Und kommt uns, wenn wir tot, am Ehrenmal betrauern.
Daß Briten vor dem Feinde «weichen», geht euch nicht ein,
Wenn letzte Höllenwut sie bricht und nichts mehr hält,
Blutblind zu trampeln über die schrecklichenToten.
O deutsche Mutter, verträumt am Herd daheim:
Derweil du Socken strickst für deinen Sohn im Feld
Wird sein Gesicht noch tiefer in den Schlamm getreten.
Deutsch von Joachim Utz, aus: Du bist so wie niemand sonst. Gedichte auf die Mutter. Hrsg. Wolf Durant. Zürich: Manesse, 2002, S. 53f
Emmy Hennings
(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
Türmen sich Tage
Jetzt geh ich soviel Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage – türmt sich das Grab.
Mein Grab wird groß, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.
Und immer träum ich doch im Tanzen, tanz in Träumen,
Und blüh im Raume – und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn,
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.
Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen,
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken,
Die Frühe will schon dem Abend winken.
Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit.
Und habe soviel Zärtlichkeit verhaucht in viele Ohren.
Wo singt wohl Lust, die ich versang? So tief verloren?
Wo schwebt mein Sein, mein süß' Verlieben?
Wo ist mein Leben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied – im Anfang Ende.
Nur manchmal scheint meine Sehnsucht durch alle Wände.
Aus dem jüngst erschienenen Heft Poesiealbum 390: Emmy Hennings. Auswahl Wolfgang Ihrig. Bilder von Hans Richter. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2024, S. 18f
Heute vor 300 Jahren wurde er in Celle geboren. Er war offenbar kein bedeutender Dichter. Lessing verspottete ihn. Immerhin hat er eine Spielart des deutschen Alexandriners erfunden (über die Franzosen vermutlich wieder spotten würden), nämlich einen Alexandriner mit weiblichem ersten Halbvers, also Zäsur nach der 7. statt der 6. Silbe (im Beispiel am Anfang und Schluss):
Wie zärtlich klagt der Vogel und ladet durch den Hayn,
Den kaum der Lenz verjüngert, sein künftig Weibchen ein!
Doch, wenn durchs heiße Feld die Sommerwinde keichen,
Das Laub sich dunkler färbt, die dürren Aehren bleichen;
So endigt Vatersorge die Tage des Gesangs,
Und Fleis besetzt die Stunden des süßen Müßiggangs!
Meine Überzeugung ist sowieso, dass man auch in unbekannte und „unbedeutende“ oder für unbedeutend gehaltene AutorInnen gelegentlich hineingucken sollte. Hier ein Zitat aus einem Lehrgedicht, das ich ganz vergnügt gelesen habe. Es ist in gemischt herkömmlichen und Duschschen Alexandrinern geschrieben.
Johann Jakob Dusch
(* 12. Februar 1725 in Celle; † 18. Dezember 1787 in Altona)
Das, was die neue trägt, verlacht die alte Welt,
Europa tadelt oft, was Asien gefällt.
Ein jedes eignes Volk hält seine Regeln besser,
Und Gottesdienst, und Tracht scheint der Vernunft gemäßer.
Wie kommts, daß Pechins* Schönen nicht ohne Straucheln gehn? | *(Pekings)
Weil die Chineser glauben, ein kleiner Fuß sey schön.
In Fesseln bildet man des Mädgens zarte Füße,
Und sorgt nicht, daß sie einst auf Vieren kriechen müsse.
Die Höckernation, die Gulliver ersann,
Sieht grade Europäer für Mißgeburten an.
So äfft ein alter Wahn mit Sätzen und Gestalten,
Die wir für die Natur und für die Wahrheit halten.
Der Lehrer nahm es an, gestützet zwar auf nichts;
Der Schüler fand Beweis; dies starke Wort: er sprichts.
Der Vater ließ dem Sohn ein erbliches Vermögen,
Den Glauben, und sein Geld, den Irrthum, und den Segen;
Und dieser, dem Geheiß des Vaters unterthan,
Empfing, mit gleicher Lust, die Güter und den Wahn.
So ward und wuchs der Wahn, so wie durch neu Gewässer
Ein Strom im Laufe schwillt, und wird im Gehen größer.
Daher zieht, jede Welt, Barbaren Africa,
Europa Christen auf, und Türken Asia.
Und jeder Lehrer sät der eignen Meinung Samen,
Und Secten stehen auf, getauft mit seinem Namen:
(...)
Arbeite dich im Schwall der Meinungen empor (...)
Ah ja, unbedingt! Heute eher mehr denn je.
Hier das ganze Gedicht, Versuch von der menschlichen Vernunft und ihrem Gebrauche http://www.zeno.org/Literatur/M/Dusch,+Johann+Jakob/Gedichte/Drey+Gedichte/Versuch+von+der+Vernunft+und+ihrem+Gebrauche
Heute* vor 100 Jahren starb der französische Chansonsänger und Autor Aristide Bruant in Paris. Man kennt den roten Schal auf dem Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec (s.u.).
*) Heute, wenn man nach dem französischen oder englischen Wikipedia geht. Das deutsche oder spanische dagegen nennen den gestrigen Tag. (Solche Umstimmigkeiten sind gaaaaar nicht selten.)
Hier jedenfalls eins seiner Chansons im Original und in der deutschen Fassung, die von dem DDR-Dichter Heinz Kahlau stammt. Doch zunächst eine andere Stimme.
Eine Legende ist noch einmal aufgestanden. Der Dichter Aristide Bruant, der vor vierunddreißig Jahren der Ruhm des alten französischen Cabarets war, Aristide Bruant, der das soziale Cabaret chanson geschaffen hat, der Mann, dessen Bild, in schwarzen Samthosen und roter Schärpe um den Leib, noch bei uns herumspukt, Aristide Bruant, den Steinlen auf die Plakate gezeichnet hat: Aristide Bruant singt in Paris.
Peter Panter alias Kurt Tucholsky, 1925 https://www.textlog.de/tucholsky/kritiken-rezensionen/aristide-bruant
Am Montmerte
Gemeiner Herkunft bin ich zwar,
Mein Vater bloß ein Säufer war
Der Rue Berthe.
Doch hausen seit 'ner Ewigkeit
Ich und die Meinen ohne Streit
Am Montmerte.
Um achtzehnhundertsiebenzig,
Da starb Papa elendiglich
Am Absinthe.
Siebenundvierzig wurde er
Und ruht im Grabe drin seither
Am Montmerte.
Schon zwei, drei Jahre später traf
Mich, seinen Sohn, der stets so brav,
Neue Härte.
Denn eines Tags um Abend rum
Fiel meine arme Mutter um
Am Montmerte.
Seitdem hab ich kein Glück gemacht,
Und ich verbrachte manche Nacht
In der Kälte.
Auch Hunger hatte ich, ganz klar,
Weil nicht mal Brot zu finden war
Am Montmerte.
Manieren hatte man und Schick
Als Sacré-Cœur noch nicht den Blick
Uns versperrte.
Damals umwarb ich die Nini,
Nini, denn nisten wollte die
Am Montmerte.
Im Herbste war es sicherlich,
Als auf dem alten Hügel ich
Sie begehrte.
Da haben wir im Heubett hier
Geheiratet ohne Papier
Am Montmerte.
Den Knirpsen war das ganz egal,
Es kamen zwei gleich auf einmal
Als Offerte.
Sie brechen sicher nicht den Brauch,
Sie leben, zeugen, sterben auch
Am Montmerte.
Gemeiner Herkunft bin ich zwar,
Mein Vater bloß ein Säufer war
Der Rue Berthe.
Doch hausen seit 'ner Ewigkeit
Ich und die Meinen ohne Streit
Am Montmerte.
Deutsch von Heinz Kahlau, wiederabgedruckt in: Poetischer Paris-Führer. Französisch und deutsch Zusammengestellt, eingeleitet und mit Kommentaren versehen von Mona Wodsak. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994.
Malgré que j'soye un roturier,
Le dernier des fils d'un Poirier
D'la ru' Berthe,
Depuis les temps les plus anciens,
Nous habitons, moi-z-et les miens,
A Montmerte.
L'an mil-huit-cent-soixante et dix,
Mon papa qu'adorait l'trois-six
Et la verte,
Est mort à quarante et sept ans,
C'qui fait qui' r'pose d'puis longtemps,
A Montmerte.
Deux ou trois ans après je fis
C'qui peut s'app'ler, pour un bon fils,
Eun' rud' perte:
Un soir, su' l' boul'vard Rochechouart,
Ma pauvr' maman se laissait choir,
A Montmerte.
Je n'fus pas très heureux depuis,
J'ai ben souvent passé mes nuits
Sans couverte,
Et ben souvent, quand j'avais faim,
J'ai pas toujours mangé du pain,
A Montmerte.
Mais on était chouette, en c'temps-là,
On n'sacrécœurait pas sur la
Butt' déserte,
Ej' faisais la cour à Nini,
Nini qui voulait fair' son nid,
A Montmerte.
Un soir d'automne, à c'qu'i paraît,
Pendant qu'la vieill' butte r'tirait
Sa rob' verte,
Nous nous épousions, dans les foins,
Sans mair', sans noce et sans témoins,
A Montmerte.
Depuis nous avons des marmots:
Des p'tit's jumell's, des p'tits jumeaux
Qui f'ront, certe,
Des p'tits Poirier qui grandiront,
Qui produiront et qui mourront,
A Montmerte.
Malgré que j'soye un roturier,
Le dernier des fils d'un Poirier
D'la ru' Berthe,
Depuis les temps les plus anciens,
Nous habitons, moi-z-et les miens,
A Montmerte.


Kryscina Banduryna
(Крысціна Бандурына. Geboren 1992 in Mazyr, Belarus)
Das Gewohnte ist verschwunden.
Anstelle des Gewöhnlichen Leere:
fett durchgestrichen
Vornamen, Namen –
gestrichen mit verhaltener Wut,
verhohlenem Hass.
Hier nun trennen sich unsere Wege.
Orpheus verwechselt vor Erregung die Kehre.
„Und wer bist du?", fragt der Spiegel. „Wer
bist du in diesem unvollendet gebliebenen
Santa-Barbara-Märchen?"
Auf Befehl von oben
schießen sie in den Rücken
mit Gummifeuerwerk und scharfem Bling-Bling.
Wo soll man da hin, liebe Eurydike, sag mir,
wohin?
06.11.2020
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler, aus: 23. poesiefestival berlin. Belarus – Anthologie der Dichterinnen. Lesung und Gespräch. Gedichte zum Mit- und Nachlesen. Berlin 2022, S. 29
Звыклае знікла.
На месцы звычайнага пуста:
тлустым прочыркам
імёны і прозвішчы —
крэсляць з затоенай злосцю,
схаванай нянавісцю.
Нам з імі цяпер не па гэтай дарозе.
Арфей растрывожана блытае павароты.
А хто ты? - пытае люстэрка. — Хто ты
ва сёй гэтай так і не скончанай
санта-варварскай казцы?
Яны па указцы зверху
страляюць у спіны
гумовымі феерверкамі і агнявым канфеці.
Куды тут ісці, мілая Эурыдыка, скажы мне,
куды тут ісці?
06.11.2020
Bei lyrikline.org kann man eine erweiterte Fassung dieses Gedichts lesen und von der Autorin vorgetragen hören.
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936, ermordet, in Víznar nahe Granada)
GASELE I
VON DER UNERWARTETEN LIEBE
Niemand erkannte den Duft
der dunklen Magnolie deines Leibes.
Niemand wußte, daß zwischen den Zähnen
du einen Liebes-Kolibri quältest.
Tausend persische Pferdchen schliefen
auf dem mondhellen Platz deiner Stirn,
und vier Nächte lang umschlang ich
deine Lenden, diese Feinde des Schnees.
Zwischen Gips und Jasmin war dein Blick
ein fahles Büschel Samen.
In meiner Brust sucht ich für dich
die Elfenbeinlettern, die sagen immer.
Immer, immer: Garten meiner Agonie,
dein Leib auf der Flucht für immer,
das Blut deiner Adern in meinem Mund,
dein Mund ohne Licht schon für meinen Tod.
Aus dem Spanischen von Lothar Klünner, aus: Federico García Lorca, Diwan des Tamarit. Diván del Tamarit. Sonette der dunklen Liebe. Sonetos del amor oscuro. Übertragen von Rudolf Wittkopf und Lothar Klünner. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1990, S. 9
GACELA PRIMERA
DEL AMOR IMPREVISTO
Nadie comprendía el perfume
de la oscura magnolia de tu vientre.
Nadie sabía que martirizabas
un colibrí de amor entre los dientes.
Mil caballitos persas se dormían
en la plaza con luna de tu frente,
mientras que yo enlazaba cuatro noches
tu cintura, enemiga de la nieve.
Entre yeso y jazmines, tu mirada
era un pálido ramo de simientes.
Yo busqué, para darte, por mi pecho
las letras de marfil que dicen siempre.
Siempre, siempre: jardín de mi agonía,
tu cuerpo fugitivo para siempre,
la sangre de tus venas en mi boca,
tu boca ya sin luz para mi muerte.
Ebd. S. 8
Vier sehr kurze erotische Gedichte des peruanisch-spanischen Dichters Diego Valverde Villena (* 6. April 1967 in Lima, Peru)
ESPADAS ( II )
Cruzamos miradas
y yo fui el herido.
FLORETT ( II )
Wir tauschten Blicke
und ich war der Verwundete.
INDOCILIDAD DEL SUEÑO
Quiero soñar con otras, y apareces tú
UNGEHORSAM DES SCHLAFS
Träumen möchte ich von Anderen, und Du erscheinst.
CANTAR DE CANTARES
No es culpa del sol, Sulamita,
si se oscurece
que lo miraste
HOHELIED
Es ist nicht Schuld der Sonne, Sulamith,
wenn sie sich verdunkelt
da du sie angeschaut hast
BOCA
Tu boca es una planta carnívora que se ha hecho carne
MUND
Dein Mund ist eine fleischfressende Fleisch gewordene Pflanze
Aus: Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024, jeweils auf den gegenüberliegenden Seiten 26/27, 28/29, 60/61 und 72/73.
(Nur wenige Gedichte in diesem Buch nehmen mehr als eine Seite ein, aber ich habe ungefähr die Kürzesten herausgesucht. Demnächst hier eine Rezension des Bandes.)
Heute wäre Heinz Czechowski 90 Jahre alt. Ich wähle ein Gedicht, das ich vor über 40 Jahren zuerst gelesen habe, in bleierner Zeit, wo Gedichte Trost spenden.
Heinz Czechowski
(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)
Was mich betrifft
Erziehungsberechtigt,
Und doch
Ständig erzogen von meinen Erziehern,
Mit gelockerter Zunge
Mündig geworden,
Und doch
Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten,
Geh ich
Noch immer im Kreis.
Auf mich also verwiesen
Im Guten und Schlechten,
Teile ich mit:
Was mich betrifft,
So bin ich ich.
Die Zunge der Schlange ist
Geschickter als meine,
Die Haut des Chamäleons
Paßt sich vortrefflicher noch als die meine
Den jeweils herrschenden Umständen an.
Meine Vorzüge, ich gebe es zu,
Sind vergleichsweise gering: aber
Daß ich nicht kriechen kann
Und meine Farbe nicht wechseln
Je nach Belieben,
Ist auch eine Gnade, für die ich
Niemand zu danken habe,
Außer mir selbst.
Aus: Heinz Czechowski: Was mich betrifft. Gedichte. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1981, S. 17
Alexander Freiherr von Bernus (* 6. Februar 1880 in Aeschach bei Lindau; † 6. März 1965 auf Schloss Donaumünster in Donaumünster) war ein deutscher Schriftsteller und Alchemist bzw. Spagyriker. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Bernus
Isa, 1945
Hat sie uns vieles auch geraubt, die Zeit,
Dem Dichter kann sie sein Gedicht nicht rauben,
Noch dir und mir, woran wir Beide glauben,
Gehn wir nur immer unsern Weg zu zweit.
Es gibt auch Wege in der Dunkelheit,
Und andre müssen sich das Licht verdienen,
Doch unser Weg war ganz von Licht beschienen,
Er kam von weither und er führt noch weit.
Wohin er führt, weiß einzig dein Geleit,
Dein guter Engel – Ihm lass uns vertrauen
Und seinem Licht in dieser Welt voll Grauen
In ihrer tiefen Undurchsichtigkeit.
(© Verlag Hans Carl, Nürnberg, 1962) Quelle: Alexander-von-Bernus-Gesellschaft
Olga Martynova (Ольга Борисовна Мартынова) wurde am 26. Februar 1962 in Sibirien geboren und lebt in Frankfurt am Main. Sie ist eine russisch-deutsche Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Anfang April wird sie in Staufen mit dem Peter-Huchel-Preis für ein herausragendes Gedichtbuch des Jahres 2024 ausgezeichnet. Such nach dem Namen des Windes heißt es. Ich komme erst jetzt dazu, es zu lesen, und wie sollte ich mich nicht gleich in das erste Gedicht verlieben, noch bevor ich den Rest lese?
Vu nemt men a bisele Glik
Weh mir, wo nehm ich
die Suppe,
im Winde die Fahnen dünn,
wehs mir
so oder so,
und der Kapo
im Schatten der Erde.
Die im Winde klirrenden »links«.
Und der Kapo trunken von Küssen:
Vu nemt men a bisele mazl.
Dünn waren die Fahnen.
Wehs mir, vu nehm ich,
wenns Winter ist,
Rosen a bisele,
mazl a bisele,
Schatten, a bisele
Erde, a bisele glik.
Wehs mir, vu nemt men
gelbe Birnen
und wilde Suppe,
a bisele Wasser,
und der Schatten brüllt,
wo nehm ich a bisele
mazl, wenns Winter und Blumen,
und Sonnenschein, wehs mir,
die Mauern stehn
im Schatten der Erde.
A bisele Erde
im Schatten des Gliks.
Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht
mehr. Da stand es und war nur noch sachliche
Aussage: so und so, und der Kapo brüllt »links«,
und die Suppe war dünn, und im Winde klirren
die Fahnen.
JEAN AMÉRY
... подойдет голубь, скажет – гёльдерлин ...
... tritt die Taube hinzu, gurrt – Hölderlin ...
OLEG JURJEW
Übers. von Steffen Popp
Vu nemt men a bisele mazl,
Vu nemt men a bisele glik.
Jiddisches Lied
Aus: Olga Martynova: Such nach dem Namen des Windes. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2024, S. 9f
Anne Carson
(* 21. Juni 1950 in Toronto)
Über Parmenides
Wir brüsten uns, wie zivilisiert wir sind. Doch was, wenn alle Dinge völlig anders hießen. Italien zum Beispiel. Ich habe einen Freund namens Andreas, ein Italiener. Er hat in Argentinien und in England gelebt, auch in Costa Rica. Überall, wo er lebt, lädt er Leute zum Abendessen ein. Eine Menge Arbeit. Artischockenpasta. Pfirsiche. Sein sinniges Lächeln vergeht ihm nie. Was, wenn sich herausstellt, dass Italien eigentlich Brzoy heißt – wird Andreas dann weiter wie der ewige Mond mit seinem geliehenen Schein die Welt durchwandern? Ich fürchte, wir haben nicht verstanden, was er sagte, noch seine Gründe. Was, wenn er, wann immer er Städte sagte, Täuschung meinte, zum Beispiel?
Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson: Irdischer Durst. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 40
SHORT TALK ON PARMENIDES
We pride ourselves on being civilized people. Yet what if the names for things were utterly different? Italy, for example. I have a friend named Andreas, an Italian. He has lived in Argentina as well as in England, and also Costa Rica for some time. Everywhere he lives, he invites people over for supper. It is a lot of work. Artichoke pasta. Peaches. His deep smile never fades. What if the proper name for Italy turns out to be Brzoy? – will Andreas continue to travel the world like the wandering moon with her borrowed light? I fear we failed to understand what he was saying or his reasons. What if every time he said cities he meant delusion, for example?
Aus: Short Talks. With a new afterword by the author and a new introduction by Margaret Christakos. London, Ontario: Brick Books, 2015
Ira Cohen
(3. Februar 1935 in New York City – 25. April 2011 ebd.)
Souvenir de Tanger
für Cynthia Broan
Wie schnell das alles geht
im Cinema RIF
Kaum sind wir angekommen
müssen wir schon wieder heim
So versäumen wir zu finden
wonach wir suchten
Doch wenn sich unsere Herzen öffnen
quellen sie über, platzen
Was ist dieses Geheimnis,
dieses Du & Ich?
Der heiße Wind den sie chergui nennen
wird wehen wenn wir fort sind
wird fegen durch die Stadt
Rosenblätter auf dem Tisch
erinnern mich für immer an dich
»Con su permiso«,
flüsterte die Nacht
Schüttle diese Legenden ab
& entdecke dein wahres Selbst
Am Ende verspreche ich zu schweigen.
Deutsch von Florian Vetsch, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Eine Anthologie. Herausgegeben von Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser, 2019 – In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett. S. 152f
Souvenir de Tanger
for Cynthia Broan
How fast it all goes
at the Cinema RIF
By the time we get somewhere
we have to go home
What we were looking for
we fail to find
Yet when we open our hearts
they are full to overflowing
What is this mystery,
this You & I?
The hot wind they call the chergui
will come after we are gone,
will blow through the city
Rose petals fallen on the table
will always remind me of you
»Con su permiso,«
whispered the night
Escape from these legends
& discover your true self
In the end I promise to be silent.
Maja Haderlap
(* 8. März 1961 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, Kärnten)
als mir die sprache abhanden kam
vielleicht trank ich gerade kaffee
oder schlug eine zeitung auf.
vielleicht zog ich die vorhänge zu
oder sah auf die straße, als sie
mich verließ, ich dachte noch,
was für ein röcheln
aus der tiefe der wand,
was für ein klirren in diesem raum.
kein fensterglas sprang,
kein sessel fiel um in der küche.
an den straßenschildern erloschen
namen zu buchstabenasche.
über den häusern fuhr der
worttanker davon, massig, lautlos.
meine zunge zuckte wie ein
gestrandeter wal im trockenen mund.
ich floh aus der stadt,
zog mich hinter die grenze zurück.
kein brief kam an und antworten
blieben aus. wo ich
war, klafft eine lücke.
wo ich bin, treibt
mein schatten ins kraut.
Aus: »langer transit«, Gedichte © Wallstein Verlag, Göttingen 2014. Hier entnommen aus: Ostragehege. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Nummer 100 (II/2021), S. 34 – Die Zeitschrift druckt auch eine Lesart dieses Gedichts von Róža Domašcyna.
Tillmann Severin
lieber gerhard falkner
du hast mir mal ein käsebrot geschmiert
es hätte eigentlich kuchen geben sollen
aber dein computer war abgestürzt
der mit dem neuen manuskript
darüber hattest du mich vergessen
und den kuchen
dafür gab es brot
eine scheibe frankenlaib
ich habe noch nie so dick butter gegessen
4 mm und darauf noch käse
über münchen haben wir geredet
über deine gedichte
über dein verhältnis zur sprachwissenschaft der hu
darüber, welche kolleginnen du neurotisch findest
kommas am ende deiner gedichtzeilen,
und über deine zusammenarbeit mit der kunst
und über den kongress über dich
„gerhard falkner und die künste"
gerhard, frage ich mich
wie schreibt man ein fettes gedicht
Aus: Tillmann Severin: museum der aussterbenden mittelschicht. Verlagshaus Berlin, 2022, S. 78
Sibylla Vričić Hausmann
(geboren am 4. November 1979 in Wolfsburg)
mer šprahen
mer šprahen
šprahen des hercšlags
šprahen des athems
šprahen der berurung
šprahen der milh
tata-šprahen mama-šprahen
šprahen der veršvisterung
šprahen des kulšranks
šprahen des zing-zangs
šprahen der mušel
šprahen des merbaums
merere šprahen
dem menšlajn
Aus: Manuskripte 239/2023, S. 25
(Im Bedarfsfall lies š wie sch, h wie ch in dach, c wie z, z wie stimmhaftes s)
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