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Robert Prutz
(* 30. Mai 1816 in Stettin; † 21. Juni 1872 ebenda)
Lügenmärchen
(1842) Fortsetzung von gestern
Und noch einmal den Berg hinan, Was sah ich da! Die Volksvertreter, Mann für Mann, Da ging's um Kopf und Kragen: Doch dachte kein Minister dran, Den Urlaub zu versagen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und immer höher ging's hinan, Was sah ich da! Sah Poesie und Wissenschaft Mit Lust die Schwingen breiten, Und die Zensur war abgeschafft In alle Ewigkeiten. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und weiter, weiter, frisch hinan, Was sah ich da! Ich sah die Weisen Hand in Hand, Wie sie der Lüge wehrten, Und wie für Recht und Vaterland Mitkämpften die Gelehrten. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und immer wieder ging's hinan, Was sah ich da! Im ganzen Lande keine Spur Von Muckern und von Frommen, Und niemand kann durch Beten nur Ins Ministerium kommen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Kein Pietismus Kein Servilismus? Unterdessen nimmt mich's wunder. Und nun zum letzten Mal hinan, Was sah ich da! Ein jeder durft auf eignem Bein Die ew'ge Wahrheit suchen, Kein Pfaffe durfte kreuz'ge! schrein Und von der Kanzel fluchen. Wunder über Wunder! Keine Barone Neben dem Throne? Glückliche Staaten Ohne Soldaten? Kein Paßvisieren Und Schikanieren? Ohne Spione, Denkt euch nur: ohne? Ganz ungenierte Volksdeputierte? Freie Autoren Ohne Zensoren? Die Philosophen Nicht hinterm Ofen? Sanfte Theologen – Das ist gelogen! Unterdessen nimmt mich's wunder.
(Wird fortgesetzt)
Aus: Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [ca. 1896], S. 845ff
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