94. Selbsttor eines Dorfkickers

Kommentar von Axel Kutsch

Wir Älteren erinnern uns noch gerne an die Selbsttore von Franz Beckenbauer. So elegant hat vor und nach ihm kein anderer Fußballspieler den eigenen Keeper überlistet. Für uns Zuschauer war es die reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne.

Beim großen Franz hatte das Selbsttor Kultur. Bei Stefan Mesch, einem Mann der Kultur, der nun auch in der ZEIT ein Spielfeld gefunden hat, verkommt es zur bloßen Lachnummer – wie bei kuriosen Eigentoren auf holprigen dörflichen Sportplätzen.

In einem oberflächlichen Erguß über Lyrik im Netz (und anderswo), den er unter dem Titel „Wo Poeten laut werden“ in jener nicht vor Poesiekenntnissen strotzenden Wochenzeitung absondern durfte, holt er an einer Stelle kräftig zum Tritt gegen den Poetenladen aus, dessen professionelle Website vor allem in der Lyrikszene hohen Stellenwert genießt. Der „unübersichtliche und egalitäre Poetenladen“ verstecke Perlen blöd zwischen krauser Literaturkritik und Amateurtexten, konstatiert unser Dorfkicker voller Elan.

Allerdings geht dieser Tritt nach hinten los, hatte er sich doch vor vier Jahren vergeblich um eine Aufnahme in diesen nun von ihm geschmähten Poetenladen bemüht, die damals von der Redaktion aus qualitativen Gründen abgelehnt wurde.

War es Frust? War’s gekränkte Eitelkeit? Jedenfalls ist selten ein plumperes Selbsttor geschossen worden – nicht einmal auf holprigen Dorfplätzen, aber dafür in einer Zeitung, deren Ansehen trotz gewisser Defizite im Bereich der Poesie nach wie vor beträchtlich ist.

Was Franz Beckenbauer wohl dazu sagen würde? Aber fragen wir ihn lieber nicht.

10 Comments on “94. Selbsttor eines Dorfkickers

  1. Manchmal wäre es gut, die Dinge etwas sacken zu lassen. Meinen Kommentar „Selbsttor eines Dorfkickers“ habe ich seinerzeit nach der Lektüre des ZEIT-Artikels spontan geschrieben – zu spontan.
    Das war ein Fehler. Hätte ich eine Nacht darüber geschlafen, wäre er nicht so verächtlich ausgefallen. Da Sponti-Reaktionen nicht unbedingt die besten Grundlagen für sachliche Diskussionen sind, habe ich nun, den Fortgang der Debatte verfolgend, einige Zeit mit dieser Stellungnahme gewartet. Den weiter oben erhobenen Vorwurf, daß es auch mir nicht um (lyrische) „Inhalte“ gehe, habe ich sehr ernst genommen. Vielleicht wird in letzter Zeit bei Lyrik-Diskursen im Netz zuviel an der Poesie vorbeigeschrieben. Persönliche Attacken rücken in den Vordergrund – woran ich ja nicht unbeteiligt bin. Auch im fortgeschrittenen Alter braucht man wohl gelegentlich noch einen Anstoß, um aus der unguten Sphäre des Hohns und Spotts auf den Boden der Sachlichkeit zurückzukehren. Übrigens habe ich Jahrzehnte einen „anständigen“ Beruf ausgeübt. Und was Dichter wie Stolterfoht und Hummelt betrifft, ist es nicht meine Absicht zu suggerieren, daß ich so gut wie sie bin. Eine solche Einschätzung maße ich mir nicht an.

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  2. Ich will nicht weiter auf die Diskussion zum Kommentar von Axel Kutsch, in dem u.a. unsachlich von einer Lachnummer die Rede ist, eingehen, sondern nur etwas zur (Nicht-)Honorierung von Gedichten hinzufügen. Angeblich hat auch der große S. Fischer Verlag den Autorinnen und Autoren der „Jahrbücher der Lyrik“ zuletzt keine Honorare gezahlt. Erst kürzlich hat der renommierte Romancier und Lyriker Raoul Schrott in der Nürnberger Zeitung darauf verwiesen, dass man mit dem Schreiben von Gedichten kein Geld verdienen könne, diesen Part müsse die Prosa übernehmen. Aber war es, vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen, je anders? Auch für die Verlage ist Lyrik kaum ein „Geschäft“. Sonst würden nicht manche der Großen dieser Literaturgattung immer weniger Beachtung schenken. Würden nur halbwegs so viele Lyrikbände wie Romane gekauft, dann könnten auch manche Lyriker von ihren Veröffentlichungen leben.

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  3. Eigentlich lohnt es sich nicht, auf Attacken von Leuten, die sich „mutig“ hinter Pseudonymen verbergen, zu reagieren. Dennoch will ich edit ‚O mit einigen Anmerkungen antworten.

    Ja, es ist schon ein Kreuz mit Herausgebern, die selbst kaum ein „gutes“ Gedicht geschrieben haben. Daß beispielsweise Jürgen Becker, Theo Breuer, Christoph Buchwald, Karl Otto Conrady, Robert Gernhardt, Anton G. Leitner, Ulf Stolterfoht oder Uljana Wolf Gedichte von mir veröffentlicht haben, war sicher nur ein Irrtum. Und was die miesen Gedichte betrifft, die ich angeblich als Herausgeber in meine Anthologien aufnehme, so lassen sich – um nur einige Namen zu nennen – Autorinnen und Autoren wie Lars-Arvid Brischke, Hugo Dittberner, Dieter M. Gräf, Manfred Peter Hein, Franz Hodjak, Norbert Hummelt, Björn Kuhligk, Lars Reyer, Ulrike Almut Sandig, Joachim Sartorius, Kathrin Schmidt, Tom Schulz, Ron Winkler oder Uljana Wolf nicht davon abhalten, mir neue Gedichte zu schicken. So schlecht können diese Anthologien also eigentlich nicht.

    Richtig übel wird einem, wenn sich Pamphletisten wie edit ‚O hinter Decknamen verstecken. Etwas mehr Standhaftigkeit wäre hier angebracht. Da kommt mir noch ein Gedanke: Kann es sein, daß ich ihn (oder sie) vielleicht einmal abgelehnt habe? Aber beenden wir diese Diskussion.

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    • Herr Kutsch, das ist ein Totschlagargument, wenn jeder, der Kritik an der zeitgenössischen Lyrik und ihren Lyrikern äußert, als kleiner oder abgelehnter Lyriker diffamiert wird, nur weil die ach-so-professionellen-Lyriker mit ihren Preisen und Stipendien unter sich bleiben wollen. Und um nichts anderes geht es hier, als dass die eigenen kleinen Privilegien, die der Literaturbetrieb gewährt, gegen die Außenwelt (die Leser, die keine Lyrik schreiben oder – angeblich – nur kleine Lyriker sind) erbittert verteidigt werden sollen. Man müsste ja sonst einem anständigen Brotberuf nachgehen und bekäme dann die tatsächlichen Verhältnisse auf der Straße mit, nämlich dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Und welcher professionelle Lyriker stellt sich dem schon freiwillig. Insofern sind allein schon die Kommentare der Herren R. Winkler und Milautzcki reine Verteidigungsreden, nur um das Bestehende nicht anzutasten. Dass sie zu jedem Bisschen im Netz einen Kommentar absondern müssen, zeigt im Übrigen auch, dass sie in Wahrheit die kleinen Lyriker sind. Und für was gibt es denn die ganzen Preise und Stipendien? Doch nur für harmlose Gedichte, die die Machtverhältnisse hierzulande nicht antasten, sondern sie zementieren.
      Und Herr Kutsch, noch eins: Wieder bringen Sie in Ihrem Kommentar nur Namen ins Spiel. Um (lyrische) „Inhalte“ geht es auch bei Ihnen. Wenn Sie Dichter wie Stolterfoht, Hummelt etc. nennen, wollen Sie damit suggerieren, als wären sie selbst (so gut wie) Stolterfoht, Hummelt etc. Es ist widerlich. Hören Sie doch endlich mal auf damit! Zahlen Sie eigentlich „Ihren“ Autoren, die Sie in den Anthologien veröffentlichen, Honorare. Nein, das tun Sie nicht! Sie Ausbeuter, Sie! Hauptsache sich mit fremden Federn schmücken, um sich selbst im Literaturbetrieb zu profilieren – nach dem Motto: Veröffentlichst du mich, veröffentliche ich dich. Deshalb lesen wir seit Jahrzehnten auch nur noch schlechte Gedichte, unter denen die wenigen guten einfach mal untergehen.

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      • Den Beginn dieser Diskussion finde ich mit seiner Verächtlichkeit und Unsachlichkeit entwürdigend für die Lyrikszene. Paul Celan hat die Gruppe 47 einmal als „diese Fußballer“ bezeichnet und würde das wohl Herrn Kutsch und seinem Lyrikerfreundeskreis gegenüber auch tun. Übrigens, Herr Kutsch, Sie haben mich nicht abgelehnt, sondern sogar etwas von mir gedruckt, aber ich würde von Ihnen trotzdem nichts drucken.

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  4. Danke an „edit“! Das war das Vernünftigste und zugleich auch Witzigste was ich in dieser sinnlosen „Debatte“ lesen durfte!
    Sowohl Axel Kutsch als auch der Poetenladen vermitteln (ETWAS polemisch) den Eindruck, dass es in dem Artikel von Stefan Mesch um die inhaltliche Qualität dieser einen Webside geht.
    Zum Thema Lesekompetenz sei den Betreffenden mal gesagt: Mir schien es eher so, dass es allgemein um Lyrik im Netz ging und nur ganz, ganz peripher auch der Poetenladen erwähnt wurde.
    Den „kräftigen Tritt“ von dem Axel Kutsch spricht, musste ich erst mal suchen! Nachdem ich ihn dann tatsächlich fand,hatte ich eher den Eindruck, dass Stefan Mesch das Layout der Seite kritisiert und nicht das ganze Forum an sich, weshalb mir auch überhaupt nicht einleuchtet, was seine angebliche Ablehnung vor vier Jahren damit zu tun haben soll…
    2:O für Stefan Mesch (um bei der prolligen Fußballmetapher zu bleiben), der als Einziger in der ganzen Misere humorvoll und vernünftig zu bleiben scheint, wie seine Kommentare beweisen.
    Gekränkte Eitelkeit? – Wohl eher auf der anderen Seite!! Wobei ich mich frage, was die Poetenlädler eigentlich mehr stört, die Kritik an sich, oder dass diese nur in einen beiläufigen Nebensatz gepackt war, während anderen Websides ein ganzer Abschnitt gewidmet wurde?
    So oder so, bleibt nur noch mit ähnlich hohlem Geplänkel zu schließen, wie der Poetenladen andere Kommentare unter dem ZEIT-Artikel kommentiert:
    poetenladen.de ist halt eine Platt-Form und getroffene Hunden scheinen tatsächlich zu bellen!

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  5. Vier Jahre sind doch eine lange Zeit. Wie kann man es nach vier Jahren einem Autor zum Vorwurf machen (wenn er die Seite heute kritisch beäugt), dass er dort mal mit einem Gedicht nicht angenommen wurde. Was war der Poetenladen denn vor vier Jahren? Also ehrlich, wie kleinlich. Und dann das als „Lachnummer“ abtun. Immer diese Herausgeber, die selbst kaum ein „gutes“ Gedicht geschrieben haben. Großkotzig bis zum geht nicht mehr, dabei leben Leute wie Leitner, Kutsch, Heidtmann, Buchwald von den Dichtern, die ihre Gedichte schicken und leben dann auch noch öffentlich ihre Macht aus. Wenn ich nur lese, was Kutsch als Herausgeber für miese Gedichte in seinen Anthologien veröffentlict, dann wird mir als Leser übel.
    Die vier Eigentore (in über 400 Spielen in der Bundeliga) von Beckenbauer sind doch nun auch wirklich nicht der Rede wert. Diese Kullerbälle von Beckenbauer „eine reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne“ zu nennen, zeugt nur davon, das Herr Kutsch auch von Fussball keine Ahnung hat.

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  6. Eine Debatte um Wert und Unwert des Artikels würde sicher lohnen. Aber warum gleich zum Einstieg aufbrausen? Mesch schreibt ja nicht: »elitär«. Und immerhin schreibt er, wenn auch zugegeben ZEIT-gemäß. Der primäre Makel allerdings ist struktureller Natur: detaillierter und weniger punktuell und weniger über die Jahre verstreut wirds so ein Höhenkammfeuilleton eben nicht machen. Nicht mehr. Noch nicht.

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  7. Lieber Axel Kutsch,

    Ich habe vor vier Jahren an einem Wettbewerb namens „Debütpreis des Monats“ des Poetenladens teilgenommen, aber nie wieder etwas vom Poetenladen gehört.

    Nicht schlimm: Wie oft schafft man’s auf Anhieb in die Literaturzeitschrift oder den Wettbewerb, für den man sich bewirbt? Wer sich in dieser (kleinen!) literarischen Szene bewegt, kommt an solchen Stationen irgendwann vorbei – ich bin ja auch nicht wütend auf den Klagenfurter Literaturkurs oder den Berliner Open Mike, weil meine Bewerbungen erfolglos fahren.

    Das passiert. Und es gab damals auch keine „traumatische“ Absage: „Herr Mesch, wir wollen Sie nicht – Sie sind zu schlecht für uns!“

    Ich hätt’s einfach irgendwann wieder versucht. (und: mit einem besseren Text!)

    Ich bin seitdem immer mal wieder auf der „Poetenladen“-Homepage: Freunde und Bekannte haben eigene Seiten, manchmal gibt es interessante Essays oder Rezensionen.

    Aber wenn ich „Lyrik entdecken“ will, stehe ich vor dieser Seite:

    http://www.poetenladen.de/poeten.html

    Hunderte Namen. Kein Geburtsjahr, kein Wohnort, und keine Unterscheidung, ob sie Prosa und/oder Lyrik schreiben.

    „Poetenladen“ ist wie ein Kinderüberraschungsei: Man kann die 60jährige Suhrkamp-Autorin „entdecken“ oder den Zivildienstleistenden, der die ersten drei Gedichte vorstellt.

    Nichts gegen Suhrkamp-Autorinnen. Nichts gegen Zivis. Aber „lyrikline“ z.B. hat – auf einer ganz ähnlich gestalteten Benutzeroberfläche – dasselbe Problem viel, viel übersichtlicher gelöst.

    Also: Kein Schlachtzug, keine gekränkte Eitelkeit. Nur eine (vollgestopfte, teilweise interessante) Website, zum Heulen unübersichtlich…

    Noch Fragen? 🙂

    Liebe Grüße!

    STEFAN MESCH

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    • „zum Heulen unübersichtlich…“: Ich finde Unübersichtlichkeit nicht zum Heulen, sondern normal. Und schön. Ein polnischer Aphoristiker schreibt: „Einem Mathematiker muß die Literaturgeschichte wie ein Irrenhaus vorkommen.“ Unübersichtlich ist zB der Schatz der „Suhrkamp-Kultur“ allemal und gottseidank. Für Ordnung sorgen können Literaturhistoriker – und Journalisten. Aber ich lese lieber selber. Und danke den Verlegern und Redakteuren, die die Schatzkammern (Rumpelkammern) gefüllt haben.

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