55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch

Im Poetenladen zeichnet Theo Breuer die Geschichte der neueren deutschen Lyrik u.a. anhand des ersten und des bislang letzten Gedichts in den nun 28 Folgen des Jahrbuchs der Lyrik:

Die rasante Entwicklung der Lyrik im deutschen Sprachraum, die gegen Ende der 1980er Jahre gleichsam mit quietschenden Reifen durchstartet, zu neuen Ufern – ins Offene – aufbricht (Kling, Grünbein, Papenfuß, Waterhouse preschen voran) läßt sich beim Vergleich der 28 Jahrbücher auf fabelhafte Art und Weise ablesen. Das erste Gedicht in der Geschichte des Jahrbuchs der Lyrik – Jahrbuch der Lyrik 1 · 1979 – ist von Hajo Antpöhler:

ENDE MÄRZ,
flach die Gegend,
schön so,
auf ner Wiese
steht noch ne
Kabelrolle.

Das Gedicht zitiere ich immer mal bei Telefonaten mit Schreibkollegen. Die Reaktion ist stets die gleiche: Am anderen Ende wartet der Gesprächspartner darauf, daß ich fortfahre, und ich sehe mich gezwungen, jedesmal zu versichern: Nein, hier fehlt nichts. Das vorläufig letzte Gedicht – aus dem Jahrbuch der Lyrik 2011 – klingt so:

Geschäftsbericht

Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten in den
Onlineschlagzeilen, die wie immer
schon wussten, wie damals bei der Erfindung des Gleitschirms.
Der Paarmensch von heute erwähnt im Schlafzimmer
nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
lebende Organismen oft noch ein Stück danach. Sind

die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, rührselig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,

wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.

Andreas Münzner

Außerdem in einem Alphabet, das Eichelhäher · Exemplarisch, fragiles fragment, Lyrikleselust, Neugier und Quälgeister einschließt sowie in diversen Texten und nützlichen Listen, darunter auch diese ziemlich be-denkliche*:

Michael Arenz · Rose Ausländer · Hans Bender · Wolf Biermann · Beat Brechbühl · Werner Bucher · Joseph Buhl · Erika Burkart · Hanns Cibulka · Zehra Çirak · Klaus Peter Dencker · Hilde Domin · Hans Eichhorn · Erwin Einzinger · Peter Engstler · Peter Ettl · Jan Faktor · Jörg Fauser · Günter Grass · Helmut Heißenbüttel · Dieter Hoffmann · Sabine Imhof · Peter Jokostra · Heinz Kahlau · Reiner Kunze · Richard Leising · Christoph Leisten · Peter Maiwald · Dieter P. Meier-Lenz · Frank Milautzcki · Heiner Müller · Peter Horst Neumann · Andreas Noga · René Oberholzer · José F. A. Oliver · Johannes Poethen · Reinhard Priessnitz · Christa Reinig · Francisca Ricinski · Doris Runge · Robert Schindel · Gerd Sonntag · Peter Turrini · Günter Ullmann · Olaf Velte · Jürgen Völkert-Marten · A. J. Weigoni · Wolf Wondratschek · Peter-Paul Zahl · Maximilian Zander gehör(t)en zu den in der Lyrikwelt behei­mateten Lyrikerinnen und Lyrikern, von denen (bislang) kein Gedicht im Jahrbuch der Lyrik publiziert wurde.

Fürwahr eine interessante Liste. Sehr unterschiedliche Verfasser, die man nicht in zwei sondern drei vier viele Parteien einordnen mag. Es würde kaum schwer fallen, aus diesen zusammengenommen ein lesenswertes „Jahrbuch“ zusammenzustellen, das kaum weniger repräsentativ sein müßte als nur eins.

*) be-denklich ist ja nicht synonym zu bedenkentragend. („Bedenklichen Inhalt melden“ heißt es überall in den Kommunikatonsdiensten des Internets, eine Menschheit von Denunzianten).

Adelungs Wörterbuch unterscheidet:

Bedenklich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im Bedenken, d. i. Nachdenken begriffen. Dieser einzige Umstand macht mich unruhig, macht mich bedenklich, Weiße. Man kann nicht zu bedenken wegen eines Standes seyn, der das Glück oder Unglück unsers Lebens bestimmen soll. Noch häufiger aber, 2) was Bedenken, Nachdenken oder Überlegung erfordert. Eine bedenkliche Sache. Ingleichen verdächtig, gefährlich. Dieser Antrag kömmt mir sehr bedenklich vor.

Das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ von Klappenbach / Steinitz hat sogar 3 Bedeutungen:

    1. zweifelhaft, nicht ganz einwandfrei
    2. besorgniserregend
    3. zweifelnd, voll Sorge, Vorbehalt

Das ist vielleicht alles noch zu einseitig-negativ: seit wann ist Zweifel etwas Negatives? Ich zweifle an der Weisheit der Regierung (sie sollte froh sein, ist sie aber nicht). Ich stelle den Antrag, eine vierte, positive Bedeutung anzuerkennen: be-denklich, wert, bedacht zu werden. Bedenken 1) über etw. nachdenken, etw. überlegen; 2. jmdn. mit etw. beschenken. Liebe Leute, beschenkt die Liste, bedenkt das Jahrbuch: es hat es verdient!

(Wer den Link nicht bis zu Ende gelesen hat, sei versichert, daß die Formulierung über die „Bedenklichkeit“ der Liste nicht Breuers, sondern meine ist. Breuer erklärt vielmehr verschiedene Ursachen des Fehlens. Ich benutze seine Liste zum Selber-Bedenken!)

10 Comments on “55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch

  1. MEINE „rache“ wäre dann KLEINER 😦 nicht weil es so wenige politische dichter gibt, sondern weil es überhaupt keine politische dichtung geben kann. dichtung ist per se genauso unpolitisch wie eine doktorarbeit: sie verstaubt einfach nur, bis jemand anders damit geld verdient, indem er den dichter politisiert & atomisiert…
    übrigens hat doch die menge der kommentare einfluss auf das ranking der ticker im toprückklick, oder nicht? DAS ist mein support für theos ticker 🙂

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  2. ich glaube, theo könnte recht haben, es war VIELLEICHT anders! (allerdings frage ich mich dann, WELCHER meiner geladenen dichterkollegen damals das finanzdebakel mit heiner zu spüren bekam???) er war zwar beleidigt wegen irgendwas, aber mein gedächtnis ist tatsächlich so dumpf seit der krankheit, daß ich wohl alles in einen pott durcheinander würfel. tut mir leid. entweder möge mein belair-komentar gelöscht werden oder theo möge sich trauen, zu verraten, was damals wirklich geschah. UNWAHR ist jedenfalls, daß wir KEIN zerwürfnis hatten, das lässt sich nicht schönreden. auf meinen gästebuch-eintrag auf seiner homepage vor mehreren jahren hat er leider nie reagiert, ich wollte das kriegsbeil schon lange begraben… die wilden 90er waren eher wund als wild… warum wird eigentlich die kommentarfeld-funktion immer wieder dogmatisiert? soll ich vielleicht auch noch die rechtsschreibung beachten?

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  3. mit verlaub, hier ist eins der beiden gedichte, die ich für das jahrbuch eingereicht hatte, jetzt nachzulesen, frisch publiziert im internet, wo es keine lektoren gibt 🙂 Theo, erbarme dich meiner, und lass mich nicht unerwähnt, nur weil du die gage damals nicht bekamst, die nicht ich sondern der veranstalter HEINER MOERS versprach! das off-lyrik-spektakel ist doch längst verjährt (es war einmal im jahre 1995) und der BelAir-visionär heiner inzwischen genauso TOT wie die kölner off-literatur (denn off-lyrik stand für existenzielle performance-lyrik: subversiver tiefenpop, kein massenkompatibler comedy-slam)! ich war genauso gearscht von ihm wie du – und hab ja auch meine konsequenz daraus gezogen, nämlich die gesamte lese-reihe abgeblasen, weil mir das wiederholungsrisiko zu groß schien…

    „MEIN JAHR IN DER NIEMANDSLYRIK“
    (Tom de Toys, 21.4.+2.6.+24.6.2010)
    = http://poemie.jimdo.com/neuropoesie/pdf-das-gro%C3%9Fe-staunen/

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    • In der Tat, lieber Tom, ist die Liste der im Jahrbuch nicht berücksichtigten Autoren mit Sicherheit viel länger, und wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, wär ich natürlich nicht auf genau die gleiche Liste wie Theo gekommen, denn wovon sollte man ausgehen? Es gibt vermutlich eine vierstellige Zahl von in diesen 28 Jahren publizierenden Autoren. Man kann solche Sachen ja nur mit einem Schuß Humor angemessen behandeln. Ein polnischer Aphorismus fällt mir ein: „Die polnischen Autoren lesen mich nicht, und ich lese sie nicht. Meine Rache ist auf jeden Fall quantitativ größer.“ ;o)

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  4. Es ist schwach, mal eben locker vom Hocker Zweifel in eine naßforsche Frage zu kleiden. Stark ist hingegen der lange, spielerisch strukturierte Blick in die Geschichte des „Jahrbuchs der Lyrik“. Die aussagekräftigen Auszüge aus Essays beispielsweise bringen wahrscheinlich für den, der nicht so sehr mit dieser Reihe vertraut, durchaus Erkenntnisgewinn. Und auch die vielen Namen sind aufschlußreich. Mir fehlen etliche frühe Ausgaben des Jahrbuchs. Da war es für mich interessant zu sehen, daß mehrere der dort veröffentlichten Autoren inzwischen von der lyrischen Landkarte verschwunden sind. Auch ein Erkenntnisgewinn, wenn man so will.

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