Veröffentlicht am 13. Juli 2024 von lyrikzeitung
Henri Meschonnic
(* 18. September 1932 in Paris; † 8. April 2009 in Villejuif)
Aus: ich warte auf die zeit
man sagt die zeit vergeht
sie vergeht nicht sie steht
schon Ronsard sagte das
doch Ronsard ist da
ich bin's der wartet
ein glück dass du kommst
meine zeit bist du
22. November 2008
*
mein leben läuft schneller
als ich
ich schliesse die augen
um im gleichen rhythmus zu sein
wie es
23. November 2008
Aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold, aus: manuskripte 244/2024, S. 104. In der Ausgabe außerdem Gedichte von Oleg Jurjew, Daniela Seel, Alke Stachler, Frieda Paris, Linda Maria Baros, Kinga Tóth, Simoné Goldschmidt-Lechner, Anna Kim, Fiston Mwanza Mujila und Lukas Debeljak sowie: Felix Philipp Ingold über Meschonnic, Klaus Kastberger über Mwanza Mujila und Matthias Göritz über Debeljak.
Veröffentlicht am 12. Juli 2024 von lyrikzeitung
Elsa von Freytag-Loringhoven wurde als Elsa Hildegard Plötz am 12. Juli 1874 – heute vor 150 Jahren – in der pommerschen Kleinstadt Swinemünde – heute Świnoujście – geboren. Mit 12 schreibt sie erste Gedichte, mit 19 flieht sie nach Berlin, sie lebt ihr Leben, erobert die Männer und die Kunst. Sie flieht weiter weg – nach New York, wo sie den Baron Leopold von Freytag-Loringhoven heiratet. Sie schreibt Gedichte auf Deutsch und Englisch, malt, steht Malern Modell und pioniert in der Kunst der Performance. Sie mischt die New Yorker Kunstwelt auf, wird Freund mit William Carlos Williams, Ezra Pound, Marcel Duchamp, Man Ray, Djuna Barnes und so weiter. Man bewundert sie und vergisst sie bald. Noch eine Frau aus Pommern, die vergessen und viel später zuerst in Übersee wiederentdeckt wird (die andere heißt Sibylla Schwarz).
Vor 18 Jahren postete ich ihr Gedicht „Keiner“, heute fordert mich WordPress auf: Sei der erste, dem dieser Beitrag gefällt. Nein, ich „like“ das nicht, sondern poste es noch einmal.

Keiner
»Jawohl« — so sprach er — »das ist richtig —
Der Koitus ist äußerst wichtig. —«
Gestatten Sie — Herr Zappelmann
Das kühle Wort — wenn man ihn kann !
Der Koitus — braucht wie die Dichtung
Rhythmus — tiefinnerlichste Richtung
Kälte Feuer Fantasie
Er ist geschlechtliches Genie
Ein Körper Blut Gesang unbändig
Sonst ist er unanständig — wie ?
Panik im runden Auge spricht er:
»Gnädige — ich bin kein Dichter.«
Aus: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Herausgegeben von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach, 2005, S. 24f.
PS: Auf der Handschrift steht eine Notiz: „Für „Koitus“ kann „Liebesrausch“ genommen werden. Nicht gern. Schwächt ab. Und warum auch?“
Veröffentlicht am 11. Juli 2024 von lyrikzeitung
Claus Bremer
(* 11. Juli 1924 in Hamburg; † 15. Mai 1996 in Forch)
Schreiben um – trotz Wirtschaftsdruck – offen zu halten. Seit 1966 kommentiere ich meine konkrete Poesie. Wie – beispielsweise – in diesem Essay. Ich führte den Kommentar des Autors als Bestandteil des Gedichts ein. Beispiel im Beispiel: Die Sitzende.

Naivität zu glauben, die Frau wird gelesen. Der Blickfang ist alles. Was hat die für Busen? Wer ist das? Seine Frau? Nichts von Gleichsetzung Form und Inhalt.
Dass hier Frau, Ganzheitsbezug, Nacktheit, Natur, mit der Unbesiegbarkeit der Revolution und ihrem Wiederaufstehen gleichgesetzt werden, kommt nicht zur Diskussion. Die Wirtschaft, die Werbung hat der Frau ihren Platz zugewiesen: die nackte Frau als Bassin der Kaufgelüste, als Köder an der Angel des Konsumzwangs. Wozu also die Mühe, und sich erlesen, was im Zweifelsfall von Wasserwerfern, Gummigeschossen, Tränengas etc. berichtigt wird.
Das Bild wird nicht mehr gelesen, das Wort nicht mehr gepackt, nicht mehr ins Verhältnis gesetzt. Das Wort entzieht sich. Bild und Wort sind Klischee geworden. Das heisst, Bild und Wort werden nur soweit aufgenommen, wie sie Klischee geworden sind, Computer-Nahrung, Objekte für den Taschenrechner. Beispiel: die stehende Taube (sie ist von meinen Tauben die bekannteste, hat Weltreisen in der Volière von Ausstellungen konkreter Poesie gemacht). Ein Blick: Taube, gut zu erkennen, sauber getippt. Die Frage nach der Bedeutung steht nicht zur Debatte. Für die einen ist Taube = Friedenstaube = kommunistisch angehaucht, für die anderen Heiliger Geist, was das auch immer heisst, jedenfalls christlich. Auch der Text, aus dem die Taube getippt ist, wird nicht gelesen. Die Werbung hat daran gewöhnt, dass Texte in Bildform das im Bild Gesagte wiederholen.
Aus: Claus Bremer, Farbe bekennen. Mein Weg durch die konkrete Poesie. Ein Essay. Zürich: orte-Verlag, 1983, S. 46f.
Kommentar der Lyrikzeitung
Von Deutschlehrern würde ich mir wünschen, dass sie nicht versuchen zu interpretieren, sondern Sehen und Lesen ermutigen. Wenn man hinsieht, bemerkt man, dass in jeder Zeile ein einziges Wort steht, das unterschiedlich oft wiederholt wird, je nach Zeilenlänge bzw. Zeichnung vorn oder hinten abgeschnitten. . Vielleicht bemerkt man nach ein paar spielerischen Versuchen, dass die Wörter jeder Zeile von oben nach unten, wenn man sie nur einmal spricht, einen zusammenhängenden Text ergeben. Da der Scan nicht sehr deutlich lesbar ist, gebe ich die Wörter und Satzzeichen der Zeilen, aus denen das Bild besteht, hier je einmal untereinander:
Ordnung
herrscht
;
So
läuft
die
Meldung
der
Hüter
der
Ordnung
,
jedes
halbe
Jahrhundert
von
einem
Zentrum
des
weltgeschichtlichen
Kampfes
zum
andern
.
Ihr
stumpfen
Schergen
!
Eure
Ordnung
ist
auf
Sand
gebaut
.
Die
Revolution
wird
sich
morgen
schon
rasselnd
wieder
in
die
Höh
richten
und
zu
eurem
Schrecken
mit
Posaunenklang
verkünden
:
ich
war
,
ich
bin
,
ich
werde
sein
.

Veröffentlicht am 10. Juli 2024 von lyrikzeitung
Erich Mühsam
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
PRODUKTION
Denk ich zurück an meine frühsten Wochen:
Ich sog an hochgeblähten Ammenbrüsten,
von guten Tanten liebevoll berochen,
die zahnlos schnalzend den Popo mir küßten.
Doch was ich dann in stiller Reflexion
in meiner Wiege Windeltuch verrichtet,
mich mühsam reckend mit gestrafften Beinen,
das ward – des Kindes ganze Produktion –
in Seifenzubern und an Wäscheleinen
hinweggespült, getrocknet und vernichtet...
Das Kind ward groß. – Das Unglück wollt's: es dichtet.
Nun stehn um mich die Hinzen und die Kunzen
und fühlen zum Bewundern sich verpflichtet, –
und warten: wird der Pegasus nicht brunzen?
Doch was sich dann in stiller Reflexion
herausgequält und aufs Papier ergossen,
das lassen sie in hohlen Schädelfässern
verschmalzen, dann vertrocknen und verwässern, –
und meinen dabei: So wird Kunst genossen. – –
Mensch, hüte dich vor jeder Produktion!
Aus: ERICH MÜHSAM: AUSWAHL. Gedichte • Drama • Prosa. Mit einem Nachruf von Erich Weinert. Berlin: Volk und Welt, 1961, S. 72
Veröffentlicht am 9. Juli 2024 von lyrikzeitung
Handschrift, Original und Übersetzung eines Gedichts des ukrainischen Dichters Wassyl Stus, der 1985 in einem sowjetischen Straflager starb und dessen Haft nicht einmal durch seinen Tod verbüßt war.


Aus: Versensporn 51: Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022 (Nur in einem Faltblatt, das dem Heft in den Exemplaren für Abonnenten der Reihe beigelegt war.)
Veröffentlicht am 8. Juli 2024 von lyrikzeitung
Franz Fühmann
(* 15. Januar 1922 in Rokytnice nad Jizerou, Tschechoslowakei; † 8. Juli 1984, heute vor 40 Jahren, in Ost-Berlin)
Zum ersten Mal im Theater
O aller Verzauberungen
erste große Gewalt:
Im Mäander der Masken und Mythen
das Kind, zehn Jahre alt,
inmitten des schönen Spektakels
ein Schaum auf der Woge, die rauscht;
o Worte, die klagten und stiegen,
wie habe ich ihnen gelauscht!
Atemlos, mit hämmerndem Herzen
bei Bajazzo und bei Peer Gynt,
Mutter Aase verstorben vorm Schloßtor,
ach, Nächte weit weinte das Kind,
und der Wein, der Wein war verschüttet,
und wie schauerte mich, daß er rann
aus Jagos weißen Händen,
da des Mohren Tod er ersann;
und mördrisch vor die Pförtnerloge
der edle Macbeth kam herein,
über ihm, im unsichtbaren Chore,
hörte man die Hexen schrein,
und Lear trat auf, der Narrvater
auf der Heide, sturmumsaust –
so war dieses dunkle Theater
von Tränen und Toten behaust.
Ach die Tode, die mich trafen,
die Tränen, die ich trank,
diese Verzauberungen,
darinnen ich versank,
und als die Tränke mir stiegen
gewaltig vors Gesicht:
Leertrinken oder versinken,
ein Drittes gibt es nicht!
Da wußt ich: Die Tränen und Tode
zu zeichnen, ist dir bestimmt,
bestimmt, an den Tag zu zerren,
was im Dunkel das Herz dir grimmt;
wenn auch dein Herz daran blute
und es süßer wäre, stumm zu ruhn,
hast du im Taumel der Tage
eine Pflicht zu tun:
In das Dunkel zu sehen,
wenn es den Nachbarn bedroht,
deine Worte zu setzen
wider Fron und Tod,
immer für die Gefährten
Bajazzo, Othello, Peer Gynt
hier auf dieser unserer Erden,
wo sie waren, wo wir sind.
Veröffentlicht am 7. Juli 2024 von lyrikzeitung
Richard Anders
(* 25. April 1928 in Ortelsburg, Ostpreußen; † 24. Juni 2012 in Berlin)
Illusion Das Martinshorn bringt mir die Straße ins Zimmer Ich halte mitten in der Zeile an und lasse Blaulicht an meiner Poesie vorbei So nähre ich die Illusion sie nütze etwas wenn es irgendwo brennt
Aus: Richard Anders, Über die Stadtautobahn und andere Gedichte. Berlin: Oberbaum, 1985, S. 9
Veröffentlicht am 6. Juli 2024 von lyrikzeitung
Im neuen Heft der Zeitschrift „Sinn und Form“ Gedichte Alexander Gelmans, den ich nur als sowjetischen Dramatiker kannte, sowie von drei Autoren, die mir bisher unbekannt waren: dem israelischen Dichter Mati Shemoelof, der Litauerin Jurgita Jasponytė und der Deutschen Dora Lent. „Dora Lent, 1897-1989, deutsche Lyrikerin“. Walter Höllerer veröffentlichte 1989 ein paar Gedichte in der Zeitschrift „Akzente“, das Heft erschien erst nach ihrem Tod. Wolfgang Matz schreibt eine biografische Einleitung zu 17 Gedichten von ihr. Wir erfahren, dass sie ihr Leben lang geschrieben hat – und dass das Unverständnis ihres Ehemanns eine schwere Lebenskrise auslöste. Hier zwei Gedichte.
Dora Lent
(* 11. April 1897 Brandenburg, † 14. Oktober 1989 in Langenhagen bei Hannover)
DER GEIST sich selbst
im Spiegel fand
und zweifelt nun
am Gegenstand.
Die Liebe aber
ist gespannt
durch zweier Pole
Widerstand.
So prägt der Geist
in seinem Sinn
das Wort: ich denke
also BIN.
Die Liebe schöpft
aus ihrem Zwist
das Wort: ich liebe,
also BIST.
ZUSAMMENBRECHEND
im freien Fall
wird die Wolke Gewicht –
ausbrechend
im Überschwall
wird das Ich Gesicht –
einschwingend
in den Drehimpuls
wird das Wort Gedicht.
Aus: Sinn und Form 4/2024, S. 514f und 518.
Veröffentlicht am 5. Juli 2024 von lyrikzeitung
Alexander Gelman
(russisch Алекса́ндр Исаа́кович Ге́льман; * 25. Oktober 1933 in Donduşeni, damals Königreich Rumänien, 1940 von der Sowjetunion besetzt, heute Republik Moldau)
Alexander Gelman ist ein russischer Schriftsteller. 1940 wurde Bessarabien an die Sowjetunion angeschlossen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kam er mit seiner Familie in das Getto Berschad (Ukraine). Die meisten Familienangehörigen überlebten die Verfolgungen nicht. Erst nach dem Krieg konnte das Kind Lesen und Schreiben lernen. Seine Stücke wurden auch in der DDR viel gespielt.
WÄREN WIR unsterblich,
ließe er sich womöglich rechtfertigen,
dieser unsterbliche Haß auf uns,
aber wir sterben ganz genauso wie ihr,
alle sind wir auf dieser Welt nur auf Dienstreise.
Womöglich meint ihr ja,
wir würden euch täuschen,
würden so tun, als wären wir tot,
würden uns nachts aus den Gräbern schaffen
und zum Himmel fliegen.
Tja, gelungen ist das einem einzigen Juden,
und der wurde zu eurem Gott.
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, aus: Sinn und Form 4/2024, S. 450
Veröffentlicht am 4. Juli 2024 von lyrikzeitung
Melchior Vischer
(* 7. Januar 1895 in Teplitz-Schönau; † 21. April 1975 in Berlin)
Heimlicher Wendekreis
Am Abend
Trägt sich der Mensch
Müde vom Tage
Gleichsam zu Grabe.
Wäre er ein Gott,
Schliefe auf ewig er ein.
Da er nur Mensch,
Muß wieder ein Morgen sein:
Glücklos, glückvoll,
Immer allein.
Wenn dann die Nacht in den Morgen geht,
Und ein südlicher Wind
Durch das Fenster weht,
Wird das fleischliche Gehäuse
Plötzlich wach –
Laut klopft das Herz
Und alles fällt ihm ein:
Der Seele Not,
Das feile Brot,
Dies kirre Sein,
Ein wirsches Nein.
Jetzt kommt ein Sonnenstrahl daher,
Jung, nicht schwer.
Das laute Herz versinkt immer mehr
In des Leibes Muskelmeer.
Und der Schlag wird nun lind:
Man schläft ein wie ein Kind.
Aus: Melchior Vischer: Muss wieder ein Morgen sein. Gedichte 1930-1960. Mit einem Nachwort von Jürgen Serke. Wien, Darmstadt: Paul Zsolnay, 1989, S. 11f.
Veröffentlicht am 3. Juli 2024 von lyrikzeitung
Ein Friedrich Hölderlin gewidmetes Gedicht des katalanischen Dichters Joan Vinyoli zu dessen 110. Geburtstag.
Joan Vinyoli i Pladevall
(* 3. Juli 1914 in Barcelona; † 30. November 1984 ebenda)
Hölderlin
Manchmal bezaubert mich noch
des rauhen Gipfels
klare Kontur,
abgehoben gegen des Himmels
diamantenes Licht.
An einer Stätte aber
voll Unterholz und Gestrüpp
wärmt mich mit schrägem Strahl
bereits die Nachmittagssonne.
Alten Marmor verwuchern
die dichter werdenden Schatten;
schon gänzlich abgeschieden
von den fröhlichen Wanderern, höre
ich die Oktoberblätter:
Sie fallen langsam und rot,
und grüner Eteu
wird gelb an der Mauer
meines undurchdringlichen Schweigens.
(1981)
Dem Katalanischen nachgedichtet von Uwe Grüning, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 121
Hölderlin
M'exalta de vegades
encara el net perfil
de la muntanya esquerpa
retallat contra el cel
de llum diamantina.
Però estic en un lloc
de bardissar i malesa
i ja el sol de la tarda
m'escalfa de biaix.
Vell marbre escrostonat
en l'ombriva espessor
apartat ja del tot
dels vianants alegres,
sento les fulles caure
d'octubre, lentament,
roges, i l'heura verda
tornar-se groga al mur
del meu opac silenci.
Ebd. S. 120
Veröffentlicht am 2. Juli 2024 von lyrikzeitung
Heute vor 300 Jahren wurde Friedrich Georg Klopstock geboren. Man kennt die ungeheure Wirkung, die der Dichter auf die Zeitgenossen hatte, berühmt die Szene in Goethes „Leiden des jungen Werther“, als die jungen Leute nach einem Gewitter am Fenster stehen und mit dem Losungswort „Klopstock“ eine Andeutung von gefühlsmäßiger Nähe erscheint:
Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erqickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand, auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte die Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! – Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug’s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder –
Stark war auch die Wirkung auf viele spätere Schriftsteller, Friedrich Hölderlin, Johannes Bobrowski, Arno Schmidt, Volker Braun, Peter Rühmkorf … Heute wird er vielleicht weniger gelesen und rezipiert, aber wer weiß.
Zum Jubiläum habe ich ein Gedicht ausgesucht, das Klopstocks Enttäuschung von der Französischen Revolution ausdrückt, die er anfangs begeistert aufgenommen hatte. Darin sprechen zwei Nordamerikaner – also aus der Nation, die vielen als die fortschrittlichste und zukunftweisende galt, über ihre Enttäuschung von den „Franken“, also den Franzosen, die Freyheit versprachen, aber nicht hielten und statt dessen ungeheure Schrecken verbreiteten.
Metrisch ist es eine halbe Elegie, wie man schon an der Einrückung der geraden Zeilen erkennt. Die ungeraden Zeilen sind Hexameter, die geraden aber nicht wie beim elegischen Versmaß Pentameter, sondern Kurzverse, Halbverse mit unterschiedlicher Silbenzahl und Metrik. Keine Elegie, Elegie ist gemäßigt und reflektiert. Das gelingt nicht. Ich nenne es mal etwas hemdsärmlig eine abrutschende Rhapsodie, der nur noch erinnerte rhapsodische Aufschwung früherer Zeit stürzt immer wieder ab.
Zwey Nordamerikaner
Nichts von dem, was der Franke des Guten verhieß, und des Edlen,
Nichts von Allem diesen geschah;
Wie es auch mit entzückendem Ton die Beredtsamkeit aussprach,
Und die Begeistrung es hob.
Aber alles geschah, was je die stärksten der Worte
Schreckliches nanten, oder was nie
Selbst der Sprachen redendste nicht zu nennen vermöchte,
Alles, alles dieses geschah!
Und je schwärzer es war, je grausender, ungeheurer,
Desto öfter geschah's.
Ha was wählest du dir, dich zu trösten? blutige Thränen?
Oder der Franken ewigen Haß?
»Nein, die Thräne nicht, und nicht den Haß. Ich verachte
Jeden, der rasen die Rasenden ließ.«
Aber fluchest du nicht den Rasenden? »Wer zum Steine
Wurde, verstumt.«
Hätt' ich euch nur nicht gerührt, ihr Saiten, die von der vertilgten
Freyheit sangen, und gleich
Tönten dem ernsten klagenden Bach, der mit der Zipresse
Neben Begrabenen rauscht.
Denn ihr strebtet umsonst den tiefgetrofnen zu heilen;
Risset die Wunde nur auf.
Wer an dem Frühlingsmorgen der neugeborenen Freyheit
Meine Freuden empfand,
Der allein, und kein anderer fühlt den innigen Schmerz auch,
Welcher jetzo die Seele mir trübt.
O vergäß' ich auf immer! Denn Linderung wird mir, so lang mich
Kühlet ein Trunk aus Lethe geschöpft.
Quelle:
Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, Band 2, Leipzig 1798, S. 222-224.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005175054
Ausgewählt nach und in der Textgestalt verglichen mit: Klopstock, Der Schoosshund. Auswahl aus den Oden. Poetische Bögen. Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main 1997, S. 21f
Veröffentlicht am 1. Juli 2024 von lyrikzeitung
Heute vor 169 Jahren erschienen in der Zeitschrift „Revue de Deux Mondes“ 18 zuvor unveröffentlichte Gedichte von Charles Baudelaire unter dem hier erstmals verwendeten Titel Les Fleurs du Mal / Die Blumen des Bösen. Darunter war auch das Widmungsgedicht der späteren Buchausgabe (1857), Au Lecteur / An den Leser. – In der Neuausgabe von 1868 trug das Gedicht den Titel Préface / Vorwort und wurde um eine Strophe verkürzt. Die Kürzung wurde mit Pünktchen markiert, vermutlich war es Selbstzensur, oder Vorsicht des Verlags, weil diese Strophe gerade auf das Skandalon hindeutet, das nach Erscheinen der Erstausgabe zum Prozeß und zum Verbot von 12 Gedichten führte. Die 1868 ausgelassene Strophe wurde hier kursiv markiert.
Hier der Originaltext von 1857, die deutsche Fassung von Carlo Schmid (1947) und die Prosaübertragung von Friedhelm Kemp aus der Gesamtausgabe (1975).
Au Lecteur
La sottise, l'erreur, le péché, la lésine,
Occupent nos esprits et travaillent nos corps,
Et nous alimentons nos aimables remords,
Comme les mendiants nourrissent leur vermine.
Nos péchés sont têtus, nos repentirs sont lâches;
Nous nous faisons payer grassement nos aveux,
Et nous rentrons gaiement dans le chemin bourbeux,
Croyant par de vils pleurs laver toutes nos taches.
Sur l'oreiller du mal c'est Satan Trismégiste
Qui berce longuement notre esprit enchanté,
Et le riche métal de notre volonté
Est tout vaporisé par ce savant chimiste.
C'est le Diable qui tient les fils qui nous remuent!
Aux objets répugnants nous trouvons des appas;
Chaque jour vers l'Enfer nous descendons d'un pas,
Sans horreur, à travers des ténèbres qui puent.
Ainsi qu'un débauché pauvre qui baise et mange
Le sein martyrisé d'une antique catin,
Nous volons au passage un plaisir clandestin
Que nous pressons bien fort comme une vieille orange.
Serré, fourmillant, comme un million d'helminthes,
Dans nos cerveaux ribote un peuple de Démons,
Et, quand nous respirons, la Mort dans nos poumons
Descend, fleuve invisible, avec de sourdes plaintes.
Si le viol, le poison, le poignard, l'incendie,
N'ont pas encor brodé de leurs plaisants dessins
Le canevas banal de nos piteux destins,
C'est que notre âme, hélas! n'est pas assez hardie.
Mais parmi les chacals, les panthères, les lices,
Les singes, les scorpions, les vautours, les serpents,
Les monstres glapissants, hurlants, grognants, rampants,
Dans la ménagerie infâme de nos vices,
II en est un plus laid, plus méchant, plus immonde!
Quoiqu'il ne pousse ni grands gestes ni grands cris,
Il ferait volontiers de la terre un débris
Et dans un bâillement avalerait le monde;
C'est l'Ennui! L'oeil chargé d'un pleur involontaire,
II rêve d'échafauds en fumant son houka.
Tu le connais, lecteur, ce monstre délicat,
— Hypocrite lecteur, — mon semblable, — mon frère!
AN DEN LESER
Verirrung, Dummheit, Sünde, Lug erschüttern
Im Fleisch uns, legen auf den Geist die Hand.
Wir päppeln unseres Gewissens Brand
Wie Bettelleute Ungeziefer füttern.
Wir büßen feige; unsere Sünden hecken;
Wir nehmen für Geständnis Wucherpreis,
Begehn dann lustig neu verschlammtes Gleis
Im Wahne feile Tränen löschten Flecken.
Der Große Satan auf des Bösen Kissen
Erst lange die behexte Seele wiegt,
Und unsres Willens reiches Erz verfliegt
In Dampf vor dieses Alchimisten Wissen.
Der Teufel zieht die Fäden, die uns führen!
Vom Eklen nehmen wir noch Reize mit;
Gehn jeden Tag zur Hölle einen Schritt
Durch Stank und Nacht – und lassen uns nicht rühren.
Gleich den Verbuhlten ohne Geld, die fressen
Der alten Hure ausgeschundene Brust,
Ergaunern hehlings wir am Wege Lust,
Die wir wie alte Apfelsinen pressen.
Dicht wimmelnd wie die Maden in dem Darme
In unserem Hirn ein Volk von Teufeln schmaust;
Ein Atemzug – in unsre Lungen saust
Der Tod, Strom unsichtbar und leis im Harme.
Wenn Brand und Gift, Gewalt an Frauen
In unsres Schicksals jämmerlichen Riß
Noch nicht ihr spaßig Bild gestickt – gewiß,
Nur weil die Seelen, leider! sich nicht trauen ...
Doch unter den Schakalen, Skorpionen,
Den Affen, Geiern, Hündinnen in Brunst,
Dem Ungetier, das kläfft und brüllt und grunzt
Im Zwingerloch, wo unserer Laster wohnen,
Ist eins noch wüster, böser noch im Raffen!
Ist leise auch sein Schrei und träg sein Flug
Es lockert noch der Erde festen Fug
Und schluckt das All in eines Gähnens Klaffen:
Verdrossenheit! – Im Aug erzwungenes Weinen
Träumt es vom Block und saugt am Pfeifenrohr.
Du kennst es, Leser, mache Dir nichts vor,
Du Heuchler, o mein Bruder vor den Peinen!
Die Blumen des Bösen. Übertragen von Karl Schmid (=Carlo Schmid). (Zuerst Tübingen: Rainer Wunderlich, 1947) – Frankfurt/Main: Insel, 10. Aufl., 1988, S. 9f.
An den Leser
Dummheit, Irrtum, Sünde, Geiz hausen in unserm Geiste, plagen unsern Leib,
und wir füttern unsere liebenswürdigen Gewissensbisse, wie die Bettler ihr Ungeziefer nähren.
Störrisch sind unsre Sünden, unsre Reue schlaff; wir lassen unsere Geständnisse uns reichlich zahlen
und wandern fröhlich dann den Schlamm-Pfad wieder, zuversichtlich, als wüschen feile Tränen all unsre Flecken ab.
Satan der Dreimalgroße ist es, der auf dem Pfühl des Bösen lange unsern Geist wiegt, den verzauberten, und das reiche Metall unseres Willens löst dieser hocherfahrene Alchimist in Rauch auf.
Der Teufel hält die Fäden, die uns bewegen! Widriges scheint uns verlockend; mit jedem Tage tun wir höllenab einen weitern Schritt, doch ohne Grauen, durch Finsternisse voll Gestank.
So wie ein armer Lüstling, der den zerquälten Busen einer abgelebten Metze küßt und ißt, so im Vorbeigehn stehlen wir heimlich eine Lust uns, die wir auspressen fest wie eine altgewordene Orange.
Gedrängt und wimmelnd, gleich einer Unzahl Eingeweidewürmer, schwelgt in unsern Hirnen ein Volk von Dämonen, und atmen wir, so dringt in unsre Lungen, ein unsichtbarer Strom, der Tod herab, mit dumpfem Klageton.
Wenn Notzucht, Gift, Dolch, Brand noch nicht mit ihren hübschen Mustern den banalen Stickgrund unsrer jämmerlichen Geschicke zierten, so nur, weil es unsrer Seele, leider! dazu an Kühnheit fehlt!
Doch unter den Schakalen, den Panthern, den Hetzhündinnen, den Affen, den Skorpionen, Geiern, Schlangen, den Untieren allen, die da belfern, heulen, grunzen, kriechen in der ruchlosen Menagerie unserer Laster,
Ist eines häßlicher, und böser noch, und schmutziger! Ob es gleich keine großen Glieder reckt, noch laute Schreie ausstößt, zertrümmerte es gern die ganze Erde, und gähnend schluckte es die Welt ein;
Die Langeweile ists! Das Auge schwer von willenloser Träne, träumt sie von Blutgerüsten, ihre Wasserpfeife schmauchend; du kennst es, Leser, dieses zarte Scheusal, – scheinheiliger Leser, – Meinesgleichen, – mein Bruder!
Aus: Sämtliche Werke/Briefe in acht Bänden. Herausgegeben von Friedhelm Kemp und Claude Pichois in Zusammenarbeit mit Wolfgang Drost. Hanser Verlag, München/Wien, 1975/1992. Nachdruck bei Zweitausendeins (8 Bände in 4) Band 3, S. 55/57
Hier gibt es stolze 7 Übersetzungen ins Englische (darunter von Robert Lowell).
Veröffentlicht am 30. Juni 2024 von lyrikzeitung
Heute mal ein Gedicht zum Hören, höchstens flüchtigen Mitlesen. Es dauert vier Minuten. Autor und Performer ist Tom de Toys. (Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie soviel Zeit aufbringen wollen… warum nicht erst mal 20 Sekunden anhören und dann entscheiden?)
Mein AI-Assistent meint zwar:
Das Gedicht ist fesselnd und macht neugierig auf mehr. Um die Leserinnen und Leser weiter zu motivieren, könntest du eine kurze Einleitung hinzufügen, die den Inhalt des Gedichts zusammenfasst. Außerdem könntest du erwähnen, warum dieses Gedicht besonders ist oder welche Emotionen es beim Zuhörer hervorruft.
Aber das mache ich nicht, wann lernt der das mal? Ob und wenn ja welche Emotionen oder Gedanken das Gedicht „hervorruft“ (interessantes Wort!), müssen sie sowieso selbst herausfinden.
Veröffentlicht am 29. Juni 2024 von lyrikzeitung
Robert Kahn
(geboren am 22. April 1923 in Nürnberg; gestorben am 22. März 1970 in Round Top, Texas)
DR. BIERFAHRER
unterm seziertisch
ham wir ihn jefunden
darauf die vielzitierte
leiche er jestemmt
statt eines herzens
schlug ihm ne satte aster
in der brust
in seinem schädel
steckten desinfizierte säjespäne
massenhaft
und zwischen seinen zähnen
war dunkelhellila
n hakenkreuz einjeklemmt
schön wars nich
Aus: Robert Kahn: TONLOSE LIEDER. Teilnachdruck der Erstausgabe von 1978. Mit einem Nachwort von Käte Hamburger hrsg. von Helmut Kreuzer. (Vergessene Autoren der Moderne XXIV, hrsg, von Franz-Josef Weber und Karl Riha) Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1986, S. 26
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