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263 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ein Gedicht über das Thema Diktatur und Künstler.
Peter Hacks
(* 21. März 1928 in Breslau, heute Wrocław; † 28. August 2003 in Groß Machnow)
MNESTER
Goebbels sprach zu Hitler das:
Auf die Künste ist Verlaß.
Für den Schmuck der Olympiade
War kein Meister sich zu schade,
Dieses Sportfest lehrt zugleich,
Die Kultur gehört dem Reich.
Josef Thoraks Kriegsbekenner,
Arno Brekers Muskelmänner.
Auch erwies sich Georg Kolbe
Angetan von unsrer Vollbe-
schäftigung. Und gegen Kasse
Zeigten Kolbes Puppen Rasse.
Gret Palucca, Mary Wigman
Folgten braunen Paradigmen,
Harald Kreutzberg gab sich ganz
Nordisch steil im Schwertertanz.
Werner Egk sowie Carl Orff
Hallten durchs Olympiadorf.
Selbst der Nestor Richard Strauss
Fertigte den Festchor aus,
Schlug höchstselber, weiß befrackt,
Zu dem Hochgesang den Takt.
Deutsche Sänger hymnisch brausend
Und nicht weniger als tausend.
Alle dienten unsren Plänen.
Droht uns was, dann nicht von denen.
Soweit also Goebbels. Wir
Wiederum entsinnen hier
Uns des römischen Mimen Mnester,
Der bei Hof wie im Orchester
Den maßgebenden Personen,
Ohne jemals sich zu schonen,
Teils mit Schönheit, teils mit Kraft,
Wohlsein und Genuß verschafft.
Im weiteren Fortgang des langen Gedichts wird die Geschichte Mnesters erzählt, über den der Kaiser Claudius in der letzten Strophe sagt:
Albern und der Welt ein Ärger,
Dünkt mich, wäre, ausgerechnet
Einen Künstler nicht zu hängen,
Bloß weil er nicht schuldig ist.
Mnester war ein hochtalentierter, aber gefährlich exponierter Künstler am Hof der Kaiser Caligula und Claudius. Seine Nähe zur kaiserlichen Familie wurde ihm zum Verhängnis. Obwohl er unschuldig oder zumindest unschuldig-schuldig war, ließ ihn der Kaiser hinrichten. Seine Geschichte erzählen Tacitus, Sueton und Cassius Dio.
Das Gedicht aus: Peter Hacks, Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 2000, S. 140
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