29. Zwangsjacken­elegien

Alan Kaufman ist einer eingeweihten Leserschaft bekannt als Mitherausgeber der »Outlaw Bible of American Poetry«, einer starken Anthologie, die von den Beats bis zur jüngeren Spoken-Word-Bewegung die geballte Kraft nordamerikanischer Renegaten- und Außenseiterdichtung präsentiert. In einem kleinen, aber feinen Tiroler Verlag, der Edition BAES, ist unlängst eine ebenso starke Sammlung eigener, ins Deutsche übertragener Gedichte des in den 50er Jahren in der Bronx aufgewachsenen und seit längerem in San Francisco lebenden Poeten jüdisch-französisch-amerikanischer Herkunft erschienen, der sich seinerzeit in der Szene des Nuyorican Poets Cafe und später in den Kreisen des Cafe Babar einen Namen gemacht hat.

Das Amerika der »Zwangsjacken­elegien« ist eine seinen Bewohnern abhanden gekommene Whitmansche Verheißung, ein Niemandsland, über dessen stillgelegte Stahlwerke und verslumte Innenstädte, Crackhöhlen und Gefängnishöfe, über dessen gestohlene Farmen die Reichen, »die mit ihren Kreditkarten, Häusern und Jobs, Freunden und Telefonkarten«, wie Götter in Jets fliegen, während unter ihnen die freundlosen Armen, die traurigen Flüchtlinge und mutlosen Verlorenen als echte Reisende im Bauch von mattsilbernen Greyhound-Kisten lange, einsame Straßen hin zu unbekannten Zielen durchmessen.

Das Land ist am Arsch, aber der egalitäre Dichter ist sich nicht zu schade, selbst in den unglückseligen Bus zu steigen, um darin den Kontinent der Verzweiflung, »das private amerikanische Inferno« zu durchqueren und damit bis »zur Unschuld« zu fahren, denn

»die Zeit ist reif, die Verfassung/ zu schreiben/ mit unserer Dichtung und unserem Fleisch.

Die Zeit ist reif,/ sich für die Freiheit zu kostümieren/ und mit Wörtern, stahlbestückten Peitschen gleich,/ in die Seele Amerikas zu reisen/ und dort zu wüten und zu singen,/ bis jedes hungernde Kind/ genug zu essen hat.«

Kaufmans visionäre Stimme kommt nicht leise daher und pastoral, sondern brüllend und voller Zorn. Sie ist ein »Schrei von unten«; er soll »die Dämme und Deiche faschistischer Feigheit« übersteigen und niederreißen, womöglich aufgehen im kollektiven GEHEUL einer ganzen Batterie von Dichtern weltweit, das uns hoffentlich in ein neues, wahrhaft demokratisches Zeitalter begleiten und zu einer Gesellschaft führen wird, die den »schmutzigen Fleischhaufen«, die heute noch auf den Gehsteigen krepieren, die ausgestreckte Hand reicht und worin gesunde Ernährung, medizinische Versorgung, neu besohlte Schuhe und Wintermäntel »von kosmischem Nutzen« sind und vor allem: eine Selbstverständlichkeit. / Egon Günther, junge Welt

Alan Kaufman: Zwangsjackenelegien. Ins Deutsche übertragen von Jürgen Schneider. Edition BAES, Zirl 2013, 94 Seiten, 12 Euro

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