Die Lyrik ist eine gefährliche Sache. INNEN und AUSSEN drohen Mißverhalten und Mißverstand. Stefan Heuer hat das Lob hinter seinen gar nicht tänzerischen Schwerthieben fast versteckt. Im 11. und 12. Satz (ich fange hier mit dem 3. an) kommt es aber gottlob doch (und mit Biermann möchte man ihm zurufen: Du lob mal wieder ohne Bitterkeit).
Doch nicht nur IN, sondern vor allem auch in Sekundärliteratur ÜBER Gedichte wird ohne Unterlass Fragwürdiges geschrieben. Vor allem die an verschiedenen Stellen immer mal wieder gestreute, auf welcher Berechtigung auch immer fußende elitäre Behauptung, Gedichte könne nur genießen, wer über einen entsprechenden akademischen Background verfüge, sich mit dem Kanon auskenne und vergleichen und analysieren könne, ist natürlich Humbug. Es mag richtig sein, dass die Kenntnis von gesellschaftlichen und geschichtlichen Herleitungen und interliterarischem Kontext den Zugang zu einem Text erleichtern kann. Es mag auch richtig sein, dass der regelmäßige Lyrikkonsum das Gefühl für Vers und Metrik öffnet, aber dennoch: Ein jedes Gedicht ist ein neu zu bewertendes Unikat, ein Novum, in dem man sich nicht auskennen kann, ein neues Feld, das es mit Herz und Hirn zu erkunden gilt.
Nun gibt es Autorinnen und auch Autoren, die sich in ihren Gedichten monopoetisch einem Thema widmen. Unglücklicherweise führt diese Spezialisierung oftmals dazu, dass sich große Teile einer potentiellen Leserschaft als unwürdiger Laie vorkommen und damit ausgeschlossen und/oder ausgeladen fühlen. Martina Hefters bei kookbooks erschienener Gedichtband „Nach den Diskotheken“ (ihr Lyrikdebüt nach drei vorangegangenen Romanen in anderen Verlagen) begeht diesen Fehler nicht. Die von ihr in den Mittelpunkt ihrer Gedichte gestellte Differenz, die an vielen Stellen mit dem für sie bedeutsamen Körpergefühl des Tanzens eine Komplizenschaft eingeht, lässt den Leser erstaunlich nah an Körper und Seele heran. Die im Allgäu aufgewachsene Martina Hefter, die in München und Berlin in zeitgenössischem Tanz ausgebildet wurde, präsentiert ihre Gedichte eben so: tänzerisch, nur wenigen Einschränkungen unterworfen, im stetigen Wechselspiel von Bodenständigkeit und dem Griff in den Himmel, ernst und bedeutsam und gleichzeitig spielerisch und offen. Offen für alle, Tanz als Lehrstoff bleibt außen vor, eins zwei Wechselschritt, wie man es in der der Konfirmation vorgeschalteten Tanzstunde über sich ergehen lassen musste, immer wieder der gleiche Blues zu „In the army now“ von Status Quo, getrost kann man das vergessen, wenn man es nicht längst getan hat. Hier geht es um das wahre Leben, um das Daherschreiten der Pfauen, um Bewegungen in der Natur und in Gesellschaft. / cineastentreff
Martina Hefter: Nach den Diskotheken. Gedichte
Kookbooks 2010
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
The great Spanish artist Pablo Picasso said that, in his subjects, he kept the joy of discovery, the pleasure of the unexpected. In this poem celebrating Picasso, Tim Nolan, an attorney in Minneapolis, says the world will disclose such pleasures to us, too, if only we pay close attention.
Picasso
How can we believe he did it—
every day—for all those years?
We remember how the musicians
gathered for him—and the prostitutes
arranged themselves the way he wanted—
and even the helmeted monkeys
with their little toy car cerebella—
posed—and the fish on the plate—
remained after he ate the fish—
Bones—What do we do with this
life?—except announce: Joy.
Joy. Joy—from the lead—
to the oil—to the stretch of bright
canvas—stretched—to the end of it all.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann übernimmt die Schirmherrschaft über das multikulturelle Bremer Poesie-Projekt „Zwiesprache Lyrik“. Einige Bremer AutorInnen sind empört und werfen ihm wiederholte Zensurfreudigkeit vor:
… und nicht nur wegen jener historischen Erich-Fried-Kontroverse. Damals, am 3. November 1977 war das, hatte Neumann bekannt, die Gedichte des jüdischen Emigranten „lieber verbrannt“ zu sehen. Allerdings, er hatte sich später dafür entschuldigt. Und, was schwerer wiegt: Der spätere Büchner-Preisträger hatte das angenommen. „Das ist vergeben, nicht vergessen“, so Watson, der mit Fried persönlich befreundet war. / taz Nord
Kommentar von Benno Schirrmeister
Bis auf wenige Ausnahmen übernimmt Paul Hoorn den Gesangspart – egal, ob in Spanisch, Rumänisch oder Romanes. Oder er singt das Hölderlin-Gedicht von der Hälfte des Lebens, verpackt in eine Roma-Melodie. / Hersfelder Zeitung
Lokalnachrichten aus Hagen:
NN hat den Wettbewerb der „Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte“ gewonnen.
Mit ihrem Gedicht „XYZ“ überzeugte sie die Jury dieses nach eigenen Angaben größten deutschsprachigen Gedichtwettbewerbs. Ihr Siegerbeitrag wurde unter anderem mit einer professionellen Vertonung und einer Veröffentlichung in der Anthologie „Ausgewählte Werke XIII“ prämiert.
(Genauer gesagt hat sie einen der 96 Priese des „4.-100. Preises“ gewonnen. Die müssen ne Menge Komponisten haben.)
NB: Auf den Listen steht immer mal der ein oder andere bekannte Name.
Keimzeit waren die ostdeutsche Antwort auf Element of Crime, ehe Sven Regener überhaupt auf den Gedanken gekommen war, eine Zeile auf Deutsch zu singen. Die Konzerte der Kapellen-Kommune auf Dauertournee über die Dörfer dauerten nicht selten vier Stunden. / Naumburger Tageblatt
Eine Mischung aus Anarchismus-Wundergläubigkeit, Ostblock-Sozialromantik, Kapitalismus-Haudegen und vulgärem Männervokabular könnte in Hochpotenz ziemlich nerven. Der Lyriker, Rockmusiker, Kneipenbetreiber, Redakteur und noch als Dramatiker zu entdeckende Bert Papenfuß erzeugt mit dieser Giftmischung solche Sprachlust und -bissigkeit, dass alle Widerstände runtergespült werden. Nörgler sind seit dem ersten schmalen Band der nun abgeschlossenen siebenteiligen Rumbalotte-Continua-Serie entwaffnet. Leitspruch: „(…) oder ich irre unsäglich vorwärts“. …
Papenfuß wettert nicht nur gekonnt, er entwirft auch – eine Seltenheit – literarische Alternativen. Denn das obige Lamento ist nur Einleitung eines grundvergnüglichen Textes (im siebten Band), der eine Vision zur direktdemokratischen Befreiung der Mark Brandenburg und Gründung eines anarchischen „Unstaats“ entwickelt. Im wirklichen Leben hat Papenfuß, jahrelang Programmplaner im legendären Kaffee Burger, nun zudem als letzten Rückzugsraum in dem Berliner Biotop Jungverrentnerter eine eigene „Schankwirtschaft“ samt „Bordbuchhandlung“ und angeschlossener Bibliothek aufgemacht. Sie liegt in der Metzer Straße, also mitten im Latte-Macchiato-Distrikt, und heißt wie seine raue Poesie Rumbalotte Continua – ein lautpoetisches Geschmeide, das auf einen blöden Witz (zu googeln unter „Rumbalotte“) und den Namen der ehemaligen italienischen Linksgruppierung „Lotta Continua“ zu verweisen scheint. / Astrid Kaminski, Freitag 02
Rumbalotte Continua, Band 1,3,5,7 Bert Papenfuß Verlag Peter Engstler 2004-2010. Band 2,4,6 Verlag Karin Kramer 2005-2009. Je Band 40-50 S.,broschiert. Zwischen 8 und 11 €
(Und noch ein Zitat aus seiner Stasiakte, auch aus dem informativen Beitrag: „Papenfuß macht beim Sprechen grammatikalische Fehler. Auf ihm gestellte Fragen antwortet er nie logisch. Er sprach praktisch wie seine Gedichte geschrieben sind.“)
So wohnt man lesend jener lyrischen Vermessung der Welt bei, die Jan Wagner seit seinem ersten Gedichtband Probebohrung im Himmel aus dem Jahr 2001 beharrlich und mit unverkennbarem Ton vorantreibt: so leichtfüßig wie handwerklich präzise und mit sicherem Gespür für kleine, wirkungsvolle Verschiebungen wird vermeintlich Vertrautes flink ins Unheimliche gewendet, wird stets die Kleinschreibung gepflegt, wodurch alle Worte gleich behandelt und zuweilen mehrdeutig werden. Assoziationsräume werden eröffnet, Kontexte aufgerufen. In „der brennende hain“ über einen Waldbrand im Abschnitt „Süden“ heißt es „nach einer weile/krähte ein hahn. ein hahn. ein hahn“ und man darf hier natürlich auch an Petrus’ Verrat („Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben!“) denken.
In Australien erweist sich Wagner zudem einmal mehr als versierter Spieler auf der Klaviatur des lyrischen Formenkanons. Der Griff zu tradierten Gedichtbauplänen erfolgt mal streng nach Ordnungsschema, etwa wenn sich unter der Überschrift „von den ölbäumen“ 15 Haiku aneinander reihen, mal spielerisch in freier Variation die Baupläne unterlaufend.
Häufig sind unreine Reime, in denen der Bezug zwischen zwei Worten klanglich hergestellt und zugleich aufgebrochen wird. Dadurch gerinnen die Formen nicht zur Pose, wirken tatsächlich als jene „Korsette, in denen man paradoxerweise freier atmen kann“, als die Wagner sie mehrfach charakterisiert hat. Und niemand braucht hier mit der kleinen Versschule gewappnet Silben und Zeilen zu zählen*. Denn dass die Gedichtkörper ein Rückgrat haben, das die Worte stützt und trägt, dass hier jemand an der Sprache präzise gefeilt und poliert, seine Anordnungen genau geprüft hat, wird man ohnehin zur Kenntnis nehmen. / Beate Tröger, Freitag 03
Australien Jan Wagner Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2010, 102 Seiten, 18 €
*) Mit Verlaub, „niemand braucht hier zu zählen“? Der Dichter doch mindestens schon. Die Haikus sind korrekte 17silber, nach westlichem Muster zu 5/7/5 angeordnet. Auch gibt es auffallend viele Verse mit 11 oder bei betontem Ende 10 Silben: fünfhebige Jamben. Manchmal mit völlig korrekter Anaklasis (hoffentlich stehts in der kleinen Versschule). Außerdem enthält der Band, wenn ich jetzt keinen übersehe, neben vielem anderen Abgezählten 3 sapphische Oden: abendlied, lago di como / am aalfang / hiddensee im dezember. Und ob er da gezählt hat. Leser und Kritiker könnten das auch, statt zu labern. Eine „künftige Literaturwissenschaft“, die „statt Raisonnement Analysen versucht“, erhoffte Rainer Kirsch 1976. Ist wohl noch nicht so weit.
Zu den „gezählten Versen“ bzw. Silben sehe man auch zum Beispiel die Huchelpreisträgerin Marion Poschmann, da lassen sich noch Entdeckungen machen.
Das Zitat von Rainer Kirsch aus seinem Buch „Ordnung im Spiegel. Essays Notizen Gespräche“. Leipzig 1985 S. 267
Einen Matthisson für Musikliebhaber, dessen Lieder von Beethoven und Schubert vertont worden sind. Und einen Dichter für die Freunde einer artistisch-artifiziellen Lyrik: den poetischen Kältekünstler, den Schöpfer phantastisch-halluzinierender Szenerien, die erstmals Traum, Rausch und Artistik ineinander verschränken. Ein Dichter, der das eigene Kunstwollen als Zweck absolut setzt – und in seinen besten Versen auf Platen und Meyer, auf Trakl, George und Benn verweist. / Ebd., s. #94
Wörlitz im Jahr 1828. Der Schriftsteller Friedrich von Matthisson, aus königlichen Diensten von Stuttgart aus nach Anhalt-Dessau zurückgekehrt, beugt sich über sein Tagebuch. Der Hofbedienstete im Ruhestand lässt den Tag Revue passieren, der ihm eine Fahrt über Land bescherte. Und eine bemerkenswerte Begegnung. Denn: „In Gnadau, wo angehalten wurde, bat eine Lehrerin der hiesigen Töchterschule um einen Platz in meinem Wagen, den sie auch erhielt. Als sie meinen Namen erfuhr, frug sie: ob ich etwa ein Verwandter vom verstorbenen Dichter Matthisson sei? – Diese Frage habe ich schon öfters hören müssen.“
Der einst von Byron und Bürger, von Schiller und Wieland gepriesene Erfolgsdichter muss begreifen: Kein Mann von gestern ist er mehr, sondern von vorgestern. / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung
Der siebenbürgische Lyriker Frieder Schuller las am Freitag, den 21. Januar 2011, 19 Uhr, aus seinem Theaterstück „Ossis Stein oder wer werfe das erste Buch“ in der Humboldt-Universität zu Berlin.
Das 21. Jahrhundert eröffnet nicht mit einem programmatischen Jahrzehnt der Lyrik. So etwas gab es auch nur einmal: Das Jahrzehnt des Expressionismus von 1910 bis 1920*). Aber was historisch gilt, muss im Einzelnen nicht zutreffen. Eine Anthologie des Kritikers Michael Braun und des Lyrikers Hans Thill verblüfft nicht nur mit einem exzentrischen Titel: „Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts“. Sie ist auch eine weiterführende Verlockung. Diese Auswahl beispielhafter Gedichte widerspricht inhaltlich den „Thesen zur Poesie“ von Michael Lentz, die der zeitgenössischen Lyrik einen Mangel an „Sprachüberraschungen“ und „verqueren Inhalten“ anlasteten. Nun gut, man muss nicht gleich an Stefan Georges „Kraft der Ausdruckserneuerung“ denken.
Es stimmt, Momente der Spracherneuerung und ein abrufbares Potential für Provokation treten seltener in den Vordergrund. Auch gibt es keine literarischen Stimmführer mehr, eher stehen Namen für Repertoire. Die Sattelplätze der Dichterschulen liegen verwaist. Und Erwartungen an einen Kanon müssen grundsätzlich enttäuscht werden. / Jürgen Verdofsky, Badische Zeitung
Michael Braun / Hans Thill (Herausgeber): Lied aus reinem Nichts. Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2010. 246 Seiten, 26,80 Euro.
*) Na, von 2010-2020 wissen wir noch nicht so viel.
Marianne Rein hätte vielleicht ein große Schriftstellerin werden können. Schon in jungen Jahren schrieb sie Lyrik und Prosa, die sich zu ihren Lebzeiten aber nicht durchsetzen konnten, denn Marianne Rein war Jüdin. 1911 geboren, lebte sie mit ihrer Mutter seit 1917 in Würzburg, wo sie etwa um 1936 zu schreiben begann. Aus Anlass ihres 100. Geburtstags ist im Würzburger Ergon Verlag ein Buch mit Gedichten, Prosatexten und Briefauszügen erschienen. / Main Post
Beim Marianne-Rein-Abend im Theater (Würzburg) wird das Buch mit CD am 27. Januar zum Sonderpreis von 19 Euro erhältlich sein, danach kostet es im Buchhandel 25 Euro.
Das Buch: Rosa Grimm (Hrsg.), Kai C. Moritz (Red.), Marianne Dora Rein – Das Werk, Ergon Verlag, Würzburg 2011, 184 Seiten, mehrere SW-Abbildungen, 25 Euro, ISBN 978-3-89913-829-0
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