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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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textgespür

152 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ulf Stolterfoht

Aus: die mappe hochwechsler

(16)
sitz ich an meiner biergarnitur vor der hütte und will die lyrik
auf ein neues level heben, muss ich sofort an meine beete denken:
haben denn nicht auch salat, schnittlauch und zwiebeln meine avan-
cierte hand verdient? ich denke, schon! so steh ich auf und gieß
und jäte und les die schnecken einzeln aus. doch wisset: die hand,
die diese schnecken quetschte, hat auch ein feines textgespür!


(19)
die reichen dürfen die sexualität erleben, ich armer tropf
darf nicht mal daran denken – der abt hats untersagt. so
bleiben mir most, schnupftabak und komplizierte lyrik –
von diesen dreien aber wirkt der most am stärksten! zwei
bembel und du hörst die englein singen. dann vielleicht noch
ein schladminger oben drauf – und getröstet ab in die kiste!

Aus: Ulf Stolterfoht, die mappe hochwechsler: 150 gedichte von der kalten alp. roughbook 069, Berlin und Schupfart, Januar 2026, S. 34f

Allgemeine Plätze

349 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Ilse Kilic

Ohne Titel. Auszug.

Anmerkung: Das Gedicht ist zweispaltig gedruckt, Randbemerkungen
und 2 Zeichnungen in der rechten Spalte.
Unter dem Haupttitel „Ohne Titel“ steht ein weiterer Text.

Allgemeine Plätze 

Die Münze ist hart, der Scheck ist weich 
verschenkst du Geld, dann bist du reich 
du nimmst nichts mit aus dieser Welt
die hart und weich zusammenhält
der Tod hat einen harten Tritt
aus dieser Welt nimmst du nichts mit  

Der Sinn des Lebens: unbekannt
er wird auch Fehlfunktion genannt
die Sprache hält das Leben fest 
solange es sich halten lässt.
Und hart gebogen wird das Leben 
als Hauptwort und als Haken eben. 

Das Herz ist weich, die Butter auch
weich ist der Speck rund um den Bauch
hart ist der Kalk im Herzen innen 
zur Kruste will das Blut gerinnen.
Hart ist der Zahn, bevor er bricht 
das Licht ist weich, der Schatten nicht. 

Die Zeit wird Zahn. Wer nagt, der klagt.
Die Zeit wird Kahn. Wer zagt, der klagt.
Die Zeit wird Wahn. Wild ist die Fahrt.
Der Start wird Ziel. Das Ziel wird Start.
Die Zeit wird Topf. Der Tropfen tropft.
Das Loch wird mit der Hand gestopft. 

Bald steht der geht, bald liegt der steht 
es wird das Ich zum Ach gedreht.
Hart ist die Haut, die Knie sind weich 
aus bald wird jetzt, aus dann wird gleich.
Es eilt doch nicht! Ich warte gern.
Es ist noch Zeit. Die Zeit ist fern. 

Die Sprache singt. Die Zeit verstreicht.
Die Sprache zwingt. Der Stein erweicht.
Das harte Wort steht schwarz auf weiß.
Die Suppe bleibt nicht lange heiß.
Das Standbild schlug man aus Granit.
Aus dieser Welt nimmst du nichts mit. 
Ein allgemeiner Platz ist nicht nur ein Erholungsplatz für die so genannte Allgemeinheit, sondern auch ein Denkinhalt, der häufig verwendet wird und daher als bekannt vorausgesetzt werden kann.   









Biegung eines Hauptwortes: Deklination                
















Bald liegt der steht: Davon schreibt auch Fritz Widhalm in seinem Buch: „Ein Stelldichein“.       









Daneben Zeichnung der Freiheitsstatue, Text: Das ist nicht Pocahontas

Aus: Extrakt. forum stadtpark literatur 2010-2012. Hrsg. Max Höfler. Graz: Verlag Forum Stadtpark, 2012, S. 53f

Multispezies-Poesie

Mara-Daria Cojocaru

Multispezies-Poesie (vom Typ 3.1) in zehn Schritten
Eine Anleitung
I. Nehmen Sie Ihren Zeigefinger in den Mund
2. Nehmen Sie ihn wieder raus
3. Reiben Sie Ihre feuchte Fingerbeere hier
In kreisförmigen Bewegungen trocken
4. Und hier
5. Kratzen Sie sich hinter Ihrem rechten Ohr
Mit einem anderen Finger
6. Rubbeln Sie mit diesem sogleich hier
7. Nun riechen Sie hier
8. Hier
9. Und hier
Sie verstehen nichts?
10. Geben Sie diese Seite einem Hund

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023. Herausgegeben von Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2023, S. 82

Mara-Daria Cojocaru, * 1980, lebt in München und London

Dein Name tropft wie weiches Rindertalg

157 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Florian Kranz

Dein Name tropft wie weiches Rindertalg

Der Tag ist ein Topf: Wir erwachen elend im
Winter, der nie schweigt. Dort ein Apfel am
einsamen Erlenpfad, dort, weit wichtiger,
die Schneegewitter am Wipfelrand – in Rot,
denn der Planet schreit oft. Im Ei war ewig
meine Plage frei schattiert worden, Wind
trat empor, die Lawine weint – freches Ding.

Welch ein Dampf einen wieder tritt! Sogar
der arme Tod stapft weinerlich weg, in ein
Wort mit weniger Licht. Da – der Napf; ein See,
der Tang erpicht wirft, wie die namenlose
Piratenwitwe, deren Leiche sanft modrig
im Dorfe liegt. Ich warte an den Pisten. Wer
litt, wer mag ich sein? Wanderer? Feind? Poet?

Anagrammgedicht aus einer Zeile des Gedichts »An Anna Blume« von Kurt Schwitters

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023. Herausgegeben von Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2023, S. 41

Kranz, Florian, * 1994, lebt in Brüssel. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

An Anna Blume

249 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Kurt Schwitters 

(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

An Anna Blume. Merzgedicht 1

O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner
dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist du? – Die Leute
sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm
steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf
den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna
Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!

Erstveröffentlichung 1919.
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Bert Papenfuß wäre erst 70

683 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.

Am 11. Januar wäre Bert Papenfuß 70 Jahre geworden. Lyrikzeitung setzt die Papenfußserie fort: 1 Gedicht aus jedem Papenfußband. Wir sind noch nicht einmal in der Mitte. Heute aus dem schönen großformatigen Buch „routine in die romantik des alltags“, der 1995 bei Gerhard Wolf erschien, durchweg gestaltet mit Zeichnungen von Helge Leiberg.

Bert Papenfuß 

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023 in Berlin)

Aus: Die Admoralität des Antifurzes

4
in einem nur wenige quadratmeter großen bunker
inmitten eines kakteenfeldes in friedrichshain
schreitet der kapellmeister über den untergrund
& führt seine angegriffene gesundheit spazieren
und leerdarm zog sich die jacke an, der krummdarm
setzte sich den hut auf, gegenüber focus sagte
zadek, daß diepgen sich noch wundern würde
wie einst in leverkusen am magen-darm-kanal
so auch in darmstadt im ruhrgebiet, in neumagen
an der knatter, in st. gallen & in insterburg

5
blinddarm, waage, venusdurchbruch
unerträgliche lust, ich hab's gewagt
wir schauen jetzt wieder auf den DAX
sorgenglück im massenschritt des
aufsteigenden, querverlaufenden
& absteigenden dickdarmstrangs
in dem die satansgrimmels hausen
& sich in allen tugenden suhlen
ruhe weg, & alles geht sein' gang
dahl spricht, papenfuß antwortet nicht
in seinem unverständlichen deutsch
wah-wah, wat? pogg, pogg, patt
wat is' dat hier schön natt

6
mastdarm, schliesser, IM arsch
skorpion, pluto, hämorrhoiden
darmanesti, pforzheim, grimmen
frankfurz, arschinskoje am ob
kackstadt am main, lauchhammer
gott, wie das ascoffin durchhaute
&'s c-vitchen im krater somm
von zorn & hohn, opferblut
& heldengut, betäubung &
erwachen, empörung & zusam-
menbruch, völkerfrühling &
volksbühne, not & kampf
die anbetung des klapses
laut lord ödipus byron
angeschissene scheißen zurück
in meinem trabbi saß ich
auf honecker zu rast' ich
drauf & dran, jugend voran

Libretto für die Performance IM Arsch.
In Zusammenarbeit mit Tone Avenstroup, Hans Petter Dahl und Stefan Döring.
Musik: Ornament und Verbrechen, H.P. Dahl

Aus: routine in die romantik des alltags. Bert Papenfuß, Gedichte. Helge Leiberg, Zeichnungen. Berlin: Gerhard Wolf Janus press, 1995, S. 67

Gegen meine sonstige Gewohnheit hier ein paar Handreichungen für Leser. Keine Entschlüsselung, sondern Material zum Weiterführen des infernalischen Spiels.

1. Zeit-, Politik- und Medienreferenzen

Peter Zadek

„gegenüber focus sagte / zadek, daß diepgen sich noch wundern würde“

  • Anspielung auf Zadeks mediale Präsenz in den 1990er Jahren, häufig polemisch, politisch intervenierend.
  • Das Zitat ist paraphrasiert, nicht wörtlich; typisch für Papenfuß’ collageartige Presse-Echo-Technik.

Eberhard Diepgen

  • Regierender Bürgermeister von Berlin (West / später Gesamtberlin).
  • Chiffre für politisches Establishment, gegen das sich die anarchisch-körperliche Rede richtet.

FOCUS

  • Nachrichtenmagazin, Marker für boulevardisierte Öffentlichkeit, Kontrastfolie zur poetischen Sprachzerstörung (von heute reden wir mal nicht).

DAX

„wir schauen jetzt wieder auf den DAX“

  • Ironischer Bruch: Nach Körper- und Darmmetaphorik folgt der Börsenindex.

2. Geografische und toponymische Sprachspiele

Wortzerlegungen / Kontaminationen:

  • Darmstadt 
  • Ruhrgebiet
  • Neumagen
  • St. Gallen
  • Darmanesti
  • Pforzheim
  • Grimmen
  • Frankfurz
  • Kackstadt am Main
  • Arschinskoje (Russland-Suffix -skoje)
  • Insterburg (Ostpreußen; heute Tschernjachowsk)

Diese Orte bilden eine groteske Kartografie des Verdauungstrakts, zugleich nach Belieben West / Ost, Provinz / Metropole, BRD / DDR / Nachwendelandschaft etc.


3. Theater-, Literatur- und Mythologie-Bezüge

Ich hab’s gewagt (Ulrich von Hutten)

Grimmelshausen (so heißt ein Städtchen, aber vor allem ein Dichter, der im 30jährigen Krieg kräftig auf die Tube drückte, auch in der Lust am groben Wortspiel)

Volksbühne

„völkerfrühling & volksbühne“

  • Doppelcodierung:
    • Volksbühne als konkreter Berliner Ort (Castorf-Ära)
    • Völkerfrühling als revolutionäre Metapher (Arabischer Frühling / 1848)
  • Theater als politischer Resonanzraum.

Ödipus

„laut lord ödipus byron“

  • Hybridform:
    • Ödipus (Tragödienfigur)
    • Lord Byron (romantische Revolte, Exzess, Skandal)
  • Bewusste anachronistische Überblendung: Antike Schuldtragödie + romantischer Titanismus.

„dahl spricht, papenfuß antwortet nicht“

  • Möglicherweise Anspielung auf einen Kritiker von außerhalb
  • Markiert ein Dialogverweigerungs-Motiv: Papenfuß entzieht sich diskursiver Verständlichkeit.

4. DDR- und Nachwende-Anspielungen

„IM arsch“

  • „im Arsch“ kann man wörtlich nehmen, aber
  • IM = Inoffizieller Mitarbeiter (Stasi)
  • „Sascha Arschloch“ war ein 1990 von Wolf Biermann geprägtes Wort auf einen Stasispitzel in der Szene um Papenfuß

Drauf und dran: in der DDR-Schule präsenter Slogan aus einem Bauernkriegslied

Jugend voran: DDR-Losung, omnipräsent im DDR-Alltag

Beides läuft oder fährt schnurstracks zu auf

Erich Honecker

„in meinem trabbi saß ich / auf honecker zu rast‘ ich“

  • Trabant als ikonisches DDR-Objekt.
  • Honecker als Ziel einer grotesk-jugendlichen Aggression.
  • Parodiert Revolutionspathos („Jugend voran“) und entwertet es zugleich.

5. Leitmotivische Struktur: Verdauung als Weltmodell

Die fortlaufende Benennung:

  • Blinddarm
  • Dickdarm
  • Mastdarm
  • Schließer

bildet eine antiteleologische Gegen-Anthropologie:

  • Geschichte = Verdauungsprozess
  • Politik = Peristaltik
  • Moral = Abfallprodukt

Der Titel Admoralität wird hier wörtlich vollzogen: keine Gegenmoral, sondern deren Auflösung im Körper.

(Und jetzt zurück zum Gedicht)

Weinreinbringer

104 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Robert Gernhardt

(* 13. Dezember 1937 in Tallinn, Estland; † 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main)

Deutung eines allegorischen Gemäldes

Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod

Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest

Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid

Des vierten Schild trieft
giftignass –
das ist der Hass
das ist der Hass

Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.

Aus: Ich bin so knallvergnügt. Gedichte, die fröhlich machen. Herausgegeben von Clara Paul. (insel taschenbuch 4356) Berlin: Insel, 2015, S. 120

Die Nase Tristan Tzaras

85 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Tom Nisse

FREUND ICH STELLE FEST

Es gibt Abende wo
ich es vorziehe
über Revolutionen statt
über Hunde zu sprechen
man beschnuppert sich und
eines Morgens stelle ich
verdutzt fest die Nase
die Nase Tristan Tzaras
ragt aus den Regalen
und mein Wunsch wäre es
auch weiterhin diesen Schönheitsfleck
fast unversehrt zu küssen.

Aus dem Französischen von Jérôme Netgen, aus: Tom Nisse: Dass ich dich so beschnuppere. Gedichte aus dem Französischen. Köln: parasitenpresse, 2012 (Gedichte aus Belgien, Luxemburg und den Niederlanden / parasitenpresse benelux, Nr. 3), S. 4.

sich festhaken an einem wort

156 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Jayne-Ann Igel

***

»Jedes wort birgt einen widersinn in sich« notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tiers vor augen hatte, daß also auch der fluß nichts anderes als eine wesenheit, die sich auf ihren läufen fortbewegt durch raum und zeit, über stock und stein, wie es oft heißt, auf läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – Das wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein tausendfüßler, der in fließender bewegung, gleich der rede, die in fluß geraten, aus anfänglichem stocken und stolpern erlöst, einem stottern… immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …

Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 119

Das ist halt so

113 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Ror Wolf

(* 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen; † 17. Februar 2020 in Mainz)

Dritter unvollständiger Versuch 
das Leben zu beschreiben


Zweiunddreißig, Juni, nachts zwei Uhr,
als ich nass aus meiner Mutter fuhr,
als ich stumm aus meiner Mutter kroch,
aus dem einen in ein andres Loch,
aus dem Fleisch heraus hinein ins Leben,
sagte man zu mir: So ist das eben.

Im November nachts Zweitausendeins
lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,
tief im Blut und alle Tropfe tropften,
die Kanülen, die Katheter klopften,
alles floß hinein in das Plumeau,
und man sagt zu mir: Das ist halt so.

Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 25f

es frisst der Mensch, um Mensch zu sein

141 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Hermann Kükelhaus 

(* 4. August 1920 in Essen; † 30. Januar 1944 in Berlin)

Ich habe zweierlei Gesicht, 
doch ganz genau weiss ich das nicht.

Ich habe rechts und links ein Bein –
O, welches mag das bessre sein?

Auch von den Seelen hätt' ich zwei –
die eine sei ihr Konterfei

und sitze tiefer als die andre –
und überhaupt: die Seele wandre.

Hätt' ich ein Auge, weiss wie Schnee,
mir täten keine Farben weh –

Die Erde sei, weiss Gott, fast rund –
nur schöner wär' ein Mädchenmund.

Und manchmal ist der Himmel blau,
wenn Sonne scheint – sonst ist er grau.

Wie kommt es nur auf dieser Welt,
dass man sich auf die Füsse stellt? –

Der liebe Gott mög' uns verzeihn,
es frisst der Mensch, um Mensch zu sein.

Aus: Hermann Kükelhaus: … ein Narr der Held. Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Elizabeth Gilbert. Vorwort von Hugo Kükelhaus. Zürich: Diogenes, 1964, S. 71f

Hannah Arendt’s Gedichte

Unter diesem etwas irreführenden Titel samt Apostroph erschien etwa 2015 ein schmaler Band mit der Verlagsangabe roughradio.com (also einem der Engeler-Verlage). Der Band der Herausgeberinnen Barbara Hahn und Marie Luise Knott hieß im Untertitel „Eine Auswahl“, aber er ist keine Auswahl aus dem 71 Gedichte umfassenden lyrischen Werk der großen Philosophin, das ebenfalls 2015 bei Piper erschien. Vielmehr ist es eine Auswahl der Gedichte, mit denen sie im Leben und Werk nahen Umgang hatte. Ohne diesen Umstand näher zu erklären, haben die Herausgeberinnen zwei kurze Gedichte, insgesamt 22 Zeilen, von der Philosophin selbst eingeschmuggelt, der Rest sind ihre (Lieblings-)Gedichte in deutscher und englischer Sprache, von Heine, Goethe, Rilke, Morgenstern, Brecht, Brecht, Blake, Dickinson etc. Das Nachwort endet mit diesen Sätzen:

In einem ihrer frühesten Texte, den sie zusammen mit Günther Stern verfaßte, reflektierte sie 1929 mit Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien über die „Echolosigkeit des modernen Menschen“. Mit Versen von Sophokles beschließt sie ihren Essay Über die Revolution; mit Shakespeare und Auden endet der erste Band Vom Leben des Geistes. Die vorliegende kleine Sammlung bietet einen Ausschnitt aus dieser „gemeinsamen Gegenwart“ (Char), die mit jedem Hören und Lesen eines Gedichtes neu beginnt.

Hier das Gedicht des Tages.

Hannah Arendt 

(geboren am 14. Oktober 1906 in Linden, heute Hannover; gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City)

Bin nur Eines 
Von den Dingen,
Den geringen,
Das gelang
Aus Überschwang.

Schliesse mich in Deine Hände,
Daß sie schwingend
Überschwingen
Ins Gelingen,
Wenn Dir bang ist.

Hannah Arendt’s Gedichte. Eine Auswahl, hrsg. v. Barbara Hahn u. Marie Luise Knott. O.O., o.J. (2015): roughradio.com, S. 41

Hannah Arendt: »Ich selbst, auch ich tanze«. Piper, München 2015

Ihr und Ich

Hans Benzmann (* 27. September 1869 in Kolberg; † 7. Januar 1926 in Berlin) war ein deutscher Lyriker. (…) Johannes Heinrich Wilhelm Benzmann war der Sohn des militärischen Zahlmeisters Heinrich Benzmann und dessen Ehefrau Anna, geb. Noffke. Als er sechs Jahre alt war, starb seine Mutter. Er besuchte die Gymnasien in Kolberg und ab 1880 in Thorn, wohin der Vater versetzt worden war. Ab 1890 studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, danach wurde er durch die Königliche Universität zu Greifswald zum Dr. phil. promoviert. Er arbeitete als Beamter im Reichsamt des Innern und ab 1906 als Archivar im Reichstag. (…) Benzmann wurde auf dem Friedhof Steglitz in Berlin beigesetzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Benzmann

Heute vor 100 Jahren starb in Berlin der Lyriker und Anthologist Hans Benzmann. „Ein sehr ernst zu nehmendes lyrisches Talent“, urteilte Max Geißler, Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts (1913). Aber wie es geht, nach seinem Tod geriet er bald in Vergessenheit und ist heute, wenn überhaupt, eher als pommerscher Autor denn als Berliner bekannt.

Aber man kann ja auch mal ein Gedicht von einem nicht so großen Dichter lesen.

Ihr und ich. 

Ihr geht in Opern, ihr besucht Konzerte,
Ihr gafft euch satt in Bildergallerien –
Ich schlüpf‘ wie eine muntere Lacerte
Am liebsten durch's Gewühl der Menschen hin!

Wo Wagen rasseln, Peitschen lustig knallen,
Wo dröhnend schnauft das Dampfes Eisenpferd,
Wo tausend Menschen, arm‘ und reiche, wallen
im Strudelstrom der Zeit, im Arbeitsherd,

Da packt mich recht ein inniges Gefallen,
Da eil’ hin und tauche meinen Blick
In dies und das Gesicht, und nehm’ von allen
Ein Bild, helldunkel, dieser Zeit zurück!

Ihr schaut das Bild, ich blicke in die Herzen,
Und der Reflexe bunter Farbenschwall
Und all' das Elend, all die tausend Schmerzen,
Sie finden in mir langen Widerhall!

Ihr lest Romane zum Dessert nach Tische,
Ihr träumt in fremde Leiden euch hinein,
In Liebesglück, und faule oder frische
Gefühle und Gedanken schlürft Ihr ein! …

Mein Leben ist voll Leidenschaft und Leiden,
Voll Glück und Not, wohl selber ein Roman:
Ein Kämpfen, Siegen, Bluten und Verscheiden,
Und niemals, wünsch' ich, soll die Ruhe nah'n!

Ihr liebt die Ruhe – friedeloses Kämpfen
Ist meine Lust und meines Lebens Quell,
D'raus unter blutig heißen Schmerzensdämpfen
Der Lieder Strom entspringt bald trüb, bald hell.

Ihr seid die Herde, die nach alter Sitte
Auf grüner Flur behaglich wiederkäut.
Die, wenn sich einer von der goldnen Mitte
Verliert. Verdammnis, Schuld und Sühne schreit!

Mein Eigner will ich sein, die ganze Fülle
der Keime in mir will ich wachsen sehn –
Ein wilder Wald voll rätselhafter Schwüle,
Voll Unkraut will ich in die Höhe gehn!

Aus: Hans Benzmann, Im Frühlingssturm! Erlebtes und Erträumtes. Großenhain und Leipzig: Baumert & Ronge, o.J. , S. 161f

Er hat zwei Seelen in jeder Brust

Meret Oppenheim 

(* 6. Oktober 1913 in Charlottenburg, heute Berlin; † 15. November 1985 in Basel)

Der Hund meiner Freundin

Ich liebe den Hund meiner
Freundin. Er kann so schön
»ja« sagen. Er sagt »ja«, wenn
man ihn vergißt. Er verdammt
keinen, der sich mit ihm vergleicht.
Wo er hinkommt, da kehrt der
Frühling ein. Weint er, verliert
die Natur ihre Federn. Ist er
hingegen wohlgelaunt, schiebt
er mit viel Geschick die Hand zum
Mund, um ihm seine tiefsten
Geheimnisse abzulauschen.
Wie jeder brave Mann hat er
zwei Seelen in jeder Brust,
fünfundzwanzig an Händen und Füßen.

Aus: Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Prosa. Hrsg. Christiane Meyer-Thoss. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002, S. 63

Axel Kutsch (1945-2025)

201 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Axel Kutsch 

(* 16. Mai 1945 in Bad Salzungen; † 30. Juli 2025)


Selbstgespräch

Im späten Sommer
bist du angekommen.
Durch frühe Nebel siehst
du schon verschwommen
den Herbst. Du weißt,
du kannst ihm nicht entfliehn.
Er wird dich morgen
in die Tage ziehn,
da unaufhörlich Blätter
von den Bäumen fallen.

Alternder Narr, hör
endlich auf zu lallen.
Versinke nicht im trüben
See der Traurigkeit.
Daß dich der Herbst erwischt,
ist nur der Lauf der Zeit.
Laß doch die Blätter fallen.
Du änderst nichts daran.
Die Tage werden kälter.
Zieh dich wärmer an.

Neben vielen Texten, aus denen hintergründiger Humor, fein skizziert, hervorlugt, hat Axel Kutsch gesellschaftskritische Gedichte, aber auch selbstbesinnliche geschrieben. Das „Selbstgespräch“, noch in alter Schreibweise, vor langen Jahren im Bändchen „Stille Nacht nur bis acht“ zählt zu den schönsten. Jene Altersresignation, die sich bei vielen Menschen einstellt, die der Zeit nachtrauern, die Jugend, die Leben hieß, verarbeitet Kutsch in einem Monolog, der ruhig, gelassen, aber selbstkritisch das Sinnlose des Jammerns und Lamentierens auf die Schippe nimmt. Der Text ist tröstlich, heiter. Fast wie der Trost eines Vaters, der seinem Kind das Leben erklärt. Nur dass es diesmal ein alter Mensch ist, der einem alten Menschen das Altern erklärt.

Peter Ettl