Henri Meschonnic und sein Werk

Auszüge aus einem Artikel von Felix Philipp Ingold über den 2009 verstorbenen französischen Gelehrten und Dichter Henri Meschonnic:

Selbst seine einstmals berüchtigten, bisweilen aphoristisch zugespitzten Pauschalurteile sind in Vergessenheit geraten: «Der schlimmste Feind der Poesie ist die Liebe zur Poesie.» – «Die Ästhetik ist der Tod des Gedichts.» – «Lernen heisst verstehen lernen, dass man nicht weiss, was man tut.» – «Nichts steht dem Göttlichen so sehr entgegen wie das Religiöse.» Usw.

(…)

All seine sprachphilosophischen und literaturtheoretischen Erwägungen münden letztlich in die Frage nach dem Gedicht. Die Frage nach dem Gedicht (wie auch die allfällige Antwort darauf) schliesst bei ihm – noch eine Provokation! – den Dichter und sogar die Dichtung aus: Das Gedicht, so betont er stets aufs Neue, entsteht im Gegenzug zur Dichtung und auch im Gegenzug zum Willen des Dichters. Es entsteht, um für sich selbst einzustehen, und es selbst ist die Gesamtheit dessen, was jeweils in ihm verwahrt ist und aus ihm spricht: ein «Ich – hier und jetzt», mithin ein geschichtlicher Moment, aber auch eine «poethische» Qualität, in der ethische und poetische Komponenten zu einem (zu seinem) «Wert» fusionieren: «Unaufhebbare Interdependenz und Interaktion von Sprache, Wirklichkeit und Ich.»

Das Gedicht ist immer dieses Gedicht. Das Gedicht entsteht und besteht an und für sich, es geht allen Regeln und Konventionen und Traditionen voraus: Das Gedicht kommt vor dem Sonett, der Vers vor dem Alexandriner, die Assonanz vor dem Reim, der Rhythmus vor dem Metrum. Das Sagen fällt hier mit dem Gesagten in eins. Das ist, zumal bei einem hyperluziden und hochgebildeten Autor wie Meschonnic, ein geradezu «primitiver» Ansatz: Urworte orphisch? Nein, ganz einfach Rückkommen aufs Eigentliche und aufs Eigene zugleich. Das Gedicht als Lebensform: «Das Gedicht ist die Verwandlung einer Sprachform durch eine Lebensform und die Verwandlung einer Lebensform durch eine Sprachform.» So behauptet sich das Gedicht als die einzige authentische Sprachform des Lebens.

Was in diskursiver Auslegung kompliziert, vielleicht gar abschreckend wirken mag, gewinnt in Meschonnics Gedichten eine staunenswert schlichte Sprachgestalt, die man beim Lesen als ebenso kunstvoll wie unbedarft erfahren kann. Fragt sich nur, ob der Autor das Gedicht nicht überschätzt (oder überfordert), wenn er ihm eine anthropologische Schlüsselfunktion bei der «Verteidigung des Lebendigen» zuspricht und von ihm erwartet, dass es seinen Zeichencharakter und damit den «abendländischen» Dualismus zwischen Form und Inhalt, Affekt und Konzept, Signifikant und Signifikat überwinde, um «sein Schweigen im Gelärm der Jetztzeit» zu behaupten. Damit zieht sich Meschonnic auf eine einsame Position zurück und markiert Distanz gegenüber seinen Dichterkollegen, die es eben darauf angelegt hätten: «die Jetztzeit mit Gelärm zu erfüllen».

Das ist mehr als ein Seitenhieb auf die heute besonders erfolgreiche performative Dichtung, die den Text in Gebrüll und Geraune verkommen lässt; es ist die viel weiter reichende Klage darüber, dass sich Dichtung nur noch in Gedichten (quantitativ) und nicht mehr im Gedicht (qualitativ) artikuliert. Dass Lyrik heute – nicht anders als Prosa – vorab aus Literaturinstituten, Workshops und Wettbewerben hervorgeht, dass sie sich von ständig wechselnden Trends, von Ratings und Preisen bestimmen lässt, ist Beleg dafür. Henri Meschonnic hat solch vordergründige «Preisung» der Poesie – deren Pathos wie deren Leichtfertigkeit! – durchweg kritisch kommentiert. «Doch jedes Mal, wenn ein Gedicht kommt, verliert diese monströse Produktion ihre ganze Kraft.» / Neue Zürcher Zeitung

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