Die Ausrufezeichen machen den Appell sofort deutlich, auch wenn man das Gedicht von Francisco José Tenreiro nicht versteht. „Negro! Levanta os olhos pro sol rijo e ama tua mulher na terra húmida e quente!“, in deutscher Übersetzung: „Schwarzer Mann! Schaue empor zur kräftigen Sonne und liebe deine Frau auf der feuchten und warmen Erde!“
Auch wenn das auf den ersten Blick so klingt: Es handelt sich dabei nicht um eine romantisch-laszive Aufforderung. Vielmehr ist es eine Ermahnung an die unterdrückte schwarze Bevölkerung, ihre Fesseln abzustreifen und auf dem Boden des Vaterlandes Neues zu erschaffen. Der Dichter selbst erlebte es nicht mehr, dass seine Landsleute dieser Aufforderung nachkamen, die sie heute auf ihren Geldscheinen lesen können. Tenreiro starb 1963 im Alter von gerade mal 42 Jahren. Erst 1975 jedoch wurde sein Heimatland São Tomé und Príncipe unabhängig. / Frank Stocker, Die Welt
Nachfolgende Passage aus einem Interview der israelischen Autorin Zeruya Shalev ist zwar nicht Lyrik, aber hat es doch in sich:
Ich hielt einen Vortrag mit Lesung in einer Bibliothek in meiner Nachbarschaft. Im Publikum sah ich einen jungen Mann mit Kippa, der irgendwie nicht dazu passte. Am Ende der Veranstaltung sprach er mich an und sagte: „Ich muss Ihnen danken, Sie haben mein Leben verändert.“ Dann erzählte er mir seine Geschichte. Er war früher ein Ultraorthodoxer und studierte Theologie. Aber gleichzeitig kam er regelmäßig in die Bibliothek, um heimlich, versteckt unter dem Talmud, säkulare Bücher zu lesen. Was streng verboten war! Das erste Buch, das er so las, war mein Roman „Liebesleben“. Er meinte, es hätte seine Einstellung zu Frauen verändert; seither würde er sich ihnen viel näher fühlen. Er verließ die Welt der Ultraorthodoxen, lebt jetzt als orthodoxer Jude und ist glücklich verheiratet.
Als ich die Geschichte hörte, war ich sehr bewegt. Offenbar ist es aber nicht so ungewöhnlich. Es soll viele ultraorthodoxe Jungen geben, die in der Bibliothek heimlich normale Bücher lesen. / FR 14.3.
Nikola Madzirovs Gedichte enthalten so etwas wie die geträumte Geografie Südosteuropas. Innere und äußere Grenzen, die in der Realität des heutigen Balkans oft holzschnittartig Ethnien, Religionen und gemeinsame Vergangenheiten voneinander scheiden, werden durchlässig. Sie verschwimmen und vereinigen sich zu einer Welt, die dem alten Jugoslawien nur insofern entspricht, als nachträgliche Erinnerungen eine Art verschollene Polaroidfotografie beschreiben. Anstelle klarer Konturen tritt eine Melancholie, die ihres Gegenstands nur im Modus des Nachfühlens und Nachtastens habhaft werden kann. / Jan Volker Röhnert, Tagesspiegel
Nikola Madzirov: Versetzter Stein.
Gedichte. Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann.
Edition Lyrik Kabinett, Hanser Verlag 2011.
64 Seiten, 14,90 €.
Doktor Makarios und Doktor Pichelstein präsentieren am Freitag ab 21 Uhr im Wismarer Tikozigalpa, Dr.-Leber-Straße 38, Texte, Gedichte und Stories aus dem Nachlass des großen russischen Poeten S. W. Pratajev. Sänger Makarios von der legendären Band / Ostsee-Zeitung
Nicht jeder geht auf Lyriklesungen, und nicht jeder der hingeht kauft auch Gedichtbände. Trotzdem ist die Liebe zur Lyrik breit gestreut, und beim Lieben gibts auch Kummer, wie der schizophrene Dichter Alexander März wußte. Auch die Zeitungen an diesem Wochenende sind voll davon. „So ein Gedicht ist nicht leicht zu schreiben“, meint die Märkische Allgemeine, und daß mit ihr keine große Auflage zu machen ist, weiß die Rhein-Neckar Zeitung. Dennoch wird sie geschrieben was das Zeug hält. „Aber ach, wie anders“, seufzt ein polnischer Autor. Die „gedichtete Melancholie des Abschiednehmens senkt sich um vieles tiefer in die Seele“, liest man in der Thüringischen Allgemeinen, und überhaupt, „Die Liebe ist das stärkste Gefühl, das Lyriker dazu treibt, Gedichte zu schreiben“, sagt die Ahlener Zeitung. Aber der Standard warnt: „Üblicherweise sind es die glücklich und oft frisch Verliebten, die Gedichte schreiben. Schlechte zumeist, weil sie versuchen, ihre Gefühlswallungen unmittelbar in lyrische Zeilen zu überführen, ohne dem kreativen Prozess genügend Zeit zu geben.“ Lyrik in aller Munde, von den Fingern zu schweigen.
Nachtrag 16:30:
Es liegt in der Luft („Das ist der Frühling, fiel mir ein“, Novalis). Weiter gehts. „Aber das ist im Gruenspan nur Lyrik“ (Hamburger Abendblatt). Auch nicht schlecht die Westdeutsche Zeitung: „Seit vielen Jahren führt der Kirchenmusiker und Lyriker aus Schiefbahn einen literarischen Dialog mit der 88-jährigen „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literaturszene.“ Und was ist mit Augsburg? „Aus den Verstärkern klingen Heines Verse“. Kein Entrinnen nirgends. Erfurt: „Klezmer-Musik und Lyrik von Else Lasker-Schüler vereinen sich im Erfurter Theater.“ Probleme mit der Liebeslyrik hat auch die Süddeutsche: „Bemerkenswert ist sein Umgang mit der heute unerträglich schwülstigen, um 1900 skandalösen Lyrik des selbsternannten ‚Panerotikers‘ Richard Dehmel. Alexander Zemlinskys fünf Dehmel-Lieder, die vor brünstiger Phantasie nur so strotzen, bietet Kupfer mit großem, wenn auch etwas starrem Ernst.“
Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik „Kleine Sprachen – Große Literaturen“ lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das „Café Europa“. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die „Störung“ dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt „Tranzyt“ und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ genießen, zu Beginn lasen unten im „Café“ Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im „Saal“ DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte „Industriebier“ ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
Ausgerechnet ein Gedicht beendet vorerst die Uni-Karriere eines Literaturstudenten.
Diesmal keine Nachricht aus China oder irgendeiner arabischen oder afrikanischen Diktatur, sondern aus England:
Denn damit störte der Doktorand Owen Holland eine Rede des englischen Wissenschaftsministers an der Cambridge Universität. Jetzt hat ihn ein universitäres Gericht deswegen suspendiert. In zweieinhalb Jahren darf er an die Elite-Uni zurückkehren. Wenn er dann noch will.
Im Unterschied zu diesen Ländern geht es hier aber nicht um die Unterdrückung der Meinungsfeiheit, sondern um das genaue Gegenteil. Wirklich:
Kurz [nach dem Vorfall] veröffentlichte die Uni ein Statement: Sie bedauere es sehr, dass eine kleine Gruppe Demonstranten den Minister von seiner Rede abgehalten habe. Die Uni schätze die Meinungsfreiheit. Die freie Rede sei ein fundamentales Prinzip der Uni. „Die Aktion der Demonstranten verletzte dieses Prinzip.“
Und wer die Prinzipien der Uni verletzt, dem droht Strafe, wie der Doktorand Owen nun erfahren musste.
Das „internationale literaturfestival berlin“ ruft für Dienstag, den 20. März, zu einer weltweiten Lesung von Texten des chinesischen Autors und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo auf. …
Liu Xiaobo schrieb zwischen 1996 und 1999 in der Zeit durch „Umerziehung durch Arbeit“ viele an seine Frau gerichtete Gedichte. Seine Bücher beeinflussten seit den 1980er-Jahren junge Autoren. 2011 erschienen ausgewählte Schriften und Gedichte in dem Buch „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“. …
Tsering Woeser, eine der bekanntesten tibetischen Schriftstellerinnen, ist es nicht erlaubt, in ihrer Geburtsstadt Lhasa zu arbeiten. Aus politischen Gründen zog sie 2003 nach Peking. Ihre Bücher sind verboten. Sie publiziert u. a. in Taiwan und in den USA, veröffentlicht Gedichte und Essays. Mehrfach wurden ihre Internet-Blogs gelöscht, sie persönlich unter Hausarrest gestellt und von den Behörden verwarnt. In Deutschland erschien 2009 ihr Buch „Ihr habt die Gewehre, ich einen Stift. Eine Chronologie der Ereignisse 2008 in Tibet“./ mehr
Ein wenig ähnelt der koreanische Dichter Choi Seung Ho jener Seidenraupe, die er in einem Gedicht besingt. So unterschiedlich sind seine Verse bisweilen, dass man meinen möchte, er könne vom einen zum anderen Gedicht nur dank einer Metamorphose gelangt sein. Mit Vorliebe begibt sich Choi in die «Nacht des lächelnden Kapitalismus» und lauscht dem «Lärm dieser Welt». Dort schreibt er Gedichte mit unverkennbar politischen Anspielungen. Es ist eine Welt der «grölenden Leere», die er vor uns auffaltet, eine Welt, in der die Angestellten vor Kaffeeautomaten warten und vor lauter Müdigkeit kaum mehr stehen können. Zwischen «Klimpermusikanten», billigen Kinos und «Paradise Shopping»-Meilen geht Choi der Routine des Alltags ebenso nach wie «Vergnügungen in der weltlichen Stadt». / Nico Bleutge, NZZ 8.3.
Choi Seung Ho: Autobiografie aus Eis. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Kyunghee Park und Kurt Drawert. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. 144 S., Fr. 28.50.
Von Kai Pohl
»La fonction première de la poèsie
est d’aller là où on ne l’attend pas.«
André Velter
Die wichtigste Funktion der Poesie
wer formuliert, in wessen auftrag,
die wichtigste funktion der poesie?
»… DORTHIN ZU GEHEN, WO
NIEMAND SIE ERWARTET« –
woraus folgt die gewißheit, dies sei
die wichtigste funktion der poesie?
wir wollen vernachlässigen, daß ihr
verfasser noch andere funktionen der
poesie kennt; es ist uns schnurz, woher
er weiß, welche davon die wichtigste ist;
wir fragen nicht nach, wie er herausbekommt,
wo die poesie erwartet wird … wir haben nur keinen
bock mehr, uns das reinzuziehen, was uns runterzieht;
unsere poesie kennt kein gesetz; ohne auftrag begleitet
sie uns – dorthin, wo sie gebraucht wird.
Siehe Lyrikzeitung & Poetry News vom 12. März 2012
Der Name der Dichterin Ana Blandiana ist in allen Schichten des Volkes, dem sie angehört, bekannter als der Name jedes deutschen Schriftstellers der Gegenwart bei den Deutschen. Das hängt nicht nur mit der öffentlichen Präsenz von Ana Blandiana seit über einem halben Jahrhundert zusammen, sondern mehr noch damit, dass ihre Gefühle der Ablehnung des Sozialismus der Jahre 1945-1989/90 von der überwiegenden Mehrheit der Rumänen geteilt wurden. Als 1959 ihr Gedicht „Originalitate“ erschien und den massiven Unwillen der KPR erregte, wurde sie mit landesweit diskutiertem Schreibverbot belegt und so, wie sie später notierte, „als verbotene Dichterin bekannt, noch ehe ich es als Dichterin war“. Zwischen den Zeilen hatte sie mitten im Terror der stalinistischen Gheorghiu-Dej-Ära nicht Regimekritik geübt, sondern, weitaus gewagter, ihrem Widerwillen gegen das System Ausdruck verliehen – ein Akt der Courage, dessen Ausmaß sich heute keiner mehr vorstellen kann. …
In ihren Lyrik- und Prosatexten taucht immer wieder die Metpaher der Ablehnung auf, von einem Volk mit Spürsinn für die literarische Nuance und für das Raffinement der getarnten Attacke sehr wohl verstanden – und goutiert. Wenn „die Blandiana“ im Gedicht „Dies irae, dies illa“ („Dies ist der Tag des Zorns“) den Vers schreibt: „… zweifelt nicht,/ der Tag wird kommen/ gleißend wie eine Degenklinge,/ die im Licht erzittert“, oder das Gedicht „Namenlos“ mit den Zeilen beginnt: „Ununterbrochen reden wir von ihm,/ so wie du unentwegt/ mit der Zunge den schmerzenden Zahn berührst“, und dann fortfährt: „Ein Festtag, wenn wir ihn vergessen,/ ein Fluch das Leiden seiner Nennung“, dann verstand jeder in dem mit Kerkern übersäten Land, was und wer gemeint war – und was Blandiana dabei riskierte. / Hans Bergel, Siebenbürgische Zeitung
Thomas Böhme
Mach mir schöne Worte!
Die Arsenale sind aufgebrochen.
Nimm dir Wörter heraus, so viele du willst!
Du, der du den Mund nicht voll kriegst
vom Bauchpinseln & von Sommersprossen!
Eigentlich, weißt du, ist Zuwendung
eine Flüstertüte. Doch Schweigen
mit Wehmut gepaart führt zur Melancholie.
Zwischen beiden ist oft nur ein Haarriß.
Ach, saumseliger Tausendsassa
mit deinen paar Habseligkeiten
eingeschneit in der Doppelhaushälfte!
Du denkst eine Sternschnuppe
die einen Purzelbaum schießt
sei schon ein Klimakiller. Kindskopf!
Jeder Einfall, dem ein Nichtsdestotrotz folgt
wird vom schönen Obschon in Zeitlupe absorbiert.
(Nach einer inoffiziellen Liste schönster Wörter)
Brecht konnte Los Angeles nicht ausstehen. „Nachdenkend über die Hölle“ – wie der Exilant um 1940 ein Gedicht überschrieb – fand er, diese müsse „noch mehr Los Angeles gleichen“. / Bernhard Schulz, Tagesspiegel
Nach langer Zeit des Schweigens und der künstlerischen Krise bringt der Schriftsteller Walter Kranz – während der Studentenrevolte als „Dichter der Revolution“ gefeiert – seine ersten Worte zu Papier. Dabei entsteht exakt das Gedicht „Der Albatros“, das Stefan George als Übersetzung von Charles Baudelaire anfertigte. Ein Plagiat? Ein Zufall? Ein Ruf? Kranz begnügt sich mit der Idee, eine Reinkarnation des deutschen Dichters zu sein: Er bestellt einen Anzug im Stile der Jahrhundertwende, zieht sich eine Perücke auf und schart erste Anhänger um sich. / Die Welt über eine Geschichte von Rainer Werner Fassbinder („Satansbraten“), die der Regisseur Stefan Pucher jetzt für die Bühne adaptierte.
Zum gleichen Stück die Süddeutsche:
Nach zwei Jahren bringt er wieder etwas zustande, ein Gedicht, das jedoch ein Plagiat von Stefan Georges ‚Der Albatros‘ ist, worauf sich Kranz beginnt, als George zu fühlen. Und sich auch so verhält. Da spielt dann vieles mit hinein, München, George-Kreis, Baudelaire (bei welchem George bereits sein Gedicht geklaut hatte) …
Die Rote Fahne bringt den Dichter Erich Fried (1921-1988) in Stellung gegen einen ihrer Lieblingsfeinde, Henryk M. Broder. Jude gegen Jude, das freut manchen klammheimlich. Sie druckt zwei Anti-Broder-Gedichte des alten Kämpen, eins geht so:
Ein Jude an die Zionisten
Freut euch erstens, daß eure Toten so tot sind,
denn sonst könnten sie euch laut sagen, was sie von euch halten
ihr zu Mörder gewordenen Söhne der Opfer unserer Mörder
die ihr euch verbündet mit Mördern gegen eurer Mordopfer Kinder
Und freut euch, daß die Mörder unserer Eltern
die Herzen der Welt so gewöhnt haben an das Morden
daß die Herren der halben Welt heute eueren Morden und Lügen
wohlwollend zusehen können und kaum zum Schein protestieren
Und freut euch, daß euer eigener Martin Buber schon tot ist
denn der hat noch knapp vor seinem Tode gesagt
daß ihr nicht die Jünger der alten jüdischen Weisheit
nein, nur die Schüler von Hitler geworden seid
Und freut euch auch, daß es keinen Bert Brecht mehr gibt
denn was der euch gesungen hätte zu eurem Unrecht
das würde der Welt und euch noch lang in den Ohren klingen
ja, länger als eure Unrechtherrschaft noch währt
Aber freut euch rasch, denn eure Freude wird kurzlebig sein
wie die Freuden anderer Tyrannen und Mörder
und dann werden Palästinenser und Juden in Frieden zusammenleben
und werden Gott danken, daß es keinen Zionismus mehr gibt
Erich Fried
Ein passender Kommentar hier, Zitat:
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.
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