54. „Wenn wir zweifelnde Menschen erziehen könnten“

Von Sonnenaufgängen, Nebel, Frost und Schnee, von Feuerrändern und Fragestellungen, von klaren Nächten und „immerwährendem Heimweh“ ist in den Gedichten des Gustav Januš, des im deutschen Sprachraum meistübersetzten und meistgelesenen Lyrikers slowenischer Sprache, die Rede.

Als ich zum ersten Mal Verse von ihm in dem von Handke übersetzten Band „Gedichte“ der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ las, war ich überrascht. Zum einen enthielt das Buch fast satirische, auf eine Pointe hin geschriebene Gedichte. Zum anderen aber von Zweifeln und Fragen über das Sein geleitete, von den stillen Regungen der Seele durchwobene Texte, die dem, was Handke in seiner Petrarca-Preisrede auf Januš formulierte, viel näher kamen: dem „Absichtslosen; Willen-Losen“.

Gustav Januš als einen Naturlyriker zu begreifen, hieße ihn falsch zu verstehen. Die Natur ist im Kosmos dieses Dichters ja eigentlich Sprache geworden, eine Sprache, die es ermöglicht, Innenbilder aufleuchten zu lassen und Erkenntisse über ihn und die Welt zu präzisieren. Der Schriftsteller Arnold Stadler befand, alle „Aussagesätze und Verse“ im Werk Gustav Januš`seien „Existenzbeweise“ und zitiert als Beispiel den Satz „Die Zugvögel sind wieder da.“ Stadler: „Eine Art cogito, ergo sum – Die Zugvögel sind da. Also bin ich auch da.“ …

„Kalkberge, Hügel, Täler, Steine; ihre Strukturen, Spuren, Zeichen, Farben“, so hat Gustav Januš eimal gesagt, seien die Elemente, aus denen er seine Bilder im Gleichgewicht von Vitalität und Ruhe zu entwickeln versuche. Es ist  spannend zu sehen, wie Bilder und Gedichte bei ihm aufeinander antworten, obgleich beides auch für sich stehen kann und muß. In Bildern und Gedichten, so Januš, suche er „nach Zuständen oder Orten, die vorher nicht da waren.“

Alltägliches und Transzendentes und ein wacher Sinn für die uns umgebende Natur gehören bei diesem Dichter zusammen: „Mein Ideal ist der zweifelnde Mensch“, sagt der ehemalige Volksschullehrer. „Wenn wir zweifelnde Menschen erziehen könnten – das wäre eine große Aufgabe.“

/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten  9.6.

Gustav Januš ist am 15. Juni, 20 Uhr, in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden in der Sächsischen Akademie der Künste zu Gast. In Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste.


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: