Nacht=Klage

569 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

Ein Abschiedslied in Kriegszeiten, geschrieben von einer 16jährigen Poetin, als sich die feindlichen Heere erneut der Stadt nähern und jeder, der es sich leisten kann, seine Familie oder wenigstens Frauen und Kinder in Sicherheit bringt. Die meisten Freundinnen sind schon davon, in der Hektik der Aufbrüche erlaubte man ihr nicht mal mehr, sich von ihnen zu verabschieden. Die Dichterin geht nachts unter den Bäumen des geräumigen elterlichen Grundstücks, als wäre es noch die freie Natur ihres liebsten Landaufenthalts mit den Freunden, vorbei, dahin. Auch sie wird wenig später die Stadt per Schiff verlassen.

Das Gedicht besteht aus einer feierlichen traditionellen Einleitung mit den obligatorischen Metaphern von Phöbus, Luna, Morpheus & Co. in den umständlichen Alexandrinern im hohen Stil – es sind 14 Zeilen, vielleicht ein Sonett – , und erst dann fängt sie niedrig, recht auf Deutsch ein persönliches Klagelied an. Mars ist jetzt nicht mehr ein Versatzstück aus der antiken Mythologie, sondern kommt mit der Fratze der anrückenden Kriegsleute. Wird man die Freunde, Cloris, Galathee, je wiedersehn?

Die Dichterin heißt Sibylla Schwarz, es ist das Jahr 1637, die Stadt heißt Greifswald. Der Krieg wird noch 11 Jahre dauern, die Dichterin wird sein Ende nicht erleben.

Sibylla Schwarz

(1621-1638)

Nacht=Klage / über den überverhofften be=
troffenen Abscheid ihrer lieben Freunde.


DAs große Liecht der Welt entzeücht sich nun der Erden /
und eylet fort ins Meer / mit seinen müden Pferden ; ¶
man hängt die Fenster zu / weil Morpheus komt heran /
eß sehnt sich nach dem Schlaff / was Odem blasen kan ;
Man sieht der Sternen Heer mit ihrem Golde prangen ;
Auch Luna zeiget uns das Silber ihrer Wangen
die Schaffe gehn zu Stall / der Schäffer geht zur Ruh ;
eß regt sich niemand mehr / die Blumen tuhn sich zu ;
Die Welt ist schon zu Bett / umringt mit vielen Träumen /
Jch aber nur allein / ich geh hier bey den Bäumen /
da weit und breit herum / der Tau / das Kind der Nacht /
sampt meiner Zehren=qvell die Gräser feüchter macht.
Hier lass ich mein Gedicht / mein Traurgedicht erklingen /
und hebe niedrig an / auff Deutsch also zu singen.

MArs / O Mars / bistu der Mann /
dem das ganze diser Erden /
Jezt muß pflicht= und dienstbar werden /
der uns Seuffzen lehren kan?
Jch gedacht / ich wolt alhier /
bey den liebsten Freunden / bleiben /
und mit ihn’n die Zeit vertreiben /
wer gedachte da an dihr ?
Jn dem triffstu unsre Stadt /
daß der werten Freunde hauffen
mehrstes teils davon gelauffen /
O der zweymahl grimmen Taht !
Jch weiß nicht / wie mir geschehn /
Ey / wo sind doch meine Lieben ?
Wo ist der und der geblieben ?
Läst sich hier denn niemand sehn ?
Auff den Gassen ist Geschrey :
Cloris sizt schon auff dem Wagen /
Galathee lest mir sagen /
daß sie schon von hinnen sey. ¶
Hie läufft der / und hohlt den Paß /
Jener geht das Schiff zu frachten /
Seumsahl wil man ganz verachten /
hie hilfft keiner Augen naß.
Jch bin nicht mehr / die ich bin /
wündsch Euch andern Glük zum Reisen /
wolt euch selbst den Weg zwar weisen /
doch man lest mich nicht dahin.
O diß hat der Krieg gemacht !
Phebus steiget auff und nieder /
Galathe kombt schwerlich wieder /
gibt sie einmahl guhte Nacht.
Gerne schryb ich weiter fort /
doch die Faust wil mir erkalten /
und kan kaum die Feder halten /
guhte Nacht du liebster Ort.

Aus: Sibylla Schwarz, Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Band 1: Briefe, Sonette, Lyrische Stücke, Kirchenlieder, Ode, Epigramme und Kurzgedichte, Fretowdichtung. Mit den Worterklärungen für beide Bände. Herausgegeben von Michael Gratz. Reinecke & Voß, Leipzig 2021, S. 123ff

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