Träume und Wirklichkeit liegen eng nebeneinander

Franz Hodjak 

(* 27. September 1944 in Hermannstadt, Rumänien)

DEUTLICHE ANZEICHEN

Wenn einem der Sinn danach steht,
so vor sich hinzugehen und
nichts zu suchen, findet man das meiste.
Ich habe nur eine Holzwanne geerbt
und den Segen Gottes, daß er
die Holzwanne mit genug Wasser füllt,
damit ich immer baden kann.
Träume und Wirklichkeit liegen eng
nebeneinander wie in der
Fußgängerzone Nobelboutiquen
und Billigdiscounter. Wohin man sich
auch dreht, immer sieht man
deutliche Anzeichen, daß etwas
mit der Zeit nicht stimmt. Und jeden
Abend ist man zufrieden mit den
Möglichkeiten, die man hatte,
weil man nie weiß, wie viele
Möglichkeiten man wirklich hatte.

Aus: Sinn und Form 1/2025, S. 84

Die heilgen drei König

Johann Wolfgang Goethe

(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)

Epiphanias

Die heilgen drei König' mit ihrem Stern,
Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken und bezahlen nicht gern.

Die heilgen drei König' sind kommen allhier,
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn zu dreien der vierte wär,
So wär ein heilger drei König mehr.

Ich erster bin der weiß und auch der schön,
Bei Tage solltet ihr erst mich sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein.

Ich aber bin der braun und bin der lang,
Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerein,
Da werd ich überall willkommen sein.

Ich endlich bin der schwarz und bin der klein,
Und mag auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedanke mich gern.

Die heilgen drei König' sind wohlgesinnt,
Sie suchen die Mutter und das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.

Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.

Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
Aber keine Ochsen und Esel schaun,
So sind wir nicht am rechten Ort
Und ziehen unseres Weges weiter fort.

Aus: Das große Weihnachtsbuch. Erzählungen und Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Günter Stolzenberger. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2005 (Patmos Verlag GmbH), S. 88f

Dem dunklen Gott

Paula Ludwig 

(* 5. Januar 1900, heute vor 125 Jahren, in Feldkirch, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)

Im Februar 1931 begegnet Paula Ludwig in Berlin ihrer großen Liebe Iwan Goll. Paula vergisst ihren Gefährten, Iwan seine Ehefrau – die beiden bleiben für fast ein Jahrzehnt ein liebendes und miteinander dichtendes Paar.
Im ersten Jahr ihrer Beziehung schreibt Paula Ludwig den Gedichtzyklus «Dem dunklen Gott» (1932).

Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015
Die heimlichen Hüften einer Hindin
regen süß mein Gebüsch auf.

Mit schmalen Augen
lauscht sie seitlich auf meinen Herzschlag.

Mein dunkler Hain macht sie zittern.
Sie will entfliehn.

Aber schon bin ich groß wie ein Wald
ganz ohne Ausweg.

Aus: Paula Ludwig, Dem dunklen Gott. Ein Jahresgedicht der Liebe. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. München: C. H. Beck, 2015 (Originalausgabe Dresden: Wolfgang Jess Verlag, 1932)

Schwester Mond

Gestern gab es eine Konjunktion von Mondsichel und Venus – zwischen 16 und 20 Uhr sah ich das himmlische Rendezvous in immer neuen Konstellationen. Da gehe ich noch einmal zu der vietnamesischen Dichterin Ho Xuan-Huong zurück. Scherzen mit Schwester Mond, las ich da, bedeutet bei ihr eine erotische Beziehung. Hier eins ihrer Mondgedichte.

Ho Xuan-Huong

(1772-1822)

Fragen an Schwester Mond

Seit Hunderten von Jahren
wandelst Du schon am Firmament.
Warum bist Du einmal halb
und einmal voll?
Wie alt ist der weiße Hase dort bei Dir?
Und Du selbst, Schwester Mond,
wieviele Kinder gebarst Du schon?
Weshalb schlenderst bei einsamer Nacht
Du um den purpurroten Palast herum?
Warum errötest bei hellem Tag
Du vor der goldenen Sonnenscheibe?
Während der fünf Nachtwachen
strolchst Du vorbei —
auf wen wartest Du?
Oder hast Du
ein intimes Verhältnis
zu den Flüssen und Bergen?

Anm.: Nach der vietnamesischen Mythologie wohnt ein weißer Hase auf dem Mond.

Aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. [Ho Xuan-Huong]. München: Simon & Magiera, 1985, S. 45

Mond und Venus (im dritten Bild kommt noch jemand dazu)

Ein Gedicht in englischer Übersetzung (John Balaban) und gesungen auf Vietnamesisch. https://www.johnbalaban.com/wp-content/uploads/2019/03/hồ-xuân-hương-poem.mp3

Vietnamesische Dichterin der Erotik und der Rechte der Frau vor 200 Jahren

Hồ Xuân Hương (Hán tự: 胡春香; * 1772; † 1822) war eine vietnamesische Dichterin. Sie wurde zum Ende der Späteren Lê-Dynastie geboren, erlebte den Aufstieg und den Fall der Tây Sơn-Dynastie und starb zum Anfang der Nguyễn-Dynastie. Sie schrieb ihre Gedichte in chữ Nôm*, wird oft als die größte Dichterin Vietnams bezeichnet. (…) Die Inhalte und Gedanken ihrer Gedichte waren ebenfalls sehr stark umstritten, dementsprechend auch das Urteil. Dennoch war es unbestritten, dass sie in Form und Kunstfertigkeit einen bis dahin unerreichten Gipfel der vietnamesischen Literatur schuf. Der zeitgenössische vietnamesische Dichter Xuân Diệu bezeichnet sie als „Königin der chữ Nôm-Dichtung“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hồ_Xuân_Hương

*) Das klassische Schriftsystem der vietnamesischen Sprache, bei dem chinesische Schriftzeichen rein phonetisch benutzt werden, um die vietnamesischen Laute wiederzugeben. Es wurde seit dem 15. Jahrhundert benutzt. Im 19. Jahrhundert entstand ein vietnamesisches Alphabet auf Basis des lateinischen – heute können nur wenige Vietnamesen Nom lesen.

Ho Xuan-Huong

(1772-1822)

Loblied auf ein lediges schwangeres Mädchen

Zu weich war ich,
nun finde ich mich in solch heikler Lage.
Schmerzlich ist mein Mißgeschick,
weißt Du es, Geliebter?
Unsere vom Himmel bestimmte Zweisamkeit
hat noch keinen hochragenden Kopf.
Mein Mädchenschicksal,
schon nimmt es horizontale Ausmaße an.
Diese Schuld
trägst Du Geliebter, hundert Jahre lang.
Die Frucht unserer Liebe
trage ich dennoch mit Freuden.
Böser Klatsch und Häme der Welt
lassen mich ungerührt.
Ist es doch gut, ein Kind zu erwarten,
selbst ohne vermählt zu sein.

In Vietnam wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach konfuzianischem Gesetz eine unverheiratete Schwangere als kriminell angesehen und zur Todesstrafe (für Mutter und Kind) verurteilt.

Hier verteidigt die Dichterin offenkundig ledige Mütter und verdammt entschieden die scheinheiligen und barbarischen Gesetze der Männerherrschaft ihrer Zeit.

Gedicht und Kommentar aus: Tien Huu (Hrsg.): Augen lachen, Lippen blühen. Erotische Lyrik aus Vietnam. München: Simon & Magiera, 1985, S. 33. (Obwohl der Name der Autorin nicht im Titel der deutschen Ausgabe auftaucht, handelt es sich um eine Auswahl der Gedichte von Ho Xuan-Huong.)

Aus dem Nachwort des Herausgebers:

„In der Sozialgeschichte und Literatur Vietnams nimmt die Dichterin Ho Xuan-Huong (ca. 1772-1822) wahrhaft einen großen revolutionären Rang ein und gilt als eine bahnbrechende Heldin des Volkes im Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen und der Schwachen, der Armen und Ausgebeuteten in der damaligen Zeit. (…)

Fast alle ihre Gedichte beziehen sich unmittelbar oder in Anspielungen auf das Geschlechtliche, die Körperteile und Organe oder den geschlechtlichen Akt. Alles, was die scheinheilige, dekadent konfuzianistische DAO NHO im damaligen Vietnam unter frömmelndem, moralistischem Deckmantel streng verbarg und als unmoralisch, blasphemisch, königsfeindlich, ordnungsstörend, gesellschaftsschädlich, literarisch unwürdig… bezeichnete, wurde von ihr mit Sorgfalt und Hingabe öffentlich gepriesen und in großer Dichtkunst und mit feinem, hintergründigem Humor besungen. Und all dies zu einer Zeit, in der nur die sog. „Tugendtragende Literatur“ (van tai-dao) erlaubt war, d.h. Preisung der absoluten Königstreue, des blinden Gehorsams, Verherrlichung der Männer und eines naturwidrigen keuschen Witwentums.“

Mit antiautoritärem Mut verfocht Ho Xuan-Huong als erste Frau der gehobenen Gesellschaftsschicht (sie war Nebenfrau eines Distriktchefs) leidenschaftlich freiheitliche Ideen und die Emanzipation der Frauen – noch ehe etwa George Sand (1804-1876) oder Félicien Rops (1833-1898) am europäichen Himmel aufstiegen.“

Kalligraphie mit dem Text dieses Gedichts in der modernen vietnamesischen Schrift

Blätternackt

Das letzte Heft des Jahrgangs 2024 der Sprache im technischen Zeitalter kam spät im Jahr. Vor zwei Monaten wurden Abonnenten gefragt, ob sie das Heft in Zukunft weiter auf Papier oder digital lesen wollen. Was immer das bedeutet. – Aus dem aktuellen Heft hier ein Gedicht von

Uta Gosmann

BLÄTTERNACKT

Wir hüllen uns
in die Blätter
der Bücher, suchen

Hautkontakt.
Je besser
sie passen,

desto enger
schmiegen
wir uns ein,

wickeln uns
in dieses teuerste
Kleid; denn

ohne Worte
prasentiert uns
nichts. Wir sind

für kurze Zeit,
was sie beschreiben,
doch fällt

mit jedem Blättern
die Seite
wie das Kleid,

am späten Abend
abgetragen,
von uns ab,

so dass wir
wieder stehen
blätternackt.

Aus: Sprache im technischen Zeitalter 252, Dezember 2024, S. 394

Neujahr ist, und er nennt es Jahrend

Georg Maurer 

(* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn, heute Rumänien; † 4. August 1971 in Potsdam)

TRÜBE STUNDE

Mein Herz verläßt mich, springt mir nicht bei.
Einen Arzt brauch ich. Der könnt mir wohl helfen.

Schuldig ist er und nennt es krank sein.

Lippe liegt auf Lippe wie Zentner auf Zentner.
Wie soll ich leben als Stummer –

Alles hat er zu sagen und nennt es stumm sein.

Die Sonne seh ich nicht und den Mond nicht.
Was soll ich auf der Welt als Blinder –

Er scheut sich zu sehn und nennt es blind sein.

Das Jahr ist zu End, und das End ist nicht gut.
Man soll seinen Tag nicht loben vor dem Abend.

Neujahr ist, und er nennt es Jahrend.

Aus: Georg Maurer, Bäume im Rosental. Gedichte. Herausgegeben von Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 78f. – Das Gedicht stammt aus dem Band Gespräche (geschrieben 1964/65, erschienen 1967).

Ich will nicht gehorsam und bescheiden sein

Radmila Lazić

(serbisch Радмила Лазић; * 26. Dezember 1949 in Kruševac, Serbien, lebt in Belgrad)

Weiblicher Brief

Ich will nicht gehorsam und bescheiden sein,
Schmeichlerisch wie eine Katze, ergeben wie ein Hund;
Mit einem Bauch bis an die Zähne,
Mit Händen im Teig,
Mit einem Gesicht weiß vom Mehl,
Mit einem Kohlenherz,
Mit seiner Hand auf meinem Hintern.

Ich will nicht der Willkommwimpel
Auf seiner Hausschwelle sein.
Nicht unter der Schwelle die Hausgeist-Schlange,
Weder Schlange noch Eva, aus der Genesis.

Ich will nicht zwischen Tür und Fenster gehen,
Um zu horchen und Schritte
Von nächtlichen Geräuschen zu unterscheiden.
Ich will nicht der bleiernen Bewegung des Zeigers folgen,
Nicht dem Fall der Sterne –
Damit er sich betrunken in mich einschlammt wie ein Elefant.

Ich will nicht mit einem Gobelin-Stich
Ins Familienbild eingefädelt sein:
Am Kamin mit Knäueln von Kindern
Im Garten mit Welpen der Kinder.

Ich aber, wie ein Schattenbaum,
Ich aber, wie eine Winterlandschaft.
Eine Statuette unter dem Schnee,
Ich werde im Traukleid mit Falten und Volanten
In den Himmel fliegen.
Halleluja! Halleluja!
Ich will keinen Bräutigam.
Graues Haar will ich,
Buckel und Korb will ich,
Um in den Wald zu gehen,
Erdbeeren zu pflücken
Und Reisig zu sammeln.

Damit alles bereits hinter mir ist,
Auch das Lächeln jenes Jünglings
Damals so lieb
Und durch nichts zu ersetzen.
1988/89

Deutsch von Robert Hodel, aus: Hundert Gramm Seele. Serbische Poesie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Leipziger Literaturverlag, 2011, S. 97/99

Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte

Elke Engelhardt

Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte

Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.

Es gab Ausnahmen.

Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.

Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.

Aus: Literaturbote 145, September 2024, S. 145

Was würdest du dann mit mir tun?

Nourida Ateschi (Nuridə Atəşi)

(* 22. August 1965 in Oğuz, Aserbaidschanische SSR, lebt in Berlin)

Nuridə Atəşi (Gadirova) wurde im Jahre 1965 in Nord-Aserbaidschan geboren, wo sie ihre Kindheit in den Bergen auf Pferderücken verlebte. Mit 9 Jahren begann sie, Gedichte zu schreiben. Ihr erstes Gedicht wurde 1982 veröffentlicht und beschreibt offene persönliche Bekenntnisse, die in Aserbaidschan ungewohnt waren und die nicht überall auf Zustimmung stießen. Die Türen des Literarischen Forums schlossen sich dann zehn Jahre für sie. Fortan schrieb sie unter dem Pseudonym »Ateshi« (die Feurige), weil sie selbst von der Familie und dem Ehemann im Schreiben unterdrückt wurde. 1993 wurden Gedichte von ihr durch den bekannten Komponisten Faiq Sucaddinov vertont. Das Lied »Was würdest Du mit mir tun?« wurde über Nacht bekannt und Hit des Jahres. 1995 siedelt Nuridə nach Berlin über, wo sie ihr kaukasisches Temperament, klassische orientalische Literatur und eine naiv-ursprüngliche Anschauung in die deutsche Dichtung einbrachte. Viele achten sie dafür, dass sie Feminismus, Erotik, weibliche Leidenschaft in die moderne aserbaidschanische Literatur eingebracht hat, manche fühlen sich dadurch provoziert und in ihren traditionellen Vorstellungen verletzt. Sie schreibt in türkischer, aserbaidschanischer und deutscher Sprache. Bis jetzt hat sie 13 Bücher veröffentlicht. Neben Lyrik schreibt sie auch Publizistik, Texte zur Forschung und übersetzt.

Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 207
Was würdest du dann mit mir tun?

Wenn ich dir mein Herz aufschließe
und mein Weh dich sehen ließe,
was würdest du dann mit mir tun?

Wenn meine Wunde Salbe brauchte,
mein Herz nur deinen Beistand brauchte,
was würdest du dann mit mir tun?

Wenn ich dich aufhalte mit Tränen,
vor deiner Türe steh mit Stöhnen,
was würdest du dann mit mir tun?

Wenn ich dir sag, daß ich nur dein bin,
wenn ich dir sag, daß ich dich liebe,
und sag, daß ich nach dir verrückt bin,
und sag, daß ohne dich ich tot bin,
was würdest du dann mit mir tun?
was würdest du tun?

Aus: Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. [Zweisprachig] Übertragen von Nourida Ateschi & Jan Weinert. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 169

AHNEN

2024 erschien das 145. Heft der Zeitschrift „Literaturbote“. Es ist dicker als sonst, stolze 160 Seiten Lyrik und Prosa, zusammengestellt von „Gastherausgeberin“ Beate Tröger. Eine schöne Anthologie – und leider auch der Schwanengesang der Zeitschrift, die damit ihr Erscheinen einstellt. Viele starke, spannende Texte darin, es fällt mir schwer, einen einzigen als repräsentativ auszuwählen. Vielleicht werde ich mehrere auswählen? Heute als Leseprobe (sichern Sie sich ihr Exemplar bei einer guten Buchhandlung oder beim Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V.) ein Gedicht von Irina Bondas, die ich bisher nur als Übersetzerin kannte.

Irina Bondas

(geboren 1985 in Kyjiw, lebt in Berlin)

Aus AHNEN
[in Arbeit]

Wenn die Seele in die namenlose Stadt kommt, da ruht sie aus.
Meister Eckhart


diese Anhäufung Erde
aufgebrochen aus seltener Unscheinbarkeit
könnte alles Mögliche sein
wenn Du so willst
geöffneter Feldrücken
Schädel, Knochen, Kadaver
wesende Wurzeln, taubes Gestein

und es bleibt mir, Dir zu vergeben
Dein irrlichterndes Fehlen
Deinen anmaßenden Appetit
die sture Beschwörung
Dein Allein, zeitlos
das Woanders Gewalt
Dein Recht ohne Recht
Deinen anhaltenden Tod
diese schlampige Liebe für nahezu Menschliches

wer, wenn nicht ich

Aus: Literaturbote 145, September 2024. Gastherausgeberin Beate Tröger. Frankfurt/Main: Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V., S. 106

Glüh mich zur Sünde hin

Jakob Haringer 

(* 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; † 3. April 1948 in Zürich)

Gebet um Sünde

O Gott! Aus diesen lauen grauen Tagen
Glüh mich zur Sünde hin, weil mich so friert –
Eh daß mein Herz vereist in frommen Sagen,
Mach mich ein bißchen teuflisch und vertiert.
Ihr toten Tage, ausgehöhlt, entgöttert,
Wie ungewürzte Speise leer und schal,
Sauer wie Schweiß um blöd vertane Arbeit –
Ihr Toten – ach erstickt mich tausendmal;
Wie Wein, in den es jahrelang geregnet.
Auf euch ruht nimmer Gottes Mutterhand ...
Behängt mit meinen nie geweinten Tränen,
Mit meiner letzten Wünsche Kindertand.
Wo ist der Engel, der da gut und weise
Euch wachsen ließ wie Veilchen aus dem Schnee?
Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.
O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.
O laß mich lieber dir mit Sünden danken ...
Die Sünden weinen sich die Augen aus.
Die Heiligen mit ihren Löwenpranken
Zerschlagen ganz mein armes Blumenhaus.

Aus: Gustav Noll: Arsenal. Poesie deutscher Minderdichter vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Ausgewählt, bearbeitet, eingeleitet, mit Dichterbiographien versehen und herausgegeben von Bernd Thum. Berlin: Propyläen Verlag, 1973, S. 829

Ja, wie sind sie denn?

Galsan Tschinag (mongolisch Чинагийн Галсан, Tschinagijn Galßan, eigentlich Irgit Schynykbai-oglu Dshurukuwaa, tuwinisch Иргит Шыныкай оглу Чурук-Уваа; * 26. Dezember 1943 im Bajan-Ölgii-Aimag, Mongolei) ist ein aus der Mongolei stammender deutschsprachiger Schriftsteller. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Er ist Angehöriger einer ethnischen Gruppe der turksprachigen Tuwiner bzw. der Cengel-Tuwiner im mongolischen Altai. Tschinag sieht sich selbst als Stammesoberhaupt, Schamane, religiöser Lehrer, Schauspieler und Ernährer der Altai-Tuwiner. Einige der in der Mongolei verstreut lebenden Mitglieder dieser Ethnie hatte er 1995 zu einer Karawane zusammen- und in seine Heimat, den mongolischen Altai, zurückgeführt. Bekannt wurde Tschinag in Deutschland als Schriftsteller und Autor zahlreicher belletristischer Texte über seine Herkunftsethnie.

https://de.wikipedia.org/wiki/Galsan_Tschinag

Also ein deutschsprachiger Schriftsteller – aber ganz so einfach ist es nicht.

Doch ist mir mittlerweile etwas Merkwürdiges an meiner eigenen Poesie aufgefallen – zwar verrät alles, von mir an poetischen Gedanken in unterschiedlichen Sprachen zum Ausdruck gebracht, unverkennbar meine besondere Sicht- und Schreibweise, aber jede Sprache hat dabei auch ihr besonderes Gepräge hinterlassen: Die Gesänge in meiner Muttersprache, in Tuwinisch, sind allem voran Gebete; die poetischen Versuche in meiner ersten Fremdsprache, in Kasachisch, klingen nach Scherz- und Festliedern; die Gedichte in Mongolisch, meiner zweiten Fremd- und meiner Schulsprache, sind in ihrem Gesamtkörper Hymnen; die weiteren poetischen Versuche in Russisch, meiner dritten Fremdsprache, muten, unverkennbar die russischen Klassiker nachahmend, recht lyrisch an; und schließlich die Gedichte in Deutsch, meiner vierten Fremd- und meiner universitären und Hauptschreibsprache, ja, wie sind sie denn?

Aus: Galsan Tschinag: Liebesgedichte. Mit einem Nachwort des Autors. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2007, S. 110f.
Du hast mir sehr gefehlt

Morgens hast du mir samt der Tür gefehlt
In der du stehst und mit der Sonne zusammen
Die Jurte bestrahlest und beleuchtest
Tags hast du mir gefehlt samt der Herdwärme
Dem Rauchgeruch und duftenden Teedampf
Abends hast du mir mit den lärmenden Tieren
Unter Hundegebell und flackerndem Kerzenlicht gefehlt
Nachts hast du mir gefehlt mit der Wolke Milchsäure
Schwelendem Wacholder und der Hitze deines Schoßes
Die Stimme, der Duft, das lebende Bild –
Alles von dir hat mir gefehlt
Am meisten aber die Nähe mit deiner quellenden Seele
Deren klarer Spiegel und samtene Grannen
Ich mit der meinigen fühlte
Wie sanften Hauch zarten Lebens
Aus der Sternstunde, in der du und ich einander
Zum Manne, zur Frau machten

Aus: Ebd. S. 37

Angelus Silesius zum 400.

Zum 400. Geburtstag des schlesischen Angelus ein Gelegenheitsgedicht und ein Quodlibet aus dem Cherubinischen Wandersmann.

Angelus Silesius (lateinisch für Schlesischer Bote/Engel, eigentlich Johannes Scheffler; geboren und getauft 25. Dezember 1624 in Breslau, Fürstentum Breslau; † 9. Juli 1677 ebenda) 

Unter Jacob Böhme’s Bildniss 

Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn‘ im Firmament;
Der Salamander muss im Feu’r erhalten werden,
Und Gottes Herz ist Jacob Böhme‘s Element.
1. Buch, 5. Man weiß nicht, was man ist

Ich weiß nicht, was ich bin; ich bin nicht, was ich weiß;
Ein Ding und nit ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis.

285. Das Erkennende muß das Erkannte werden

In Gott wird nichts erkannt: er ist ein einig Ein,
Was man in ihm erkennt, das muß man selber sein.

297. Nicht nackt und doch unbekleidet

Nackt darf ich nicht vor Gott und muß doch unbekleidt
Ins Himmelreich eingehn, weil es nichts Fremdes leidt.

2. Buch 9. Das Weib auf dem Monde

Was sinnest du so tief? Das Weib im Sonnenschein,
Das auf dem Monden steht, muß deine Seele sein.

32. Mit Schweigen singt man schön

Die Engel singen schön; ich weiß, daß dein Gesinge,
So du nur gänzlich schwiegst, dem Höchsten besser klinge.

3. Buch 14. Küssungs-Begierde

Ach laß mich doch, mein Kind, mein Gott, an deinen Füßen
Nur einen Augenblick das mindste Brünklein* küssen.
Ich weiß, werd ich von dir nur bloß berühret sein,
Daß stracks verschwinden wird mein und auch deine Pein.

5. Buch 144. Die Ichheit schadet mehr als tausend Teufel

Mensch, hüte dich vor dir. Wirst du mit dir beladen,
Du wirst dir selber mehr als tausend Teufel schaden.

6. Buch 263. Beschluß

Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.

Ende

*) Brünklein schlesisch für kleiner Brocken

Das erste aus: Sämmtliche poetische Werke, Hrsg. David August Rosenthal, Regensburg 1862, Band 1, S. 19, die übrigen hier http://www.zeno.org/Literatur/M/Angelus+Silesius/Gedichte/Cherubinischer+Wandersmann

Peter Cornelius zum 200.

In der verzweigten Künstlerfamilie Cornelius gibt es 2 Peter. Der Maler Peter Cornelius (1783-1867) wurde vom bayrischen König geadelt, so dass man ihn am „von“ unterscheiden kann. Der andere ist Peter Cornelius (1824-1874), Komponist und Dichter, der am Heiligabend 1824 in Mainz geboren wurde. Er schrieb zwei Opern, Der Barbier von Bagdad (1858) und Der Cid (1865), eine dritte blieb unvollendet, und zahlreiche Lieder. Darunter ist ein Zyklus Weihnachtslieder. Ich entscheide mich aber für zwei persönlichere Gedichte.

Ich habe keine Titel.

Ich habe keine Titel,
Bin nicht Commerzienrath,
Ich hab' auch keine Mittel,
Der Fall ist desperat!
Bin so ein Stückchen Dichter,
Ein Stückchen Musikant,
Solch hungriges Gelichter
Erfüllt das ganze Land.
Käm' nur die Zeit recht schnelle,
Wo man den Menschen schätzt;
Dann blieb' manch hohe Stelle
Im Land wohl unbesetzt.
Und würden alle Hunde
Und Wölfe dann verbannt,
Blieb' wohl für mich zur Stunde
Ein Platz als Mensch vacant.

Aus: Gedichte von Peter Cornelius. Eingeleitet von Adolf Stern. (Herausgegeben vom Allgemeinen Deutschen Musikverein). Leipzig: C. F. Kahnt Nachfolger, 1890, S. 214

Zum Schluß 

Wenige sind's, die mich verstehen,
Die mich nehmen wie ich bin,
Die das Wort mir nicht verdrehen,
Das ich sprach mit leichtem Sinn;
Die aus einer Spreu von Scherzen
Gern erspäh'n des Ernstes Korn,
Die da schöpfen, wie vom Herzen
Reich und spärlich fließt der Born.
Drum, daß ich euch bin begegnet
Hat mir voll das Herz erlabt,
Seid gegrüßet, seid gesegnet,
Daß ihr mich verstanden habt!

Aus: Ebd. S. 279

Im Eingangsbild Peter Cornelius, wie ihn die KI nach Lektüre dieses Beitrags sah. Hier ein Porträt von Friedrich Preller dem Älteren (aus dem Band seiner Gedichte).