Lieber Puschkin

R., B., D., A. – Ihr wißt, ihr seid nicht gemeint. Gemeint sind T., Ch., B., M., N., F., O., P., G., M., M. und all die andern und alle, die sich angesprochen fühlen.

Liebster Alexander Sergejewitsch,

ich weiß schon. Ein Dutzend mal haben sies mir um die Ohren gehauen in diesen letzten Jahren. Ihre Landsleute und meine. Meine immer in der Form, wie sie die heutige Weltbibliothek hergibt, ohne Angabe von Quellen. (Ihre oft in der gleichen Form; denn sie, viele, leben heute in meiner Heimat, ihre Puschkinausgabe konnten sie nicht mitnehmen, wenn sie eine hatten. Aber sie verteidigen ihr Rußland gegen die Fremden, die auch ihre Freunde und Nachbarn sind. Und folgen den gleichen Algorithmen, benutzen die gleiche Maschinenbibliothek wie die eingebornen Deutschen.)

Es steht heute so, daß keiner mehr wissen will, ob das stimmt, woher es stammt, wer es übersetzt hat und was es mal bedeutet hat. Sie geben einfach die Worte „Heimat, Fremder“ in ihre Suchmaschine ein und die Maschine spuckt aus, zuverlässig immer in der gleichen Form:

Ja, ich verachte meine Heimat, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wenn es ein Fremder tut.

Alexander Sergejewitsch Puschkin
(1799 – 1837), russischer Dichter, Erzähler, Dramatiker und Romanautor

Damit ist „Alles klar“, wie sie gern sagen. Sie „teilen“ es und „liken“ es, wie sie auch sagen. Bücher brauchen sie gar nicht mehr, die Maschine liefert immer gerade soviel, wie sie brauchen, um im Netz zu „punkten“.
Sie nehmen es mir nicht übel, AlexanderSergejewitsch, wenn ich ihnen ein Stück aus Ihrem Brief an Wjasemskij entgegenhalte. Für Sie ist es lange her und sie – sie lesen es sowieso nicht, es schlägt nicht an ihr Ohr, es ändert so und so nichts, da seien Sie nur ruhig.

27. Mai 1826

Im Umgang mit Ausländern haben wir weder Stolz noch Scham – wenn Engländer da sind, foppen wir Wassili Lwowitsch; vor Madame de Staël nötigen wir Miloradowitsch, sich mit Mazurka hervorzutun. Der russische Herr ruft: Junge! unterhalte Hektor (den dänischen Rüden). Wir lachen und übersetzen die herrschaftlichen Worte für den neugierigen Reisenden. All dies kommt in sein Journal und wird in Europa gedruckt – es ist ekelhaft. Natürlich verachte ich mein Vaterland von ganzem Herzen – aber es fuchst mich, wenn ein Ausländer mein Gefühl teilt.

А. С. Пушкин. Собрание сочинений в 10 томах. Том девятый. Письма 1815–1830. Государственное издательство ХУДОЖЕСТВЕННОЙ ЛИТЕРАТУРЫ, Москва 1962,  232/233

Ja, Sie erinnern sich. Und, liebster Freund, Ihre Russen haben es beherzigt! Sie beeilen sich nicht mehr, dem Fremden zu gefallen. Sie spucken auf ihn, sie schmähen ihn, sie tanzen nicht für ihn sondern auf ihm wenn er am Boden liegt. Ach! ich habe es gesehen. Sie verachten die Fremden, die Anderen, die Schwulen, die Dunkelhäutigen, die Flüchtlinge, die Europäer (sie sagen Gayropäer), die Schwächlinge, die Faschisten (das sind nicht nur meine Landsleute, sondern deine, ihre, wenn sie sich ihnen nicht unterordnen). Du bist tot, dich verehren sie, verleihen dir Orden, bauen Denkmäler. Aber wehe, du kämst heute nach Petersburg mit deinem Teint, deinen Locken. Die Patrioten würden dich beschimpfen und bespucken. Die Vornehmen unter ihnen schlagen und spucken nicht selbst, sie lassen es nur zu. Wenige treten ihnen entgegen, die leben gefährlich, ach! Ihr Chauvinismus, ihr Schwulen-, ihr Judenhaß, ihr Stolz, ihr Wegsehen, ihr Militarismus widern mich an. Und deshalb, lieber Alexander Sergejewitsch, muß ich Dir heute widersprechen. Nein, Alexander Sergejewitsch, das stimmt nicht. Vielleicht hat es nie gestimmt, heute ist es obsolet. Ich glaube, die Antwort, die Du gibst, paßt auch nicht zu Dir. Auch Du würdest mich zu recht für durchgeknallt halten, wenn nicht Schlimmeres, wenn ich einem Franzosen, Polen, Amerikaner, Russen, Syrer oder Israeli, der Pegida oder die deutsche Politik kritisiert, so antworten würde wie Du es hier vorschlugst. Nein, das geht überhaupt nicht. Man muß auch nicht in Hitlers Deutschland geblieben sein, um den Faschismus zu kritisieren, wie nach 1945 viele sagten. Man kann auch Bayer und Rheinländer sein und die DDR kritisieren. Warum soll ich nicht kritisch über Putins Politik oder die Haltungen mancher Russen oder was auch immer schreiben? Du kannst mir widersprechen, aber sag mir bitte nicht, ich soll nichts Schlechtes über Rußland sagen, weil es irgendjemandem nicht gefällt. Es reicht, daß manche meiner russischen Freunde und Nichtfreunde seit 2 Jahren zu mir sagen, das kannst du nicht verstehen, weil du keine russische (wahlweise eine flache) Seele hast / weil du BILD liest / Nazi bist etc. … Alles das und noch vielmehr ist oft passiert. Deshalb bin ich da empfindlich und widerspreche. Und zitiere einen meiner Landsleute: „ich kenne / Nicht mein und dein vor diesen verletzlichen Ländern / Die kleineren Kriege, die beschreiblichen / Waren. Mich schert / Diese lockere Erde jeglicher Landschaft (…) Und seis nur eine / Quadratmeile See unterm Raketenschiff: / Oder der Batzen Rhön, fern neben meiner Schulter / Das ist mein Land, das seh ich“ (Volker Braun: Wir und nicht sie. Gedichte. Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1970, S. 25). Sie sind neue Aristokraten, ich bin dein alter Freund M.

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