Salvador Espriu starb übrigens am 22. Februar 1985 (also heute vor 28 Jahren). Zum Andenken hier das Abschlussgedicht (Nr. XXX) aus dem Band Final del laberint (Ende des Labyrinths) von 1955:
L’aire resplendent
arrela en el plany.
Ales de la sang
drecen a claror.
De la llum a la fosca,
de la nit a la neu,
sofrença, camí,
paraules, destí,
per la terra, per l’aigua,
pel foc i pel vent.
Salvo el meu maligne
nombre en la unitat.Enllà de contraris
veig identitat.
Sol, sense missatge,
deslliurat del pes
del temps, d’esperances,
dels morts,
dels records,
dic en el silenci
el nom del no-res.
[Die glänzende Luft
wurzelt in der Klage.
Flügel des Blutes
führen zu Helle.
Vom Licht zum Dunkel,
von der Nacht zum Schnee,
Leiden, Weg,
Worte, Schicksal,
zu Land, zu Wasser,
im Feuer und im Wind.
Ich rette meine bösartige
Zahl in der Einheit.
Jenseits der Gegensätze
seh ich Wesensgleichheit.
Allein, ohne Botschaft,
befreit vom Gewicht
der Zeit, der Hoffnungen,
der Toten,
der Erinnerungen,
sage ich in der Stille
den Namen des Nichts.]
2013 ist Espriu-Jahr: Am 10. Juli jährt sich der Todestag des katalanischen Dichters zum 100. Mal. Aus diesem Anlass hat die Generalitat de Catalunya (Katalanische Regierung) das »Any Espriu« ausgerufen. Ein umfangreiches Programm mit Lesungen, Theateraufführungen, Ausstellungen und Vorträgen soll an den Menschen Salvador Espriu erinnern und an sein Werk heranführen. Kurator ist der katalanische Schriftsteller Xavier Bru de Sala.
Hier der Link zur (bislang nur katalanischen) Website des Any Espriu.
Sonntag, 29.7.24
Ich habe übrigens auch wieder geträumt. Der Butzer gab mir ein ganz altes Buch aus streifigem Büttenpapier, die meisten Blätter waren leer, auf einigen waren Betrachtungen von Km.s Vater.
Dann zeigte mir Toni Benario, die sehr gut zu mir war, einen Film: „Rainer Maria Rilke als Hühnerzüchter“, ich dachte im Traum, den mußt du Km. zeigen, dann geht er auch einmal ins Kino.
Hans Fallada: Strafgefangener, Zelle 32. Tagebuch. Berlin: Aufbau 1998, S. 143.
While primarily working as a landscape painter and art teacher, UK artist Jamie Poole was struck with the idea of deconstructing printed poems into individual words and using the text to create large scale portraits. The final pieces are quite large measuring several feet tall, allowing for excruciating detail in both line and shadow, as well as creating an intriguing hybrid of portraiture, typography, and collage. You can see more images of Jamie’s work on his blog and in his Flickr stream. If you liked this, also check out the work of Evan Wondolowski and Lola Dupre. / via thisiscolossal (wo es viele Bilder gibt)
Literaturwerkstatt Berlin will Zentrum für Poesie ins Leben rufen
Die Literaturwerkstatt Berlin startet am 9.3.2013, gemeinsam mit Dichterinnen und Dichtern eine Kampagne zur Gründung des Deutschen Zentrums für Poesie. „Die Kunst der Sprache, die Dichtung, ist Ausdruck feinster Sprachkultur“, so Thomas Wohlfahrt, Leiter der Literaturwerkstatt Berlin. „Ihre Schöpfer, die Dichterinnen und Dichter aller Generationen, verleihen ihr ästhetische und mediale Vielfalt, die uns in die Lage versetzt, die uns umgebende Welt mit genau gesetzter Sprache zu erfassen. In Deutschland geschriebene Dichtung gehört zu der besten in der Welt. Diesen Reichtum zu heben, zu bewahren und zu mehren braucht es einen Ort, der sich ausschließlich darum kümmert und dafür sorgt, dass die Dichtkunst, die überall im Lande entsteht, gestärkt wird. Sei es im Sinne bester länderübergreifenden Interessenvertretung für die einzelnen Initiativen in den Kommunen, sei es in Schulen und der kulturellen Bildung bzw. sei es, um für bessere Lebensbedingungen der Dichterinnen und Dichter zu kämpfen.“
„Ein Zentrum für Poesie“, so Wohlfahrt weiter, „kann für die Dichtkunst Strahlkraft auf die gesamte Kulturlandschaft Deutschlands entfalten und weit darüber hinaus“.
Zum offiziellen Kampagnenstart am 9.3.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin schreiben Dichter den Wikipedia-Eintrag zu Lyrik neu. Der Artikel in dem vielgelesenen und vielzitierten Weblexikon wird dann seiner Lücken behoben sein. Dass ein neuer Lexikonartikel im besten Sinne performativ und publikumswirksam zelebriert werden kann, dafür sorgen u.a. die Dichter Jan Kuhlbrodt, Bertram Reinicke, Monika Rinck, Armin und Christel Steigenberger.
Das Dichterkollektiv G13 legt einen „Schulbuchreport“ zur Lyrikvermittlung an der Schule vor. Die Ergebnisse werden auch den Kultusministern der Länder zur Verfügung gestellt.
Von den Niederländern kann gelernt werden, wie rasant die Wahrnehmung der eigenen Poesie im Ausland steigt, wenn für die internationale Vermittlung von Poesie ein Programm aufgelegt wird. Thomas Möhlmann vom Nederlands Letterenfonds wird es vorstellen.
Darüber hinaus sind Gespräche, Informationsveranstaltungen und Meldungen geplant, um auf die Notwendigkeit einer gezielten und systematischen Förderung der Poesie hinzuweisen.
Die Literaturwerkstatt Berlin setzt sich seit ihrer Gründung 1991 für die Vermittlung und Verbreitung von Literatur ein vor allem für Lyrik. Sie organisiert u.a. das poesiefestival berlin, das ZEBRA Poetry Film Festival, den internationalen Literaturwettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik „open mike“ und hat die Redaktion der internationalen Webseite für Poesie Lyrikline.org inne.
Weitere Informationen unter www.poesiezentrum.de
Sa 9.3.2013 17:00
Kampagnenstart: Ein Ort für Poesie
Mit den Dichterkollektiven G13 (Berlin), „Das Sogenannte Team aus Berlin“, Reimfrei (München), Neue Leipziger Schule, Thomas Möhlmann (Dichter und Poesieverantwortlicher des Nederlands Letterenfonds, Amsterdam) Moderation: Ulrike Draesner (Autorin, Berlin)
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97, 10435 Berlin
O.T.O.B (Bert Papenfuß) – Unfugs Beginnens Verrichtung
Eigenproduktion
1984
Berlin, Kassette [Lutz Heyler (g), Bernd Jestram (g), Ronald Lippok (dr), Bert Papenfuß (voc)]
Gefunden in:
Dieser Blog soll einen Genre- und Länderübergreifendes Einblick in die sogenannte Kassettentäter Szene der 80er und 90er Jahre sein.

Klein- und Kleinstverlage sind das Biotop des Kneipenkapitäns und Autors Bert Papenfuß, der schon zu Zeiten der demokratischen Republik als Anarchist gelebt haben soll. In der Nachwendezeit begann dann seine öffentliche Phase mit dem Publizieren von Kleinbüchern*. Seinem Publikum vermittelte Papenfuß das Gefühl, der Umfang seiner einzelnen Werke sei aus reiner Menschenliebe gering gehalten, denn mehr als ein paar Seiten einsturzgefährdeter Sprachakrobatik und granatengenialen Rumpöbelns erträgt schließlich auch der Wessi nicht. Nun aber ist es mit der Rücksicht vorbei, und Papenfuß fällt den Lesern mit einer Best-of-Papenfuß-Schwarte in den Rücken, kugelsicheres Hardcover bei Hatje Cantz inklusive, Titel: „Die Mauer“. Die Hälfte der Attacke überlässt er – ein Akt der Gnade – Antonio Saura, dem Bruder des Filmemachers Carlos Saura, der 1985 Fotos der Berliner Mauer in seinem typischen Graustufenstil übermalt hatte. Mauerposten werden da durch Farbkleckse in den Tod gestürzt, Alienköpfe auf S-Bahnfahrer gesetzt oder der Himmel über Berlin melasseartig ins Niemandsland gekippt. Eines haben der fratzenspezialisierte, kunstbetriebkompatible Spanier und der Berliner Dauerallergiker (neben der Diktaturerfahrung) dabei gemeinsam: Sie rhythmisieren ihr Material mit sogartiger Treffsicherheit. „Wer daran will löten, / bange um seine Klöten.“ / Astrid Kaminski, Berliner Zeitung 9.2.
Bert Papenfuß/Antonio Saura: Die Mauer. Hatje Cantz, Ostfilden 2012. 189 S., 29,95 Euro.
*) schreibt die Zeitung. Was eigentlich selbstredend sein sollte: ich verbürge mich weder für diese noch irgendeine frühere oder spätere Aussage. M.G.
Aus einem Brief des Hamburger Lyrikers Wilhelm Fink an einen Ratsuchenden:
Es heisst, „der Stil ist der Mensch“.
Danach haben Sie bis zum flüssigen, menschenfreundlichen Schreiben
noch einen weiten Weg vor sich.Gut finde ich, dass Sie sich bewegen möchten. Eine Empfehlung suchen.
Der Philosoph HEGEL erlebt zur Zeit, besonders im englisch-sprachigen Raum,
eine Renaissance. Bei HEGEL tritt das Rätsel auf, dass sein schriftlicher Ausdruck
an die Lesenden enorm hohe Ansprüche stellt.Möglich ist aber, dass Hegels Umständlichkeiten (und wohin sie ihn führen)
ihn überhaupt erst zu seinen Ergebnissen geführt haben.Sobald ich ich beim Mit- und beim Nach-Denken Hegels Wege und Umwege
abkürze, – so erschliesst sich womöglich mir nicht der springende Punkt.Gehen Sie doch einmal Hegel-Wege!
Hier einige Proben, fast gänlich HEGEL original:
*
„Das Hervorbrechen des artikulierten Wortes ist zugleichdas Empfangen des Tons in der Weichensich absolut anschmiegenden Unendlichkeit der Luft.“Eine Bewegung.
Eine Zutat von uns wird überflüssig. Das ist eine große Befreiung. Was ich gefunden habe, ist dies: Begriff und Gegenstand, der Maßstab und das zu Prüfende, sind in uns selbst, in unserem Bewußtsein selbst, vorhanden. Wir müssen überhaupt nicht mehr prüfen und vergleichen. Das tut das Bewußtsein ohne unser Zutun für uns.
Einleitung „Phänomenol. des Geistes“, S. 16Das Bewußtsein bewegt sich. Indem das Bewußtsein fortwährend in dialektischer Bewegung ist, wobei das Bewußtsein sich selbst und auch seinen Gegenstand bewegt, und hieraus dem Bewußtsein der neue Gegenstand entspringt, ist im Eigentlichen das, was die Menschen Erfahrung nennen. –
Erfahrung! Ein neues Licht breitet sich auf diesem Felde aus.
Im Bewußtsein wandeln sich die Inhalte. Jener erste Gegenstand,der es am Anfang noch wahr, hört auf, das „An-Sich“ zu sein. Dieser Gegenstand wird dem Bewußtsein etwas,das nur für das Bewußtsein das Wahre ist, das nur für das Bewußtsein ein „An-Sich“ darstellt. In diesem neuen Gegenstandsitzt die Nichtigkeit des ersten, des früheren Gegenstandes. Der neue Gegenstand istdie über den ersten Gegenstand gemachte Erfahrung. Der neue Gegenstand istdurch eine Umkehrung des Bewußtseins entstanden!*
Hegel war steckenweise aber auch ein Genialer in der Sprache des Ausdrucks.So sind diese Sätze von ihm:
Hegel lange vor Einstein:
Das Wesen des Raums und der Zeit ist die Bewegung.
Die Wahrheit des Raumes ist die Zeit, der Raum geht in sie über.HEGEL an Goethe:
Das Absolute ist gerade das ganz Gegenwärtige.
Das Absolute ist zunächst austernmäßig verschlossen.Wir haben abstrakte Fensterstellen nötig, um das Absolute sichnach Licht und Luft herausarbeiten zu lassen.Wir müssen das Absolute in das Reich des Tages und der Realitätherausführen in besonderer Weise, denn diese Schemen könnennicht ohne weiteres in die Buntheit der Welt, die sie nicht gewöhnt sind,hineingestellt werden. Ein GERADEZU vertragen sie nicht.Sie würden erblinden oder zu bloßen Schemen zusammenschwinden.
Pablo Neruda war ein Gegner Augusto Pinochets. Er starb 12 Tage nach dessen blutigem Militärputsch vom September 1973. Kein Wunder, daß sich die Vermutung hielt, er sei von Pinochets Leuten ermordet worden. Zumal die offizielle Todesursache, „extreme Unterernährung“ bedingt durch Prostatakrebs, angesichts seines Gewichts von 100 kg Zweifel weckt.
Um alle Zweifel auszuräumen, hat deshalb ein Richter die Exhumierung der Überreste angeordnet. Nerudas Fahrer und Assistent Manuel Araya hatte vermutet, Neruda sei vergiftet worden. Er sagte auch, Neruda habe die Erkrankung vorgetäuscht, um das Land verlassen zu können.
Die Exhumierung soll im März stattfinden. / I love Chile.cl
Die Wolke – wo*?
die zweite, große*
gelbe
Morgen Blume
jetzt schon** Fisch
dann Ströme
Dieser Text hat sich in zwei am Schluß variierenden Fassungen erhalten. Eines der Hauptargumente, mit dem die Mehrheit der Forscher diese Texte für Poesie halten und nicht, wie einige glauben, für Gesetzestexte oder, wie neuerdings Kraus op. cit., normenpoetische Notate: „Nullum poema sine lege?“ (roughbooks 026, 2013)
Die Wolke – wo*?
die zweite, große*
gelbe
Morgen Blume
noch kein** Horn***
*) Lesart unklar
**) nach Engeler: noch nicht. Also vielleicht: Nicht schon wieder Fisch?
***) hapulaqmin (Horn, Zacke, Spitze). Nachgestelltes zazan = viele steht gewöhnlich für die Pluralform. Allein aus rhythmischen Gründen hab ich Singular gesetzt. Vielleicht ist aber gemeint: keine Beulen.
Literatur
Webquelle:
„Wir wollen uns zu unseren Geschlechtsorganen bekennen/ auf die Catullsche Weise“, schrieb Günter Kunert 1966. Der sei so obszön, sagte mir eine Studentin vor 10 Jahren, als ich den Namen Catull erwähnte. (Ein paar Jahre später wirkte sie in einem Erotikfeature im Studentenradio mit und sprach Texte, die selbst mich verlegen machten). Orff vertonte ihn, Rudolf Borchardt, Wolfgang Tilgner, Thomas Kling und Raoul Schrott übersetzten ihn. Philologen locken:
Julia Haig Gaisser, angelsächsische Altphilologin, versucht es folgendermaßen: ‚Dieses Buch richtet sich an alle, die Dichtung lieben – egal in welcher Sprache. (…) Catulls Dichtung präsentiert dem Leser zwei scheinbare Hindernisse. Ein großer Teil (etwa ein Viertel) ist obszön, und alles ist auf Latein. Ich begegne diesen beiden Tatsachen direkt und ohne apologetische Haltung, denn ich bin der Auffassung, dass ein Leser des 21. Jahrhunderts weder vor dem einen noch vor dem anderen geschützt werden muss.‘ Scheinbare Hindernisse sind das jedenfalls nicht. Das erste stellt überhaupt kein Hindernis dar, sondern eine Lockung; das zweite hingegen dürfte sich als sehr real erweisen. Doch geht Gaisser die Sache mit großer Besonnenheit an. Sie weiß, dass die Anziehungskraft Catulls vor allem in seiner emotionalen Intensität besteht. Die Fassungslosigkeit, wenn jemand feststellt, dass er denselben Menschen sowohl lieben als auch hassen muss, kann selbst heute noch unmittelbar zu Herzen gehen (zumal wenn das Erlebnis nicht mehr als zwei Verszeilen benötigt). Mit solchen kurzen Gedichten setzt Gaisser ein, um dann das historische Terrain zu erkunden. Sie erläutert die andersartige Polung der Sexualität bei den Römern, die nicht so sehr nach männlich und weiblich, hetero- und homosexuell sortierten als nach herrschendem Penetrator und duldendem Penetriertem; was auf Anhieb so angenehm tolerant aussieht, zeigt auf den zweiten Blick sein hässliches Machtgefälle. Nur vor diesem Hintergrund versteht man den Ton erotischer Aufschneiderei, der sich so oft bei Catull findet.
Subtiler als Niklas Holzberg, der vor einigen Jahren in seinem Catull-Buch das hier sprechende Ich völlig als die Spielfigur eines lang unverständlich gewordenen Spiels dekonstruierte, erinnert Gaisser auch anhand moderner Beispiele daran, wie sich in der Lyrik die Grenzen zwischen Person und Werk zu verwischen pflegen. Behutsam unternimmt sie es, so weit es geht, zu dem Menschen vorzudringen, der dies geschrieben hat. In Schutz nimmt sie ihn freilich nicht; sie stellt ihn ohne Weiteres auch als Schnösel der römischen Jeunesse dorée bloß, der über seinen Chef murrt, weil der ihn daran gehindert hat, sich bei seinem Volontärjahr in der Provinz hemmungslos zu bereichern. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 8.2.
Julia Haig Gaisser: Catull. Dichter der Leidenschaft. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Philipp von Zabern, Darmstadt 2012. 224 Seiten, 24,99 Euro.
[Cat. 85]
Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.
Nescio, sed fieri sentio et excrucior.Hassen und lieben zugleich muss ich. – Wie das? – Wenn ich’s wüsste!
Aber ich fühl’s, und das Herz möchte zerreißen in mir.
Eduard Mörike (1840)Ach, ich hasse und liebe. Du fragst, warum ich das tue.
Weiß nicht. Ich fühle nur: es geschieht und tut weh.
Max Brod (1914)
Die Teilnehmer stehen schon mal da:
Keil, Myriam
Klein, Sina
Kokot, Sascha
Leß, Georg
Pelny, Marlen
Roth, Tobias
Schultens, Katharina
Westermann, Levin
Wolf, Uljana
Ein Gedicht des Nobelpreisträgers – nein, nicht Grass – Winston Churchill sorgt für Medienaufmerksamkeit. Wie in jenem Fall ist es eher ein Medien- als ein Literaturereignis. (Wie schön wäre es, wenn Gedichte als Gedichte Schlagzeilen machten – ach, die DDR wollen wir nicht zurückwünschen, da gab es in den 60ern eine wochenlange Debatte um ein Gedicht von Karl Mickel („Der See“), die mit einem Machtwort des führenden Experten für ästhetische Fragen beendet wurde *.)
Die Experten sagen uns was wir schon ahnten: „Führer und Rhetoriker, kein Dichter“ (Robert Potts). – „Schwerfüßig“ (Andrew Motion).
Hier ein Auszug:
Extract from „Our Modern Watchwords“
I
The shadow falls along the shore
The search lights twinkle on the sea
The silence of a mighty fleet
Portends the tumult yet to be.
The tables of the evening meal
Are spread amid the great machines
And thus with pride the question runs
Among the sailors and marines
Breathes there the man who fears to die
For England, Home, & Wai-hai-wai.
II
The Admiral slowly paced the bridge
His mind intent on famous deed
Yet ere the battle joined he thought
Of words that help mankind in need
Words that might make sailors think
Of Hopes beyond all earthly laws
And add to hard and heavy toil
the glamour of a victim(?) cause
So. Und ich geb mir ein Antidot.
Karl Mickel
Der See
See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern
Du Anti-Himmel unterm Kiel, abgesplitterte Hirnschal
Von Herrn Herr Hydrocephalos, vor unsern Zeitläuften
Eingedrückt ins Erdreich, Denkmal des Aufpralls
Nach rasendem Absturz: du stößt mich im Gegensinn
Aufwärts, ab, wenn ich atemlos nieder zum Grund tauch
Wo alte Schuhe zuhaus sind zwischen den Weißbäuchen.
Totes gedeiht noch! An Ufern, grindigen Wundrändern
Verlängert sichs, wächsts, der Hirnschale Haarstoppel
Borstiges Baumwerk, trägfauler als der Verblichene
(Ein Jahr: ein Schritt, zehn Jahr: ein Wasserabschlagen
Ein Jahrhundert: ein Satz). Das soll ich ausforschen?
Und die Amphibien. Was sie reinlich einst abschleckten
Koten sie tropfenweis voll, unersättlicher Kreislauf
Leichen und Laich.
……………………….Also bleibt einzig das Leersaufen
Übrig, in Tamerlans Spur, der soff sich aus Feindschädel-
Pokalen eins an (“Nicht länger denkt der Erschlagene”
Sagt das Gefäß, “nicht denke an ihn!” sagt der Inhalt).
So faß ich die Bäume (“hoffentlich halten die Wurzeln!”)
Und reiße die Mulde empor, schräg in die Wolkenwand
Zerr ich den See, ich saufe, die Lippen zerspringen
Ich saufe, ich saufe, ich sauf – wohin mit den Abwässern!
See, schartige Schüssel, gefüllt mit Fischleibern:
Durch mich durch jetzt Fluß inmitten eurer Behausungen!
Ich lieg und verdaue den Fisch
Karl Mickel: Vita nova mea. Mein neues Leben. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag, 1966. Seite 14f.
*) Hans Koch (geb. 1927) war Multifunktionär und Professor für marxistische Kultur- u. Kunstwissenschaft am Institut (später Akademie) für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED. Im Herbst 1986 erhängte er sich im Wald. In dem Gedicht „Die dunklen Orte“ schrieb Volker Braun: „Im Hochwald hängt Herr Koch / In unästhetischem Zustand“. Volker Braun: Der Stoff zum Leben 1-3. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1990, S. 76.
In einer materialreichen Studie widmet sich der Romanist Martin Baxmeyer der literarischen, insbesondere lyrischen Produktion der Anarchistinnen und Anarchisten während des Bürgerkriegs. Er entdeckt dabei »literarischen Nationalismus« und stellt die Frage: Wie konnte es kommen, dass »die literarische Selbstdarstellung einer Bewegung, zu deren Charakteristika jahrzehntelang ein unversöhnlicher Antinationalismus gehört hatte«, sich derart wandelte? Die Metapher »Mutter Spanien« ist schließlich keineswegs die einzige nationalistische Sprachfigur, die in der Lyrik der Libertären auftaucht. (…)
Rund 20 000 Gedichte sind während des Bürgerkriegs veröffentlicht worden. Selbst die Anthologie »Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts« im Reclam-Verlag (2003), sonst eher nicht das Format für Begeisterungsstürme, nennt das »ein Phänomen ohne seinesgleichen in der modernen europäischen Kultur«. Rund 500 dieser Gedichte, ausschließlich von Anarchistinnen und Anarchisten verfasst, hat Baxmeyer analysiert, dazu noch 125 Prosaarbeiten. Diese zumeist von literarischen Laien verfasste Literatur findet sich in kaum einer Gedichtsammlung. Zum größten Teil hat Baxmeyer die Gedichte in Archiven entdeckt. (…)
Bei unreflektierten Rückgriffen auf nationale Symbolik blieb es nämlich nicht. Dass auf Seiten Francos auch marokkanische Truppen eingesetzt wurden, veranlasste die anarchistischen Dichter, und, wie Baxmeyer nachweist, auch renommierte anarchistische Politikerinnen wie Federica Montseny, zu regelrechter rassistischer Hetze. In den verbalen Attacken gegen die »Mauren« sieht Baxmeyer daher auch den »wohl radikalsten Bruch« mit den egalitären und transnationalistischen Ideen des Anarchismus. Statt ihren eigenen Idealen treu zu bleiben, propagierte die Bewegung also eine nationale Identität. Denn das tut Literatur: Sie kann bestehende Identitätsentwürfe »spiegeln, gestalten und verbreiten«, so Baxmeyer.
Zum einen, schreibt er, ging es um die »Delegitimierung des Kriegsgegners«, also auch darum, wer mit Fug und Recht beanspruchen konnte, für Spanien zu kämpfen. Damit einher ging ein »Konformitätsdruck« in der republikanischen Zone. Auch die anderen Linken argumentierten so. Und schließlich waren auch die Schulbücher schuld, ein gründlich ansozialisiertes, positives Spanienbild zeitigte seine Effekte. Aber nicht alle Gründe lagen außerhalb des Anarchismus selbst. Zum anderen nämlich legt die soziologisch wie politisch bestens informierte Literaturanalyse eine »philonationalistische Tradition« innerhalb der anarchistischen Bewegung offen. Gemäß dieser war das spanische Volk immer schon mit einer »welthistorischen Aufgabe« betraut. War es einmal die koloniale Eroberung der Welt, sollte es nun die Revolution sein. Schließlich führt Baxmeyer noch eine kunsttheoretische Begründung an: Für die nationalistische Wende war nicht zuletzt auch das funktionalistische Verständnis von Kunst und Literatur verantwortlich, das die Anarchisten vertraten und in der das Schreiben ganz der politischen Wirksamkeit untergeordnet war. Das Gedicht war eine Waffe, die »Mutter Spanien« die erstbeste Munition. / Jens Kastner, Jungle World
Martin Baxmeyer: Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des Bürgerkriegs (1936–1939) und ihr Spanienbild. Edition Tranvia/Verlag Walter Frey, Berlin 2012, 599 Seiten, 36 Euro
Initiative Zonic Zwanzig & Buchhandlung Drift präsentieren
Bert Papenfuß liest „Entwicklungslyrik“
Ausgewählte Texte von 1973 bis 2013
aus dem Band „Die Mauer“ (Bilder: Antonio Saura/Worte: Bert Papenfuß/ Hatje Cantz 2012)
Kulturny Dom B31
Bornaische Str.31, HH
Leipzig
DO 28.02.2013
20 Uhr
Der 1984-85 in Westberlin entstandene „Mauer“-Bildzyklus des spanischen Spät- & Post-Surrealisten Antonio Saura gehört zu den wenigen gelungenen Werken, die sich mit dem zwei politische Welten mehr als nur symbolträchtig teilenden Bauwerk auseinandersetzten. Im Verlag Hatje Cantz erschien nun als Teil einer Buchserie zur Berliner Mauer ein Band, dass diese Arbeiten mit Texten aus allen Schaffensphasen des (Ost-) Berliner Anarcho-Poeten, Kultur-Spelunkenbetreibers und Zonic-Ko-Redakteurs Bert Papenfuß zusammenfügt. Von früher radikal experimenteller Sprachakrobatik über kryptische Lyrics für DDR Post Punk-Bands bis hin zum freien Spiel mit gebräuchlicheren Textformen und prosaischen Pamphleten, zuletzt gern mit Zitaten von Barock bis Science-Fiction und entsprechenden Fußnoten-Exzessen.
Ob Früh-, Mittel- oder beginnendes Spätwerk, alles ist durchzogen von einem Geist des Dagegen und erfüllt vom machbaren Traum der Anarchie, angemischt mit Humor und Unerbittlichkeit, übervoll mit erfahrenem Leben von Rotz bis Rock´n´Roll. Ein Text-Trip, von den Mauer-Bildern des Antonio Saura gerahmt und mit diversen Vertonungen verfeinert, der nicht zuletzt als bestmöglicher Anfang der seriell angelegten Jubiläums-Präsentationen gelten darf: im zwanzigsten Zonic-Jahr!
ENTROPIE
ist einfach, umgänglich und unumgänglich:
Mich bewegt das Irrationale im Realen –
und Irrealen sowohl als auch umgekehrt;
d.h. ANARCHIE beginnt in Dir selbst,
oder ich irre unsäglich VORWÄRTS.
B.P. 2004
Mehr B.P.-Klappen-O-Ton zum Buch:
Entwicklungslyrikband, der: Im Gegensatz zu Best-of-Alben – die strukturlos, z.B. chronologisch, alphabetisch usw., die Greatest Hits eines Lyrikers versammeln – das ausgeklügelte Konglomerat einer (oft notgedrungenen bzw. -ersehnten) sog. Lebenslüge (siehe Autobiographie, S. 59), das eine vorgebliche „Entwicklung“ eines Dichters darstellt. Lyriker neigen dazu, jeweilige kreative Phasen ihres Schaffens (unter Auslassung aller Aus-Zeiten, s. S. 56) als bahnbrechend evolutionär auszugeben. Geborene Arschlöcher (oft prädestinierte Entwicklungslyriker, s S. 232 – Beispiele gibt´s noch und nöcher) hingegen gestehen hin und wieder, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, räumen Entgleisungen ein, beißen sich ins Bein, wollen dabei sein und scheren aus, über die Stränge von Erwartungen zu schlagen, die kaum die Richtigen (s. S. 667) treffen; manchmal jedoch ihr Publikum finden. Das Entwicklungsprinzip verlangt, vom Ursprung auszugehen und nach Irrungen, Scheinlösungen und Alternativen ouroboroid zu ihm zurückzukehren. Als mißlungene Versuche gelten alle bisherigen. Als halbwegs gelungenes Beispiel gilt Die Mauer von Bert Papenfuß (ex-Gorek, ex-Papenfuß-Gorek; s S. 506), ein Konvolut, das konkordial durch die Bildkunst von Antonio Sauras Mauerzyklus (s S. 402) getragen wird. – „Hauptsach´, es rockt der Band und steht wie eine Wand“, wirft beschwichtigend der Volksmund ein.
Eintrag aus: Diktatorenkollektiv (Hg.). Lohn und Saktion. Wie wir sprachen – was wir wurden. Lexikon und Idiotikon der Prenzlauer Berg-Untertagesprache. Gesamtverlag Staatssekretariat für ostdeutsche Antworten, Berlin, 2013, S. 233
Mauerzyklus, der: Mehr oder weniger beholfene Serie von Reaktionen auf physisches und psychisches Eingesperrt- bzw. Unwohlsein, künstlerisch oder (direkt) persönlich (also handgreiflich – „er/sie/es hat seinen Mauerzyklus“) ausgedrückt. Nach 1933 in Deutschland literarisch ungelungen. In der bildenden Kunst stellt Cornelia Schleimes sog. „Stasi-Serie“ Bis auf weitere gute Zusammenarbeit Nr. 7284/85 von 1993 eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Der große Wurf gelang jedoch dem spanischen Maler Antonio Saura (1930 – 1998) mit einem 1985 in Westberlin entstandenen Zyklus von Zeichnungen und Fotoübermalungen unter dem Titel Die Mauer.
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