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Veröffentlicht am 5. Dezember 2015 von lyrikzeitung
Andererseits wird Sinn überschätzt. 2 zufällig nebeneinander gelesene Zitate:
… allerdings sind ihre Texte nicht simulierter Nicht-Sinn, sondern Proteste gegen die Verfälschung von Wirklichkeit durch eine sinnentleerte Sprache (FAZ, siehe die beiden vorangegangenen Nachrichten hier).
Der interessante, freche Mix an zeitgeistigen Themen, Problemen und Sprachebenen. Schikaneders „Zauberflöte“ war so ein Mix, eine Art Musical wie die „Horror Picture Show“ fast zweihundert Jahre später. Goethe flog auf den gekonnten Wiener Klamauk rein, ahnte Tiefen, die er einfach selber konstruierte. / Ulrich Bergmann, KuNo
Aber war es so nicht überhaupt? Wie groß ist der Unterschied zwischen Schikaneders Klamauk und Goethes Faust (in dem mehr Klamauk und offener Nonsense steckt als in der Zauberflöte)? Wenn größere und kleinere Menschengruppen übereinkommen, Tiefsinn hinein- und wieder herauszulesen, wenn ganze Berufsgruppen und Medien davon leben, Interpretationen zu produzieren und zu verbreiten … dann ist der Sinn real, und nur Kinder, Betrunkene und Dissidenten halten den Kaiser für nackt.
Kategorie: DeutschSchlagworte: Interpretation, Johann Wolfgang Goethe, Ulrich Bergmann
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Aus Männersicht kann das einfach Klamauk sein, wenn bei Schikaneder ein Männerbund sich aus eigner Kraft dem Zutritt von Frauen öffnet und – kraft romantischer Liebe – der Tochter zugesteht, was der Mutter noch verwehrt war. Mag man den Einweihungs-Mythos gerne zum Zinnober rechnen (was seine Jugend-Psychologischen Fallstricke hat), ein bisschen mehr von dem Klamauk hätte dem 19 und 20 Jh. vermutlich gut getan. Olympe de Gouges formulierte im Jahr der Uraufführung der Zauberflöte ihre ‚Erklärung der Rechte der Frau‘, für die sie zwei Jahre später hingerichtet wurde. Zur Zeit der Uraufführung sind wir im Jahre 180 vor der Einführung des Frauenwahlrechts in der Schweiz.
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wer behauptet denn, daß klamauk nichts über realitäten sagt oder nichts bewirken mag, wenigstens im kopf des zuhörers? „diese sehr ernsten scherze“ (sagt der alte goethe über seinen faust)
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EINERSEITS:
Vorsicht – Faust I und II enthalten nicht das, was man bei Schikaneder Bühnen-Klamauk nennen kann. Goethe – so vermute ich – hat sich von Mozarts Musik verleiten lassen, Tiefe in der ZAUBERFLÖTE zu erfühlen. Dabei ist Mozarts Musik nicht so tief, oft spielerisch und für einen Hörer, der Musik versteht, leicht zu durchschauen. Goethe hatte wenig musikalischen Sinn (allerdings abgesehen von sprachlicher Rhythmik), was die Begegnung mit dem jungen Mendelssohn zeigt. Der junge Felix demonstrierte begeistert Beethovens Musik im Weimarer Haus des alten Herrn – der aber lebte musikalisch noch in der Musikwelt des Spätbarocks und Rokokos.
ANDERERSEITS:
Dass Sinn sich immer konstruieren lässt, zeigen alle Interpretationen oder Rezensionen, die besser sind als ihre Vorlagen – und das ist oft der Fall. Und auch gar nicht so übel, denn es adelt beide Seiten: den Rezensenten und den Anlassgeber. – So gesehen wäre es nützlich, eine Kleine Relativitätstheorie vom literarischen Sinn zu verfassen. Dieses kunstphilosophische Werk würde sicherlich zu den schönsten automatischen Selbstbeweisen gehören, also zu jenen Tautologien, deren Schönheit uns besticht, dass wir weinen, ohne es zu wissen.
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was sie über goethe und die musik reden, einverstanden. und die idee im andrerseits: köstlich und vielversprechend. kleiner einspruch zu faust. beide teile haben sehr viel klamauk und nonsense im text und – je nachdem es regisseure abschwächen oder betonen – auf der bühne. nicht nur textuellen witz wie in den walpurgisnächten (vieles wurde nicht zufällig in die paralipomena verbannt), schülerszene, auerbachs keller, selbst noch in den sehr ernsthaft-komödiantischen schlußszenen, sondern die wechselrede in „ernsten“ szenen hat es auch in sich. die zeitgenössische rezeption machte da vielleicht das gleiche wie goethe bei mozart, ich sag mal, deutsche tiefsinnvermutung
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