Der Dichter spricht.

Er, der so lange verstummt war. Endlich einmal bricht der (Ost-)Berliner Lyriker, dessen Werke so beliebt sind, dass er noch immer davon leben kann, sein jahrelanges Schweigen. Nicht mit einem neuen Gedichtband, sondern mit einer Rede, die ihm zur Rhapsodie gerät, zum Erinnerungsrausch. Die Worte, die er so lange zurückgehalten hatte, gehen jetzt mit ihm durch, über die kleine Versammlung hinweg und weit zurück in die deutsche und eigene Vergangenheit. Er, der zur Legende gewordene, soll ja nur eine kurze Ansprache zur Einweihung einer neuen Straße halten, die nach Caspar David Friedrich benannt wird: Aber nun hat der romantische Maler ihm die Zunge gelöst zum großen Bocksgesang. Man kennt das: Wenn die Wortkargen erst ins Reden kommen, können die Schwätzer nur staunen. / Dieter Hildebrandt, Die Zeit 3/2004

Aber: es handelt sich nicht um Lyrik, sondern um einen Roman; nicht um einen Ost-Berliner Lyriker, sondern um die Mystifikation einer Französin. Die sich „irgendetwas zwischen Hacks und Hermlin, zwischen Volker Braun und Wolf Biermann“ ausgedacht hat, um Berlin zu erkunden.

Cécile Wajsbrot:
Mann und Frau den Mond betrachtend
Roman; aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller; Liebeskind Verlag, München 2003; 140 S., 16,–

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