wirklich schön

165 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Mit repetitiver Logik, minimalen Verschiebungen und lakonischem Humor führt Jandl vor, wie ästhetische Urteile entstehen und wie schnell sie zu Vorlieben werden, die andere ausschließen. Am Ende steht kein ästhetisches Dogma, sondern ein ethischer Vorschlag: das Geltenlassen – der anderen wie auch der eigenen Position.  (Länger Mitlesende – wussten Sie schon, dass die Lyrikzeitung am 1. Januar genau ein Vierteljahrhundert alt wurde? – erinnern sich an Zeiten teils heftiger Debatten, manchmal weiterführend und manchmal steckenbleibend: dann ging es wahrscheinlich um „Realpoesie“ gegen den Rest, und ein poetisches Denken wie das von Jandl hier entwickelte fehlte sehr.

Ernst Jandl 

(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)

wirklich schön
für friederike mayröcker

einfachheit macht das komplizierte schön, who knows
kompliziertheit macht das einfache schön, who knows
einfach kompliziert sein ist vielleicht weniger schön
einfach einfach sein ist vielleicht auch nicht so schön

vielleicht verlangt das komplizierte
nach einer einfachen darstellung, um schön zu sein
so wie vielleicht das einfache, um schön zu sein
nach einer komplizierten darstellung verlangt

jedenfalls haben manche das einfache lieber
als das komplizierte
und andere das komplizierte
lieber als das einfache

wenn dann das einfache das komplizierte ist
haben die die das einfache lieber haben das komplizierte
lieber
und wenn das komplizierte das einfache ist
haben die die das komplizierte lieber haben das einfache
lieber

so haben vielleicht alle alles gern, aber keinesfalls
sollte einer den anderen wegen seiner vorliebe schelten,
sondern ihn gelten lassen
und sich selber auch, das allein
wäre dann erst wirklich schön.

Aus: Kristallisationen. Deutsche Gedichte der achtziger Jahre. Hrsg. Theo Elm. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 117f

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