Gayatri Chakravorty Spivak ist eine freundliche und ehrliche Frau. Als sie am Donnerstagabend ihren Vortrag über bengalische Lyrik begann, gratulierte sie den Deutschen für die offenen Arme, mit denen sie gerade Flüchtlinge empfangen würden. Und fügte hinzu, dass man die Geschichte des Konflikts nicht vergessen dürfe. Schließlich sei Europa nicht unbeteiligt an den in der Kolonialzeit angelegten Krisen im Nahen Osten.
Es gab also kein gerührtes Schulterklopfen über unsere tolle neue Willkommenskultur, sondern vielmehr eine klare Aufforderung zur Reflektion. Alles andere hätte auch überrascht bei einer, die nicht zufällig zu einer der Gründungsfiguren der Postkolonialen Theorie wurde. Als sie 1942 geboren wurde, herrschten die Briten noch in ihrem Heimatland Indien.
„Ich kann mich an die Zeit erinnern“, erzählte die inzwischen 73-Jährige, die sich zwischen Dekonstruktion, Marxismus und Feminismus bewegt. Nicht nur ihre Fans halten sie für eine der wichtigsten Denkerinnen unserer Zeit. / Sabine Rohlf, BLZ
wie spät sind wir? die Weltzeituhr ist stehen geblieben – wer zieht sie wieder auf?
Hansjürgen Bulkowski
Der Düsseldorfer Rapper Blumio beschäftigt sich seit gut zwei Jahren auch professionell mit den weltweiten politischen Entwicklungen in einem Wochenrückblick auf yahoo.de. Dort kommentiert er die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Reimen und Versen, in Rap-Form.
„Guten Tag Deutschland, guten Tag Yahoo.
Mein Name ist Blumio, und das ist mein gerappter Wochenrückblick:
Wer die Wahrheit nicht verträgt, der muss mit der Lüge leben
Wer die Wahrheit nicht versteht, der muss einfach drüber reden
Ich werd Euch ab jetzt berichten, was in der Woche so abgeht
Fakten über Fakten, lasst Euch überraschen …“
(…)
Bis heute kennen viele Menschen in Guatemala seine Gedichte auswendig: Otto René Castillo, geboren 1934 und gestorben 1967 in Guatemala.
„Eines Tages
Werden die apolitischen
Intellektuellen
Meines Landes
Von den Einfachsten
Unseres Volkes
Verhört werden.
Man wird sie fragen
Was sie taten
Als ihr Land
Langsam dahinsiechte
Wie ein kleines, nettes,
Verlassenes Lagerfeuer“
Nach dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Arbenz ging Castillo 1954 ins Exil nach El Salvador. 1966 kehrte er illegal nach Guatemala zurück und schloss sich der Guerilla an. 1967 wurde er festgenommen, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt.
Was vermag Poesie, was sich im nüchternen Stil der journalistischen Berichterstattung nicht beschreiben lässt? Und wo liegen die Grenzen des Sagbaren in der Lyrik? Eine Sendung über das vielfältige Verhältnis von Poesie und Journalismus. / Almut Schnerring und Sascha Verlan, DLR
Vollständiges Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat
Auf den ersten Blick, aber nicht auf den zweiten, kommen die Verswerke von Katharina Schultens sachlich, kühl und rational daher, wie im zuletzt erschienenen Band „gorgos portfolio“. Ein programmatischer und daher bedenkenswerter Titel, da er eine Figur aus der griechischen Mythologie, den Gorgo (Plural: Die Gorgonen) mit einem neuzeitlich oft benutzten Begriff zusammenbringt. Nimmt man den zentralen Satz aus der Begründung der Jury heraus, die diesen Preis* zuspricht, bekommt hat man eine Idee davon, worum es bei diesem Werk geht. „Katharina Schultens gelingt es mit federleichter Selbstverständlichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Hintergrundrauschen unserer Gesellschaft ebenso wie die mythologisierenden Begrifflichkeiten der globalen Finanzwelt zum Material ihrer oft hymnischen Gedichte zu machen.“ Starker individueller Klang, feiner Umgang mit Sprache, oberflächenhandlich und substantiell in der Tiefe. Lesenswert.
/ Matthias Ehlers, WDR5
*) Katharina Schultens erhält am 27.9. den Spycher: Literaturpreis Leuk 2015. Mehr
Dennoch treibt das Unwahrscheinliche als klitzekleine Uferwelle flussaufwärts der Quelle zu.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
«Du muesch es Gedicht drüber schriibe!», het er gseit. «Es Gedicht? Wie chunnsch uf das?» – «Mou, du bisch doch e Dichter. Was e Dichter seit, wird zur Kenntnis gnoh. Muesch es Gedicht drüber schriibe, dass d Öffetlechkeit erfahrt, was do passiert.» / Pedro Lenz, Schweizer Illustrierte
Some of the best poets in the nation will gather in Victoria from Oct. 13 to 18 for Canadian Festival of Spoken Word.
The festival will feature performances from Canada’s top spoken word poets and a poetry slam tournament, with 22 teams from across the country competing to be national poetry slam champions. / Victorianews
Wir möchten uns ganz herzlich für die Vielzahl hochwertiger Einreichungen und das Vertrauen bedanken.
Das Finale findet am 24. Oktober 2015 um 19 Uhr
im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt.
Die Juroren sind dann:
Andreas Heidtmann (Verleger Poetenladen, Leipzig),
Andrea Heuser (Lyrikerin, Dozentin, München),
Wolfram Malte Fues (Germanist, Lyriker, Zürich),
Hendrik Jackson (Lyriker, Hg. lyrikkritik, Berlin)
Àxel Sanjosé (Lyriker, Dozent an der LMU, München)
Daniela Seel (Lyrikerin, Verlegerin kookbooks, Berlin)
Dieser Schrank wird jetzt einen Spalt geöffnet. Endlers immer wieder neu aufflammendes Gelächter, das als Ohrwurm nachklingt, ertönt wieder. Der titelprägende Aufmarsch heißt „Wachkompanie“: „Kiwitt kiwitt / Paradeschritt / Wie spritzt der Split / Kiwitt kiwitt / Parade ei / Paradeschritt / Kuckuck / Kuckuck / Rufts aus dem Wald // kiwittkiwitt / paradeschritt / kuckuckkuckuck / rufts ausm wald / ruckediguh / blut ist im schuh“. Das klingt wie Jazz.
Brigitte Schreier-Endler hat aus dem Nachlass Gedichte und „Capriccios“ zusammengestellt, die ihr Mann in einem Konvolut, betitelt „Aus der Mappe ,Quatsch‘“, abgelegt hatte. Vollendetes, Halbfertiges, Fragmente.
(…) Er verströmte Blitzeinfälle und hatte wahnsinnigen Spaß an seinen Erfindungen und Bezüglichkeiten, an seinen Moment-Gewittern widersprüchlicher Anmutungen und Empfindungen. Klingelstreiche und Knallfrösche darunter. Ein „Mord in Crimmitschau“, Wolf Biermann gewidmet, voller Halbtöne: „Im Schülerinnentornister / der kleidsam zerstückelte Ohm. / Ei, was für ’ne Existenz z’guterletzt! / – Dafür sind wir im Herbst 89 / auf die Straße gegangen, Marie?“ (…) Gespottet wird auch jeder Zuordnung. „Meine Generation bestand im Januar 63 aus circa sieben bis dreizehn relativ ungewöhnlichen Gestalten / tollen Personen. (Ich erinnere an die ,Sächsische Dichterschule‘ and so on. / und all diesen Summs / Quatsch.) Im Herbst 99 stehe ich absolut einzig da / also allein / Falten Plums, Bumms.“
(…) Schonungslose, auflodernde Verse, sie suchen, versteckt oder offen, immer einen letzten Sinn: „Einmal noch im Leben einen ungebrochenen Punkt setzen zu dürfen…“ / Jürgen Verdofsky, Frankfurter Rundschau
Adolf Endler: Kiwitt, kiwitt. Gedichte und Capriccios. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 72 Seiten, 18,90 Euro.
In einem Leserbrief an die Financial Times schreibt Nell Wilson, der Artikel von Gregg H Mosson über große Dichter habe sie enttäuscht, weil keine Frau dabei war. Zumindest Sylvia Plath hätte doch dabeisein müssen. „Ihre Lyrik ist genau so technisch kompetent und emotional stark wie WB Yeats, TS Eliot oder Wallace Stevens.“ Vokabular und Geisteskraft könnten mit jedem männlichen Genius mithalten, ihre Beschreibungen des Landlebens seien so schön wie die von Robert Frost oder Seamus Heaney.
Der Originalartikel liegt hinter einer Bezahlmauer als Businessnachricht
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Da wir grad bei Meinungen sind:
Columbia students claim Greek mythology needs a trigger warning* / Washington Post
*) Die Bibel nicht???
Langenscheidt hilft da nicht viel:
trigger 1. Elektrotechnik, phot., Technik Auslöser m (a. fig.);
2. Abzug m (Feuerwaffe), am Gewehr: a. Drücker m, einer Bombe: Zünder m: pull the trigger abdrücken; quick on the trigger fig. ,fix, ,auf Draht (reaktionsschnell od. schlagfertig);© 2001 Langenscheidt KG, Berlin und Mnchen; Internet-Wortschatz: © 2001 Langenscheidt KG, Berlin und München und sueddeutsche.de GmbH, München
Wikipedia eher
Triggerwarnung
Mit dem Begriff Triggerwarnung bezeichnet man in Internetforen, die in der Selbsthilfe zum Beispiel bei posttraumatischen Belastungsstörungen dienen, einen Warnhinweis auf mögliche Auslösereize (Auslöser, engl. trigger).
Damit soll ein Mensch, der selbst Lebensbedrohliches erlebt hat, vor einer ungewollten Erinnerung an die belastende Situation durch die Berichte Anderer gewarnt werden. Intensive Berichte und Diskussionen können sonst Auslöser der eigenen Belastungenwerden, die zu viel Angstreaktionen auslösen.
Ein solcher Auslöser kann beispielsweise die Schilderung eines sexuellen Missbrauchssein. Bei Personen, die selbst Opfer eines Missbrauchs oder von Mobbing oder ähnlich Belastendem geworden sind, können dadurch starke Angst- und Panikgefühle oder ein selbstverletzendes Verhalten hervorgerufen werden.
Um vor diesen potenziellen Auslösern zu warnen, werden ähnlich wie bei Spoilerwarnungen meist zusätzliche Leerzeilen in die Nachricht eingefügt; Triggerwarnungen werden daher auch oft analog als Spoiler bezeichnet.
In den Richtlinien mancher Selbsthilfeforen wird das Verwenden solcher Warnhinweise empfohlen oder sogar vorgeschrieben.
(Interessant zu sehen, daß sie inzwischen die Realität nur noch als Selbsthilfegruppe wahrnehmen)
Olaf L. Müller rollt den wissenschaftsgeschichtlich interessanten «Fall» Goethe contra Newton neu auf. Trotz interessanten Einsichten, die sein Buch vermittelt, gibt es Anlass zur Verwunderung.
meint Christoph Lüthy in der Neuen Zürcher
Olaf L. Müller: Mehr Licht. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 528 S., 32 Farbtafeln, Fr. 38.90.
Christian Marclays langjährige Auseinandersetzung mit der Onomatopoesie steht im Zentrum einer thematischen Schau im Kunsthaus Aarau.
(…)
Eine wichtige Inspirationsquelle stellen japanische Comics und das Format der japanischen Bildrolle dar. «Manga Scroll» (2010), eine zwanzig Meter lange Makimono-Bildrolle, reiht lautmalerische Ausdrücke aneinander, die englischen Übersetzungen japanischer Mangas entlehnt sind. Auf zwanzig Metern entfaltet sich so eine Choreografie aus wilden Galopps, Bauchrollen und Sprüngen in einer Art Vitaparcours der Geräusche.
Marclays künstlerisches Vorgehen ist von der Verwendung bestehenden Materials und dessen Neuanordnung geprägt. Die Arbeit «Mixed Reviews» (1999–2015) verwendet Ausschnitte aus Musikkritiken und ordnet diese in einer über drei Wände sich hinziehenden Textzeile neu an. Die ursprünglich englische Fassung wird bei jeder Ausstellung in die örtliche Sprache übersetzt, so dass jedes Mal eine neue Komposition entsteht. Die Arbeit macht bewusst, wie sehr sich die Beschreibung von Musik einer metaphorischen Bildsprache bedient, welche Unsichtbares in Schriftzeichen übersetzt und dabei Bilder entstehen lässt, beispielsweise solche von einer «genau richtigen Dosis himmlischer Gischt und galaktischer Moog-Rhythmen». /
Am 1. September 1915 fiel August Stramm an der Ostfront.
Fast auf den Tag genau 100 Jahre später machten Heesch, Fellenberg, Kuhn und Claußner Stramms Kriegsgedichte in einer eindrucksvollen Performance erlebbar. Mit teilweise ungewöhnlichem Instrumentarium und der rezitativischen Inbrunst Heeschs verwoben die Künstler Raum, Zeit und Lyrik zu einer Art Hörspiel, dem das Publikum im Greizer Bahnhof ergriffen folgte. / meinAnzeiger
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