Rückwärts

93 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Günter Kunert 

(* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)

Film – verkehrt eingespannt

Als ich erwachte,
erwachte ich im atemlosen Schwarz
der Kiste. Ich hörte: Die Erde tat sich
auf zu meinen Häupten. Erdschollen
flogen flatternd zur Schaufel zurück.
Die teure Schachtel mit mir, dem teuren
Verblichenen, stieg schnell empor.
Der Deckel klappte hoch, und ich
erhob mich und fühlte gleich: drei
Geschosse fuhren aus meiner Brust
in die Gewehre der Soldaten, die
abmarschierten, schnappend
aus der Luft ein Lied,
im ruhig festen Tritt
rückwärts.

Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 64

Mach ein Update von mir

151 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Inga Pizāne

5 Gedichte

Wir löschen die Fotos, auf denen wir uns nicht gefallen 
behalten aber die, auf denen wir uns gefallen
rauben unseren Erinnerungen die Objektivität
und werden zu einer erfundenen Version unserer selbst.
Eine schöne Version von uns selbst.
Eine Version von uns selbst.
Aber ich würde gerne all diese Versionen
von mir abschälen
wie Zwiebelschalen.
Und diese Zwiebel dann bis zum Kern aufschneiden
und weinen –
endlich weinen
echte und vollkommen unperfekte
Tränen.

***
mach ein Update
von mir
du hast Zugang
zu meiner
alten Version
*
suche in den Einstellungen
und mache ein manuelles Update
*
verwende mich öfter
mach regelmäßig Updates
schau, dass ich mich nicht aufhänge
und bitte lösch mich nicht versehentlich
*
mach das Update ohne Bedenken
ich bin eine kostenlose
Applikation

Aus: Mir war, als ob es klopfte. Neue Gedichte aus Lettland. Aus dem Lettischen von Astrid Nischkauer und Kalle Aldis Laar. Köln, Leipzig, Wien: parasitenpresse, 2023, S. 67f

Ihr Irren

80 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Kornelia Koepsell

An die Freunde

Ihr, Lieben, Trunkenbolde, Zeterer, lausige Schimpfer,
Maulhelden, Knallköpfe, Süßschnaufende, Zyniker, Zweifler,
ihr Melancholiker jenseits des Mondes,

wie konnte ich versäumen, euch zu besingen?
Hier bricht alles zusammen, ihr aber sagt: Wir haben
die gesellschaftsfeindliche Absicht,

nachzudenken, wie mich das freut.
Daß ihr aber die gesamte, beschissene Popmusik nicht mögt,
bis auf die Talking Heads, gefällt mir besonders, ihr Irren.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling, 2024, S. 116

Manchmal

178 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Walter Werner 

(* 22. Januar 1922 in Vachdorf; † 6. August 1995, heute vor 30 Jahren, in Untermaßfeld, beide Orte liegen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen im südlichen Thüringen, da wo die Sprache fränkisch klingt.)

Manchmal beim Auskleiden 

Vor dem Schlaf, im Händehoch
und Kopfab, der täglichen Übung,
geht er sich ans nackte Fleisch.
Hierhin die vergessenen Medaillen,
die verschriebenen Urkunden und Tafeln.
Dorthin der zur Strecke gebrachte,
mehrfach hinterbliebene Held.
Den Ärmeln rutschen die Fäden,
den Hosen reißen die Nähte.
Hinüber in den langsamen Leib
die Liebe sucht Eingang
durch die Rundungen eines Knopflochs,
und der Tod verabschiedet sich
im Fall mit einem Fehltritt
von der letzten Stufe.

(1968)

Aus: Walter Werner, Die verführerischen Gedanken der Schmetterlinge. Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Adolf Endler. Leipzig: Reclam, 1979, S. 7.

Reizvoll, denke ich beim Wiederlesen, ist vielleicht nicht der treffendste Ausdruck. Naturlyrik, wie man gern sagte, als man noch über den Dichter sprach, auch nicht.

Manche der Texte, vergleichsweise still und intim, sind wie Briefe an gute Bekannte, voll Vertrauen und voller Fragen. Mit anderen unternimmt er reizvolle Ausflüge ins Skurrile, Clowneske, schickt die Phantasie zu Erkundungen aus, neugierig auf die verführerischen Gedanken der Schmetterlinge.

Verlagswerbung in dem zitierten Band

Der Tscheche und der Deutsche

213 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Ivan Blatný 

(* 21. Dezember 1919 in Brünn; † 5. August 1990, heute vor 35 Jahren, in Colchester, England) 

ŠTĚPÁNEK: DER TSCHECHE UND DER DEUTSCHE

In Palästina wurde Die verkaufte Braut auf Hebräisch gespielt
in der Opéra Comique auf Französisch
in Sadler's Wells auf Englisch
Die verkaufte Braut
ist auf deutschen Bühnen wie zu Hause
wir verstehen uns mit den Deutschen
Österreich und das Reich sind unsere Heimat
Wilhelm der Zweite treibt Sport in seinem Exil

Das Fernsehen zeigt heute russische Turnerinnen
ich werde alles verkaufen
ich verkaufe den Laden meine Villa alle Vorräte
vielleicht lässt sich eine russische Turnerin erwerben.

Aus: Ivan Blatný: Hilfsschule Bixley. Gedichte. Aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Jan Faktor und Annette Simon. Wien: Edition Korrespondenzen, 2018, S. 60

Jan Nepomuk Štěpánek (19. Mai 1783 – 12. Februar 1844) war ein tschechischer Dramatiker, Regisseur und Schauspieler. „Der Tscheche und der Deutsche“ war ein zweisprachiger Schwank (1812).

Ein bekanntes Klischee besagt, dass die ganz Großen der Kunst sich der Gefahr aussetzen, an sich und der Welt verrückt zu werden. Dieses Klischee erweist sich auch im Falle von Ivan Blatný als nicht wirklich wahr oder hilfreich, weil es zu viele Narrative nicht mit einbezieht. Blatný war ein hochbegabter, sensibler und sicherlich auch komplizierter Mensch. Aus heutiger Sicht war er einfach eine extravagante bis auffällige Persönlichkeit. 

Aus dem Nachwort der Übersetzer, a.a.O. S. 211

Der Baum der Kneipen

196 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Sarah Kirsch 

(* 16. April 1935 in Limlingerode am Harzrand; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))

Der Maler Ebert 

Und dann gingen wir noch
Den Maler Ebert am Stadtrand besuchen
Da stellten wir fest: Frühjahr war: den Wiesen am Fluß
Wuchs schon was und die Sträucher
Beblätterten sich und Vögel
Rieselten raus. Wo er wohnt
Ist die Saale sanft gebogen und die Schwärze
Überspannt mit zierlicher Wölbung ein Brückchen.
Im breiten Treppenhaus der Geruch alter Häuser
Ohne Wasserklosett aber man fühlt sich geborgen
Schon sahn wir die Bilder schimmern aus weißen Rahmen
Klopften da sagte die Nachbarin
Er wäre weggegangen und wenn er ginge
Zumal seine Frau beim Frisör sei käme er
Vor Anbruch der Nacht nicht. Wir fragten
Nach seinen Lieblingskneipen
Sahen in jede steckten den Kopf
Aus der Sonne in dämmrige Bierstuben
Kleinen rauchigen Inseln die Flaschen
Klingelten leise – ein Wirt
Hatte ihn gehn sehn empfahl uns
An den nächsten Wirt in der Straße
Aber nirgends im Mohren nicht nicht in der
Gosenschänke. Und dann fing die Stadt an
Wir konnten ihn
Nicht weiter verfolgen der Baum der Kneipen
Verzweigte sich mächtig

Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973, S. 53

Albert Ebert (* 26. April 1906 in Halle (Saale); † 21. August 1976 ebenda) war ein naiver deutscher Maler und Grafiker in der DDR. (Wikipedia)

Ein Bild von ihm kann man hier sehen.

Lassen Sie das Kontinuum frei

129 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Jane Wels

Bitte versuchen Sie,
mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.
Lassen Sie das Kontinuum frei.
Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.
Kann der Wasserhahn nicht stehen bleiben?
Pathos tropft!
Ich schwöre.
Mein Parfum heißt L’INTERDIT.
Es ist so wunderbar, ein „R“ über die
Zunge rollen zu lassen.
Mache ich aber nicht.
Contenance!
Die „Letzte Buchung“ fällt,
an der ISBN bekomme ich sie gerade
noch zu fassen,
lege sie neben „Paris Rot“,
während der Glockenschlag siebenmal
die Zeit intoniert.
Warum so biblisch?
Licht fällt immer in den Schatten,
sagt dieser Mund.
und legt sich zum Schweigen.

Aus: Jane Wels, Das Es reiten. Mit einem Grußwort von José F. A. Oliver und einer Überlegung von Jürgen Brôcan. Dortmund: edition offenes feld, 2025

Jane Wels, geboren 1955 in Mannheim, lebt im Nordschwarzwald.

Sexuelle Darstellung als Arbeit an und Zugang zur Wir®klichkeit

382 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Ein Abschnitt aus einem Text von Ilse Kilic

3.

das lieben ist schön,
schöner als das singen, als ich sah das lieben.
das lieben ist ein kummer. das lieben ist ein lied. (Ernst Herbeck)*

Das Singen im „Theater der Liebe“ ist Thema der SÜSSEN BÜSCHE** von Margret Kreidl. Die Autorin hebt den Vorhang, nennt „Dinge“ beim Namen, will sagen: sie benennt die Dinge. Die Namen der (Liebes)Dinge sind Worte, die, in ihrer „Wortartigkeit“ jene – ebenfalls wortartig gemachte – Erotik als machbar und gemacht (im Sinne von hergestellt) transportieren. Zugleich beheizt Margret Kreidl die Bühne, in deren Wärme die „Dinge“ selbst zu singen beginnen.

Der vokalharmonisch aufgebaute Text SÜSSE BÜSCHE, von der Autorin als Sammlung erotischer Prosastücke bezeichnet, beginnt und endet mit botanischen Studien, Pflanzenbeschreibungen, Blüten und Stengeln. Sprechen und Sprechen vom Sex ist immer auch politisches Sprechen, ist Sprechen, das gerade dort, wo es sich dem „Treibhaus“ nähert, eine Überarbeitung des Sprechgestus erfordert, eine Verbindung von ästhetischer und politischer TextArbeit. Vokalharmonien bestimmen letztlich, wer in Margret Kreidls Texten mit wem was treibt – die sprachliche Regel tritt in Konkurrenz mit der gesellschaftlichen — und sehr schnell wird klar, wo die „Lust“ zuhause sein kann. „Unschickliche Textkörperchen“, wie Christiane Zintzen in ihrer Rezension schrieb, wachsen gleichsam nicht natürlich, wie auch gerade die Erotik nicht natürlich wachsen kann, weil es sie natürlich gar nicht gibt. Die Textkörperchen sind aber keine Metafern der Sexualität – sie sind ihre ernste Darstellung, lustig dennoch in der Gewißheit der strengen Spielregel, der Form und Inhalt unterliegen. Hier ein Exempel zur Probe:

ILSE UND LIESL
Penis-Defizit. Ilse phantasiert. Traumatischer
Schnitt. Ich bin kastriert. Liesl kichert. Ilse
frustriert: Ich-Bildung ist wichtig. Liesl
masturbiert. Ideal-Ich Ich-Ideal? Liesl lacht.
Egal! Dattel Ding Dose. Honig fließt. Liesl
genießt narzisstisch. Ilse projiziert: Das Bild
bin ich. Ilse ist Liesls Spiegel. Die Dinge
zerspringen. Liesl grinst: Prickelnde Nippel-
Teaser? Ilses Trieb-Ich verdichtet sich. Riesen-
glitzerdildo? Ilse ist glücklich. Kitzelfinger
Lippentriller? Triebziel: Rille Riß. Ilse jubiliert:
Libido fluktuiert. Frische Ritze. Lustprinzip.
Pfui! Liesl spukt. Ilse fischelt. Bi oder wie? Liesl
verzichtet: Sublimieren ist richtig. Ilse befiehlt:
Lust-Ich! Du liebst mich! Liesl reagiert nicht.
Ilse regrediert oral-sadistisch. Triebschicksal?
Liesl schwitzt. Prinzip Klitoris. Liesl zittert.
Ilse ißt Liesl

Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Nr. 36, S. 15

*) Ernst Herbeck: Im Herbst da reiht der Feenwind. Salzburg-Wien 1992
**) Margret Kreidl: Süße Büsche. Wien 1999

His own song: Ernst Jandl 1925-2000

283 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl habe ich lange in Gedanken und Büchern meine Lieblingsjandl gesucht und mich schließlich für zwei unter vielen möglichen entschieden.

Ernst Jandl 

(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)

my own song

ich will nicht sein
so wie ihr mich wollt
ich will nicht ihr sein
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr seid
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr sein wollt
so wie ihr mich wollt

nicht wie ihr mich wollt
wie ich sein will will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich bin will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt will ich sein
ich will sein.

(1966)

Aus: aus dem wirklichen leben. gedichte und prosa. München: luchterhand, 1999, S. 52. Ursprünglich aus. selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr (1983)

... er habe immer etwas zu sagen gehabt, und er 
habe immer gewußt, daß man es so und so und so
sagen könne; und so habe er sich nie darum
mühen müssen, etwas zu sagen, wohl aber um die art
und weise dieses sagens. denn in dem, was man
zu sagen hat, gibt es keine alternative; aber für die
art und weise, es zu sagen, gibt es eine unbestimmte
zahl von möglichkeiten. es gibt dichter, die alles
mögliche sagen, und dies immer auf die gleiche
weise. solches zu tun habe ihn nie gereizt; denn
zu sagen gebe es schließlich nur eines; dieses aber
immer wieder, und auf immer neue weise.

(1973)

Aus: ebd. S. 58. Ursprünglich aus dingfest (1973)

Grabinschriften

Arthur Cravan, Boxer, Dadaist, Dichter, Neffe Oscar Wildes und „Fahnenflüchtiger von siebzehn Nationen“, verschwand im November 1918 spurlos in den Gewässern vor der mexikanischen Küste – vermutlich bei dem Versuch, mit einem kleinen Boot von Salina Cruz nach Guatemala* zu segeln. Sein Tod bleibt bis heute ungeklärt und nährt den Mythos um einen der radikalsten und schillerndsten Außenseiter der literarischen Moderne. Heute ein Gedicht des französischen Dichters Philippe Soupault aus seiner Sammlung „Grabinschriften“ (1919). Arthur Cravan war Ende 1918 im Golf von Mexiko* verschwunden, aber er schrieb auch Grabinschriften für seine lebenden Surrealistenfreunde Paul Éluard, André Breton und Louis Aragon.

*) siehe im Kommentar

Philippe Soupault 

(* 2. August 1897 in Chaville bei Paris; † 12. März 1990 in Paris)

Grabinschriften
ARTHUR CRAVAN


Die Straßenhändler sind nach Mexiko ausgewandert
Alter Boxer du bist dort gestorben
Du weißt nicht einmal warum
Du hast lauter geschrien als wir in den Palästen Amerikas
und in allen Pariser Kneipen
Du hast dich nie in einem Spiegel angeschaut
Du warst im Krankenhaus zur Sommerfrische

Was wirst du nun im Himmel tun alter Junge
Ich habe dir nichts mehr zu verbergen
Die Seine fließt noch an meinem Fenster vorbei
Deine Freunde sind sehr reich

Ich habe ein wahnsinniges Verlangen zu rauchen

Aus: Philippe Soupault, Frühe Gedichte 1917 – 1930. Übersetzt aus dem Französischen und herausgegeben von Eugen Helmlé. München: edition text + kritik, 1983, S. 93

Ihre Augen sind Platons Schriften

Die neue Zeit von früher, 50 Jahre alt, aus einem schwedischen Gedicht.

Göran Tunström 

(* 14. Mai 1937 in Karlstad; † 5. Februar 2000 in Stockholm)

Wie eine Bibliothek ist die Seele meiner Geliebten 
aber sie bewegt sich wie eine Hindin
Ihre Augen sind Platons Schriften
Angelos Mailied sind ihre Lippen
Über der Zungenspitze bewegen sich Amor und Bacchus,
und die Georgica mit ihren guten Ratschlägen
für Landwirtschaft und Bienenzucht sind ihre Brüste
duftend nach Thymian und Lavendel
Auf der Innenseite ihres Handgelenks
lese ich: "Gepriesen seist du, Herr,
für meine Schwester, das Wasser, das nützlich und demütig ist,
kostbar und keusch"
Ja, viel Wissen hat Raum in ihr
große Neugier, Widersprüche,
Begeisterung
und ich, ein Mann vom Lande, möchte
Kenntnis haben von ihrem Rat
Sie ist die neue Frau
die Brunnen in sich trägt von Astronomie
und Strategie,
Magie und Medizin.
Ich bin Geschlecht und Durst
mit Bedacht will ich lernen sie zu lesen
daß ich die neue Zeit verstehe

1976

Aus die horen 135. Hölderlin träumte. Schwedische Lyrik 1965-1980. Pfade, Grade & Tendenzen –Zweisprachige Originalausgabe. Ein Projekt des Europäischen Übersetzer-Kollegiums Straelen. Ausgewählt und kommentiert von Tobias Berggren, Ulrich Bracher, Gunnar Harding, Bengt Holmqvist und Klaus-Jürgen Liedtke. Übersetzt von Ralph Aurand, Lieselotte Baustian, Ursel und Ulrich Bracher, Senta Kapoun, Birgitta Kicherer, Anna-Liese Kornitzky, Klaus-Jürgen Liedtke und Herta Weber-Stumfohl – unter Mitwirkung von Gunilla Rising Hintz. Redaktion: Bengt Holmqvist, Peter K. Kirchhof, Anna-Liese Kornitzky, Klaus-Jürgen Liedtke und Johann P. Tammen.

Som ett bibliotek är min älskades själ
men hon rör sig som en hind
Ögonen är Platons skrifter
Angelos Majsång är hennes läppar
Över tungspetsen rör sig Amor och Bacchus
och Georgican med sina goda råd
för lantbruk och biskötsel är hennes bröst
doftande av timjan och lavendel
I insidan av hennes handled
läser jag: “Lovad vare du, Herre
för syster vattnet, som är nyttigt och ödmjukt,
dyrbart och kyskt.”
Ja, mycken kunskap ryms i henne
stor nyfikenhet, motsägelser,
hänförelse
och jag, en man från landet, önskar
få ta del av hennes råd.
Hon är den nya kvinnan
som rymmer brunnar av astronomi
och strategi,
magi och medicin.
Jag är kön och törst.
Med eftertanke vill jag lära mig
att läsa henne
att jag må förstå den nya tiden

A.a.O. S. 90/96

Andere Zeit

Karl Krolow, geboren 1915, starb 1999 im Alter von 84 Jahren. Er schrieb bis zuletzt. Über 700 Gedichte entstanden in den letzten drei Jahren seines Lebens, alle datiert, manche dazu noch mit Altersangabe versehen, „84 Jahre, 2 Monate“, als ginge es um eine Wette gegen die Zeit. Es ist wie ein Endspurt – 400 Gedichte in den letzten 5 (!) Lebensmonaten, rund 150 in den letzten 2. In „Zwischen den Zeilen“, datiert auf den 16. August 1996, entwirft Krolow eine kleine Poetik des Spätwerks: zwischen Phantasie und Wahrheit, Wahrheit und Irrtum, in der „anderen Zeit“, wo es „nie zu spät“ ist für „kurze Ewigkeit“.

Auch das Inselbuch mit einer Auswahl aus diesem Nachlass lag obenauf auf dem Schreibtisch von Irmgard Senf, dieses Gedicht angestrichen.

Karl Krolow 

(* 11. März 1915 in Hannover; † 21. Juni 1999 in Darmstadt

Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen ist nichts.
Die Flucht aus der Phantasie,
verächtlichen Gesichts,
weiss es und anders war's nie.

Aber in Wahrheit trumpft
eine andere Wahrheit auf
gegen alle Vernunft,
nimmt den Irrtum in Kauf.

Wer zwischen Zeilen gerät
lebt in der anderen Zeit.
In ihr ists nie zu spät
für kurze Ewigkeit.

16. VIII. 96

Aus: Karl Krolow: Die Handvoll Sand. Gedichte aus dem Nachlaß. Auswahl und Nachwort von Charitas Jenny-Ebeling. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2001 (Insel-Bücherei 1223), S. 9

Österreichisches Gedicht

Peter Handke

(* 6. Dezember 1942 in Griffen, Kärnten)

Österreichisches Gedicht

1 Im Gedicht kommen zwei sonst getrennte Dinge zusammen
Ein Gedicht ist eine Verkündigung

2 Jetzt!
Und das Morgenlicht im Holunderbusch

3 Der Akazienzweig in den Herbsthimmel gewirbelt
als Friedenszweig

4 Gestern im Zug der Roman »Plötzlich wie ein Fremder«
Heute auf dem Schneefeld ein fernes Sausen
das plötzlich auch in der Nähe war

5 Es ist manchmal schwer einen Schneemann anzuschauen
Aber dafür geht ein Kind mit kräftigen Schritten
eine Treppe hinauf

6 Am Vormittag in der Parfumwolke eines Landgendarmen
Am Nachmittag der Humor eines leuchtenden Kuhfladen

7 Das Pfeifen eines Zuges weit draußen in der Ebene
schließt am Abend das tagesoffene Innere

8 Die Sonne macht untergehend eine Bergkante sichtbar
und hinter den Lärchen erscheint der Mond:
Eins gibt das andre
und man freut sich

9 Eins gibt das andre
und man freut sich:
und die Freude gibt wieder ein andres

10 Das weiße Gesicht einer Meise
als Flocke in der Dämmerung

11 Zitronenfalter hier:
flatternd gelbes Büchlein
vom blauen Hemd dort

12 Hinter der Stadt Magnolia am Yukon in Alaska
rollte der Mond als Schaufelrad

13 Am Morgen noch sanftes Übersehen
der Hakenkreuze
Am Abend
der Augenblick der Philosophie

14 »Unter Gut verstehe ich hier jede Art von Freude
und ferner alles, was zur Freude hinführt«

15 »Unter Wirklichkeit und Vollkommenheit
verstehe ich ein und dasselbe«

16 Ich denke begeistert
doch ermangelnd der Liebe
und möchte ein Gedicht für dich schreiben

Aus: Poesiealbum 352. Peter Handke. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2020

Leute, es gibt schon bald 400 dieser Hefte, aber man kann auch jetzt jederzeit einsteigen und wird über die nächsten Jahre ein buntes Magazin der Weltlyrik bekommen. Wo gibts das sonst so günstig?

Mamy ist im Gedicht

253 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Tristan Tzara

(* 4. Apriljul. / 16. April 1896greg. in Moinești, Rumänien; † 24. Dezember 1963 in Paris)

MAMY, DU VERSTEHST DAS ALLES NICHT/
(Variante)

Mamy, du verstehst das alles nicht
Ich singe von der Seele, die nicht existiert
Deine Brüste brauchen keinen Blumentopf
Dein Herz ist ein Taschentuch

Und hat Stacheln – Himbeere mit Milchgeschmack
Durch die Bluse über reifen Pfirsichen

So komm schon, hab mich lieb
Meine Braut ist gestorben
Frag mich, wer das gewesen ist
Und dann sag mir ins Ohr, wann genau du gehst

Unbedingt will ich dir morgen
Bei einem Juden ein Paar Ohrringe besorgen
Wie ein Blumenbeet bist du mir in die
Seele geweht, wo lauter Eisendinge stehn

Mamy, du verstehst das alles nicht!
Aber in einem Gedicht zu sein ist schön

Aus dem Rumänischen von Oskar Pastior, aus: Tristan Tzara, Die frühen Gedichte. Übersetzt aus dem Rumänischen und herausgegeben von Oskar Pastior. München: text + kritik, 1984 (Frühe Texte der Moderne), S. 45 (Rumänischer Originaltitel: Mamie, n-o sǎ ințelegi (variantǎ), Erstdruck 1971)

Mamie, n-o să înțelegi 

Mamie, n-o să înțelegi
Eu cânt sufletul care nu există
Sânii tăi sunt flori fără ghiveci
Inima ta batistă

Și înțeapă zmeură cu gust de lapte
Bluza ce acoperă piersici coapte

Uite, mângâie-mă, leagănă-mă
Mi-a murit logodnica
Întreabă-mă cine era
Pe urmă spune-mi încet, precis când pleci

O să-ți cumpăr necondiționat cercei
De la un bijutier ovrei
Ai venit grădiniță de flori în
Sufletul meu, interior de fierărie

Mamie, n-o să înțelegi!
Dar e lucru frumos când ești într-o poezie

https://poetii-nostri.ro/tristan-tzara-mamie-n-o-sa-intelegi-poezie-id-35140/

Die unterschiedliche Schreibweise des rumänischen Titels entspricht den angegebenen Quellen.

Ist das der Blödsinn?

595 Wörter, 3 Minuten Lesezeit

Ich konnte in den beiden letzten Tagen den literarischen Nachlass von Irmgard Senf durchsehen, der Gartenarchitektin und Autorin aus Sassnitz, die im Mai im Alter von 90 Jahren gestorben ist (1.5.1935 – 30.5.2025). Bis zuletzt rege und neugierig, neuste Bücher verfolgend, sass sie an zwei literarischen Projekten, einem neuen Gedichtband und autobiografischer Prosa. Ein Schreibtisch im Arbeitszimmer und einer im Wohnzimmer, beide übervoll mit wohl Hunderten Manuskripten und Notizzetteln, Büchern, Zeitungsausschnitten. Auf dem einen Tisch in der Mitte aufgeschlagen das „Poesiealbum 17 – Friedrich Hölderlin“ (1969) mit dem Gedicht „Abendphantasie“.

Ich durfte ein paar Bücher aus ihrer hervorragenden Bibliothek mitnehmen, darunter das hier links neben Hölderlin liegende von Ezra Pound, ebenfalls 1969, aus dem ich das heutige Gedicht auswähle.

Ein bemerkenswertes Buch. Auf dem Einband steht:

Ezra Pound:
Der Revolution
ins Lesebuch.
«So wurde das
deutsche Hochschul-
und Universitäts-
wesen … vom Ziel der
Wahrheitsfindung…
abgelenkt und in
einen Mechanismus
verwandelt …“
Ezra Pound (1932)
Die Arche

(Das Pound-Zitat der Einbandseite geht so weiter: „… verwandelt, der dazu bestimmt war, das denkende Segment des Volkes von der Beschäftigung mit aktuellen Problemen abzuhalten.“)

Eins der Gedichte, die sie angekreuzt hat.

Ezra Pound 

(* 30. Oktober 1885 in Hailey, Blaine County, Idaho; † 1. November 1972 in Venedig)

IST DIES DER BLÖDSINN...?

Ihr wurdet gelobt, meine Werke
weil ich frisch vom Lande hereinkam;
Ich war zwanzig Jahre hinter der Zeit zurück,
so fandet ihr das Publikum bereit.
Ich verleugne euch nicht,
verleugne nicht eure Nachfahren.

Da stehen sie ohne putzigen Kunstgriff,
Da stehen sie und haben nichts Altertümliches.
Seht nur das öffentliche Befremden:

«Ist dies», sagt man, «der Blödsinn,
den wir von unsern Dichtern erwarten ?»
«Wo bleibt das Pittoreske?»
«Wo bleibt der Strudel der Gefühle ?»
«Nein! Sein erstes Werk war das Beste.»
«Der Ärmste hat seine Ideale verloren.»1

Anmerkung:

1] Niemand hat seine Kritik an den Mächten der Zeit klarer formuliert als Pound, den die Kritik als Esoteriker hinzustellen liebt. Die nun folgende Passage über die finanzielle Funktion der Fabrik ist ein klassisches Beispiel. (Originalanmerkung 1969)

Aus: Ezra Pound: Der Revolution ins Lesebuch. Deutsche Übersetzung und Dokumentation von Eva hesse. Zürich: Arche, 1969, S. 29.

Eva Hesse hat in diesem Band Ausschnitte aus den Gedichten und Cantos ausgewählt und mit aktualisierenden Überschriften versehen. Hier das vollständige Gedicht, aus dem obiger Ausschnitt stammt.

SALUTATION THE SECOND

You were praised, my books,
because I had just come from the country;
I was twenty years behind the time
so you found an audience ready.
I do not disown you,
do not you disown your progeny.

Here they stand without quaint devices,
Here they are with nothing archaic about them.
Observe the irritation in general:

“Is this,” they say, “the nonsense
that we expect of poets?”
“Where is the Picturesque?”
“Where is the vertigo of emotion?”
“No! his first work was the best.”
“Poor Dear! he has lost his illusions.”

Go, little naked and impudent songs,
Go with a light foot!
(Or with two light feet, if it please you!)
Go and dance shamelessly!“
Go with an impertinent frolic!

Greet the grave and the stodgy,
Salute them with your thumbs at your noses.

Here are your bells and confetti.
Go! rejuvenate things!
Rejuvenate even “The Spectator.”
Go! and make cat calls!
Dance and make people blush,
Dance the dance of the phallus
and tell anecdotes of Cybele!
Speak of the indecorous conduct of the Gods!
(Tell it to Mr. Strachey)

Ruffle the skirts of prudes,
speak of their knees and ankles.
But, above all, go to practical people—
go! jangle their door-bells!
Say that you do no work
and that you will live forever.

Aus: Ezra Pound: Personæ/ Masken. Gedichte. München: dtv, 1992, S. 122/124