49. Formbewusste Kollektivgedichte

Trotz Google-Word-Dokumenten und aller technischen Finesse, die das Herz der Kollektive höher schlagen ließe: Es gibt gar nicht so viele Autoren, die ernstzunehmend in literarischen Arbeitsgemeinschaften produzieren. Dabei hat das italienische Kollektiv Wu Ming, eine Nachfolgegruppierung der anarchischen Luther-Blissett-Bewegung, vorgeführt, wie solche Formationen Literaturgeschichte schreiben können. Das Berliner Lyrikkollektiv G13 geht bescheidener zu Gange. Seit fünf Jahren treffen sich seine nach 1980 geborenen Mitglieder, um ihre Gedichte zu diskutieren und gemeinsame Formen von lyrischer Performativität auszuprobieren. Nun haben die derzeit vierzehn Berliner Orpheuse die Anthologie „40 % Paradies“ herausgebracht, mit deren Qualität sie ihrer Gruppendidaktik ein großes Kompliment machen. Die Gedichte sitzen. Dabei sind sie weder großspurig noch experimentell angelegt, sondern auf tastende Art formbewusst, als suchten sie zumindest nach formalen Schutzräumen, „irgendwas, an dessen wundgescheuerter innenseite man einschlafen könnte“. / Astrid Kaminski, Berliner Zeitung 9.2. S. 10

G13: 40 % Paradies Luxbooks, Wiesbaden 2012. 152 Seiten, 24 Euro.

48. Nicht zweideutig

Lieber Ton,

die Doppeldeutigkeit ist nicht vorsätzlich, sondern natürlich, nicht listig. Sie ergibt sich beim Schreiben, in der Schreib-Energie selbst und wirkt miteinander, gleichzeitig. Die Vielfach-Ladung von hält es an ist mir vor Deiner Frage gar nicht aufgefallen. Sie wirkt ja im Text auch nicht preziös, nicht z,B. „zweideutig“, man versteht sie augenblicklich (ehe man sich dessen versieht), wenn man sich nicht daran hindert, nicht wahr?

/ Elke Erb an ihren Übersetzer, mehr

(Hervorhebung aus immer gegebenem Anlaß, M.G. (nach Diktat zurück zur Prüfung eilend)

47. Zahlen & Fakten

Das sagte der Minister für Kultur und islamische Unterweisung in Teheran der Presse:

  • 2037 Dichter „wetteiferten“ beim Internationalen Fajr-Festival, das am 5.2. auf der Insel Khark eröffnet wurde. Das sei weit mehr als im Vorjahr (1451).
  • Die Insel sei ausgewählt worden, weil sie während der „Heiligen Verteidigungsära“ (1980-88) oft vom Feind angegriffen und von Islamischen Kämpfern tapfer verteidigt worden sei.
  • 27 Länder hätten sich für eine Teilnahme beworben, von denen 15 angenommen worden seien.

/ IRNA

Eine andere Nachricht ergänzt:

  • Die Teilnehmer wetteifern in verschiedenen Kategorien miteinander: Kritik und Foschung, Klassische Poesie, Abteilung Kinder und Jugendliche, Moderne Poesie, Lieder. Eine neue Kategorie ist „Der Prophet des Islam“.
  • 2012 hätten Teilnehmer aus mehreren europäischen und asiatischen Ländern teilgenommen, darunter Usbekistan, China, Georgien, Polen, Afghanistan, Pakistan, Dänemark, Indien, Kirgistan, Türkei und Südkorea.

/ presstv.ir

46. Ich fühlte mich schuldig

In frühen Jahren orientiert sich Šalamun an slowenischen Dichtern wie Dane Zajc, Vasco Popa oder auch an Baudelaire, befragt als Mitherausgeber der Zeitschrift „Perspektive“ kritisch die Dichtungen und Philosophien der Moderne und sucht dann den Kontakt zu amerikanischen Dichtern wie dem damals noch jungen John Ashbery. Diese wiederum zeigen sich fasziniert von dem freien, fast rebellischen zu nennenden Stil von Šalamuns ersten Gedichten aus dem Band „Poker“ (1966).

Šalamun Track: „Ich arbeite vollkommen intuitiv. Als ich jünger war, habe ich eine Menge Theorien gelesen, auch in den späten 60ern. Ich bin auf eine Weise frankophon erzogen worden und habe immer erwartet, dass ich dadurch aus diesem slowenischen Ghetto ausbrechen könnte, aus diesem kleinen Land, eben durch Frankreich. Barthes und der junge Derrida beeinflussten mich, aber das war auch ein ungemeiner Druck. Als ich 1971 nach Amerika kam dachte ich, ja, das ist Freiheit, vergiss die Theorien.“

In Šalamuns Dichtung werden Zeitebenen und unzugehörige Wortfelder zusammengebracht, ohne einen Anspruch auf Kohärenz. Die Leichtigkeit, die oft mit viel Humor einhergeht, offenbart jedoch an vielen Stellen eine Abgründigkeit, die sich oft in einfachen Sätzen spiegelt. (…)

„Ich habe von 1989 bis 1994 überhaupt nicht geschrieben, ich lebte in totaler Angst vor der Dichtung und fühlte mich schuldig wegen meiner furchtbaren Sprache. Meine Sprache ist wild, manchmal absolut gewalttätig, und viele entsetzliche Dinge geschehen in meinen Gedichten. Es war die Zeit des Balkankrieges und Karadžić war einer von den jungen bosnischen Dichtern. Ich wurde in den 80er-Jahren in Jugoslawien als ein Kopf der jugoslawischen Avantgarde angesehen und Josip Ostić hatte mich mehrfach zu dem Poesiefestival nach Sarajevo eingeladen. Und Karadžić war auch da. Er war ein sehr untalentierter Dichter – aber ich dachte – oh- vielleicht bin ich schuldig, ich bin ein Teil dieser furchtbaren Geschehnisse, die jetzt stattfinden. Also war ich absolut still, ich war einfach verstummt.“

/ Anja Kampmann, DLF

Tomaž Šalamun: „Rudert! Rudert!“
Gedichte, zweisprachig, Übersetzt von Gregor Podlogar und Monika Rinck
Edition Korrespondenzen, Wien, 160 Seiten, 21 Euro

45. Test

„Der Text als Test“ hat der neue Poetikdozent seine Vorlesung überschrieben. Und er lässt seine Zuhörer an seinem Prozess des Dichtens teilnehmen. Was fällt mir ein, wenn ich dieses oder jenes Wort höre? fragt er. Und warum überhaupt „ich“? Hans Thill hat einen Band Gedichte („Zivile Ziele“) geschrieben, in denen das lyrische „Ich“ überhaupt nicht vorkommt – und keinem Leser sei das aufgefallen! Das Gedicht ist ein autonomer Prozess, es entwickelt sich selbstständig, es ist ein Aufbruch ins Unbekannte, und ob zuletzt die Pythia gesprochen oder nur ein Papagei geplappert hat – das müsse sich zeigen. Konkretes Beispiel: Was gibt das Wort „Text“ her? Hans Thill beginnt zu assoziieren: Text, textile Struktur, Rückseite des Teppichs, fester Boden – Verständigung? Kann auch ein dressierter Hund ein „Textversteher“ sein? His masters voice? Noch vielschichtiger ist das Wort Test, das nicht nur vom Psychotest über den Alkoholtest bis zum Reifentest in zahllosen Zusammensetzungen vorkommt, wie Hans Thill einfallsreich nachweist, sondern das ihn auch an das lateinische Wort für den „Zeugen“ erinnert – legen Texte also Zeugnis ab? / Rotraut Hock, Allgemeine Zeitung

44. Was das Netz weiß

€ 331 + 32 Cent ist die Lyrikzeitung wert. Ein „urlspion“ hat das errechnet. Noch höher ist die Rangzahl:

6.141.035 Platzierung in Deutschland

Wenig vertrauenswürdig scheinen dagegen diese Zahlen:

Monatliche Seitenimpressionen < 300
Monatliche Besuche < 300
Wert pro Besucher
Geschätzter Wert € 331,32 *
Externe Verweise 25
Anzahl der Seiten

Nanu? Laut WordPress-Zähler hab ich allein heute bis jetzt 226 Besucher aus 12 Ländern, die insgesamt 466 mal geklickt haben. 820.477 Klicks seit dem Wechsel zu WordPress im August 2009.

Auch sonst ist dieser Spion wenig zuverlässig. Weder heißt meine Adresse lyrikzeitung.de noch ist mein Server in Bayern ansässig. Ich sitze in Vorpommern und mein Server in Kalifornien, und (Eigenwerbung WordPress) selbst wenn ein Erdbeben den ganzen Staat Kalifornien ausradierte, bliebe das so, und basta!

43. Dichtung / Dichter

Die Kunst ist mir ein so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Orte gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so daß ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu halten. Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohltäter des menschlichen Geschlechtes; falsche Propheten aber gibt es sehr viele. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so könnten sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Daseins abgeht. Gleichgestimmten Freunden eine vergnügte Stunde zu machen, ihnen allen bekannten wie unbekannten einen Gruß zu schicken, und ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften und wird auch die Absicht bleiben. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich mit Gewißheit wüßte, daß ich nur diese Absicht erreicht hätte.

Adalbert Stifter: Bunte Steine. Vorrede (1853) hier

Einige Zeilen darüber:

Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes anzubieten, nämlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte gepredigt werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind.

42. Dieter Lampings Lyrik-Kolumne

Lyrik gilt als Liebhaberei. Das ist gut so – auch wenn es nicht unbedingt als Kompliment gemeint ist.

Aber wie die Dinge liegen, gibt das wenigstens den Liebhabern die Gelegenheit, über die freieste literarische Form frei zu sprechen: über ihre Eigenarten, ihren einzigartigen Reiz, ihre Unentbehrlichkeit.

Das ist das Prinzip dieser Kolumne, die zunächst ein Jahr lang monatlich erscheinen soll, zu den unterschiedlichsten Aspekten der Lyrik, aktuellen und weniger aktuellen, dafür nicht minder wichtigen.

Man darf diese Kolumne auch lesen, wenn man kein Liebhaber ist, aber die Hoffnung nicht aufgegeben hat, es noch zu werden. Verächter der Gattung hingegen werden hier keine Unterstützung finden.

Bisher erschienen:

Lyrik-Verachtung. Bei Alfred Döblin und anderen (Februar 2013, siehe #28)

/literaturkritik.de

 

Dieter Lamping ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Von ihm sind u.a. erschienen: Die Idee der Weltliteratur. Stuttgart: Alfred Kröner 2010; Wir leben in einer politischen Welt. Lyrik und Politik seit 1945. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008; Moderne Lyrik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008; Das lyrische Gedicht. Definitionen zu Theorie und Geschichte der Gattung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001; und als Herausgeber: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart: J.B. Metzler 2011.

41. Solidarität

271 bekannte Dichter, unter ihnen Nobel- und Pulitzerpreisträger ebenso wie Gewinner kontinentaler und nationaler Literaturpreise, Präsidenten von internationalen Poesiefestivals, PEN-Clubs und Schriftstellerverbänden aus 88 Ländern unterzeichneten einen offenen Brief an führende Politiker der Welt, in dem sie ihre Solidarität mit dem Volk der Hazara bekunden. Seit über hundert Jahren wurden die Hazara in Afghanistan und Pakistan Opfer systematischer Verbrechen wie Völkermord, Sklaverei, sexueller Mißbrauch, Kriegsverbrechen und Diskriminierung.

Der Hazaradichter Kamran Mir Hazar, der den Brief entwarf, erklärte, daß die Hazara in Afghanistan trotz der Anwesenheit internationaler Truppen regelmäßig von den Taliban und Regierungskräften angegriffen werden. Straßen der Hazara werden blockiert, Autos angehalten und die Reisenden ermordet. Millionen Hazaras flohen aus Afghanistan nach Ländern wie der Türkei, Griechenland, Australien und Indonesien. In Pakistan wurden kürzlich, am 10.1., bei einem Anschlag mehr als 100 Hazaras getötet.

Der Offene Brief ist auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Hazaragi/Dari und Azeri auf http://www.HazaraRights.com zugänglich.

/ San Francisco Chronicle

40. Zuviel Reime

Anna Achmatowa

Mein Gott, wie’s hier von Versen wimmelt,
Von Reimen ist die Welt verstellt.
Die Stille komme über uns – als Himmel,
Und jeder nehme sich ein Lied als Zelt.
Das Schweigen gelte als Erkennungszeichen,
Das insgeheim uns eint als Gleiche
Unter Gleichen …

Aus dem Notizheft Nr. 11, Moskau 1962.

In: Felix Philipp Ingold (Hrsg.): ‚Als Gruß zu lesen‘. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch
Dörlemann Verlag, Zürich 2012
. ISBN 9783908777656
. Gebunden, 352 Seiten, 33,00 EUR
S. 6.

Das Gedicht steht als Mottogedicht in Ingolds Anthologie (und deshalb als einziges Gedicht der Anthologie nicht zweisprachig). Der Herausgeber stellte mir freundlicherweise den Originaltext zur Verfügung.

Aus: Anna Achmatowa, Zapisnye knizhki (1958-1966), Torino 1996.

Анна Ахматова

Все в Москве затрогано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с песней поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком,
По которому мы узнаем
Тех, кто с нами …

1962. Москва.

Es ist offenbar eine Vorstufe des folgenden Gedichts von 1963, das sich auf russischen Seiten wie dieser findet. Diese Russen, früher haben sie dicke verbotene Wälzer abgeschrieben und heute veröffentlichen sie die Werke ihrer Dichter im WWW, auch wenn sie noch keine 70 Jahre tot sind.

Все в Москве пропитано стихами…

Все в Москве пропитано стихами,
Рифмами проколото насквозь.
Пусть безмолвие царит над нами,
Пусть мы с рифмой поселимся врозь.
Пусть молчанье будет тайным знаком
Тех, кто с вами, а казался мной,
Вы ж соединитесь тайным браком
С девственной горчайшей тишиной,
Что во тьме гранит подземный точит
И волшебный замыкает круг,
А в ночи над ухом смерть пророчит,
Заглушая самый громкий звук.

1963. Москва.

39. Sonst nichts? Doch.

Warum trifft man immer wieder auf jüngere Dichterinnen und Dichter, die auf irgendeine Weise mit Westfalen verbandelt sind?

Nicht daß mich die Frage sonderlich umtreibt. Ich gucke mal lieber, ob außer Westfalen auch gutes Texte da sind. Und tatsächlich, viele gute Namen. Na also.

Dabei hatten sie es nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, auf eine historische Anthologie abgesehen – etwa von Annette von Droste-Hülshoff bis Herbert Grönemeyer – , sondern trugen junge gegenwärtige Lyrik zusammen, insgesamt zweiunddreißig Dichter und Dichterinnen in alphabetischer Reihenfolge, Herausgeber eingeschlossen, darunter mit Nicolai Kobus, Jan Skudlarek, Dagmara Kraus, Hendrik Jackson, Sabine Scho und Hendrik Rost weitere GWK-Förderpreisträger. Und es ist bereits bezeichnend für die Sinnhaftigkeit des Unternehmens, dass – würde man in dem Buch etwa nicht den geringsten Hinweis auf den Landstrich Westfalen finden – diese Anthologie trotzdem als aktuelle Sammlung deutschsprachiger Gegenwartslyrik durchgehen würde. In diesem Sinne ist der Titel „Westfalen, sonst nichts?“ auch eher augenzwinkernd zu verstehen, die Betonung liegt also schwergewichtig auf dem Fragezeichen. (…)

Eine ganz andere Saite schlägt die aus Iserlohn stammende Lyrikerin Angela Sanmann an. Sie steuert der Sammlung mit den Gedichten „mandeln und mahdia“ oder „ticken“ (Seite 130/131) bezaubernde surreale Gleichnisse bei: „du hast den wecker an den baumstamm genagelt // jetzt sitzen wir davor und fragen / uns jede stunde abwechselnd nach der uhrzeit // wir wollen so genau wie möglich sein / in der bestimmung unseres kleinsten / gemeinsamen nenners“

Den Facettenreichtum der Anthologie unterstreicht schließlich der Hammenser Jan Skudlarek, der sich als ein Meister des Enjambements erweist, dessen Texte durchgängig Überraschungsmomente bergen und eine stete Spannung bis zum Ende halten: „ich leuchte im dunkeln – wie ein hirn in seinem / tank. ein kurzer moment der unachtsamkeit und / der kirchturm perforiert den himmel“ („magische pilze, sixtinische lamellen“, Seite 153) Kurz gesagt, in diesem Buch kann jeder seine Favoriten finden, aber vor allem nichts Uninteressantes. Mein persönliches Highlight sind die fünf Gedichte des Warendorfers Daniel Ketteler auf den Seiten 79-83, die mit ihrem musikalischen Drive, ihrem Ideen- und Bilderreichtum, ihrem liebevollen Sarkasmus mich zu wiederholtem Lesen animieren. / Dominik Dombrowski, Fixpoetry

Adrian Kasnitz / Christoph Wenzel (Hrsg.): Westfalen, sonst nichts? Eine Anthologie. Gedichte, 200 Seiten, 14,00 Euro, ISBN: 978-3-9813587-2-8. parasitenpresse Köln + [SIC]-Literaturverlag Aachen, Zürich 2013

38. Selbstinspektion

Bei seiner Selbstinspektion muss sich Les Murray auch der eigenen Vergangenheit stellen, dem Gefühl, schuld zu sein am Tod der Mutter, den erduldeten Demütigungen und schulischen Schikanen, den selbstzerstörerischen Impulsen, den Unzulänglichkeiten als Erzieher und Ehemann.

Neben familiärem Zuspruch war die Poesie das Instrumentarium, den Ursachen der Depression auf den Grund zu gehen. Murray gesteht, es seien einige «verkrampfte, unklare Gedichte» gewesen, die dabei entstanden, und erst die «Übersetzungen aus der Natur» von 1992, in denen er den Tieren und Pflanzen eine Stimme verleiht, hätten ihm geholfen, Abstand vom eigenen Selbst zu gewinnen. In diese Zeit fällt auch der Beginn des ungeheuren Versromans «Fredy Neptune», doch anders als dessen mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Protagonist muss Murray sein nicht früh genug diagnostiziertes Asperger-Syndrom, den daraus resultierenden Mangel an sozialer Kompetenz und die sexuelle Frustration ganz allein mit den Mitteln der Dichtung verarbeiten. Murray spart an diesen Stellen nicht mit bissigen Seitenhieben auf die ungesunde Prüderie seiner Jugendtage und das gehässige Verhalten seiner Umwelt. (…)

Bei aller persönlichen Betroffenheit bleibt Les Murray auch hier stets ein Seismograf gesellschaftlicher Phänomene. / Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung 29.1.

Les Murray: Der Schwarze Hund. Eine Denkschrift über die Depression. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Berlin u. Hörby/Schweden 2012. 92 S., Fr. 28.90.

37. Plaths Kreativität

Plaths Leben und Schreiben wird seither fast durchweg von ihrem Selbstmord aus gelesen. Er ist die unumstössliche Deutungsinstanz ihrer Interpreten, und zugleich verdunkelt er die Sicht auf ihr Werk. Er machte aus ihr nicht nur eine Ikone weiblichen Schreibens, sondern auch des Feminismus, und zwar gerade, weil sie an diesem Leben scheiterte. Daran, die verschiedenen, sich zum Teil ausschliessenden Vorstellungen und Rollenbilder – Tochter, Ehefrau, Mutter, Geliebte, Schriftstellerin, Muse –, die sie für sich imaginierte und inszenierte, in Einklang zu bringen.

Für nicht wenige ihrer sich in ihre Lebenstragödie einfühlenden Leser und insbesondere Leserinnen hatte es den Anschein, als hätte sie nicht Selbstmord begangen, sondern wäre ermordet worden: von ihrem Vater, der starb, als sie acht Jahre alt war, und der eine Leere in ihrem Leben hinterliess, die sie nie auszufüllen vermochte. Und von ihrem Ehemann Ted Hughes, Schriftsteller wie sie, bewundert und gehasst. Dass die beiden Hauptwerke, der Roman und der letzte Gedichtband, erst kurz vor und nach ihrem Tod erschienen sind, hat zu dem Missverständnis beigetragen. Sie wurden zum Symbol für das Martyrium weiblicher Autorschaft, die sich lebenslang durch männliche Autorität eingeschüchtert und beschnitten sieht und Anerkennung, gar Ruhm erst durch Selbstmord erlangen kann.

Liest man die Tagebücher, bekommt man einen anderen Eindruck. Den von einer Autorin, die sich ein idealisiertes männliches Gegenüber konstruiert, von dem sie sich abhängig fühlt, auf das sie Rücksicht nehmen zu müssen glaubt, das ihren Widerstand weckt, das sie entwertet – um produktiv zu sein. Kreativität entsteht bei Plath vor allem in der Aggression, in Widerspruch und Kampf, in Auflehnung gegen den immerfort aufrechterhaltenen, internalisierten Opferstatus. / Bettina Hartz, Neue Zürcher Zeitung 9.2.

36. Postpoetry

Bereits zum dritten Mal wurden im PostPoetry-Wettbewerb fünf Lyriker und fünf Nachwuchsautoren aus Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Am Anfang des Folgejahres gehen die Preisträger auf Lesereise durch NRW. 

Am Sonntag, den 17. Februar gastieren zwei der Preisträgerinnen in der Bürgerwache und stellen ihre Lyrik vor:
Bärbel Klässner aus Essen, Preisträgerin in der Kategorie Lyrik sowie Susanne Romanowski aus Hamm, Preisträgerin in der Kategorie Nachwuchs. / Bielefelder Blatt

Die vollständige Liste der Preisträger:

Die Jury „Lyriker NRW“ (Prof. Dr. Ralph Köhnen – Ruhr-Universität Bochum, Dr. Jürgen Nendza – Lyriker, Monika Littau – Autorin/Gesellschaft für Literatur in NRW)
wählte folgende Texte und Preisträger aus:

„Hundert hertz“ von Bärbel Klässner (Essen)
„Zazen in der Metro“ von Thorsten Krämer (Köln)
„Notaufnahme“ von Hellmut Opitz (Bielefeld)
„Birken und Auen“ von Hermann-Josef Schüren (Aachen)
„zaman/zeit“ von Gerrit Wustmann (Kerpen)

Die „Junge Jury“, in der u. a. Preisträgerinnen des Vorjahres saßen (Lea Beiermann, Anna K. Linke) ermittelte in der Altersgruppe der 16-21-Jährigen ebenfalls fünf ausgezeichnete Texte und Nachwuchsautoren:

„SÄTZE ÜBER PLANKEN“ von Jason Bartsch (Jg. 1994, Solingen)
„Er läuft allein“ von Eva Freyschmidt (Jg. 1995, Düren)
„Cyberspice“ von Lina Hacker (Jg. 1991, Münster)
„urbanal“ von Susanne Romanowski (Jg. 1995, Hamm)
„Inventur“ von Rhea Simone Winand (Jg. 1993, Solingen) 

35. Poetopie

der leise dumpfe Aufprall, wenn der Schnee vom Dach rutscht – der Schnee schmilzt, sein Geräusch bleibt dir im Ohr

Hansjürgen Bulkowski