50. Lyrik soll überraschen

André Velter : « Die wichtigste Aufgabe der Lyrik: dahin gehen, wo man sie nicht erwartet »

 

Der Frühling der Dichter geht in seine 14. Ausgabe. André Velter gehört zu den Gründervätern mit Jack Lang und Emmanuel Hoog. Corse Matin vom 11.3. befragte ihn:

Wie geht es der französischen Lyrik?

Sie ist äußerst lebendig! Es gibt eine Wiederbelebung der Mündlichkeit mit dem Auftreten interessanter und sehr unterschiedlicher Autoren. …

Wohin geht die Lyrik?

Nach einer Periode des Formalismus schwingt das Pendel in Richtung eines neuen Lyrismus. …

Wenn Sie zwei große Dichter der Gegenwart nennen sollten?

Adonis, der arabische Dichter syrischer Herkunft, der in Paris lebt. Ein wahrhaft universeller Dichter, der überall übersetzt und gelesen wird. Und Juan Gelman, der aus Argentinien stammt und in Mexiko lebt. Nicht so oft übersetzt, aber ein bedeutender Dichter.

Ihre drei wichtigsten neuen Bücher in Frankreich?

Je Est un Juif (Ich ist ein Jude) von Charles Dobzynski, bei Orizons, ein aufwühlendes Buch, C’est-à-dire (Will sagen) von Franck Venaille im Mercure de France und Vrouz* von Valérie Rouzeau, 100 wunderbare Sonette an der Table ronde.

 

* Ni vrac ni vroum, voilà le vrouz qui arrive, déboule et roule comme un dé sur la table, avec sa couverture bleue sage pas ciel plutôt bleu gris froid, peut-être un peu terne mais quelle vie ne l’est pas ? Vrouz donc, et une note finale nous informe qu’il s’agit d’un bon mot forgé par Jacques Bonnaffé, titre préféré à celui initialement prévu, « autoportraits sonnés avec ou sans moi ».  hier

49. StAnza: Ein Fest des Gedichts in all seinen Formen

Berliner Dichterin liest auf StAnza, dem internationalen Gedichtfestival in Schottland.

StAnza, Schottlands Internationales Gedichtfestival, findet jeden März in St Andrews statt, und wird das ganze Jahr über durch weitere Veranstaltungen fortgesetzt. Im Jahr 2011 wuchs die Zahl der Festivalbesucher auf über 12.000 Personen. StAnza 2012 findet vom 14. bis 18. März statt.

StAnza hat die in Berlin lebende Lyrikerin und Übersetzerin Catherine Hales für einen Vortrag auf Schottlands internationalem Gedichtfest im März 2012 gewonnen.

Ihre Übersetzungen des deutschen Dichters Norbert Hummelt ins Englische wurden in Berlin Fresco veröffentlicht (Shearsman 2010). Zu ihren weiteren Publikationen zählt auch hazard or fall (Shearsman 2010). Außerdem ist sie verantwortlich für “Poetry Hearings”, ein berliner Festival, das sich der Dichtung auf Englisch widmet.

2012 wurde zu Schottlands Kreativ-Jahr ausgerufen. StAnza beteiligt sich vom 14. bis zum 18. März mit mehr als 90 Veranstaltungen in der stimmungsvollen Atmosphäre des Stadtkerns von St.Andrews: Lesungen, Aufführungen, Gespräche, Diskussionen und Dichtkunst in Verbindung mit bildender Kunst, Musik, Theater und Film. Zu dieser Vielfalt trägt bei, dass die Stadt St.Andrews seit Neuestem zu den Kandidaten für den Preis “Kreative Orte” zählt.  Catherine Hales wird sich wiederfinden in einem internationalen Treffen von über 60 Poeten sowie Malern, Schauspielern, Filmemachern und Schriftstellern. Sie stammen aus Schweden, den Niederlanden, Mazedonien, Südafrika, den USA, Jamaika, Polen, Kanada, Irland, Neuseeland und Palästina.

Festival Direktorin Eleanor Livingstone kommentiert:” Wir begrüßen Catherine Hales bei StAnza und freuen uns, dass unser Publikum Gelegenheit erhält, Dichtungen aus Deutschland zu hören.”

Das vollständige Program finden Sie online auf dem Website des Festivals: http://www.stanzapoetry.org.

48. Edit auf der Messe und Edit Essaypreis

Zur Leipziger Buchmesse erscheint die Frühjahrsausgabe Edit 58. Auf 128 Seiten versammelt dieses Heft Prosa und Lyrik, Kunst und Kritik; es geht um den Perserkönig Xerxes, industriell hergestellte Seifenopern, sich selbst zerlegende Körper, Flughäfen als Wanderziele, dubiose Landhotels, Sprachverlust und kontrafaktische Geschichtsdarstellung. Gemeinsam ist allen Texten eine Lust am Erzählen, ein Schwanken zwischen Wahrheit, Wahn und Witz, eine Freude am literarischen Wagnis.

Bevor in der Woche vom 19. März der Versand beginnt, steht hier in Leipzig noch alles im Zeichen der Buchmesse. Besuchen Sie uns am Stand „Junge Magazine“ auf der Buchmesse (Halle 5, D201) oder kommen Sie zu einer unserer Abendveranstaltungen im Rahmen von „Leipzig liest“. Wir werden bei jeder Gelegenheit einen Bauchladen mit frisch gedruckten Edits tragen.

Sie erinnern sich vielleicht: Im Oktober letzten Jahres riefen wir etwas ins Leben, das es so noch nicht gegeben hat: Einen Wettbewerb für genuin literarische Essays ohne Vorgabe eines Themas oder einer Altersgrenze, den ersten Edit Essaypreis. Dieser wird nun im Rahmen der „Langen Leipziger Lesenacht“ am 15. März verliehen. Und dies sind die Preisträger:

  1. Simone Schröder – „Manchmal wie ein großer schwarzer Kasten“
  2. Francis Nenik – „Vom Wunder der doppelten Biografieführung“
  3. Bruno Preisendörfer „Zeitsprünge“

Danke & schöne Grüße aus Leipzig!

Jörn Dege & Mathias Zeiske

Donnerstag bis Sonntag, 15.-18. März, 10-18 Uhr
Edit am Gemeinschaftsstand “Junge Magazine”
mit BELLA triste, randnummer, sprachgebunden, Umlaut
Buchmesse, Halle 5, Stand D201

Donnerstag, 15. März, 20 Uhr
Magazinlese
BELLA triste & Edit präsentieren
Alexander Langer & Jan Skudlarek
L3 – Lange Leipziger Lesenacht
Moritzbastei, Universitätsstraße 9 (Schwalbennest)

Donnerstag, 15. März, 23 Uhr
Edit Essaypreis 2012 – Preisverleihung
L3 – Lange Leipziger Lesenacht
Moritzbastei, Universitätsstraße 9 (Ratstonne)

Freitag, 16. März, 20 Uhr
Literarischer Freitag-Salon
mit Michael Angele, Jakob Augstein,
Jörn Dege und Jana Hensel
Centraltheater, Erfrischungsfoyer, Bosestraße 1
(Eintritt frei)

Freitag, 16. März, 21.30 Uhr
Auf drei!
Lesung mit Olga Grjasnowa,
Andreas Martin Widmann
und Wolfram Lotz
Skala, Gottschedstraße 16
(Eintritt: 5 Euro)

Freitag, 16. März, 22 Uhr
Papageien und Spiegel
Lesung mit Olga Martynova und Oleg Jurjew
Moderation: Jan Kuhlbrodt
Horns Erben, Arndtstraße 33
(Eintritt: 5 Euro)

Samstag, 17. März, 12-20 Uhr
It’s a book, it’s a stage, it’s a public place
Edit beim Treffen unabhängiger Verlage und Publikationsprojekte
Centraltheater, Garderobenfoyer, Bosestraße 1

Samstag, 17. März, 19.30 Uhr
Teil der Bewegung – Lyriknacht
Lesungen: Tanja Dückers, Michael Fiedler, Peter Gizzi,
Dagmara Kraus, Marie T. Martin, Kerstin Preiwuß, Monika Rinck,
Andre Rudolph, Ulrike Almut Sandig mit Marlen Pelny,
Ulf Stolterfoht, Musik: Susie Asado & Band
Moderation: Mathias Zeiske und Alexander Gumz
Galerie der HGB Leipzig, Wächterstraße 11
(Unkostenbeitrag: 5 Euro)

Eine Veranstaltung von Edit, kookbooks, luxbooks, Poetenladen und Schöffling & Co. – mit Unterstützung der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst

www.editonline.de

www.essaypreis.de

www.facebook.com/editiert

47. Anti-Enzensberger

Enzensbergers Thesen scheinen sich durch schlichtes Wieder­käuen zum gültigen Stand der Debatte nobi­litiert zu haben.

Sagt Bertram Reinecke in einem Essay über die „Aporien der Avantgarde“, der vor einigen Tagen beim Poetenladen erschien. Auszüge:

Wer einen Text angreift, der ein halbes Jahrhundert alt ist, wirkt nicht nur inaktuell, er sieht auch aus, als wolle er aus der gesicherten Position der Gegenwart auf eine historische Bemühung herabschauen. Beides ist hier nicht der Fall, denn Enzens­bergers Essay „Die Aporien der Avantgarde“ ist aktuell, insofern sich die darin enthaltenen Miss­ver­ständ­nisse als erstaunlich zählebig erwiesen haben.
Tatsächlich werden Enzensbergers Positionen heute sowohl in Einführungs­werken als Diagnosen kol­portiert, wie in germanis­tischen Rezensionen ganz selbst­ver­ständ­lich als Hebel des kri­tischen Sach­stands angesetzt.

Heute wird der Essay als Stützanker im öffentlichen poeto­logischen Gespräch verwendet, als hätte der Autor in seinem Essay irgend etwas Neues über die Avant­garde heraus­gefunden oder dies auch nur vor­gehabt und auch im begin­nenden 21sten Jahr­hundert beendet der Satz „Lies Die Aporien der Avant­garde, da zeigt sich, dass sich das Konzept schon damals erledigt hatte“ Seminar­diskus­sionen auf autoritäre Weise.

Enzensbergers Thesen scheinen sich durch schlichtes Wiederkäuen zum gültigen Stand der Debatte nobi­litiert zu haben. Angriffe auf seinen Text machen sich dadurch sofort als subjektive Volten verdächtig.
Einen Nachgeborenen, dessen Weg mit der Fort­setzung ehemals als „avant­gardis­tisch“ einsortierter Posi­tionen zu tun hat, wehen Enzensbergers Thesen also recht kalt an.

Wenn allerdings in Abitur­stufe und Grund­studium ein Text die Grundlagen für ein Lite­ratur­verständnis legt – solche Grundlagen werden in den seltensten Fällen später ernstlich hinter­fragt – der in seinen besten Stellen eine unent­wirrbare Ver­knäulung weniger wahrer und aller­hand falscher Annahmen darstellt, sich im wesentlichen aber als ein wohl­formu­lierter Ausdruck von Resen­timent erweist, ist irgend etwas schief gegangen.

(…)

Geht man davon aus, das eine gemeinschaftliche Anstrengung zu einer Veränderung künstle­rischer Maßstäbe nicht unmittelbar mit einer Charakter­schwäche zu tun hat, wird Enzens­bergers weitere Argu­mentation dürftig.

Denn er sagt es ja selbst: „Kein einziges Werk ist zu widerlegen mit dem Hinweis darauf, dass sein Urheber sich zu dieser oder jener Garde geschlagen hat.“ Wenn aber das einzelne Werk über das Programm einer Gruppe immer hinaus­reicht, versteht es sich nicht von selbst, dass irgendwelche (Fehl)leistungen Marinettis, Kerouacs, Dalis oder Bretons unmittelbar ihren Gruppen anzulasten wären, noch weniger, dass sie die Avant­garden an sich beträfen.

Sätze, die man für geschmacklos halten kann, wie „Kriege meliorieren die Rassen“, „Hitler ist der größte Surrealist“ oder „Die einfachste sur­realistische Tat besteht darin, mit Revolvern auf die Straße zu gehen und so lange wie möglich in die Menge zu schießen“ mögen sich in avantgardistischen Manifesten häufiger finden als etwa in einem Kochbuch: Dass es Avantgarden auch um Provo­kation ging, soll nicht bestritten werden.

Man kann allerdings auch untersuchen, wie die von Enzensberger zitierten Provo­katio­nen hergestellt sind und wird schnell finden, dass er Verschiedenes in einen Topf wirft. Während es sich bei dem Marinetti­zitat tatsächlich um dumpfen Faschis­mus handelt, leben die beiden anderen von der Fall­höhe der Bedeut­samkeit ihrer Themen. Angesichts von Gewalt und Schrecken wirkt jedes Nebenthema, zumal im zweiten Falle, wo es sich (vom Satzbau) keck zum Hauptthema aufschwingt, schnell geschmacklos.

Wir alle erinnern uns, wie schwer es nach den Ereignissen des 11. September wurde, eigentlich wichtige Fragen wie Versäumnisse der Entwicklungspolitik, Probleme der medialen Darstellung anderer Kultur oder von Gewalt zur Sprache zu bringen. Die Soziologie hat dafür ein Wort: Betroffen­heits­spirale. Die eigent­lich begründete Scheu, andere zu verletzen, führt dazu, dass Differen­zierungs­prozesse nicht mehr öffentlich ausgetragen werden können und Tabus entstehen. Es gibt nur noch schwarz oder weiß. Das Brisante an solchen Spiralen ist, dass solche Betrof­fenheit nicht einmal empfunden werden muss. Es genügt dazu, wenn es öffentliche Arti­kulationen von Betrof­fenheit gibt (manchmal sogar nur im Namen von anderen). Die eigent­lich begründete Scheu, andere zu verletzen, kann angesichts von Gewalt und Schrecken daran beteiligt sein, eine plura­listische Zivil­gesellschaft zu unter­graben. Die Frage nach den Konven­tionen bürgerlicher Angemessenheit, die sich noch in den rüden Provo­kationen der Sur­realisten ausspricht, handelt also von sehr viel bedeut­sameren Dingen als der Frage, „ob man Fisch mit dem Messer essen“ soll.
Dem deutschen Musterschüler Enzensberger hingegen fällt zu den zitierten Sätzen nicht mehr ein als zu behaupten: „Die sagen Hitler und Gewalt, die sind böse“ Und alle gut (autoritär) erzogenen Musterschüler haben sich gefälligst mit Ekel abzuwenden. Nach der Polizei zu rufen traut er sich damals noch nicht.

Überhaupt scheinen ihm Verfahrens­neuerungen, veränderte Haltungen und der­glei­chen ziemlich egal. Worauf es ihm ankommt, ist der poli­tische Inhalt, die Tendenz. Damit tut er genau das, was auch die Kritiker des Neuen Deutschlands taten, und was er zu Recht rügt: „Diese Vo­rschriften sind immer dieselben Der Akzent muss auf welt­anschaulichen Fragen liegen“ Die italienische Futuristen und die Surrealisten kommen ihm wegen der charakterlichen Dispo­sitionen ihrer geistigen Vor­reiter da besonders entgegen. Der Expres­sionismus dürfte auch 1962 in Deutschland zu bekannt gewesen sein, als dass man ihn so lapidar über diesen Kamm scheren kann.

Auf sonderbare Weise fängt er im hinteren Teil des Essays an, den Futurismus für ein Urphä­nomen der Avantgarde zu halten, während er sich vorher, damit seine Begriffsanalyse irgend plausibel ist, dazu ent­schlossen hatte, das Phänomen bis ins mittlere 19. Jahrhundert zurück zu datieren.

Ebenso seiner Sache dienlich wie aus der Luft gegriffen ist die Behauptung, der Surrealismus sei die am besten ausge­baute Avant­garde. „Alle früheren und späteren Grup­pierungen wirken mit ihm verglichen armselig dilet­tantisch und unartikuliert.“
Diese Diagnose ist in Bezug auf den russischen Kubo­futurismus/ Kons­truktivismus zumindest erklä­rungs­bedürf­tig. Denn diese Bewegung hatte, wie die Surrealisten, neben einer ausgeprägten Manifestkultur ebenso eine reiche lite­ra­rische Produkt­ion und war ein gesamt­künstle­risches Phänomen. Nicht nur gibt es wie bei den Sur­realisten zahl­reiche richtungs­weisende Pro­duktionen in bil­dender Kunst und Film. Der Kubo­futuris­mus-Konstruk­tivismus erstreckte sich folgenreicher als der Sur­realismus auch auf Architektur, Bühne und die zeitgenössische Musik. Er hatte nicht nur wie der Surrealisms seine eigenen Publikations­organe (LeF, MAF), durch ihn beeinflusst erschuf sich auch gleich die passende Literatur-, Sprach- und Kunst­wissenschaft.

Ebenso wird man schwerlich behaupten können, dass Leute wie Chlebnikow, Majakowski oder Krutschonych ihre größten Leistungen erst in Abkehr von ihrer Doktrin vollbrachten, wie das Enzensberger pars pro toto anhand der sur­realistischen Künstler dekretiert. Es gibt durchaus Programme, die nicht erst in ihrer Überwindung künstlerisch fruchtbar geworden sind, auch wenn es unser Kunstverständnis, das durch Geniekult, Auratik und Adorno hindurchgegangen ist, frustrieren mag.

Enzensberger ignoriert dies alles mehr oder weniger bewusst und gießt lieber billige Häme aus. „Selbst­verständlich waren die gelegentlichen Sympatien der Avantgarde für die totalitären Bewe­gungen durchaus einseitig …“ schreibt er mit Blick auf die russischen Futuristen. Gewiss: Sie betrach­teten die russischen Umwälzungen mit Hoffnung, was angesichts des morschen zaris­tischen Ochrana­staates kaum verwunderlich ist. Sie waren, vielleicht sogar mehr als nur gelegentlich, Kommunisten. Ihnen dies vorzuwerfen, wäre ebenso logisch, als wolle man Stefan Heym oder Adolf Endler nachsagen, sie legten sich zur CSU ins Bett, weil sie sich als Demokraten gegen eine verkrustete DDR-Büro­kraten­herr­schaft zur Wehr setzten. (Und Stalinisten argumentieren ja in der Tat so!)

Da es ihm nur um poli­tische Inhalte geht, ist es konsequent, dass Enzens­berger nicht ein einziges literarisches Werk der von ihm behan­delten Avant­garden einer näheren Unter­suchung unterzieht. Er gibt eine Silben­reihe, die dann prototypisch für jegliche avant­gardis­tische Literatur einstehen darf. Dies ohne Kontext und man fragt sich: Ist dies Teil einer Rühmschen Sprech­partitur? Über­raschendes Ergebnis eines Sortier- oder Umform­prozesses? Tragen die Silben vielleicht Reste einer Semantik oder sind sie Dokument eines expe­rimentel­len Scheiterns? Ehe man nicht weiß, was man damit anfangen kann, kann man eben nichts damit anfangen, ganz unabhängig noch von der Frage, ob das Werk nun künstle­risch hochwertig ist oder nicht. Wenn es den Avant­garden ernst ist mit der Ein­führung neuer Gebrauchs­weisen neuartiger Kunst­gegenstände, dann beweist das nichts.
Ebenso leicht könnte man folgende Buch­stabengruppe als eine sinnlos in die Tastatur gehackte Buch­stabengruppe dis­kreditieren:

„Taumatawhakatangihangakoauauot­amateaturipukakapikimaun­gahoronukupokaiwhen­uaki tanatahu“

(Dabei ist es sogar fast ein Gedicht.) Statt näher hin zu schauen, klopft Enzensberger lieber seinem Leser auf die Schulter: Deine (historisch, z.B. in der Schule erlernten) Maßstäbe reichen aus, die Fülle auch neuerer Experi­mente intel­lektuell zu bewältigen. Wer sich als Leser in diesem schönen Lichte uni­verseller Kritik­fähigkeit sonnen will, muss freilich Enzens­berger voll vertrauen und die Kröten mit­fressen. Es ist dies eine Variante einer rhetorischen Strategie, die sowohl bei Handels­vertretern als auch bei den Zeugen Jehovas Anwendung findet: „Sie als intel­ligen­ter Mensch werden mir doch zustimmen, wenn ich sage, dass …“

Auch in Bezug auf das Experimentieren belässt es Enzensberger bei den naiven Legenden der Schul­bücher und mag die weitaus differen­zierteren Anmer­kungen, die etwa Helmut Heißenbüttel zu diesem Thema gemacht hat, sich und dem Leser nicht zumuten. Auch hier appelliert Enzensberger an einen Common sense, dem er an anderer Stelle als bloß aner­zogenen miss­traut. Insofern viele Texte land­läufig als expe­rimentell bezeichnet werden, die dies ihrem eigenen Selbst­ver­ständnis nach nicht sind, bloß weil sie der Allgemein­heit unbekanntere Sprech­weisen nutzen, ist ein solcher Appell verfehlt.

46. Nicht neidisch

In der Wiener Kleeblattgasse hat Ende Jänner ein Buchshop eröffnet, in dem ausschließlich Romane und Abhandlungen von Frauen verkauft werden. Und Theorien über Feminismus. / Wiener Zeitung

Die Theorien können anscheinend auch von Männern sein, wenn ich die Formulierung mal ernst nehme. Aber egal: Keine Gedichte? Bin ich nicht neidisch. Sie werden schon kriegen, was sie verdienen. 🙂

45. Poesiefrühling

Poesiefrühling ist ein Poesiefestival, das jährlich im März in Berlin stattfindet und bei dem sich jedeR bewerben kann. 2012 findet Poesiefrühling vom 9. – 18. März in Wedding statt.

Wir – Nicola Caroli, Catherine Launay und Mehtap Akdemir – suchen interdisziplinäre und/oder interaktive Poesieprojekte.

Damit meinen wir:

„Poesieprojekte“ – Projekte, die mit Gedichten, DichterInnen und/oder Poetik zu tun haben.

„interdisziplinär“ – Poesie trifft auf andere Disziplinen (z.B. Kunstsparten, Wissenschaft, Sport…).

„interaktiv“ – Interessierte sind zum Mitgestalten an den Poesieprojekten eingeladen und werden selbst aktiv.

Die Poesieprojekte finden in verschiedenen Sprachen statt.

Mit dem Festival bieten wir einen Rahmen, in dem sich jedeR mit Poesie beschäftigen, mit ihr experimentieren und sie mit anderen teilen kann. Das Ziel ist vielfältige Zugänge zu Poesie zu schaffen sowie Poesie im öffentlichen und privaten Raum präsent und erfahrbar zu machen.

Wir wählen Projekte aus und bieten Feedback bei der Konzeptentwicklung, Öffentlichkeits- und Pressearbeit für das Festival und Kontakte für Veranstaltungsorte.

Mehtap, Nicola und Catherine

44. „Nicht so schlimm und doch vergleichsweise banal“

Die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ wollte der politischen Lyrik wieder auf die Beine helfen und startete vor rund einem Jahr die Reihe „Politik & Lyrik“. Dichter sollten im Auftrag der „Zeit“ aktuelle Anlässe bedichten, Politiker bei ihrer Arbeit begleiten, die Bundestagskantine aufsuchen und so weiter. Glaubt man der Redaktion, so war die Begeisterung groß: Einige Autoren wollten unbedingt den rauchenden Altkanzler Helmut Schmidt treffen, eine Lyrikerin gar einen ganzen Tag mit dem (inzwischen ehemaligen) FDP-Generalsekretär verbringen.

Kurz: Man musste Schlimmstes befürchten. Am Ende kam es dann nicht ganz so arg. Zwar blieben einige Poeten als Auftragsschreiber deutlich unter ihrem sonstigen Niveau (Hendrik Rost), aber zumeist konnten sich die Erzeugnisse durchaus sehen lassen. Am beeindruckendsten waren sie dort, wo sie sich am stärksten von Politikern, Politikbetrieb und Aktualitätszwang zu lösen vermochten und nicht Meinungen, sondern Erfahrungen zum Besten gaben.

Dennoch wirkt das alles relativ banal, wenn man es mit den Gedichten vergleicht, die der bosnische Lyriker Faruk Šehić in dem Band „Abzeichen aus Fleisch“ (übersetzt von Hana Stojić, Edition Korrespondenzen, Wien 2011) präsentiert. / Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung

Auf der Verlagsseite gibt es ein Gedicht:

KRIEGSSPIEL

auf dem höchsten Turm
der Altstadt
hat der Heckenschütze
seinen Bau
die Entfernung zwischen
uns und ihm
an der Stelle die
wir durchlaufen
beträgt fünfzig
Meter
Luftlinie
wenn du für einen Augenblick in Gedanken verfällst
und vergisst
dass du schnell rennen musst
wirst du vom Zischen der Kugel ermahnt
wenn du nicht ermahnt wirst
heißt es du bist tot.

Faruk Šehić, Abzeichen aus Fleisch
Deutsche Erstausgabe
Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić
160 Seiten, Broschur, fadengeheftet
ISBN 978-3-902113-87-0    € 16,–   

(Gut, diese Erfahrung will man auch den deutschen Lyrikern nicht wünschen. Die Zeit-Serie Politik & Lyrik endete im Januar mit bislang wenig Echo.)

43. Westliche Erwartungshaltung

Zum Buchmesseschwerpunkt Weißrußland ein Gespräch im Standard:

Standard: Gibt es da vielleicht vom westlichen Publikum eine bestimmte Erwartungshaltung, die von den Autoren in vorauseilendem Gehorsam eifrig bedient wird?

Pollack: Das stimmt, aber es gibt auch Autorinnen wie die belarussische Lyrikerin Valzhyna Mort, die es nicht mehr hören kann, dass sie ständig politische Statements abgeben soll. Es ist alles andere als einfach, nicht in diese Falle zu tappen, weil sich diese Autoren dem theoretisch zwar verweigern können, aber wenn sie das tun, dann wird es für sie noch einmal schwerer, im Westen wahrgenommen zu werden, als es ohnehin schon ist. Diese Dynamik finde ich alles andere als optimal.

Standard: Ist es Ihnen gelungen, in Leipzig Autorinnen und Autoren aus Belarus, Polen und der Ukraine zu präsentieren, die sich eben nicht als „politische Autoren“ schubladisieren lassen?

Pollack: Zum Teil. Wir bringen zum Beispiel Andrej Chadanowitsch, der auch unpolitische Gedichte schreibt und der sich wie Valzhyna Mort dagegen verwahrt, als Ideologe oder Publizist gesehen zu werden. Es geht nicht darum, die Politik völlig auszublenden, das ist ohnehin unmöglich.

42. „Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken“

Benn konnte sich im Frühjahr 1912 über die starke Wirkung der Gedichte nicht freuen, wie aus einem erst vor fünf Jahren aufgetauchten Brief hervorgeht (F.A.Z. vom 11. Januar 2007) – allerdings nicht, weil „ein paar Spießer, Familienväter, Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken aus ihrer Ruhe gestört“ wurden, sondern weil er, trotz durchaus auch positiver Kritik, dieser Zusammenstellung niemals zugestimmt hätte: Er fühlte sich von seinem Verleger „schamlos ausgenutzt“ und bedauerte die Veröffentlichung. Das alles rieche „nach Sensation“ und schmecke „nach Kino“.

Ins Kino haben es Benn-Texte noch nicht geschafft. Vielleicht sollte man die Mitte März bei Klett-Cotta erscheinende Jubiläumsausgabe einmal David Lynch zukommen lassen. Der optisch an der Erstausgabe orientierte Band ist mit düsteren, nach deren Entstehen in den sechziger Jahren ebenfalls skandalisierten Bildern von Georg Baselitz garniert. Unklar allerdings bleibt, ob Baselitz sich damit auf Benn beziehen wollte oder ob die Idee, die beiden nun als Duo infernale zusammenzuspannen, dem Verlag zu verdanken ist. / FRIEDERIKE REENTS, FAZ 8.3.

Gottfried Benn: „Morgue und andere Gedichte“. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 32 S., br., 10,- €.

41. Übersetzungsstreit

Since his Nobel moment in October, three different Transtromer books have been released (or reissued): THE DELETED WORLD: Poems (Farrar, Straus & Giroux, $13), with translations by the Scottish poet Robin Robertson; TOMAS TRANSTROMER: Selected Poems (Ecco/HarperCollins, $15.99), edited by Robert Hass; and FOR THE LIVING AND THE DEAD: Poems and a Memoir (Ecco/HarperCollins, $15.99), edited by Daniel Halpern. These books join two major collections already in print: “The Half-Finished Heaven: The Best Poems of Tomas Transtromer,” from Graywolf Press, translated by Robert Bly, and “The Great Enigma: New Collected Poems,” from New Directions, translated by Robin Fulton. So a little complaining, a glut of books: pretty typical.

But what’s unusual about Transtromer is that the most interesting debates over English versions of his work actually took place before his Nobel victory. In this case, the argument went to the heart of the translator’s function and occurred mostly in The Times Literary Supplement. The disputants were Fulton, one of Transtromer’s longest-serving translators, and Robertson, who has described his own efforts as “imitations.” Fulton accused Robertson (who doesn’t speak Swedish) of borrowing from his more faithful versions while inserting superfluous bits of Robertson’s own creation — in essence, creating poems that are neither accurate translations nor interesting departures. Fulton rolled his eyes at “the strange current fashion whereby a ‘translation’ is liable to be praised in inverse proportion to the ‘translator’s’ knowledge of the original language.” Robertson’s supporters countered that Fulton was just annoyed because Robertson was more concerned with the spirit of the poems than with getting every little kottbulle exactly right.

To understand this dispute, it’s necessary to have a sense of the poetry itself. Transtromer prefers still, pared-down arrangements that rely more on image and tone than, say, peculiarities of diction or references to local culture. The voice is typically calm yet weary, as if the lines were meant to be read after midnight, in an office from which everyone else had gone home. And his gift for metaphor is remarkable, as in the start of “Open and Closed Spaces” (in Fulton’s translation):

A man feels the world with his work like a glove.
He rests for a while at midday having laid aside
the gloves on the shelf.
They suddenly grow, spread,
and black out the whole house from inside.

The first comparison is surprising enough — work is a glove? With which we feel the world? But notice how quickly yet smoothly Transtromer extends the metaphor into even stranger territory; the gloves expand from the refuge of the house (which is implicitly the private self) to obscure everything we know and are. The poem becomes a meditation on what constitutes a prison, what could be considered a release (“‘Amnesty,’ runs the whisper in the grass”) and whether these might lie closer together than we realize.

/ David Orr, New York Times 11.3. (sic)

Die zitierte Passage lautet in der Übersetzung von Hanns Grössel, Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte, Hanser 1999, S. 99:

Ein Mann befühlt die Welt mit dem Beruf wie mit einem Handschuh.
Mitten am Tage ruht er ein Weilchen aus und hat die Handschuhe aufs Regal abgelegt. 
Dort wachsen sie plötzlich, breiten sich aus
und verdunkeln das ganze Haus von innen.

Und recht ähnlich bei Pierre Zekeli, Tomas Tranströmer: Formeln der Reise. Berlin: Volk und Welt 1983 („Weiße Lyrikreihe“),  S. 41:

Ein Mann tastet an der Welt mit seinem Beruf: seinem Handschuh.
Er ruht eine Weile aus mitten am Tag und legt die Handschuhe weg aufs Regal.
Dort wachsen sie plötzlich, breiten sich aus
und verdunkeln das ganze Haus von innen. 

Die Übersetzung von Zekeli wurde entnommen entweder aus Tomas Tranströmer: Gedichte. Literarisches Colloquium Berlin 1969 oder aus Schwedische Lyrik der Gegenwart, Horst Erdmann Verlag Tübingen und Basel 1979 (beide sind als Quellen angebeben, aber nicht einzeln nachgewiesen). Grössels Übersetzungen erschienen selbständig in Buchform ab 1985 bei Hanser und sind in dem zitierten Band zusammengefaßt.

40. Statistik

WordPress-Karte der Besucher der Lyrikzeitung von heute 19 Uhr:

Schöne Grüße, Welt! Lies schön!

39. Ich ist eine andere

Graue Vorzeit – biografisch gesehen die Zeit, als meine Haare noch schwarz waren. Irgendwann Anfang der 80er fand ich in einer Zeitschrift namens „Neue Literatur“, Monatszeitschrift des Schriftstellerverbandes der SR („Sozialistischen Republik“) Rumänien, die ich abonniert hatte und mit Spannung las (u.a. waren mir dort in den 70er Jahren paar Prosatexte einer gewissen Herta Müller aufgefallen, die mich elektrisierten), ein paar Gedichte von einem Klaus F. Schneider. Ich merkte mir den Namen und fand ihn gelegentlich in Anthologien und Zeitschriften wieder – in den 90er Jahren und neuerlich vor 2 oder 3 Jahren in der „randnummer“. Dann fiel mir ein Buch in die Hände und wieder einige Wochen später traf ich ihn auf Facebook. Mittlerweile einer meiner engsten Facebookkontakte, auch eine Nachteule – wir tauschen fast tag- und nächtlich Informationen und Meinungen, teils öffentlich teils privat. Viele äußern Vorbehalte gegen Facebook, kann ich verstehen, aber mich macht es seit jeher skeptisch, wenn Bekannte genauso reden wie die Regierung, das hat sich nicht geändert. Die Leute, die schamlos an meine Daten herangehen und sammeln was sie kriegen können (upps, hab kein Handy, ihr kriegt mich nicht, da nicht!), warnen mich vor Facebook. Ihr könnt mich, ich paß auf mich selber auf.

Neulich las ich bei einer österreichischen Bloggerin, die ich bewundere und jedem ans Herz lege, der sich für Lyrik und Verwandtes interessiert, ein Lob des Bloggens, verständlich, indes mit einem Akzent, der nicht auf meine Erfahrung paßt. Bloggen sei produktiv – im Unterschied zum bloß konsumptiven Facebook, meinte sie. Na, das kommt drauf an, dacht ich. Grad hatte ich einen thread verfolgt, in dem etliche Autoren stundenlang über ein Gedicht von Norbert Hummelt diskutierten. Und ob da produziert wird!

Zurück zu Schneider (er heißt bei Facebook anders). Fast sicher ist, daß wir ohne Facebook nicht in so engen Kontakt gekommen wären. Von Greifswald ist es fast überall hin zu weit (außer Rügen und Usedom und allenfalls noch Klempenow und Darß/Fischland).

Seit einigen Tagen veröffentlicht er offenbar als Versuchsballon numerierte Gedichte. Eins heute nachmittag klingelte bei mir: Hallo, hier bin ich. So wie meine „Meine Anthologie“ genannte Onlineanthologie seit 12 Jahren funktioniert (noch ein Jahr länger als die Lyrikzeitung). Hier ist es.

(Ich hab den Autor um Erlaubnis gefragt, er zögerte, weil er es vielleicht noch überarbeitet, aber ich erläuterte ihm mein Projekt und bat, es für hier nehmen zu dürfen as is. Bzw. as was – vor 18 Stunden.)

#13
ich lese nicht sehr viele zeitungen aber ich habe gehört viele situationen.
was komme sprache mir sagen jetzt plotzlich nix mehr gut
wie ich musse spielen meine system ändern? 
ganze woche trainieren avanguardia
und dann auf platz spiele medizinball. 
diese avanguardia heute ist catenaccio mit ballett! 

was wolle experiment? 
mir sagen ich mache falsch?
epxeriment glaube spielen wie maradonna
aber experiment isse strunz! 
flasche leer! und gibt immer verlängerung 
auch wenn nicht mehr ist platz für die zeit.

warum accademie fordern viererkette
wenn alle wolle mache libero? viere mal lothar matthäus!?
haben viele kollegen stellen sie die kollegen in frage! 
haben keine mut an worten aber ich weiß was denken über diese spieler!

und zuschauer nur viceversa von die capo und agenten 
alles marionette macht nur noch la ola …
ist eine tsunami von la ola! 
kann machen la ola überall so viel sie wolle 
auch zu hause allein. aber nix mehr wie ein subjekt. 
subjekt stehen abseits in neue norm. passive abseits! 
ist klar diese wörter? ist möglich verstehen?
jetzt nur noch mannschaft in kopf aber ganze turnier
nicht genug luft weil immer querpass mit worte rotieren
einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind 
nix mehr wissen wohin laufen weil nur noch objekt:
wozu brauche diese ball? kann bilden eine capella aufstellen 
chor mit ganze mannschaft und riserva von bank 
und alle debutante naturlich A-jugend!

offensiv. offensiv ist wie machen in platz. 
kann machen viele haufen bis rasen kaputt ist 
spielplatz für talpa wie sagt man? 
wenn kann schießen auf tor dann viele posizione 
auf eine mal zusammen dass keine weiß wo kommt ball
und wenn sie nehmen mit kopf immer eigene mann 
fliegt so hoch dass tore musse sein wie bei rugby.

ich hat eine andere

38. Imagistin

Ich liebe das. Gestern abend las ich H.D., und eben kommt mir per Mail ein Gedicht von Amy Lowell (1872-1925) vor Augen. Amy Lowell reiste nach England, um den Imagismus kennenzulernen, und führte ihn in Amerika ein. Dafür erhielt sie postum den Pulitzerpreis.

Vernal Equinox

 

The scent of hyacinths, like a pale mist, lies 
   between me and my book;
And the South Wind, washing through the room,
Makes the candles quiver.
My nerves sting at a spatter of rain on the shutter,
And I am uneasy with the thrusting of green shoots
Outside, in the night.

Why are you not here to overpower me with your 
   tense and urgent love?

Einige ihrer Gedichte hier:

Sehen heißt ändern
Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brocan. 

zweisprachig englisch/deutsch, 
354 Seiten, Broschur.
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2006
ISBN 978-3-9807150-8-9, 36,00 EUR

Und hier, siehe Kommentare:

Amy Lowell, Verwundertes Glimmen. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Annette Kühn. Mit einem Essay von Amy Lowell. luxbooks, 2008

Und von H.D. (deutsche Ausgaben, chronologisch):

  • Avon (Avon River). Übersetzt von Johannes Urzidil. (= Tausenddrucke; 1). Suhrkamp, Berlin und Frankfurt am Main 1955
  • HERmione. Roman. Übersetzt von Anja Lazarowicz. Hanser, München und Wien 1987, ISBN 3-446-14474-9; Taschenbuchausgaben bei Wagenbach, Berlin 1988, ISBN 3-8031-2312-7 und Goldmann, München 1989, ISBN 3-442-09295-7
  • Hermetic Definition / Heimliche Deutung. Gedichte. Übersetzt von Ulrike Draesner. Urs Engeler Editor, Basel 2006, ISBN 978-3-938767-11-5
  • Tribut an Freud (Tribute to Freud). Prosa. Übersetzt von Michael Schröter. Urs Engeler Editor, Basel 2008, ISBN 978-3-938767-48-1
  • Madrigal (Bid me to live). Übersetzt von Anja Lazarowicz. Urs Engeler Editor, Basel 2008, ISBN 978-3-938767-46-7
  • Denken und Schauen. Und: Fragmente der Sappho. [1] (= Roughbooks; 016). Urs Engeler Editor, Solothurn 2011
  • MeeresGarten (Sea Garden). Gedichte. Übersetzt von Annette Kühn. Zweisprachig. luxbooks, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-939557-27-2

37. Großer Österreichischer Staatspreis für Waterhouse

Der Autor Peter Waterhouse (55) erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 2012, die auf Vorschlag des Kunstsenats zuerkannte höchste Kunst-Auszeichnung der Republik Österreich. Das teilte das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur am Freitag in einer Aussendung mit. Waterhouse verfasst Lyrik, Essays, Erzählungen, Romane und Theaterstücke und wurde vielfach ausgezeichnet. Ministerin Claudia Schmied (S) würdigte ihn als „Sprachkünstler, feinsinnig und wortgewaltig zugleich“. Die mit 30.000 Euro dotierte Ehrung wird Ende Juli im Rahmen der Salzburger Festspiele überreicht. / Wiener Zeitung

36. Warnung vor Würfeln

Weltdichtung und Popkultur, Alltag und Archaisches verlaufen ineinander ohne hierarchischen Unterschied. Tarzan im Fernsehen schwingt vorbei an Michel Polnareff und Sinead O’Connor, um bei Elizabeth Bennet aus Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ zu landen oder mit polyphonem Handyklingelton unter Wasser im Rhein bei Heine auf der Mailbox („Nach dem Piepton, Loreley, nach dem Piepton“); und das Schokobraun seiner Liane schimmert melancholisch im Nagellack der verflossenen Geliebten wider.

Das „Sashimi“-Lied an einen Sushimeister klingt, als habe sich „Des Knaben Wunderhorn“ heute in São Paulos japanischem Stadtteil Liberdade versteckt; und das „Rosa Buch der törichten Herzen“ mit ihren Erinnerungen an verflossene Frauen nimmt auch ohne Aphrodites goldene Schalen neben Sappho und Verlaine an einem gemeinsamen Cafétisch Platz, um mit ihnen dadaistisch zu kalauern, dass es Morgenstern und Arp eine Freude wäre.

Selbst Würfelwerfen wird zur Gefahrenquelle im Haushalt: „wissen sie eigentlich, wie viele personen im jahr/durch unfälle mit mallarmé sterben?“  / Florian Borchmeyer, FAZ 7.3. (hier bei buecher.de)

Angélica Freitas
Rilke Shake
Ausgewählte Gedichte. Deutsch – Portugiesisch
Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel
luxbooks, Wiesbaden 2011

ISBN-10 393955782 X
ISBN-13 9783939557821

Kartoniert, 132 Seiten, 18,50 EUR