Als „Ava inclusa“ steht sie in den Nekrologien: Am 7. Februar 1127 ist die erste namentlich bekannte deutschsprachige Dichterin vereinsamt in ihrer Turmklause gestorben. Da war sie in ihrer Heimat im Raum Niederösterreich vermutlich schon berühmt, schließlich taucht ihr Todestag in mehreren Klosterchroniken auf.
Fünf epische Gedichte hat sie hinterlassen, insgesamt 3400 Verse. Das Besondere daran: Zum ersten Mal lassen sich Gedichte in deutscher Sprache eindeutig einem Verfasser zuordnen*. Nachnamen waren zu dieser Zeit noch nicht üblich, so bleibt die Schriftstellerin als Frau Ava bekannt. / wochenblatt. Traunstein / Chiemgau
*) Naja – abgesehen von Otfrid von Weißenburg (* um 790; † 875), dessen Werk, eine Evangelienharmonie, in seiner Handschrift überliefert ist und der statt des germanisch-heidnischen Stabreims den nun als christlich empfundenen Endreim einführte.
Siehe Lyrikwiki: Der erste deutsche Dichter und Der erste Herz-Schmerz-Reim
Der 1932 in Teterow in Mecklenburg geborene Helms hatte als Jude das ‚Dritte Reich‘ nur mit gefälschten Papieren überlebt und machte sich nach einem Zwischenspiel als Schwarzmarkthändler auf und davon, lebte in Schweden, in Paris und Wien, studierte Sprachen, las Jean Paul, entdeckte Marx und Engels und das Theater am Schiffbauerdamm und traute sich erst 1957 zurück in das ihm so widerwärtige westliche Deutschland. In Köln fand er Anschluss an das Studio für Elektronische Musik des WDR, der ihm als Hörfunkautor fast bis zuletzt die Lebensgrundlage sicherte.
Mauricio Kagel und Stockhausen waren seine Brüder und natürlich der andere große Außenseiter: Arno Schmidt. Noch radikaler als selbst Joyce in seinem Spätwerk hermetisierte und verjuxte Helms die Sprache in der angestrengt ‚Experimentellen Sprach-Musik-Komposition‘ ‚Fa:m“ Ahniesgwow‘ (1959), die selbst den geduldigsten Modernisten mit Feinheiten wie ‚ein neihün flein kon Lübür zeck,/knieweich klumpsupvihlmensch TOrt/wasmaßen umblökkt quärarulerisch/apissaut Trainenfluor heidigutt/prölpsel‘ auf eine harte Probe stellte.
… Als einer der ersten Intellektuellen ließ er sich vom Computer faszinieren. / Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung 14.3.
Mit seinen zwischen konkreter Poesie und Musik, Gesellschaftskritik und Sprachwissenschaft changierenden Arbeiten hatte Hans G Helms (*1932) entscheidenden Anteil an den Avantgarde-Bewegungen der Nachkriegszeit. Im Kontakt mit Theoretikern wie Adorno und Kracauer und Komponisten wie Cage und Stockhausen entwickelte er zahlreiche Experimente, darunter die als sein Hauptwerk geltende Sprach-Musik-Komposition „fa:m’ ahniesgwow“ (1959).
Dieses „filigran komponierte Mosaik von äußerster Empfindlichkeit” (Helms), hervorgegangen aus einem gemeinsam mit Komponisten unternommenen James-Joyce-Lesekreis, wurde in diesem Jahr zum ersten Mal vollständig eingespielt (Label: WERGO). / roughblog
Die texanische Schriftstellerin Margrette „Peggy“ Zuleika Lynch starb am 6.3. in Austin im Alter von 94 Jahren. Sie veröffentlichte 9 Gedichtbände.
Lynchs Sohn John J. Nance, 65, ist ebenfalls Schriftsteller, offenbar kommerziell erfolgreicher. 1997 sagte sie dem American-Statesman in einem Interview: „Leider war ich nicht so klug wie mein Sohn. Lyrik verkauft sich nicht.“ / Katie Glueck, AMERICAN-STATESMAN
Seine Gedichte sind nicht traurig, sondern böse. Der Schmerz ist nur indirekt erschließbar. Die Geliebte hat ihn verlassen – und er grollt. „Der Schmerz ist mittlerweile fast verschwunden, / Verdrängt vom Groll. / Ergiebigem, fruchtbarem, stetig wachsendem Groll, / Kein schönes Gefühl, / Ebenso wenig wie Rache, / Vor allem, wenn sie dem Groll entspringt.“ Konkreter: „Möge dein neuer Lover Nesselsucht kriegen / Bei der zärtlichsten parfümierten Liebkosung. / Möge seine schwielig-geile Haut / Nässende Blasen werfen / Aus stinkendem Schweiß.“ / Walter Grünzweig, DER STANDARD, 17./18.3.
Carl Djerassi, „Tagebuch des Grolls. A Diary of Pique. 1983-1984“. ¬ 19,90 / 191 Seiten. Haymon, Innsbruck 2012
Der italienische Dichter, Schriftsteller und Drehbuchautor Tonino Guerra ist am Mittwoch in Italien im Alter von 92 Jahren gestorben. Der aus der Region Emilia Romagna stammende Guerra war Drehbuchautor mehrerer Meisterwerke von Regisseuren wie Federico Fellini, Michelangelo Antonioni und Andrej Tarkowski. …
Guerra schrieb melancholische, schelmenhafte, naiv-weise Gedichte im Dialekt der Romagna. Seine erste Lyrik schrieb er während der Haft im Arbeitslager von Troisdorf bei Bonn. / kurier.at
Beim Aufräumen fällt mir ein fast 2 Jahre alter Zeitungsartikel in die Hände, klingt immer noch bedenkenswert:
Da es dem Börsenverein nicht erlaubt ist, Geld direkt zu drucken, sieht er sich gezwungen, eine Jury einzusetzen. Manchmal geht das schief: dann halten einige der zusammengewürfelten Kritiker dem Druck stand und geben einer hervorragenden Autorin wie Kathrin Schmidt den Preis. Das ist dann ein Fehler im System. Robin Detje hat 2005 in seiner Rezension des ersten Buchpreis-Romans völlig zutreffend geschrieben: ‚Die Anerkennung für Arno Geigers Buch zeigt uns, mit wie wenig wir Menschen oft schon zufrieden sind. Was sich auf mittlere Weise im Mittleren nur mittel hervortut, drücken wir besonders warmherzig an unsere mittelvollen Herzen. Natürlich ist solcher Konsensschrott im Grunde widerlicher als ehrlicher Trash oder ehrliches Scheitern. Aber das Nichts nichtet. Es gibt keine Gerechtigkeit.‘ / HELMUT BÖTTIGER, Süddeutsche Zeitung 8.11. 2010, S.14
Gestern war Frühlingsanfang und Hölderlins Geburtstag, eine passende Vorbereitung auf den heutigen Welttag der Poesie. Meine Anthologie beschert mir ein spätes Gedicht von Hölderlin. Spät heißt in diesem Fall nach dem 35. Geburtstag, ab 1806, in der zweiten Hälfte des Lebens. 1838 schreibt der Dichter Eduard Mörike an einen Freund: „Ich habe dieser Tage einen Rummel Hölderlinischer Papiere erhalten, meist unlesbares, äußerst mattes Zeug. Ein kurzes seltsames Fragment xstlichen Inhalts muß ich Dir aber doch (…) mitteilen (…) Was sagst Du zu der Schilderung? Das von der Kinderlehre klingt beinah diabolisch naiv, so rührend es gemeint seyn mag.“ Mit Bedacht steht da „mag“: man kann es nicht wissen. Mich erinnert der Ton mancher der „Turm-Gedichte“ Hölderlins an Robert Walser. D.E. Sattler vermutet als Entstehungszeit die Jahre 1808/09 und schreibt: „Der hintergründige, nur zum Schein naive Katalog sonntäglicher Werte erinnert an die Aufzählungen der letzten Homburger Fragmente“ (Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe Band 9. Dichtungen nach 1806 – Mündliches. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 38).
Freundschaft, Liebe, Kirch und Heilge, Kreuze, Bilder,
Altar und Kanzel und Musik. Es tönet ihm die Predigt.
Die Kinderlehre scheint nach Tisch ein schlummernd müßig
Gespräch für Mann und Kind und Jungfraun, fromme Frauen;
Hernach geht er, der Herr, der Burgersmann und Künstler
Auf Feldern froh umher und heimatlichen Auen,
Die Jugend geht betrachtend auch.
Der chilenische Dichter Raúl Zurita gehört zu den renommiertesten Vertretern der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur und ist dennoch in Deutschland bisher wenig bekannt. Nun ist ein neuer Gedichtband erschienen, für den Zurita rund 20 Texte ausgewählt hat, die von Studentinnen und Dozentinnen des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ins Deutsche übersetzt worden sind. / Jura-Forum
Im Mai 2012 wird der Dichter zu einer Lesung aus dem neuen Band „Die Wasserstädte“ in Germersheim erwartet.
Zurita, Raúl: „Las ciudades de agua. Die Wasserstädte“, 2012, (zweisprachige Ausgabe, dt. u. span.), hrsg. v. Liliana Bizama Muñoz, 132 S., ISBN 978-3-86465-008-6
Am Sonntag kamen hundert Freunde des Varschl-Schreibens im Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz zusammen:
Zum Mundartstammtisch des Erzgebirgsvereins. Auf den ersten Blick wirkt die Runde wie eine Geburtstagsgesellschaft für Oma. Es sind sechzehn Varschl-Schreiber die hier ihre Haamit-Lyrik vortragen wie Verwandte Glückwunschgedichte. Alle zwischen 60 und 80. Was heute junge Menschen in Szene-Läden mit Poetry Slam als Neuerfindung feiern, wird hier in aller Stille traditionell gepflegt. Ohne Kampf, ohne Sieger, sondern in Harmonie. / Sächsische Zeitung
Heute 19 Uhr beginnen die Rauriser Literaturtage mit der Verleihung des Rauriser Literaturpreises an Maja Haderlap. Bis Montag lesen u.a. Sibylle Lewitscharoff, Patrick Roth, Nicol Ljubić, Nora Gomringer, Christoph Ransmayr, Daniela Seel, Aleš Šteger und Juri Andruchówytsch. Auch eine Hommage an Gert Jonke steht auf dem Programm.
Das Stück „X mm din Y km“ von Gianina Cărbunariu und „Colectiv A“ handelt vom Leben des rumänischen Schriftstellers Dorin Tudoran, über den der Geheimdienst Securitate eine 10.000 Blatt umfassende Akte zusammentrug. Eine Auswahl veröffentlichte Tudoran 2010 unter dem Titel „Eu fiul lor. Dosar de securitate“ („Ich, ihr Sohn. Securitate-Akte“).
Hannelore Baier berichtet in der AdZ:
Das „Gespräch“, zu dem Tudoran „zur Partei“ zitiert worden war, umfasst die Bemühen der beiden Aktivisten, den Schriftsteller von seinem Vorhaben das Land zu verlassen, abzubringen. Der vormalige Redakteur der Kulturzeitschriften „Flacăra“ und „Luceafărul“ hatte die Ausreise aus Rumänien 1984 beantragt, woraufhin er seinen Arbeitsplatz verlor und auch andere Schikanen ertragen musste. Wegen der Weigerung der Behörden, auf den Ausreiseantrag zu antworten, richtete er sich in Denkschriften an Suzana Gâdea, die Vorsitzende des Rats für sozialistische Kultur und Erziehung, und an Nicolae Ceauşescu. Darin schilderte er unter anderem die tiefe Kluft zwischen dem, was die Propaganda vorgaukelt und der Wirklichkeit. Diese Schizophrenie könne er nicht mehr ertragen, schrieb er. Die beiden Funktionäre versuchten diese Kluft zu minimalisieren und zogen im „Dialog“ alle Register: sie appellierten an seinen Patriotismus, führten fadenscheinige Argumente ins Feld, bis zu unverhohlenen Drohungen mit einem Strafprozess und Ohrfeigen.
Auch t-online macht sich um Lyriknachrichten verdient. Eben wieder:
Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des „Jahrbuchs für das neue Gedicht“ zusammen – ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.
Die „Frankfurter Bibliothek“ bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, „Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft“, betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. „Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab.“
Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode. Krämer siehst du, aber keine Dichter (heute ist Hölderlins Geburtstag – auch einer, der aus Frankfurt verjagt wurde…) Goethe wußte, warum er da wegging, und Ulla Berkewicz… Aber der zweite Satz hat einen Beigeschmack von Wahrheit, wenn auch vielleicht unfreiwillig.
Aus dem „Wallungswert“ der einzelnen Wörter entsteht wie bei Benn jene vokabuläre Spannungszone, in der die „Zusammenhangsdurchstoßung“ vollzogen wird, „nach der die Selbstentzündung beginnt“.
Michael Fiedler beschreibt diesen Vorgang im Habitus eines experimentellen Dichters als Erforschung und Neu-Verfugung von Wortgruppen. In einem Gespräch mit Jan Kuhlbrodt, das zur Grundlage des Nachworts in „Geometrie und Fertigteile“ geworden ist, verweist der Autor auf seine spracharchäologischen Expeditionen im Internet: „Vielleicht sind das auch Ausflüge in unser kollektives Bewusstsein, das sich im Internet offenbaren kann . . . Einige Texte beziehen ihr Material vornehmlich aus Online-Quellen wie zum Beispiel Google-Suchergebnis-Anzeigen.“ Dieses Bekenntnis scheint typisch für eine neue Dichtergeneration, die ihre sprachhistorische Arbeit aus der „Bibliothek von Babel“ (J. L. Borges) ins Internet verlagert hat. Die konzentrierte Prüfung vorgefundener Sprachmaterialien, wie sie Fiedler aus Online-Quellen bezieht, unterscheidet sich aber nur graduell, nicht substantiell von jener Form der etymologischen Spurensicherung, wie sie sprachbesessene Dichter früherer Generationen im Hinblick auf Wörterbücher oder Enzyklopädien betrieben haben. Es geht also nicht um eine „gegoogelte Resterampe“ historischer Bruchstücke, wie auch wohlmeinende Rezensenten seines Debüts argwöhnen, sondern um eine artistische „Montagekunst“, technisch hergestellt durch ein Cut-Up-Verfahren und theoretisch fundiert auf einem sprachhistorischen Erkenntnisinteresse. / Michael Braun, Sprache im technischen Zeitalter Nr. 201, S. 4-5
Michael Fiedler ∙ Geometrie und Fertigteile, Nachwort von Jan Kuhlbrodt, 63 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, poetenladen Verlag, Leipzig 2011.
Mehr: Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung
Letztes Jahr ist Mathias Traxlers Buch You’re welcome bei Kookbooks erschienen und leider nahezu komplett besprechungslos abgesoffen. Da es sich aber um so ein ungewöhnliches, sich seltsam zwischen die Stühle setzendes Buch handelt, haben Jan Imgrund und Martin Lechner einen Lese-Blog ins Leben gerufen, um diesem Buch Aufmerksamkeit zu beschaffen und einen anderen als den üblichen kritischen Umgang damit zu erproben. Statt der einzelnen Kritikerstimme versuchen die Autoren sich dem Buch mit einem vielstimmigen, ebenso poetischen wie analytischen Stimmengewirr zu nähern. Traxler lesen und schreiben ist das Motto. Bisher dabei sind: Norbert Lange, Martina Hefter, Uljana Wolf, Jan Kuhlbrodt, Tom Bresemann, Achim Wagner, Rick Reuther, Stephan Turowski, Linus Westheuser, Jan Imgrund und Martin Lechner.
Also: You’re welcome
Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
Mit dem sechssprachig vorgetragenen Gedicht „Die Stadt“ endete am Sonnabend in Falkensee (Havelland) die internationale Tagung „Gertrud Kolmar übersetzen“. Auf englisch, französisch, ukrainisch, italienisch, polnisch und deutsch erklangen die Verse der deutsch-jüdischen Dichterin, die ihre Hauptwerke in den 1920er- und 1930er-Jahren in Falkensee geschrieben hatte. Übersetzer aus acht europäischen Ländern hatten sich vier Tage zu Fachgesprächen getroffen. / Marlies Schnaibel, Märkische Allgemeine
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