Ferdinand Hardekopf
(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)
Spleen
Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte [3 Uhr 2]: »Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!«
Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst [-Berlin] reell
Auf ihr imaginäres Karusell.
Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –
Nachhüstelnd, matt-dosiert: »Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctambules Seminar!«
... So. 3 Uhr 10. Wie süss verwirrt ich war!
(1921)
Aus: Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch. Neu herausgegeben und aktualisiert von Karl Otto Conrady. Düsseldorf u. Zürich: Artemis und Winkler, 2000, S. 614
Tobias Reußwig
eine fußnote
heilig sind die krähen,
heilig die elstern,
heilig die wildbienen,
heilig die nesseln,
heilig.
heilig die verstecke,
heilig die zimtläden,
heilig die nischen,
heilig der honig,
heilig.
heilig das myzelium,
heilig das wissen,
heilig die wabe,
heilig der buchdruck,
heilig.
heilig die stille.
heilig der schwarm,
heilig die stimme,
heilig der traum,
heilig.
heilig der stock,
heilig die trauer,
heilig der schmerz,
heilig das zeichen.
heilig.
heilig die krähen,
heilig die zimtläden,
heilig der zweifel,
heilig die abkehr,
heilig.
heilig der hass,
heilig die elstern,
heilig der wahn,
heilig das internet,
heilig.
heilig der kopfschmerz,
heilig die demütigung,
heilig die wildbienen,
heilig der hass,
heilig.
heilig die libellen,
heilig das chronifizierte,
heilig die vorhänge,
heilig die nesseln,
heilig.
heilig das sonnenlicht,
heilig die selbstmordversuche,
heilig die erinnerung,
heilig das wissen,
heilig.
heilig die schatten!
heilig die kinder!
heilig die sperlinge!
heilig das wissen!
heilig!
heilig die niederreißenden stürme!
heilig die unterhöhlten pflastersteine!
heilig die nektarspendenden zierpflanzen!
heilig die erinnerung!
heilig!
heilig die wut!
heilig die selbstmordversuche!
heilig die schmerzen!
heilig der missbrauch!
heilig!
heilig das sonnenlicht!
heilig die psalme!
heilig die brachen!
heilig hiroshima!
heilig!
heilig sämtliche gesänge!
heilig das wimmern der schwachen!
heilig das ewige niederhalten!
heilig die alternativlose konsequenz!
heilig das zertreten!
heilig die unfähigkeit der friedfertigen!
heilig gehäuteter marsias!
heilig der gleichmut der mächtigen!
heilig die in sich ruhenden kämpfe!
heilig das heilen!
heilig der himmelsschreiende raub!
heilig die vorausgesehene rache!
heilig das kalkulierende wegschauen!
heilig die befreiende zerstörung!
heilig die kindheit!
Der persische Universalgelehrte Muhammad Nasir al-Din Tusi starb heute vor 750 Jahren in oder bei Bagdad.
Abū Dschaʿfar Muhammad ibn Muhammad Nasīr ad-Dīn at-Tūsī (arabisch أبو جعفر محمد بن محمد نصیرالدین الطوسی, DMG Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Muḥammad Naṣīr ad-Dīn aṭ-Ṭūsī, persisch نصیر الدین طوسی, DMG Naṣīr ad-Dīn-e Ṭūsī; * 1201 in Tūs, Chorasan nahe dem heutigen Maschhad, Iran; † 1274 bei Bagdad) war ein persischer schiitischer Theologe, Mathematiker, Astronom, Philosoph und Forscher. https://de.wikipedia.org/wiki/Nasīr_ad-Dīn_at-Tūsī
Er schrieb über 150 Bücher in arabischer und persischer Sprache über Themen der Mathematik, Astronomie, Philosophie, Biologie, Chemie, Mystik und viele andere. Er begründete die Trigonometrie als eigenständigen Bereich der Mathematik, und seine Planetenbeobachtungen und seine Kritik der aristotelischen Astronomie könnten Kopernikus vorgelegen haben. Er galt seinen Landsleuten als der dritte Meister nach Aristoteles und al-Farabi. Aus Anlass des 750. Todestags habe ich versucht, eins seiner Gedichte zu finden, aber die einzige Fundstelle war die englische Version der Wikipedia. Ich rücke es hier ein aus der englischen Wikifassung.
Anyone who knows, and knows that he knows,
makes the steed of intelligence leap over the vault of heaven.
Anyone who does not know but knows that he does not know,
can bring his lame little donkey to the destination nonetheless.
Anyone who does not know, and does not know that he does not know,
is stuck forever in double ignorance.
From: https://en.wikipedia.org/wiki/Nasir_al-Din_al-Tusi
Wer weiß, und weiß, dass er weiß,
lässt das Ross der Intelligenz über das Himmelsgewölbe springen.
Wer nicht weiß, aber weiß, dass er nicht weiß,
kann sein lahmes Eselchen trotzdem ans Ziel bringen.
Wer aber nicht weiß und nicht weiß, dass er nicht weiß,
bleibt für immer in doppelter Unwissenheit stecken.

Silke Peters
(Stralsund)
Frauentag
Schreiben, verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder
verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer. Meine Gedanken
brennen, meine Gefäße sind aus Lehm. Ich klaube ihn unter der Wurzel
eines im Winter umgestürzten Baumes am Strand hervor. Stampfe die Klumpen
mit den nackten Füßen zu Brei.
Wem gehört der Fingerabdruck auf der Venus von Dolni Vestonice. Lössstaub
und Knochenmehl sind auf lange gebunden. Die Venus ist weggeschlossen
im Tresor einer Aufbewahrungsanstalt in Brünn. Für immer. Steinzeit. Ich koche
in einem Tontopf über dem wintermüden Feuer die Wurzeln aus und brate
die Austernpilze am Spieß.
Der Lehm wartet unter einem feuchten Tuch. Ich werfe
die geformten Perlen ins Feuer. Sie bedecken meine Stirn, schwanken,
rascheln, klingeln über meinem halluzinierenden Blick.
Ringe Jahresringe Saturnringe zähle ich
an den noch hastig im Februar gefällten
Bäumen überall im Stadtgebiet. Gefallene Riesen. Sie schauten aufs Meer.
Aus: Silke Peters: graben. Texte und Bilder Silke Peters. Stralsund 2024, S. 3
Fritz Löhner(-Beda) war ein österreichischer Schriftsteller, Operettenlibrettist und Liedtexter. Er schrieb Texte für Franz Lehar und Hans Moser, von ihm stammen viele bis heute populäre Liedtexte (“Ausgerechnet Bananen, Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren, Wo sind deine Haare, August?, Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?, Dein ist mein ganzes Herz, Freunde, das Leben ist lebenswert“ u.v.a.). Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs ans „Dritte Reich“ wurde er verhaftet. Er kam in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald (dort schrieb er den Text für das “Buchenwaldlied“). Am 4. Dezember 1942 wurde er im Lager Auschwitz-Monowitz ermordet.
Worte, die Tausende, Millionen im Ohr haben, sollen keine Lyrik sein? Man sie lesen und hören.
Höret die Geschichte von Frau Potiphar
Die ungemein erfahren war
Hört zu, hört zu: Das war die Frau des Potiphar
Die ungemein erfahren war
In allen Liebessachen
Der Gatte aber, au contraire
Der war schon alt und konn't nicht mehr
Tirili tirila, die kleine Frau bewachen
Da pfiff sie auf die Sittsamkeit
Und machte sich 'nen Schlitz ins Kleid
Und fuhr hinab nach Theben
Um dort sich auszuleben
Denn Theben ist für Memphis
Das, was Lausanne für Genf ist
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Verkehrten ganz incognito
Der Joseph und der Pharao
Dort tanzt man nur dreiviertelnackt
Im Rumba und Dreivierteltakt
Es trifft mit der Geliebten sich
Am Abend ganz Ägypten sich
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Dem Gatten der Frau Potiphar
Dem wurde bald die Chose klar
Er ging hinab zu Ramses
"Ich weiß, was meine Gattin macht
Sie fährt nach Theben jede Nacht
Ja, Majestät, da ham'ses."
Da sagte drauf der Pharao
Da machen wir es ebenso
Sie sehn' wie doof es hier ist
Im Restaurant Osiris
Drum gehn' als Philosophen
Wir auch nach Theben schwofen
In die Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Da setzten sie sich mit Genuß
In den Pyramidenomnibus
Und fuhr'n hinaus nach Theben
Da gab es Mädchen, drollige
Teils schlanke und teils mollige
Der Gatte der Frau Potiphar
Besah sich da die Mädchenschar
Und spuckte auf den Boden
Der Ramses fragt: "Wieso denn?"
Worauf die Antwort schallte:
"Ich denk an meine Alte!"
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Verkehrten ganz incognito
Der Joseph und der Pharao
Dort tanzt man nur dreiviertelnackt
Im Rumba und Dreivierteltakt
Es trifft mit der Geliebten sich
Am Abend ganz Ägypten sich
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Ein schlankes Mädchen, schwarz maskiert
Das hat die beiden fasziniert
Sie kauften ihr Narzissen
Der Gatte der Frau Potiphar
Der schneller als der Ramses war
Tirili, tirila
Der wollt' sie gerne küssen
Als er zu Ramses kam zurück
Da senkte traurig er den Blick
Und sah verstört zu Boden
Der Ramses fragt: "Wieso denn?"
Worauf die Antwort schallte:
"Das Weib war meine Alte!"
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Verkehrten ganz incognito
Der Joseph und der Pharao
Mit Ramses saß heut in der Bar
Der Gatte der Frau Potiphar
Und aß von einem Feigenblatt
Gehackte Mumie mit Spinat
In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Reinhard Goering
(* 23. Juni 1887 auf Schloss Bieberstein, Hessen; Suizid vermutlich Mitte Oktober 1936 in Bucha bei Jena)
Stockholm
Grand Hotel Slot
Vier Dachdecker shot.
Sybille tanzt
Glitzerwasser fließen quick
Nacht Nacht
I love you.
Hör mal wie sie da singen diese Schweden.
O das große große slot.
Nochmal acht Buchbinder shot.
Sven erscheint.
Ja
schön ist Stockholm
schöne Zahnärzte
zart küssende Männinen
o im Auto
Auf den Turm vom stadthuset
Hechtsprung in Mälern
vornehmes Leichenbegräbnis über die ...
Nein, Anruf einer Prinzessin vom slot
verdammte Störung
the great lover shot.
Aus: Hartmuth Geerken (Hg.): Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf. Erotische Gedichte des Expressionismus. München: btb (Random House), 2006 (vorher yedermann 2003), S. 209
Siegmar Faust
(* 12. Dezember 1944 in Dohna, Landkreis Pirna, Sachsen)
Eigentlichkeit
Eigentlich dürfte es mich gar nicht geben
Eigentlich habe ich meine Existenz Hitlers Krieg zu verdanken
Eigentlich ist mein Vater gar nicht mein Vater
Eigentlich zeugte mich ein Zypriot in englischer Uniform
Eigentlich hätte meine Mutter ins KZ gesperrt gehört
Eigentlich hat meine Mutter Glück gehabt
Eigentlich hätte mein Vater keine Frau mit einem Kind heiraten müssen
Eigentlich hätte ich nie gemerkt, dass mein Vater nicht mein Vater war
Eigentlich hatte er es nicht verdient, jämmerlich an Asbestose zu sterben
Eigentlich wollte ich auch einmal den Kommunismus aufbauen helfen
Eigentlich hätte ich es nie gewagt, den großen Karl Murks zu kritisieren
Eigentlich wollte ich gar nichts mit Politik zu tun haben
Eigentlich hätte ich im Zuchthaus gar keinen Widerstand leisten müssen
Eigentlich bin ich wie ein Stück Vieh verkauft worden
Eigentlich sollte man dankbar sein für diesen Häftlingsfreikauf
Eigentlich vergeudete ich eine Hälfte im Osten, die andere im Westen
Eigentlich habe ich Sehnsucht nach dem Süden
Eigentlich weiß ich gar nicht, wohin ich gehöre
Eigentlich wollte ich kein brotloser Künstler werden
Eigentlich wollte ich viele Kinder haben
Eigentlich war ich überfordert mit sechs Kindern
Eigentlich wollte ich meiner ersten Frau treu bleiben
Eigentlich meiner zweiten, dritten und vierten ebenfalls
Eigentlich kommt es immer anders als man denkt
Eigentlich kann jeder machen was er will
Eigentlich will ich nur wissen, was das Gelbe im Ei bedeuten soll
Eigentlich wollte ich Magister der Philosophie werden
Eigentlich habe ich alles schon einmal fahrlässig durchdacht
Eigentlich ist es unerheblich zu wissen, wo Gott wohnt
Eigentlich habe ich schon gelebt
Eigentlich wird es Zeit: abzutreten.
Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Herausgegeben von Andreas Altmann und Axel Helbig. Mit einem Nachwort von Peter Geist. Leipzig: poetenladen, 2011, S. 65
Wulf Kirsten
(* 21. Juni 1934, heute vor 90 Jahren, in Klipphausen, Amtshauptmannschaft Meißen; † 14. Dezember 2022 in Bad Berka)
satzanfang
den winterschlaf abtun und
die wunschsätze verwandeln!
saataufgang heißt mein satzanfang.
die entwürfe in grün überflügeln
meiner wortfelder langsamen wuchs.
im überschwang sich erkühnen
zu trigonometrischer interpunktion!
ans licht bringen
die biografien aller sagbaren dinge
eines erdstrichs zwischenein.
inständig benennen: die leute vom dorf,
ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld.
aus wortfiguren standbilder setzen
einer dynastie von feldbestellern
ohne resonanznamen.
den redefluß hinab im widerschein
die hafergelben flanken
meines gelobten lands.
seine rauhe, rissige erde
nehm ich ins wort.
Aus: Wulf Kirsten: satzanfang. gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1970, S. 5
RISIKOLYRIK: DER 25. NAHBELLPREIS 2024 GEHT AN DEN OSNABRÜCKER TEXTFLECHTER ULRICH JÖSTING (*1962)
G&GN-INSTITUT@POESIEPREIS.DE / Seine Gedichte sind beinahe „unlesbar“, zumindest nur schwer, aber nicht aufgrund zu hermetischer Metaphern, sondern genau umgekehrt wegen ihrer metapherlosen, aber unkausalen Konkretheit. Die Diskussion um „Lesbarkeit“ und „Schwierigkeitsgrad“ in der zeitgenössischen Lyrikszene, also die Frage, wie LESBAR oder wie SCHWIERIG ein „gutes“ Gedicht sein müsste, diese Diskussion findet in seinem Stil ein erstaunliches Ende: seine Gedichte sind lesbar UND schwierig zugleich, sie nehmen einen mit in einen unbekannten Raum, zeigen dem Leser die Wände und Ausmaße des Raums, aber dieser poetische Raum bleibt trotzdem dunkel, er knipst das Licht nicht einfach an, um billige Tapeten vorzuführen. Es sind Gedichte, die man niemandem ins Poesiealbum kritzeln wollte, weil sie eben so dunkel wirken, fast böse, gemein, gefährlich! GEFÄHRLICHE GEDICHTE! Sie verströmen ein Risiko, sie sind Risikolyrik par excellence! Die Stärke der Werke liegt jenseits jeglicher Erklärbarkeit ihrer Bedeutung, sie haben selber die Bedeutungshoheit als das, was sie sind: Gedichte – wie Blumen, die man auch nicht durch Abzählen der Blütenblätter rational erklären kann. / G&GN-ORIGINALQUELLE: https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2024/
Ulrich Jösting
Vögel
drehen Herz
zur Leinwand
niemand sieht weg
geht los der heilige Krieg
alle werden sterben
Sohn Tochter
Vater Mutter
so ist das
AUSZUG AUS DEM GROSSEN NAHBELLPREIS-INTERVIEW:
„DIE RICHTIGE FREQUENZ AM ENDE DER ENERGIESPUR“
2. Nahbellfrage (gekürzt):
Worin besteht der Unterschied zwischen Prosa und Lyrik?
„In literaturwissenschaftlichen Kategorien oder marketingorientiertem Labeling mag ich nicht mehr denken und schreiben. Ich versuche, mich beim Schreiben in einem mir bestimmten Emotionsfeld zu bewegen, auf und mit dieser bestimmten Frequenz zu schwingen, der Energiespur zu folgen. Wenn das gelingt, ist ALLES was entsteht richtig und gut. Richtig gut. Für mich. Wahrscheinlich mag sich sodann beim Rezipierenden meiner Textgeflechte auch Bewegung ereignen.“ (aus der 2. Nahbellantwort)
3. Nahbellfrage (gekürzt):
Welche Inspirationsquellen hattest Du, welche Hintergründe nahmen Einfluss?
„Es entstehen ja lyrisch-poetische Texte, weil ich tatsächliche Lebenserfahrungen, Gemütszustände, Geschehnisse gar nicht konkret und real darstellen will und kann, sondern in der Verschlüsselung und Transformation, der Entstellung und Verklärung, der Ungenauigkeit und Mehrdeutigkeit eine Auseinandersetzung, Bewältigung, Befriedigung, ein Ausdrücken erlebe. Den entstandenen Text präsentiere ich dem geneigten Lesenden danach zur eigenen Reflexion. Ich habe kein Qualitätsmanagementsystem, mit dem ich meine Texte bearbeite. Kunst sehe ich als wertfreien Spielraum menschlicher Kreativität, in dem der Kunstschaffende frei von Qualitätsstandards kreieren darf, wie er mag.“ (aus der 3. Nahbellantwort)
4. Nahbellfrage (gekürzt):
Wann hast Du zum allerersten Mal überhaupt gedichtet?
„Ich habe Befriedigung erfahren, die Schreiben bewirkt, und die magische Kraft entdeckt, mich zu entwickeln, zu befreien, mich und ALLes zu erschaffen, zu begreifen, wenn ich Innenwelten außen in Worten und Sätzen manifestiere. Zwar war ich am Anfang meines Schreibens doch eher der Epik zugeneigt, meinte, der Roman sei die Königsdiziplin der Literatur, aber meine Prosa wollte dann immer mehr nicht wirklich einfach durchschaubar erzählerisch sein, sondern verdichtete sich schon beim Wort, verirrte sich im Satz, verstrickte sich beim Sätzeaneinanderreihen.“ (aus der 4. Nahbellantwort)
8. Nahbellfrage (gekürzt):
Wie lässt sich der Aufwand für die Kreativität mit Deinem Lebensalltag vereinbaren?
„Das Spannungsfeld zwischen kreativer Leidenschaft und notwendigem Broterwerb durchzieht meinen Lebenslauf konstant und führt immer wieder zu diversen inneren und äußeren Konflikten. Dieser Zwiespalt hat auch schon dazu geführt, dass ich kurzeitig aus der Textproduktion ausgestiegen bin und vermutlich bewirkt das schwer auszuhaltende Dilemma, dass viele talentierte Künstlerinnen und Künstler letztendlich ganz aus der Kunstwelt ausscheiden und ihre kreative Karriere aufgeben.“ (aus der 8. Nahbellantwort)
DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/25-nahbellpreis-ulrich-joesting/

DIE NAHBELL-KATEGORIEN „FÖRDERPREIS“ & „KONZEPTPREIS“ KONNTEN DIESES JAHR LEIDER NICHT BESETZT WERDEN. DAS G&GN-INSTITUT FREUT SICH AUF NEUE BEWERBUNGEN FÜR 2025. DER 2. NAHBELL-NEBENPREIS GEHT 2024 AN ANDREAS MÜLLER (*1979) FÜR SEINEN ESSAY „DAS ICH, DAS ES NICHT GIBT – ODER: BEFREIUNG VON DER ILLUSION, >JEMAND< ZU SEIN“ – EIN AUSZUG DARAUS:
IM INTERVIEW „SOSEIN STATT SACKGASSEN DER SEHNSUCHT“ FRAGT DAS G&GN-INSTITUT ANDREAS MÜLLER:
Wenn sich die Menschheit an einer Illusion abarbeitet, ist das doch ein zivilisatorischer Skandal? Diese Sehnsucht nach dem vollkommenen Dauerzustand treibt Architekten, Politiker, Ärzte, Künstler und jeden Handwerker an, etwas zu erforschen und zu schaffen, was das Leben angenehmer macht und einen tieferen Sinn spüren lässt. Wie zeigt sich dieser „permanente Kampf“, von dem Du sprichst, wenn nicht im Erfindergeist der Genies, deren Ichs der „Hoffnung auf Glück“ verfallen sind? Ihre „Trunkenheit der Suche“ hat die Zivilisation doch vorangetrieben!
DER ANTIGURU ANTWORTET:
Ich spiele darauf an, dass es diese erfüllte Erfahrung gar nicht braucht. In diesem Sinn ist die Suche selbst eine Sackgasse. Aus dem Ich-Erleben heraus wirkt auch das morgendliche Zähneputzen wie ein kleiner Beitrag auf dem Weg zur persönlichen Erleuchtung. Als bei mir die Illusion des „Ich-Seins“ verpufft ist, hat die Suche zwar aufgehört, aber das Zähneputzen nicht. Es stellte sich heraus, dass ich das niemals gemacht habe, um weiterhin auf dem Weg zu bleiben. Es scheint einfach zu geschehen, ohne dass es jemand tut und ohne dass es einem tieferen Zweck dienen muss. Im Gegensatz dazu könnte es im „Ich-Erleben“ durchaus den Eindruck geben, dass man gesunde Zähne haben muss, wenn man in der Zukunft eine erfüllte Erfahrung machen möchte.
DER ESSAY UND DAS VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/02-timeless-wonder
ERGÄNZEND DAS INTERVIEW MIT DEM PREISSTIFTER DE TOYS ALS GASTAUTOR DER LDL: „TRANSPERSONALES TRAUERTAXI“ @ https://urruhe.jimdofree.com/interviews/1-gastautoren-interview/

Hanns Cibulka
(* 20. September 1920 in Jägerndorf, Tschechoslowakei, heute: Krnov, Tschechien; † 20. Juni 2004 in Gotha)
DER SPÄTE HÖLDERLIN
Lauter fremde Namen
hast du deinem Vaterland gegeben,
Patmos, Smyrna,
bei Ephesos
bist du gegangen.
War sie dir fremd,
die tägliche Arbeit
an den Dingen der Erde?
„O Melodien über mir,
ihr unendlichen,
zu euch,
zu euch."
Mittags,
die Rosenstöcke von Bordeaux
ausgebrannt vom Blitz,
Bruchstücke,
Fragmente.
Sehen Sie,
gnädiger Herr,
ein Komma ...
Aus: Hanns Cibulka, Lebensbaum. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1977, S. 66
Ilija Trojanow
(Geboren 1965 in Sofia, aufgewachsen in Nairobi, lebt in Wien)
Die Sonnenuhr des Sawai Jai Singh II.
Jantar Mantar, Jaipur
Bei seiner Geburt
skizzierten die Astrologen des Hofes
eine Zukunft dem Zukünftigen.
Einfache Mittel sind genau.
Jai Singh, mit elf schon König,
wurde Astronom.
Mathematiker.
Er las Ptolemäus
er las Euklid
er las Isaac Newton
und Muhammed Ulug Beg.
Er beschloß, die Sonne zu messen
genauer als je zuvor.
Zwanzig Sekunden schritten die ersten Schatten aus,
das war Jai Singh nicht genau genug.
Er baute eine Stiege zu den Sternen,
die erst endete,
als seinem Reich der Marmor ausging.
Tagsüber schmolz die Sonne im Sekundentakt dahin,
nachts, im Schneidersitz, auf der letzten Stufe,
richtete er sein wachendes Auge auf
auf die vielen zurückfallenden Lichter.
Diese Uhr geht nach, um elf Minuten,
sagt die Frau unter ihrer breiten Krempe
und streckt Jai Singh
ihren blassen Arm hin.
Madame, die Sonne irrt nie.
Diese Zeit stimmt für den Fleck,
auf dem wir beide stehen.
Die Uhr, die sie tragen,
hierhin und dort,
stimmt überall,
doch nicht hier.
Aus dem Englischen von Susann Urban, aus: Ilija Trojanow, verwurzelt in Stein. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2017

Oskar Kokoschka
(* 1. März 1886 in Pöchlarn, Niederösterreich; † 22. Februar 1980 in Montreux, Schweiz)
Aus: Die träumenden Knaben
(...)
in meinem weißen zimmer war ich allein
doch vielleicht trug ich dich jetzt herein und es bleibt
und spricht wie aus schweren blumen etwas zu mir
mein zimmer wurde wie ein anderes land
in die weißen wälder tret ich ein
eines rentieres huf klingt und wirft in allen weißen wäldern
wiederleuchtende schneesterne auf
wie spitzengärten ist es um dich
rentierreiterin
und das rentier ist ein berg
deine kleider sind eine schneefläche
wo blumen werden
die berührung deiner dünnen finger
und die schneewälder stehen um dich wie staunende knaben
der schnee rinnt zusammen zu einem see
und auf einem roten fischlein warst du gesessen
ich hatte von dir nur gesehen deinen nackten hals in den haaren
ein stäblein wächst ins wasser hinunter
wo ist das ende alles wesens
aus deiner runden brust geht dein atem über den blauen see
wie leise ist das wirken alles wesens
ich greife in den see und tauche in deinen haaren
wie ein versonnener bin ich in der liebe alles wesens
und wieder fiel ich nieder und träumte
zu viel hitze überkam mich in der nacht
da in den wäldern die paarende schlange ihre haut streicht
unter dem heißen stein und der wasserhirsch reibt sein gehörn
an den zimmtstauden
als ich den moschus des tieres roch in allen niedrigen sträuchern
es ist fremd um mich
jemand sollte antworten
alles läuft nach seinen eigenen fährten
und die singenden mücken überzittern die schreie
wer denkt grinsende göttergesichter und fragt
den singsang der zauberer und altmänner
wenn sie die bootfahrer begleiten
welche frauen holen
und ich war ein kriechend ding
als ich die tiere suchte und mich zu ihnen hielt
kleiner
was wolltest du hinter den alten
als du die gottzauberer aufsuchtest
und ich war ein taumelnder
als ich mein fleisch erkannte
und ein allesliebender
als ich mit einem mädchen sprach
Aus: Oskar Kokoschka: Die träumenden Knaben und andere Dichtungen. Salzburg: Galerie Welz, 1959, S. 24/26
Oskar Kokoschka schrieb seine erste Dichtung, „Die träumenden Knaben“, 1907. Sie erschien 1908 im Verlag der Wiener Werkstätte und noch einmal 1917 bei Kurt Wolff. Die dem Text beigegebenen Lithographien sind noch ganz vom Jugendstil geprägt (Bilder findet man im Netz, wenn man nach dem Titel sucht. Hier zum Beispiel.). Der 22jährige Kokoschka widmete das bibliophile Buch mit acht Farblithographien Gustav Klimt. „Der Dichter war dem Zeichner Kokoschka in diesem Augenblick, entwicklungsgeschichtlich gesehen, voraus“, schreibt der Herausgeber von 1959.
Ulrike Draesner
lahmendes ghasel
gar nichts
sagte jemand sei besser als nichts
wenn es weh tat weil eine reise nichts
bedeutet wenn sie einem nichts
ausmacht weil ich nichts
sah bis ich begriff dass ich nichts
(heimweh?) begriff nicht so
dass schleier mir nichts
mehr verbargen denn wer nichts
weiß sucht nichts
zu umarmen nicht
einmal als im spiegelnden „sichtn"
einer boîte de rêves die wie von nichts
silbergetrieben sich öffnete mir nichts
dir nichts
märchen lagen die sagten dass ich nichts
verstand und nun nichts
sage als im besten falle gar nichts
Aus: Ulrike Draesner, berührte orte. München: Luchterhand, 2008, S. 15
Fridolin Ganter
Die Seele sandt ich aus
Die Seele sandt ich aus, im Unsichtbaren
Ein Wort vom andern Leben zu entziffern;
Sie kehrte um und sprach: „Ich hab erfahren,
Dass in dir selbst sich Höll und Himmel paaren,
Wie sich die Hur im Hafen paart mit Schiffern."
Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist Nr. 54, 7.6.2024, S. 9
Mehr über den Autor im Lyrikwiki
Ein Lied aus der Französischen Revolution, das 150 Jahre später in der DDR hochbrisant war und zwei junge Lyriker, Volker Braun und Wolf Biermann, zu eigenen, aktualisierten Versionen anregte. (Aber der Stoff war allzeit aktuell, vergleiche auch Shakespeares 66. Sonett!)
Pierre-Jean de Béranger
(* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)
SO WIRD ES SEIN
Weise: 0 filii et filiac
Ihr fragt, wie’s mit uns weitergeht?
Ich weiß, was kommt, ich bin Prophet.
Mein Blick dringt in die Zukunft ein,
So wird es sein.
Kein Dichterling kriecht mehr im Dreck,
Der Mächtige jagt den Schmeichler weg,
Kein Höfling lügt mehr hundsgemein.
So wird es sein.
Kein Spieler wird, kein Spekulant,
Kein Wuchrer „edler Herr“ genannt,
Kein Bürokrat wagt mehr zu schrei’n.
So wird es sein.
Die Freundschaft stärkt den Lebensmut,
Ist mehr als frostiger Disput,
Läßt uns im Unglück nicht allein.
So wird es sein.
Nett sind die Mädchen und gescheit,
Gehn mit den Liebsten nicht zu weit,
Bis sie mit achtzehn Jahren frei’n.
So wird es sein.
Die Frau’n sind nicht auf Putz erpicht
Und hörnen ihre Männer nicht,
Läßt man sie mal zu Haus allein.
So wird es sein.
Kein Zensor preist als wahre Kunst
Statt Schöpfergeist nur Phrasendunst,
Nur Kauderwelsch und Flunkerein.
So wird es sein.
Wer Dramen schreibt, tut’s frei und kühn,
Den Hut die Mimen vor ihm ziehn,
Kein Rezensent mischt frech sich drein.
So wird es sein.
Wer lächelnd Größen kritisiert
Und ihren Klüngel parodiert,
Den sperrt der Büttel nicht gleich ein.
So wird es sein.
Geschmack fegt fort, was fade heut,
Statt Willkür herrscht Gerechtigkeit,
Wahrheit kehrt wieder bei uns ein.
So wird es sein.
Lobt Gott, der gnädig hält bereit,
All das, was ich hier prophezeit.
Im Jahr dreitausend – prägt’s euch ein
Wird es so sein!
Deutsch von Martin Remane, aus: Lieb war der König, oh-la-la! Satirische und patriotische Chansons von Pierre-Jean de Béranger. Berlin (Ost): Rütten & Loening, 1959, S. 50-53
AINSI SOIT-IL
1812
Air : Alleluia (Air noté ♫)
Je suis devin, mes chers amis ;
L’avenir qui nous est promis
Se découvre à mon art subtil.
Ainsi soit-il !
Plus de poëte adulateur ;
Le puissant craindra le flatteur ;
Nul courtisan ne sera vil.
Ainsi soit-il !
Plus d’usuriers, plus de joueurs,
De petits banquiers grands seigneurs,
Et pas un commis incivil.
Ainsi soit-il !
L’amitié, charme de nos jours,
Ne sera plus un froid discours
Dont l’infortune rompt le fil.
Ainsi soit-il !
La fille, novice à quinze ans,
À dix-huit avec ses amants
N’exercera que son babil.
Ainsi soit-il !
Femme fuira les vains atours,
Et son mari pendant huit jours
Pourra s’absenter sans péril.
Ainsi soit-il !
L’on montrera dans chaque écrit
Plus de génie et moins d’esprit,
Laissant tout jargon puéril.
Ainsi soit-il !
L’auteur aura plus de fierté,
L’acteur moins de fatuité ;
Le critique sera civil.
Ainsi soit-il !
On rira des erreurs des grands,
On chansonnera leurs agents,
Sans voir arriver l’alguazil.
Ainsi soit-il !
En France enfin renaît le goût ;
La justice règne partout,
Et la vérité sort d’exil.
Ainsi soit-il !
Or, mes amis, bénissons Dieu,
Qui met chaque chose en son lieu :
Celles-ci sont pour l’an trois mil.
Ainsi soit-il !
https://fr.wikisource.org/wiki/Œuvres_complètes_de_Béranger/Ainsi_soit-il

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