L&Poe Journal #02

Frühjahr 2022

In dieser Ausgabe: UKRAINE: Wikyrtschak | Ames | Witte | NEUE TEXTE (Igel | Peters | Genschel | Becker | Struzyk | Endres | Hefter | Hoffmann) | ALTER TEXT | DOSSIER ANGELIKA JANZ 1: Delta | Fragmenttexte | Das Un | Sekunde | worte | BETRACHTUNG UND KRITIK: Skiba: Das Authentische lehne ich ab | Ames: Der arme Poet und sein Schatten | Reinecke: Über Haltung und Versgrammatik | TABU Wendetabu | Lesetabu 1: Spuren | Lesetabu 2: Ulysses | Editionstabu |

UKRAINE | УКРАЇНА

Iryna Wikyrtschak

  • Du bist eine Dichterin, sagen sie
ich schreibe dieses gedicht nichtmal
in der sprache der opfer
obwohl ich sollte
denn sie sind es, die antworten suchen,
und ich bin es nicht, die sie kennt.

Konstantin Ames

  • Komm doch
Putin, wehrhafter als dt. Lyrik, die Kiew jetzt tapfer hält.
Pootin, du und ich, wir wissen es, dass du nichts hast.
  • Türlicht
Mariupol Mariupol sein lassen
Mund auf weit weiter : fehlt :
Wehrstachel wird sich einfinden

Georg Witte

  • Gastkommentar: Das ZWAR- und ABER-Spiel
ZWAR ist die Ukraine eine Nation, ABER keine richtige.
ZWAR ist die Ukraine europäisch, ABER nicht richtig.
ZWAR sind wir für territoriale Integrität, ABER die Krim ist doch eigentlich russisch.
ZWAR sind wir für Sanktionen, ABER wir schaden uns selbst.

NEUE TEXTE

Jayne-Ann Igel

  • Kerben
diese busfahrt mit mutter nach w., nächtliche fahrt mit lichtern, trügt mich 
die erinnerung oder hat sie im kurhaus übernachtet und mich tags darauf 
in einem bett hinterlassen, an dessen fußende
  • Fernersucht
das meer ist dort, wo immer du suchst, im überschreiten alter küstenverläufe, 
hier in der niemandslandbucht, steigst über kalk, der irgendeinmal muschelmund, 
  • Von schatten verlorene straßen alleen
Sind wir steinsmomente, die früchte uns eingetrieben, nur rum und 
rumgefahren um die langen bärte der vorfahren
  • Scherenschnitt
hier lief kein film, man traf sich stets zur selben stunde, mittags wie 
in der frühe, das hatte etwas von trotz, in der stablosen zelle –

Silke Peters

  • Frauentag
Frauentag. Schreiben verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder 
verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer.

Mara Genschel

  • Ich weiß nicht
Ich weiß nicht.
Nachts schriebinne ich sie alle an.
Erst nachts stand, wie lieb ins Regal gestellt:
(ich/nichts Gebrauchte Kartons.)
Ich les nichts, Simone, und

Kerstin Becker

  • Flaum
der Brustkorb hob und senkte sich fiebrig schnell als
wär der Leibhaftige hinter ihr her, die Sonde quer
übers Gesicht
  • Minne
siehst du die Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an
  • Übung in Blindheit und Taubheit
fort hier kein Wort wir
suchen so lang schon
im Daumenlutschen Trost

Brigitte Struzyk

  • Cursdorf
Die Müllabfuhr heißt hier Ernst
Sie fährt vor den Wolken den Berg hoch
An den Wiesen vorbei
Vorbei an dem Duft von
Pestwurz und Augentrost
Ehrenpreis und Dost
  • Ach, altes Ach
Und geschwärzt hat sich schon
Alles Weiße im Wind
Kerzengrade wird Nacht
In den Schnee geweht
  • Schanzengraben
Wo sich die Wiesenseiten senkten
Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen
Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen
Und in den Weiden Kletternester
  • Steinbacher Stunden
Das große Fleisch wankt auf mich zu
Und wirft den Springinsfeld so hoch,
dass er die Schweine pfeifen hört
  • Für Anna Achmatowa
Es legen sich die vordiktierten Zeilen
Aufs reine Weiß.
bis alles schwebt-
  • Für H.
Kommt! Ins Offene!
Auf den Balkon!
Oder ans Fenster!
Legt Hand auf Hand!
Lasst sie gewaschen sein!
Klatscht in die Hände!
  • Friedliche Revolution
Und am  Neunten, am Abend,
kam von drei Worten ein Wind auf.
Die Blätter fielen, der Baum stand stramm,
ja, am Abend stürzte er um.

Martina Hefter

  • 2019
Die Karl-Heine-Straße ist eine breite, quirlige Straße.
Ich mach bei einem Kuchenbasar mit, Flohmarkt
im Westwerk. 
Ich kann das Sternbild Pegasus vom Sternbild Großer Wagen unterscheiden. 
Ich bin eine Roboter
man hat mich mit den Daten eines Sterns programmirt

Odile Endres

  • ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. 
über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien
  • Fu-ku-shi-ma
fu-ku-shi-ma, poetryvideo von odile endres
  • Dichterinhaus
  • Aus der Sibylla-Serie
gleichgültig gegen den grauen greifswalder   
Himmel liebtest du die stadt & die fretowschen felder
Wälder das paradies in dem diana ritt zur jagd dort wo    
Amor seine pfeile schoss in deine glasreinen reime

Anna Hoffmann

  • Der Ophelia Club
an aller augen nagt hunger 
die potemkinsche jungfrau erscheint 
nicht pünktlich zum abendbrot 

DOSSIER: ANGELIKA JANZ (1)

Delta

Sie will sich beobachtet fühlen. Sie bewegt sich gerne im Schnittpunkt der 
drei Fenster ihres Raumes. Sie spielt, als wolle sie etwas verbergen. 
Sie möchte Gegenstand einer Empörung werden, die die Bewohner 
aller gegenüberliegenden Häuser erfasst.

Fragmenttexte

Mit Verlaaaaubb
wirkmächtig heftig
Lügen die Menschen weil

Das Un

Unterwegs suchten wir
– erfüllt von der Lust zu überschreiben – 
andere Begleiter der Sprachbeherrschung

Sekunde

und während ich dies aufschreibe, läuft die graue Katze leise über die 
Tasten und verwirrt mein Geschriebenes, zärtlich und vorsichtig

Prosa, Haut

Wie du dichtest bist
du um den Stein gewunden wie
mir graut.

worte

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ALTER TEXT

nn

BETRACHTUNG UND KRITIK

Dirk Skiba

„AUTHENTISCH LEHNE ICH AB!“
Dirk Skiba über seine Dichterporträts – Konstantin Ames sprach mit dem Fotografen am 19.07.2021

Konstantin Ames

Schreiben kann man angeblich auch nicht lernen, und doch gibt es 
Literaturinstitute im deutschsprachigen Raum. Und vielgelesene 
Alumni.  Und niemand weiß besser, was ein Verriss für Schreibende bedeutet, als 

Bertram Reinecke

Der Autor schreibt: „Der Fortsetzungsessay „Über Haltung und Versgrammatik“ erläutert anhand von Aspekten der Grammatik und Syntax mein generatives Textverständnis. Ihm liegt die Beobachtung zugrunde, dass der deutliche Ausweis des Materialcharakters meiner Montagen stets aufs Neue LeserInnen verunsichert und von einer engagierten Lektüre abhält. Während die ersten Kapitel anhand von Streitfällen in der Bewertung von Interpretationen und Übersetzungslösungen zeigt, wie man Verständnis über Texte gewinnt, indem man sich fragt, wie wurde der erzielte Eindruck aus dem Arrangement des Materials gewonnen, rücken die hinteren Teile immer stärker die Frage ins Zentrum, wie ich aus den von mir verwendeten Materialien Texte erarbeite.“

Die Fortsetzungen erfolgen im Abstand von 3 Tagen in Einzelbeiträgen, die nach Abschluss in einem Beitrag zusammengefasst werden. Bisher erschienen

  1. Über Haltung und Versgrammatik

TABU

Wendetabu

Der Rumäne. Wenn man monatelang „Nieder mit dem Kommunismus“ gerufen hat, wundert man sich hier. Will nun ins Ausland gehen, weil es mit diesem Volk keinen Zweck hat.

Lesetabu 1: Spuren

Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte 
(Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Monatsraten, Tuerei, Geld).

Lesetabu 2: Ulysses

Der Roman ist, was mir beim Lesen passiert. Je mehr Abschweifen, umso mehr 
passiert. Nicht mehr wissen, sondern mehr erleben. Das ist der Plan.

Editionstabu

Sibylla Schwarz-vorfassung 29-09-15.docx
ausgeschieden aus arbeitsfassung.docx
schwarz1 2.pdf
recovered new.pdf
neuste-28-01.docx
neuste-28-01 Kopie.docx
neuste-28-01 Kopie 2.docx
neuste-28-01 Kopie 3.docx

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